{"id":31,"date":"2020-02-02T16:19:39","date_gmt":"2020-02-02T15:19:39","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/minhasp\/?p=31"},"modified":"2020-02-26T12:29:04","modified_gmt":"2020-02-26T11:29:04","slug":"confessions-of-a-brazilian-callgirl-brasilianisches-feuilleton-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/minhasp\/2020\/02\/02\/confessions-of-a-brazilian-callgirl-brasilianisches-feuilleton-1\/","title":{"rendered":"Confessions  of a Brazilian Callgirl &#8211; Brasilianisches Feuilleton #1"},"content":{"rendered":"<p>(von Dezember 2019)<\/p>\n<p>Whoa.<\/p>\n<p style=\"font-family: 'Open Sans', sans-serif;font-size: 14px;font-style: normal;font-weight: 400\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-33 alignright\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/minhasp\/files\/2020\/02\/bruna-surfistinha-300x441.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"441\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/minhasp\/files\/2020\/02\/bruna-surfistinha.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/minhasp\/files\/2020\/02\/bruna-surfistinha-1x1.jpg 1w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Ich habe gerade einen richtig, richtig krassen Film gesehen &#8211; auf Netflix, ich geb&#8217;s zu, der erste Film, den ich \u00fcber meinen eigenen Netflix-Account geguckt habe (der nur existiert, um Filme \u00fcber Brasilien und \u00fcber&#8217;s Boxen zu gucken). <em>Confessions of a Brazilian Callgirl<\/em> (2011) mit Deborah Secco in der Hauptrolle, Regie von Marcus Baldini, ist die Verfilmung einer Autobiographie von Raquel Pacheco, <em>Das s\u00fc\u00dfe Gift des Skorpions<\/em>. So weit die Fakten. Ich als blutige Netflix-Anf\u00e4ngerin gab &#8222;Brasil&#8220; in der Suchleiste ein, fand diesen Film, hielt ihn f\u00fcr eine lustige, turbulente Sitcom und erinnerte mich vage an etwas Oberfl\u00e4chliches, Witziges namens &#8222;The Secret Diary of a Callgirl&#8220;, das ich vor Jahren mit meiner besten Freundin auf der Couch gesehen hatte.<\/p>\n<p>&#8230;Tja, weit gefehlt. Ich hatte den Film vor ein paar Wochen angefangen und war dann mit meiner Mitbewohnerin in einem T\u00fcrkisch f\u00fcr Anf\u00e4nger-Sumpf versunken, und nat\u00fcrlich fiel es mir gerade an dem Abend ein, ihn zuende zu sehen, als ich vereinsamt, anxious und mit Rotwein in der Bude allein zuhause war und eh schon schlechte Laune hatte.<\/p>\n<p>\u00dcber fast zwei Stunden folgen wir Bruna\/Raquel, einem Schulm\u00e4dchen aus einer Adoptivfamilie, bei ihrem Weg vom b\u00fcrgerlichen Stadtleben \u00fcber ein abgeranztes Bordell in S\u00e3o Paulo, ein Edel-Eskort-Apartment, den Rausch nationaler Ber\u00fchmtheit, den Stra\u00dfenstrich, \u00fcble Spelunken und einen Aufenthalt im Krankenhaus bis zu dem Punkt der Geschichte, an dem sie anf\u00e4ngt, sie selber zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Der Film hat von Anfang an eine bedr\u00fcckende Note, Raquel ist zwar der Mittelpunkt des Geschehens, wirkt aber die meiste Zeit, als ginge sie ihr eigenes Leben gar nichts an. Adoptiert in eine Familie mit mehr oder weniger normalen Eltern und einem fiesen Bruder f\u00fchrt Raquel einen sehr normalen Schulalltag, bis ein Klassenkamerad findet, dass &#8222;Hausaufgaben zusammen machen&#8220; und &#8222;Raquel zum Blowjob zwingen&#8220; zwei so unterschiedliche Dinge doch gar nicht sein m\u00fcssen. Raquel beschlie\u00dft kurz darauf, den ganzen Mist hinter sich zu lassen und in S\u00e3o Paulo neu anzufangen.<\/p>\n<p>Nach den ersten zehn Minuten freute ich mich auf den Rest des Films, latschte an zankenden Junkies vorbei zum Kiosk, um mir ein B\u00f6rek zu holen, und dr\u00fcckte guter Dinge wieder auf Play.<br \/>\nRaquel f\u00fchrt ein &#8222;Einstellungs&#8220;gespr\u00e4ch mit ihrer Zuh\u00e4lterin in spe, ignoriert geflissentlich die anderen M\u00e4dchen, die in derselben Wohnung schlafen und f\u00fcr dieselbe Frau arbeiten, und macht irgendwie ihr Ding.<\/p>\n<p>Nach f\u00fcnfundzwanzig Minuten dachte ich zum ersten Mal: Hui, das ist aber ganz sch\u00f6n intensiv, ich hoffe, es ekaliert nicht noch mehr.<br \/>\nRaquel hei\u00dft inwischen Bruna, lernt auf die harte Tour, was es hei\u00dft, als Prostituierte zu arbeiten (<strong>TRIGGER WARNING<\/strong>: it might as well be a rape scene), ihr wird ihr ganzes Geld geklaut, aller Anfang ist schwer.<\/p>\n<p>Nach einer halben Stunde hatte ich mich wieder entspannt, der Film nahm einen positiven Farbton an, Hoffnung lag in der Luft und ein blasses Gl\u00fcck.<br \/>\nBruna hat sich inzwischen mit ihren Kolleginnen angefreundet, macht jede Menge Kohle und Unsinn, stylt sich die Haare anders, geht tanzen und berichtet lakonisch von den unterschiedlichen Penisformen ihrer Kunden und dem merkw\u00fcrdigen Moment, als einer von ihnen nur M\u00f6bel mit ihr zusammen verr\u00fccken wollte. Ihr allererster Freier &#8211; der auch ihr erstes Mal war &#8211; kommt regelm\u00e4\u00dfig zum Quatschen und Rauchen vorbei, und einmal hat sie sogar wirklich guten Sex und denkt kurz, sie sei verliebt (und auch als Zuschauerin lauert man nur darauf, dass dieser Typ zur\u00fcckkommt).<br \/>\nSie k\u00fcndigt zusammen mit einer Freundin im Bordell und startet einen Blog \u00fcber ihr Leben als Callgirl, der &#8211; ganz &#8222;Brazilian Dream&#8220; &#8211; absolut durch die Decke geht und ihr ein neues, v\u00f6llig anderes Leben erm\u00f6glicht. Aber dann&#8230; <em>shit goes down.<\/em><\/p>\n<p>Etwa zur H\u00e4lfte des Films, die Handlung erreichte ihren absurden H\u00f6hepunkt wie in einem experimentellen Theaterst\u00fcck, wo alle nackt sind und auf der B\u00fchne eine Gurke vergewaltigt wird (ich erinnerte mich mit Schaudern an &#8222;Mother!&#8220; mit Jennifer Lawrence, den letzten miesen Trip dieser Art, der mir heute noch nachh\u00e4ngt), hatte ich mir mittlerweile den Arsch abgefroren und sa\u00df bibbernd mit dem R\u00fccken an der Heizung auf dem Boden hinter meinem Bett.<br \/>\nBruna hat v\u00f6llig die Kontrolle \u00fcber sich und ihr Leben verloren, st\u00f6\u00dft die Menschen weg, die gut zu ihr sind, und l\u00e4sst sich immer mehr auf Drogen und die falschen Leute ein, driftet ins Vulg\u00e4re ab und wird immer einsamer, geht immer kaputter. Derweil werden ihre Outfits und ihre Bude immer pomp\u00f6ser und die Zahl ihrer Kunden immer h\u00f6her, w\u00e4hrend die Zahl ihrer Bewunderer rapide abzunehmen beginnt. Sogar der Mann, mit dem sie guten Sex hatte, kommt sie besuchen, findet sie alleine und depressiv Bier trinkend am Pool vor und nuschelt irgendwas von &#8222;So hab ich mir das aber nicht vorgestellt&#8220;, um dann den Schwanz ein- und wieder abzuziehen. In einer Talkshow, wo der Moderator\u00a0 versucht, Fragen \u00fcber ihr ruhmreiches Leben zu stellen, schaut sie in die Kamera und verweist mit dem Satz &#8222;Falls ihr mich ficken wollt&#8230;&#8220; auf ihre Website. Irgendwann sehen wir Bruna zum allerersten Mal auf dem Stra\u00dfenstrich stehen. Cut.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten zwanzig Minuten dachte ich alle paar Szenen, dass es das doch jetzt bitte gewesen sein muss und dass es auf gar keinen Fall noch drastischer, elender, grausamer und <em>more graphic<\/em> werden kann. (Es kann.)<br \/>\nDer durch den Schnitt als solcher erkennbare &#8222;zweite&#8220; Teil des Films beginnt mit einer langsamen Kamerafahrt durch eine verrauchte Kaschemme, in der Billard gespielt wird und sehr viele Leute aus scheinbar unerfindlichen Gr\u00fcnden in einem Flur stehen. Die Kamera f\u00e4hrt an jedem Einzelnen von ihnen entlang, allen, wie sie da aufgereiht herumlungern, gro\u00dfe, kleine, dicke, d\u00fcnne, vornehmlich h\u00e4ssliche M\u00e4nner. Wait. Alles M\u00e4nner. Einen von ihnen h\u00f6rt man &#8222;im Vorbeigehen&#8220; murmeln, dass die Kleine ja wohl echt hei\u00df sein m\u00fcsse. Pl\u00f6tzlich realisiere ich, dass diese Kerle alle nicht nur <em>rum<\/em>stehen, sondern <em>anstehen<\/em>. Ein sehr, sehr b\u00f6ser Verdacht beschleicht mich und ich denke: Oh Nein. Oh Nein. Die T\u00fcr am Ende des Gangs geht auf und heraus kommt Bruna, in T-Shirt und Slip, die lacht, eine anz\u00fcgliche Bewegung macht und ruft: &#8222;Na, welcher S\u00fc\u00dfe ist als N\u00e4chster dran?&#8220; Mir wird schlecht.<\/p>\n<p>Dann kam der Teil, wo ich mich endg\u00fcltig fragte, was ich mir hier eigentlich antue und warum ich mir so was geben muss &#8211; als ersten cinematografischen Eindruck der Stadt, in der ich f\u00fcr f\u00fcnf Monate leben werde. Das w\u00e4re so, als w\u00fcrde ich nach Hamburg kommen und mir als Erstes den <em>Goldenen Handschuh<\/em> von Fatih Akin reinziehen.<br \/>\nDie n\u00e4chsten f\u00fcnf Minuten (<strong>TRIGGER WARNING<\/strong>) sieht man, man kann es nicht anders sagen und es wird auch im Film so genannt, Bruna beim Geficktwerden und Koksen zu, und das ist nicht nur nicht sch\u00f6n, das ist absolut nichts, was ich mir ohne Vorwarnung alleine an einem entspannten Abend angucken w\u00fcrde. Das Grausamste an dieser nicht enden wollenden Szene ist der obligatorische Zwischenschnitt, der in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden kommt und Bruna zeigt, wie sie die T\u00fcr aufrei\u00dft und mit immer rauerer Stimme, mit immer leereren Augen &#8222;Pr\u00f3ximo!&#8220; raunzt. Am Ende kommt der Notarzt.<\/p>\n<p>Bruna landet im Krankenhaus, wo sie &#8211; ein wenig \u00fcberraschender plot twist, k\u00f6nnte man meinen &#8211; ihr hartn\u00e4ckiger erster Kunde und inzwischen so-was-wie-ein-Freund Huldson abholt. Er nimmt sie im Auto mit, sie hat eine Jeans und einen Pullover an, gek\u00e4mmte Haare, ein m\u00fcdes Gesicht, macht aber den Eindruck, als h\u00e4tte sie das Gr\u00f6bste \u00fcberstanden, Ruhe gefunden und mit der Heilung begonnen. Huldson bietet Bruna ein sicheres und sch\u00f6nes Leben an. Er liebt sie, so, wie sie ist. Sie kann zu ihm ziehen, sie kann neu anfangen. Bruna wird wieder zu Raquel.<br \/>\nUnd jetzt kommt der \u00fcberraschende Teil, der Grund, warum ich den Film trotz seiner Grausamkeit letztendlich sehr genossen habe und lohnend fand: Raquel erkl\u00e4rt Huldson, dass er ihr dieses Angebot nicht machen w\u00fcrde, w\u00fcrde er verstehen, worum es ihr geht. Es ging ihr immer darum, unabh\u00e4ngig zu sein. Mit dem, was sie in S\u00e3o Paulo in gro\u00dfem Stil gemacht hat &#8211; &#8222;Ficken!&#8220; &#8211; war sie unabh\u00e4ngig, auch wenn sie daf\u00fcr einen sehr hohen Preis gezahlt hat. Cut. Man versteht Raquel, fragt sich aber gleichzeitig ein bisschen, wie man so bl\u00f6d sein kann.<\/p>\n<p>Dann kommt der Epilog. Raquel ist ein letztes Mal Bruna, aber sie bleibt sich dabei treu. Sie spricht dar\u00fcber, wie sie sich selbst verloren hat, welche Fehler sie gemacht hat, was sie daraus gelernt hat. Sie sagt aber auch, dass es Raquel ohne Bruna nicht geben w\u00fcrde und umgekehrt, dass Bruna immer ein Teil von ihr bleiben wird.<br \/>\nSie sagt au\u00dferdem den sehr simplen und sehr, sehr starken Satz: &#8222;Ich bin stolz auf mich.&#8220; (An der Stelle hatte ich G\u00e4nsehaut.)<br \/>\nSie erkl\u00e4rt mit fester, ruhiger Stimme aus dem Off, dass sie Huldsons Angebot annehmen wird, dass sie sich aber erst noch ein finanzielles Polster aufbauen will, um unabh\u00e4ngig zu bleiben. Dass sie deswegen noch sechs Monate anschaffen wird, also 800 Termine. Man sieht sie in einer sch\u00f6nen Wohnung, in einem sch\u00f6nen Kleid, gesund, entspannt, ihre Augen l\u00e4cheln. Es klingelt. Sie geht zur T\u00fcr, die Kamera h\u00e4lt auf Brunas Gesicht. &#8222;Komm rein&#8220;, sagt sie.<\/p>\n<p>Was ich an diesem Film bemerkenswert fand, war erstens die Tatsache, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Das hat vor allem in den Momenten eine starke Wirkung, in denen man mit den Augen rollen und &#8222;Come on, das ist jetzt aber wirklich ein bisschen abgedreht!&#8220; rufen m\u00f6chte (und es gab derer einige).<br \/>\nZweitens die Hauptdarstellerin. Eine solche Wandlungsf\u00e4higkeit, ohne dass man das als Zuschauerin direkt bemerkt, habe ich selten gesehen. Deborah Secco leidet, liebt, k\u00e4mpft, stirbt und steht wieder auf, so \u00fcberzeugend, dass man nicht versteht, warum diese Frau nicht weltber\u00fchmt ist.<br \/>\nUnd drittens die feinen plot twists, der feministische Unterton, der immer st\u00e4rker wird, das vermeintliche Paradox zwischen dem Inhalt der Geschichte und der Tatsache, dass die Protagonistin sich selbst dazu entschieden hat, sie genau so zu erz\u00e4hlen. Hier gibt es keinen <em>male gaze,<\/em> sondern nur den unbarmherzigen und doch liebevollen Blick Raquels auf sich selbst. Kein Prinz, der zur Rettung eilt, keine Freunde, die nach einigen Szenen mit trauriger Musik doch wieder zur\u00fcckkommen, keine moralischen Zeigefinger. Nur Raquel\/Bruna und den Weg, den sie geht &#8211; stolz und unabh\u00e4ngig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(von Dezember 2019) Whoa. Ich habe gerade einen richtig, richtig krassen Film gesehen &#8211; auf Netflix, ich geb&#8217;s zu, der erste Film, den ich \u00fcber meinen eigenen Netflix-Account geguckt habe (der nur existiert, um Filme \u00fcber Brasilien und \u00fcber&#8217;s Boxen zu gucken). 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