Kulturschock Rumänien

Hier bin ich also. Am Hamburger Flughafen. Es ist ungefähr 5 Uhr morgens und es ist viel zu früh um überhaupt einen geordneten Gedanken zu fassen. Zumal es in meinem Kopf eh schon drunter und drüber geht. Ich bin 18 Jahre alt, habe grade mein Abitur gemacht und jetzt soll ich auf einmal erwachsen sein? Natürlich bereitet man sich mental schon mal auf den Abschied vor, allerdings war das nie so richtig real. Alles immer nur Vorstellung. Aber jetzt auf einmal stehe ich hier, sehe meine Familie das letzte mal für eine Weile und ich kann es immer noch nicht so ganz glauben.

„Rumänien also.“ – das war die oftmals sehr begeistert klingende Antwort, die ich bekam, wenn ich von meinem zukünftigen  Freiwilligendienst erzählt habe. „Rumänien also.“ Genau das ging mir durch den Kopf als ich durch die Sicherheitsschleuse ging und sich meine Familie in Richtung Ausgang begab. Durch die Sicherheitsschleuse, in den Flieger, zwei Mal umsteigen, insgesamt 8 Stunden unterwegs, vielleicht wäre es doch schlauer gewesen, direkt nach Bukarest zu fliegen… Egal, ich bin angekommen, das zählt.

Schon beim Landen wurde mir klar, dass die Dinge von nun an ein wenig anders laufen werden, als ich es aus Deutschland gewohnt war. Der Flughafen in Constanta ist nämlich kein normaler Flughafen, sondern eigentlich eine Militärbasis, die zwei Mal am Tag als Zivilflugplatz zweckentfremdet wird. Kaum stehe ich auf der Treppe des Flugzeugs donnern schon wieder die Kampfjets los. Skurriler geht es nicht. Zwei bewaffnete Soldaten begleiteten uns zum Bus, der uns zehn Meter über das Vorfeld zum Terminal fuhr. In welcher Weise das effizient ist, weiß ich auch nicht. Hätte man mir zu dem Zeitpunkt gesagt, dass das erst der Anfang von einem sehr, sehr skurrilen Tag war, ich versichere dir, ich hätte dir einen Vogel gezeigt.

Also gut, das mit der Militärbasis war ja schon krass genug, dachte ich mir. Ich hievte meine zwei tonnenschweren Koffer vom Band und machte mich auf in mein neues Heimatland – nur um von einer unglaublichen Hitze und einer riesigen Menge an Verwirrung erschlagen zu werden. Eine Sache sollte ich vielleicht erwähnen. Der Flughafen von Constanta liegt etwa 30 Kilometer außerhalb der Stadt in einem kleinen Dorf. Von dort aus hat man entweder die Option mit dem Taxi oder dem Bus in die Stadt zu fahren. Vom Taxi wurde mir mehrfach im Vorfeld abgeraten. „Die Taxifahrer ziehen dich nur ab, nimm am besten den Bus“, hieß es von meinem Lehrer an der Einsatzstelle. Gut, der Bus also. Ich, als guter deutscher Bürger stiefelte nun los, um eine Bushaltestelle zu finden. Nur um nach zirka 20 Minuten erfolgloser Suche wurde ich langsam verzweifelt. Irgendwo muss doch ein gottverdammtes Wartehäuschen mit einem großen Schild BUSHALTESTELLE sein. „Egal“, dachte ich mir, „die Polizistin dort wird wohl wissen, wo eine ist.“ Wusste sie auch. Nur leider konnte sie kein Englisch und ich kein Rumänisch. Also war ich genau da, wo ich vor 20 Minuten war, nur deutlich verschwitzter, genervter und verzweifelter. Ich verabschiedete mich mental schon mal von den 400 Lei, die ich mir aus Deutschland mitgenommen hatte, da das Taxi auf einmal doch eine sehr attraktive Option wurde. Die einzige wohlbemerkt.

Ich schaute noch ein letztes Mal in die Abflughalle, doch dort war niemand mehr, alles war schon wieder auf Militäralltag umgebaut. Doch dann, als ich schon sämtliche Hoffnung aufgeben wollte kam meine Rettung. Ein runtergerockter Mercedes Sprinter hielt vor dem Terminal. Niemand stieg aus, aber es saßen Leute drinnen. Vielleicht ist das ja der besagte Bus? Von dem Linienbus den ich mir vorgestellt hatte, war dieses Ding meilenweit entfernt. Aber auf dem fleckigen Pappschild hinter der Windschutzscheibe stand tatsächlich „Constanta“. Endlich.

Im Bus war natürlich auch nichts wie in man es von zu Hause kannte. Von neben dem Busfahrer saßen zwei junge Frauen, die sich, laut meiner Beobachtung zumindest, die Fahrt erflirteten. Der Bus war natürlich auch voll besetzt, mit minimalem Platz im Gang. Kein Wunder, dass wenn man einen Sprinter mit Flugzeugsitzen füllt, sodass statt 8 plötzlich 20 Mann in das Ding passen.  Aber gut, halb so schlimm – meine Taschen stapeln sich im Gang, der gesamte Bus guckt mich an, als wäre ich ein wirklich exotisches Tier aus dem Zoo, aber das war in dem Moment egal, ich fuhr endlich in die Richtung meines neuen Zuhauses.

Nur bis dreißig Sekunden später meine Hoffnungen zerstört wurden. Der Fahrer gab mir einen Zettel, auf dem zehn verschiedene Beträge standen. Ich muss so verwirrt geguckt haben, dass mein Sitznachbar mir prompt seine Hilfe anbot. Es stellte sich heraus, dass der zu oberst stehende Betrag der Ticketpreis war. 8 Lei. Ich gab dem Fahrer 50 Lei, weil es der kleinste Schein war, den ich hatte. Die Rache war schrecklich. Ich bekam nur Fünfer und Einer wieder. All das machte er während der Fahrt, während er mit den Mädels flirtete und während wir an einem Unfall vorbeifuhren. Ein Taxi war gegen einen Strommast gefahren. Gut, dass ich den Bus genommen habe, nicht nur aus finanzieller Hinsicht.

So fuhren wir also über das Land, vorbei an Pferdefuhrwerken, beschaulichen Bauernhöfen, zu aufs Schwarze Meer. Irgendwann wurde aus dem ländlichen immer mehr etwas urbanes. Zum Glück, endlich aus diesem bullenheißen Abenteuerbus raus, dachte ich mir. Doch die fahrt war noch längst nicht vorbei. Vorort schloss sich an Vorort an. Viele der Häuser sind super heruntergekommen und teilweise verlassen. „Toll“, denke ich mir. „Das wird nun meine neue Heimat?“ Ich war wirklich ein wenig enttäuscht, dennoch, ich freute mich auf die Zeit die vor mir liegt.

Der Bus rumpelte weiter durch die Vororte von Constanta. Irgendwie sah hier alles gleich aus. Grau in grau, Beton, so weit das Auge reicht. Doch dann, endlich, mir kam es vor, als wäre ich vor drei Tagen gelandet, kamen wir an einem Ortsschild vorbei. „Constanta“. Endlich angekommen, dachte ich. Aber wieder lag ich daneben. Der Verkehr in der Stadt war die Hölle. Alles fährt im Schritttempo, es gibt nicht eine Sekunde, in der nicht gehupt wird und der Fakt, dass die Spurmarkierung seit wahrscheinlich 30 Jahren nicht erneuert wurde half auch nicht gerade. Nach 5 weiteren Fast-Unfällen hielten wir an. Alle stiegen aus. Irgendwo in Constanta. Die Sonne brannte nur so vom Himmel und nun stand ich da. Auf einem riesigen Busbahnhof mit meinen zwei Koffern. Zahlreiche Taxifahrer wurden schnell auf mich aufmerksam und kamen auf mich zu. Ich fühlte mich wie in so einem Lucky Luke Comic, wo sie in der Wüste landen und die Geier sie umschwärmen. Genau so kam ich mir vor.

Tomis 3, so hieß der Stadtteil in dem ich abgesetzt wurde. Schön ist echt was anderes. Überall Platte und Beton, die Häuser waren super bunt, allerdings nur, weil sie seit Jahren nicht gestrichen wurden und die Farbe der letzten Jahrzehnte zum Vorschein kam. Die Leute hier wären Neidisch auf die Architektur von Berlin Marzahn. Und so stand ich da, schwitzend, von Taxifahrern umgeben in der schlechten Kopie von Marzahn. Und ich hatte keine Ahnung, wo ich war.

„Beschissener kann ja auch nicht los gehen“, dachte ich mir. Irgendwie musste ich jetzt zur Tomis-Mall kommen, das war der Treffpunkt, wo ich mich mit meinem Vermieter treffen sollte. Nach 10 Minuten erfolgloser Google-Maps Recherche, gab ich auf. Ich fragte einen der Taxifahrer: „Tomis-Mall?“ – „Douazeci Lei“, antwortete dieser. Er erkannte anscheinend, dass ich nichts verstanden hatte, da ich ihn wie ein Auto anguckte. Er holte zwei Zehner raus. „Ah, zwanzig Lei“. Im Taxi war es auch eine Sauna. Der Taxifahrer versuchte die ganze Zeit irgendwie ein Gespräch mit mir zu starten. Mit Händen und Füßen versuchte ich ihm zu erklären, dass ich aus Deutschland bin. Sehr zur Freude des Fahrers. „Ahhhhhhh Germania!“ rief er. „Heinrich, Franz, Friedrich?“, fragte er. Als ich ihm dann sagte, dass ich Max heiße, schien er etwas enttäuscht zu sein.

Als wir dann an der Tomis-Mall angekommen sind gab ich ihm dreißig Lei. Umgerechnet 2 Euro Trinkgeld fand ich fair. Der Taxifahrer schaute mich erneut an, als ob ich verrückt wäre. Wahrscheinlich zum 500. Mal auf dieser Fahrt. Solche Trinkgeldbeträge schienen wohl nicht so üblich zu sein. Im Gegenzug gab er mir eine Flasche Wasser und einen Apfel und dann fuhr er davon. Leicht verwirrt, dafür mit einem Wasser und einem Apfel, stand ich nun da. „Gut, wo ist jetzt Costin?“, fragte ich mich. Also rief ich ihn an. Nichts. Erst nach dem dritten Anruf ging er ran. „Ja ich bin noch auf der Arbeit, kannst du dich mal für ne halbe Stunde bei McDonalds reinpflanzen?“, meinte er.

Klar, halbe Stunde, kein Problem. Also schleppte ich meine beiden Koffer in den überfülltesten McDonalds aller Zeiten. Zum Glück war es hier endlich kühl. Ich bestellte mir einen Burger. 7 Lei musste ich bezahlen. Das sind etwa 1.50€. Ganz schön günstig. Aus der halben Stunde wurde eine Stunde, aus einer Stunde wurden anderthalb. Wenn ich die Zeit in komischen Blicken, die einem zugeworfen werden gerechnet hätte, wäre ich auch locker auf 90 gekommen.

Zwei Stunden später. Endlich klingelte mein Handy. Gott sei dank , endlich ist er da. Aber wieder  falsch. „Ich fahre jetzt auf der Arbeit los, aber das dauert bestimmt noch 30 Minuten bis ich da bin.“, erklärte Costin. Keine Entschuldigung für die Verspätung oder so. Ich hatte aber mittlerweile nicht mehr die Energie, mich darüber aufzuregen.

Eine Stunde später tippte mir jemand auf den Rücken. COSTIN!!! -Nein. Ein Kind wollte Geld von mir haben. Dank der schrecklichen Rache des Busfahrers vorhin hatte ich ganz viele ein Leu-Scheine. Ich gab dem Kind einen. Wieder guckten mich alle an, als sei ich verrückt. Das Mädchen neben mir hörte sogar für eine Sekunde auf zu vapen, um mir einen komischen Blick zuzuwerfen. Nächstes Fettnäpfchen, wieder mit vollem Anlauf reingelaufen. Toll. Wann kommt denn endlich Costin?!

Kaum fünf Minuten später, ein super gelaunter Costin spaziert in den Macces. „Hey Max! Ich hoffe du wartest nicht zu lange“, begrüßte er mich. Zuerst dachte ich, er meinte das ironisch, war wohl aber sein Ernst. Seine Wohnung war nur zwei Minuten vom Macces entfernt. Er brachte mich in mein neues Zimmer. Eine Lampe mit gebrochenem Lampenschirm, ein von der Katze komplett zerstörter Sessel, ein Bett und ein Schrank, die wahrscheinlich dreifach so alt waren wie ich. „Klasse.“ Noch vor nicht einmal einem Tag war ich in meinem schönen, vertrauten Zimmer in Deutschland und jetzt DAS?! Meine Eltern sahen mir beim FaceTime-Anruf wohl an, dass mich das alles ziemlich mitgenommen hatte. „Du machst das schon alles!“, munterte mich mein Vater auf. „Na klar“, sagte ich, ich bin ja jetzt erwachsen.“ Das war gelogen. Ich wollte wieder nach Hause.

Nachdem ich alles ausgepackt hatte und ich ein wenig auf die Realität klargekommen war ging ich mit Costin Pizza essen. Er bezahlte, als Entschuldigung für die Verspätung.

 

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