{"id":4,"date":"2011-03-19T10:19:20","date_gmt":"2011-03-19T09:19:20","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/matthiaskannkeinlettisch\/?p=4"},"modified":"2011-03-25T09:49:04","modified_gmt":"2011-03-25T08:49:04","slug":"in-lettland-spricht-man-lettisch-oder-halt-auch-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/matthiaskannkeinlettisch\/2011\/03\/19\/in-lettland-spricht-man-lettisch-oder-halt-auch-nicht\/","title":{"rendered":"In Lettland spricht man lettisch oder halt auch nicht."},"content":{"rendered":"<p>Nach jetzt \u00fcber zwei Wochen komme ich wohl auch nicht mehr herum einen Blogeintrag zu schreiben. (Man muss ja auch mit seinen Mitbewohnern und vor allen Dingen mit seiner Mitbewohnerin mithalten.)<\/p>\n<p>Was sind meine Eindr\u00fccke nach jetzt tats\u00e4chlich 16 Tagen Riga? Tja das ist nicht so einfach. Mein pers\u00f6nliches Leben hier \u00e4hnelt meinem Leben in Deutschland schon sehr. Ich lebe mit anderen Deutschen zusammen, ich spreche in der WG und auf der Arbeit nur Deutsch und ich zahle \u00e4hnliche Preise f\u00fcr \u00e4hnliche Sachen.<\/p>\n<p>Also was ist anders? Welches sind die ganz besonderen Eindr\u00fccke, die Riga von einer anderen deutschen Gro\u00dfstadt unterscheiden? Es sind viele Kleinigkeiten. Zum einen hat Riga tats\u00e4chlich eine Altstadt. Ich wei\u00df, das ist f\u00fcr Leute, die aus anderen deutschen St\u00e4dten kommen jetzt ein v\u00f6llig dummer Fakt aber f\u00fcr jemanden, der in Kiel studiert hat, ist das was besonderes. Zum anderen sind es die Einwohner. Allein die Vorstellung, dass der Anteil der russischsprachigen Bev\u00f6lkerung ca. 40 % ausmacht, ist schon komisch. Jetzt sagen nat\u00fcrlich einige: \u201eV\u00f6llig normal! Hat ja mal dazu geh\u00f6rt!!\u201c Aber trotzdem ist es irgendwie verr\u00fcckt, denn nur mal angenommen der Anteil einer anderssprachigen Minderheit w\u00e4re in einer deutschen Stadt so hoch. Das hei\u00dft au\u00dferdem nicht, dass die russischsprachige Bev\u00f6lkerung kein Lettisch spricht. Der Hauptteil kann es und hat es auch in der Schule gelernt. Der Unterschied zu einer deutschen Gro\u00dfstadt ist gerade in diesen Tagen an zwei Beispielen zu merken:<\/p>\n<ol>\n<li>Frauentag:      in Deutschland ein v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigter Tag. So \u00e4hnlich war es auch      innerhalb der lettischen Bev\u00f6lkerung. Sicher wurden auch Blumen verschenkt      aber daf\u00fcr braucht man in Lettland eigentlich keinen besonderen Anlass. Blumen      kann man hier immer verschenken (in der Innenstadt von Riga gibt es einen      Blumenmarkt, der 24 h am Tag und das ganze Jahr ge\u00f6ffnet hat). Seit 2009      ist ein russischst\u00e4mmiger Lette B\u00fcrgermeister der Stadt und seit dem wird      dieser Tag doch etwas mehr ins Rampenlicht ger\u00fcckt. In Russland ist der 8.      M\u00e4rz n\u00e4mlich arbeitsfreier Feiertag. In Lettland nicht. Es wurden im      Vorfeld dieses Feiertages in der gesamten Innenstadt Rigas gro\u00dfe Plakate      aufgeh\u00e4ngt, die an den 8. M\u00e4rz erinnern sollten. Die Wirkung hat es nicht      verfehlt. Ich habe in meinem ganzen bisherigen Leben noch nie so viele      Frauen mit Blumen in der einen und ihren Partner in der anderen oder      M\u00e4nner mit Blumen gesehen, die sich auf den Weg irgendwohin gemacht haben.      Freunde der Blumenindustrie vergesst den Valentinstag!!! Nat\u00fcrlich hat      mich die Werbung nicht verfehlt und nach einem eleganten Hinweis habe ich      auch Blumen gekauft und sie den Damen aus meinem B\u00fcro geschenkt, denn      arbeiten musste man in Lettland trotzdem.<\/li>\n<li>Legion\u00e4rstag:      f\u00fcr alle Unwissenden unter euch: der Legion\u00e4rstag ist ein Gedenktag in      Lettland und es wird den gefallenen Soldaten einer lettischen Waffen-SS      Division gedacht, die sich am 16. M\u00e4rz 1944 erfolgreich gegen ein Angriff      gegen die Rote Armee zu wehr gesetzt haben. Das geschieht, indem einige      Letten am Freiheitsdenkmal Blumen niederlegen. Der Aufwand f\u00fcr dieses Gedenken      ist sehr gro\u00df, denn wie ihr euch sicher denken k\u00f6nnt, findet dieser Tag      nicht gerade Anh\u00e4nger in der russischen Bev\u00f6lkerung (die feiern ihr eher das\u00a0 Inkrafttreten der bedingungslose      Kapitulation Deutschlands am 9. Mai). Deshalb musste das Freiheitsdenkmal      auch weitr\u00e4umig abgesperrt werden. Zu Zwischenf\u00e4llen ist es aber nicht      gekommen. Das soll nicht hei\u00dfen, dass die Letten alle Nazis waren bzw.      dass die M\u00e4nner, die in dieser Division alle Nazis waren. Viele haben sich      nicht freiwillig gek\u00e4mpft oder hatten nicht das gro\u00dfdeutsche Reich im      Sinn, sondern vielmehr ein von der Sowjetunion und vom Hitlerdeutschland      unabh\u00e4ngiges Lettland. Lettische Soldaten gab es au\u00dferdem auf beiden      Seiten.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Generell hat die russischsprachige Bev\u00f6lkerung seit der B\u00fcrger<strong>meister<\/strong>wahl (Die Betonung ist jetzt extra f\u00fcr Tim) ein ganz anderes Selbstbewusstsein bekommen, zumindest wurde mir das so berichtet. Das war auch zu merken bei der Bildungsmesse skola 2011 in Riga. Oft kamen Menschen an den Stand, die darauf bestanden haben, russisch beraten zu werden, die aber als sie gemerkt haben, dass die Standbetreuung nicht genug russisch beherrscht, in nahezu perfektes Lettisch wechseln konnten. Bevor jetzt aber der Eindruck entsteht, Lettland stehe kurz vor einem B\u00fcrgerkrieg oder einer Teilung muss ich sagen, dass die Menschen hier einfach ganz normal zusammen leben. Darauf angesprochen, antworten mir die meisten: \u201eNaja, machen wir ja auch schon seit Jahrzehnten ohne gro\u00dfe Probleme so.\u201c<\/p>\n<p>Ach ja weil wir gerade bei Sprachen waren. Haltet euch fest! In Lettland spricht man eine andere Sprache!!! Ich wei\u00df, Schock f\u00fcr alle aber es ist so! Kein Witz! Und jetzt kommt ja der Spruch: \u201eNa komm! Englisch funktioniert doch \u00fcberall! Auch in Lettland!\u201c Japp, das ist wohl auch so aber Engl\u00e4nder oder Briten allgemein sind nicht gerade beliebt in Riga. Das liegt daran, dass einige von ihnen, die Billigfluglinien dazu nutzen, zum Partymachen nach Riga zu fliegen und sich unter Alkoholeinfluss sehr grenzwertige Mutproben auszudenken wie z.B. ans Freiheitsdenkmal zu urinieren. Das finden die Letten verst\u00e4ndlicherweise nicht so toll und reagieren deshalb manchmal etwas allergisch auf Englisch. Aber auch nicht so, dass man Angst haben m\u00fcsste, Englisch zu sprechen. Der Gesichtsausdruck einiger Einwohner ver\u00e4ndert sich nur etwas.<\/p>\n<p>Ich muss aber sagen, die Letten sind mir von Grund auf sympathisch. Ich meine, ich bin in Norddeutschland gro\u00df geworden und bin zum Studieren nach Kiel gegangen. Da hat man schon als Quasselstrippe gegolten, wenn man statt \u201eMoin!\u201c \u201eMoin, Moin!\u201c gesagt hat. Hier kann das aber noch \u00fcbertroffen werden, so zumindest mein Eindruck. Ich habe sehr selten so ruhige Busfahrten erlebt wie hier. Also man hat irgendwie das Gef\u00fchl, dass man die anderen auch st\u00f6rt, wenn man sich unterh\u00e4lt, egal, ob die etwas verstehen oder nicht. Busfahren generell ist in Riga auch eine Sache der Ellenbogen: hier wird nicht gefragt, ob man vorbei kann oder es wird sich entschuldigt; nein, hier wird gegangen! Das ist aber auch ok. Nach zwei Tagen macht man es genauso. Aber bevor jetzt ein falscher Eindruck entsteht, wenn man die Menschen n\u00e4her kennenlernt, sind sie unglaublich nett und hilfsbereit. Da wird man angel\u00e4chelt und sie freuen sich einen zu sehen. Also alles Coconut-People\u2026 Was soll ich sagen, ich mag die Menschen hier einfach, es macht Spa\u00df hier zu leben, zu arbeiten und auch die Sprache zu lernen, auch wenn das noch dauern kann.<\/p>\n<p>Also Freunde, wenn das hier auch nur irgendjemand liest: Visu labu!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach jetzt \u00fcber zwei Wochen komme ich wohl auch nicht mehr herum einen Blogeintrag zu schreiben. (Man muss ja auch mit seinen Mitbewohnern und vor allen Dingen mit seiner Mitbewohnerin mithalten.) 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