Erste Ausflüge und mein bisher spannendster Tag der deutschen Einheit

Hallo liebe Leser,
seit meinem letzten Blogeintrag sind mittlerweile etwas mehr als zwei Wochen vergangen, in denen unglaublich viel passiert ist.

Am Montag, den 24. 09. 2018, war es endlich soweit und ich hatte meinen ersten Schultag an der Jugendlandschule in Talagante.

Wie das Bild zeigt, wurde ich extrem herzlich an der Schule empfangen und als ich morgens da war, führte mich der Schuladministrator Carlos erst einmal durch die ganze Schule (bei der Größe dauerte die Führung auch nur knappe 5 Minuten). Um acht Uhr stand dann direkt der erste Unterricht an und ich begleitete meine Ansprechpartnerin Kerstin in die zweite Klasse, wo es gerade um deutsche Wahrzeichen ging. Die Schüler waren zunächst noch sehr schüchtern, fingen dann aber an, mir zu erklären, was sie auf ihren Bildern malten. Mitte der zweiten Stunde versammelten sich dann alle anwesenden Schüler und Lehrer im Domito und ich wurde als neuer Freiwilliger vorgestellt. Die Schulleiterin Bernardita hat mich sehr nett willkommen geheißen und übergab mir das Mikrofon, damit ich selbst noch ein paar Sätze sagen konnte. Ein wenig überfordert direkt vor den Schülern spontan etwas sagen zu müssen, erzählte ich nur kurz etwas darüber, wo ich herkomme und verblieb dann damit, dass ich mich einfach auf die Zusammenarbeit in dem Jahr freue. Da ich mich später sowieso noch einmal mit einer kleinen Präsentation vor allen Klassen und vor den Lehrern vorstellen sollte, waren diese wenigen Worte wohl auch völlig ausreichend.

Nach der Begrüßung hatte ich dann noch die Möglichkeit, mich mit der Direktorin, ihrer Schwester, die auch zur Schulverwaltung gehört und den Deutschlehrerinnen darüber zu unterhalten, welche Vorstellungen ich bezüglich meines Einsatzes an der Schule habe und was sie sich von meiner Unterstützung erhoffen. So bekam ich direkt das Gefühl, in der Schule wirklich gebraucht zu werden und sie versicherten mir ihre Offenheit für jedwede Projektideen von meiner Seite.
Den Rest des Vormittags ging ich dann mit Marcela in den Unterricht und nachmittags nahm ich noch an einer Konferenz teil, die zwar recht langweilig für mich war, da Schulbuchvorstellungen nicht wirklich in meinen Interessensbereich gehören, allerdings lernte ich so noch etwas mehr von dem Alltag der Lehrer kennen.
Am Dienstag war dann für mich die erste Naturwissenschaftsstunde in der Vorschule. Im Rahmen einer Zusammenarbeit meiner Schule mit SIEMENS und der Universidad de Chile führen die Kinder der Vorschule jede Woche einmal Experimente in Bezug auf die natürliche Umgebung durch und meine Aufgabe ist es, dabei immer einige deutsche Vokabeln einfließen zu lassen. Die Arbeit mit den Vorschülern macht mir immer richtig viel Spaß, weil sie ihrerseits so viel Spaß daran haben, die Experimente zu beobachten, irgendwelche Spiele zu deutschen Vokabeln zu spielen oder deutsche Lieder zu singen. Einfache Luftblasen, die im Wasser hochsteigen oder ein Luftballon, der durch Zusammendrücken einer Plastikflasche aufgepustet wird, lassen die Augen der Kinder größer werden…


Im Laufe der Woche habe ich mich dann nach und nach in allen Klassen vorgestellt, den Kindern und Jugendlichen Bilder von Buxtehude, dem alten Land und Hamburg gezeigt.

Letzten Mittwoch gab es anlässlich des Tags der deutschen Einheit und des zehnjährigen PASCH Jubiläums einen großen Festakt, bei dem die Schüler diverse Erfahrungen aus PASCH Projekten vorgestellt haben und später eine Ausstellung in der Bibliothek besucht wurde, in der die Schüler ihre Arbeiten aus dem Deutschunterricht vom Monat September vorstellten. Zum Abschluss wurde dann auch noch ein Flohmarkt veranstaltet und insgesamt waren alle sehr zufrieden mit dem Tag. In der Vorbereitung war ich größtenteils damit beschäftigt, irgendwelche Texte ins Deutsche zu übersetzen und Schülern dabei zu helfen, die von ihnen vorbereiteten deutschen Texte vor den Zuhörern zu präsentieren. Für mich war es das erste Mal, dass ich den Tag der deutschen Einheit so richtig gefeiert habe. So viele deutsche Fahnen wie ich an dem Tag in der Schule gesehen habe, hängen wahrscheinlich am Tag der deutschen Einheit nicht einmal in ganz Buxtehude… Den Jüngsten an unserer Schule, den Kindern aus der Vorschule, wurde noch eine besondere Ehre zu Teil, sie durften nämlich die symbolische Mauer aus Schuhkartons zum Abschluss des Festakts durchbrechen, auf jeden Fall sehr süß anzuschauen, wie sich die Kinder nach dem „Mauerfall“ in den Armen lagen!

Am Freitag in der ersten Schulwoche stand auch noch ein Highlight für mich an, denn ich bin mit vier LehrerInnen und fünf SchülerInnen nachmittags ins Fantasilandía gefahren, ein Freizeitpark mit diversen Achterbahnen und Co. Bei langem Schlangestehen konnte ich natürlich ideal die ganzen Schüler kennenlernen und dazu hatte ich auch noch einen echt coolen Nachmittag dank der zahlreichen Attraktionen.

Letzte Woche Freitag war ich dann mit den Zehntklässlern bei einer Veranstaltung in Talagante, wo alle Schulen entweder etwas zu dem Thema Inklusion vorstellten oder ein biologisches Projekt präsentierten. Unsere Schüler stellten dabei ihr ökologisches Klassenzimmer vor, ein Projekt, bei dem im Biounterricht exotische Pflanzen und Tiere untersucht wurden, die alle aus einem Feuchtgebiet stammen. Demnächst bekommt unsere Schule auch ihr eigenes Feuchtgebiet, dafür gruben die Schüler schon ein großes Loch, das jetzt nur noch darauf wartet, dass Pflanzen und Tiere angesiedelt werden. Ich bin gespannt, was daraus wird.

Nachdem ich jetzt 13 Schultage hinter mir habe, gab es einige Dinge, die mir aufgefallen sind, die mich anfangs ein bisschen stutzig machten, aber keineswegs schlecht sind:
Zunächst ist die Jugendlandschule echt winzig, die Klassengrößen variieren zwischen zwei und neun Schülern und insgesamt hat die Schule nur 70 Schüler, allerdings über zwanzig Lehrkräfte. Dadurch, dass die Schule so klein ist, passiert alles in einem ganz familiären Rahmen, was für mich sehr angenehm ist, so konnte ich alle schnell kennenlernen und bin mit allen Schülern und Lehrern schon sehr schnell sehr vertraut geworden.
Der zweite große Unterschied ist die Ausstattung: Während wir uns früher immer beschwerten, wenn in einem Raum kein Computer war oder das Active Board nicht funktionierte, gibt es an der Jugendlandschule gerade mal einen Computerraum, in sämtlichen anderen Klassenzimmern ist kein Computer vorhanden, da läuft alles klassisch an der Tafel ab.
Außerdem wirkt die Jugendlandschule auf mich fast wie eine Projektschule. Ich war nur zwei Wochen da und habe in der Zeit schon das Frühlingsfest, den Tag der deutschen Einheit, die Ausstellung des ökologischen Klassenzimmers und den Ausflug einer Gruppe zum Rockfestival miterlebt. Ob das so bleibt oder ob jetzt so langsam wieder zum normalen Unterrichtsrhythmus zurückgekehrt wird, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

Abgesehen von der Arbeit an der Schule habe ich auch das Gefühl privat hier angekommen zu sein. Mit meiner Gastfamilie verstehe ich mich nach wie vor blendend und da sie mir so häufig leckere chilenische Gerichte kochen, habe ich ihnen mit Apfelkuchen, Käsespätzle und Kaiserschmarren einen kleinen Teil der deutschen Esskultur gezeigt. Am Wochenende mache ich viel mit den anderen Freiwilligen, so waren wir zum Beispiel vorletztes Wochenende gemeinsam auf dem riesigen Obst- und Gemüsemarkt La Vega und haben dann abends bei einem Freiwilligen in der Wohnung ein typisch chilenisches Gericht gekocht, Pastel de Choclo, ein Maisauflauf, bei dem unten eine Schicht Fleisch ist und oben drauf eine Maismasse kommt, definitiv eines meiner kulinarischen Highlights hier!!
Letzte Woche habe ich außerdem eine Wasserballmannschaft in Santiago gefunden, am Dienstag war ich das erste Mal beim Training bei Greenland Waterpolo. Bei dem Verein trainieren alle Altersklassen gemeinsam und es ist ein recht junges Team, das sich auch noch im Aufbau befindet. Die erste Einheit war richtig gut und es hat Spaß gemacht mit der Mannschaft zu trainieren, sodass ich direkt zwei Tage später wieder mittrainiert habe. Mein erstes Spiel mit der Mannschaft steht dann Ende Oktober an!

Am Freitagabend war ich mit einigen anderen Freiwilligen noch bei einer großen Veranstaltung in Santiago, bei der 30 000 Leute gemeinsam feierten, dass vor 30 Jahren die Diktatur abgewählt wurde. Für mich war es ziemlich mitreißend zu erleben, wie die Leute feierten, dass die Diktatur damals beendet wurde, insbesondere, weil ich mich auch mit einem Mann unterhalten konnte, der mir noch von seinen eigenen Erfahrungen aus der Zeit Pinochets berichtete. Die Wunden der Diktatur sind hier teilweise noch sehr präsent, einfach schon, weil viele Menschen Teile der Diktatur noch selber miterlebt haben.

Der Cajón del Maipo war dann unser Ausflugsziel für Samstag, eine wunderschöne Schlucht mit einem großen See in 2500m Höhe. Raus aus der Millionenstadt Santiago, rein in die Anden, der Kontrast war wirklich ziemlich groß und es war beeindruckend, wie man auf einmal inmitten hoher Berge, die teilweise noch mit Schnee bedeckt waren, stand.


Abends sind wir dann auf das Oktoberfest im Klub Manquehue gegangen. Mit einem deutschen Oktoberfest hatte das Ganze nicht wirklich viel zu tun und zunächst war die Stimmung eher mau, aber später, als eine Band Pop und Reguetón spielte, kam Stimmung auf und wir hatten einen echt super Abend.
Sonntag kam dann die ganze Familie meines Gastpapas zu uns und wir haben den Geburtstag von zwei Schwestern von ihm gefeiert. Dadurch dass mein Gastpapa fünf Geschwister hat, waren wir insgesamt 18 Leute. Es gab dann erstmal ein großes BBQ und später am Abend noch Kuchen und Torte. Zwischendurch haben wir Billard gespielt und uns nett unterhalten. Für mich war das wieder so ein Tag, an dem ich extrem viel von den Chilenen und ihrem Lebensstil/ihrer Kultur mitbekommen habe, indem mir alle so ein bisschen von ihrem Job und Leben erzählt haben. Abends war ich dann wirklich müde und hab mich nach dem aufregenden Wochenende nur noch auf mein Bett gefreut, aber es war echt ein klasse Wochenende, an dem ich ganz viele neue Eindrücke bekommen habe!

Dank der netten Gastfamilie, der abwechslungsreichen Arbeit an der Schule und des Sports fühle ich mich hier sehr wohl und ich hoffe, dass das auch alles so bleibt. Nächstes Wochenende nutze ich dann aus, dass Montag und Dienstag Feiertage sind und fahre nach Pucón in den Süden. Von der Reise werde ich dann in meinem nächsten Blogeintrag berichten, liebe Grüße, Mattes!

2 Gedanken zu „Erste Ausflüge und mein bisher spannendster Tag der deutschen Einheit

  1. Melanie Dralle

    Lieber Mattes,
    deine Berichte klingen sehr spannend! Deine Arbeitsbedingungen bzw. dein Umfeld sind ja geradezu ideal – eine kleine Schule, da bekommt man ja sofort Kontakt,und wird auch wahrgenommen und geht nicht „unter“, wie an einer großen Schule. Ich weiß ja nicht, wie schnell die Chilenen sprechen, aber ich habe gehört, dass es im Chilenischen ziemlich viele modismos y giros idiomáticos gibt. Wie geht es dir mit der Sprache dort? Das, was du von deiner Familie erzählst, klingt ebenfalls supernett! Du scheinst da wirklich super aufgehoben zu sein. Das ist so wichtig! Das freut mich alles sehr, Mattes. Und dann noch die tollen Ausflüge! Die Fotos spiegeln deine einmaligen Erlebnisse wider und zeigen, dass es dir gut geht. Saludos de Bilbao

    Antworten
    1. Mattes Campen Beitragsautor

      Hallo Frau Dralle,
      Ja das sind wirklich die perfekten Bedingungen hier für mich! Mit der Sprache komme ich auch ganz gut klar. Dadurch, dass ich mich in der Familie, in der Schule, beim Sport und so weiter immer mit Chilenen unterhalte, lerne ich jeden Tag das chilenische Spanisch und die Chilenismen besser zu verstehen. Gerade bei der Arbeit mit den jüngeren Schülern hilft es mir auch auf jeden Fall, dass ich schon vorher Spanisch sprechen konnte!
      Liebe Grüße.

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