Berlin, Buenos Aires, Santiago – die ersten Tage meiner großen Reise

Liebe Leser,

ich bin Mattes Campen, der neue Kulturweit Freiwillige, der für ein Jahr an der Jugendlandschule in Talagante arbeiten wird. Meinen Heimathafen, die Märchenstadt Buxtehude in der Nähe von Hamburg, verließ ich vor wenigen Tagen, um nun für ein Jahr in Chile zu leben. Hier erhalte ich jetzt die Möglichkeit, eine neue Kultur, neue Menschen und Lebenskonzepte kennenzulernen. Dadurch, dass ich in der Schule schon eine große Leidenschaft für Spanisch entwickelte, bewarb ich mich bei Kulturweit für einen Freiwilligendienst in Lateinamerika und so kam es, dass ich nun in Talagante in Chile angekommen bin. Talagante ist eine kleine Stadt in der Metropolregion von Santiago de Chile und hat etwa 57 000 Einwohner. Hier werde ich den Deutschunterricht an der Jugendlandschule, eine relativ kleine Privatschule, die zu den Goethe Schulen des PASCH Netzwerks gehört, unterstützen.

Mit diesem Blog möchte ich alle neugierigen Leser auf dem Laufenden halten und über meine Arbeit, Begegnungen und Reisen in Chile berichten, wie auch zukünftigen Freiwilligen vermitteln, wie sich ein Auslandsaufenthalt gestalten könnte. Aber nun genug über mich!

Ich fange mal mit dem Beginn des FSJ’s an, mit dem Kulturweit Vorbereitungsseminar. Ging ich am Anfang noch mit einer großen Ungewissheit ins Vorbereitungsseminar an den Werbellinsee, so konnte ich vor Ort schon extrem an Zuversicht und Vorfreude auf die Zeit im Ausland gewinnen. Aufgeteilt in nach Ländern gruppierte Homezones beschäftigten wir uns mit komplexen Themen wie Rassismus, Sexismus und Kolonialismus, aber auch mit der Beleuchtung der Frage „Was macht die deutsche Kultur aus?“. Alle einzelnen Seminarinhalte aufzuzählen, würde mehrere Seiten beanspruchen, deshalb beschränke ich mich auf das Wichtigste: Es waren großartige zehn Tage am Werbellinsee, in denen ich extrem viele nette Menschen kennengelernt habe, für viele Themen wie auch die Aufgaben eines Kulturbotschafters sensibilisiert wurde und einen sehr starken Zusammenhalt innerhalb der Gruppe erfahren habe.

Der Abschied nach dem Vorbereitungsseminar war für einige von uns nur von kurzer Dauer. Zwei Tage und gut 12.000 Kilometer später sahen wir uns in kleinerer Gruppe bereits wieder, nämlich zum nächsten Seminar in Buenos Aires. Um 5:55 Uhr Ortszeit kam mein Flieger am Flughafen in Buenos Aires an. Ein wenig mitgenommen von über 13 Stunden im Flieger, ging es direkt rein in die riesige Stadt: Der Unterschied zur kleinen Provinz Buxtehude war da schon ziemlich krass: Dreispurige Autobahnen wurden fünfspurig befahren, Häuser waren im Schachbrettmuster angeordnet, vielfach für unsere Verhältnisse heruntergekommene Bauten, eine Währung, die ständiger Inflation unterlag und vor allem viel Sehenswertes zu entdecken. Nach einem Frühstück, einem Besuch der Wechselstube und dem großen Wiedersehen mit dem Rest der Gruppe, wurden wir nachmittags um 15 Uhr von einem Bus abgeholt und haben eine private Hop-on Hop-of Tour gemacht. Unsere Führerin Yamilah führte uns vom Künstlerviertel La Boca über den Hafen bis hin zur breitesten Straße der Welt, der Avenida 9 de Julio.

Abends ging es dann gesammelt ins Steak House, wir mussten schließlich überprüfen, ob es in Argentinien wirklich so gutes Fleisch gibt. Und ja, das gibt es! Am Donnerstag begann dann um 9:30 Uhr das Seminar im Goethe-Institut. Begleitet von Medialunas (kleine Croissants, die in Argentinien zum Frühstück gegessen werden) und Kaffee bekamen wir einen Einblick in die Aufgaben und Ziele der PASCH Initiative in Chile und Argentinien. Später erfuhren wir bei einem Vortrag von Kerstin (gleichzeitig meine Ansprechpartnerin an der Jugendlandschule) einiges über das chilenische Bildungssystem und über die Unterschiede zu den Schulformen, die wir aus Deutschland kennen. Stella, eine Kulturweit Freiwillige, die seit März in Chile ist, beantwortete uns danach noch alle Fragen, die in uns in Hinblick auf die Zeit in Chile brannten. Wie sind die Schüler*innen? Was sind die typischen Aufgaben in den Schulen? Wie hole ich mir am besten einen Handyvertrag und noch ganz viel mehr… Abends waren wir dann noch im Künstlerviertel Palermo, wo wir zahlreiche Hausbemalungen beguckten und erlebten, wie langsam das Abendleben erwachte.

Freitag ging es wieder früh weiter, auf der Agenda stand dieses Mal: Projektplanung und –durchführung. Mein persönliches Highlight des Seminars kam allerdings erst am Nachmittag, nämlich ein Treffen mit argentinischen Deutschschülern, die uns etwas über ihr Leben und über den Deutschunterricht an ihren Schulen erzählten. Teilweise konnten die Schüler*innen schon sehr flüssig reden, doch mir wurde auch bewusst, dass ich meinen Sprachgebrauch zukünftig würde anpassen müssen, um mich für die Schüler gut verständlich auszudrücken. Nach der ganzen Theorie war es gut, dass es am Samstag endlich ins Zielland ging, CHILE.

Angekommen am verworrenen Flughafen von Santiago hatte ich das erste Mal das Gefühl, so richtig auf mich selbst gestellt zu sein. Zum Glück nahm mich dann ein Guide vor Ort an die Hand und half mir einen Shuttle zu meinem Hostel im Zentrum von Santiago zu bekommen. Trinkgeldtechnisch war der Guide nicht ganz billig, aber alles, was in dem Moment für mich zählte, war aus dem Gewusel des Flughafens rauszukommen…Im Hostel lernte ich dann direkt zwei Brasilianer kennen, die beide im Hostel arbeiteten und mir alles zeigten. Da ja für mich auch noch die Wohnungssuche anstand, konnte ich mich zunächst gar nicht so richtig entspannen. Letztendlich jedoch stellte sich die Lösung viel einfacher und schneller heraus, als ich es mir in meinen Träumen ausgemalt hätte. Schon am Sonntag antwortete jemand auf meine Wohnungsanfrage und so lebe ich mittlerweile, zumindest für den ersten Monat, bei dem Bruder der Sekretärin meiner Schule mit im Haus. Da die Schule wegen der Nationalfeiertage erst am 24. September anfängt, blieb mir noch Zeit, Santiago ein wenig kennenzulernen und viel vom Nationalfeiertag mitzubekommen. So waren wir bei drei Fondas, wo wir den Nationaltanz Cueca, ein Polo Turnier, eine Militärparade und noch vieles mehr sahen. Auch kulinarisch tauchten wir schon in die chilenische Kultur ein und aßen Empanadas de Pino, Pastel de Choclo und andere Leckereien. Was sie alle gemeinsam hatten: Fleisch. Auf den Karten in den chilenischen Restaurants findet man kaum Gerichte ohne Fleisch, was für mich als bekennenden Fleischliebhaber aber kein Grund zur Klage ist. Auf der ersten Fonda testeten wir dann auch den typischen chilenischen Cocktail, Terremoto (übersetzt Erdbeben). Bei dem ersten Schluck zuckte ich erst einmal ein bisschen zusammen, denn wenn Wein, Fernet, Rum, Cognac, Pisco, Grenadine und Ananaseis zusammengemischt werden, wird daraus ein extrem starker und süßer Cocktail…

Gestern stand dann leider sehr frühes Aufstehen auf dem Programm, denn bei der Einreise nach Chile muss sich jeder Ausländer einmal bei der Polizei und einmal bei der Zivilregistrierung melden. Für alle Freiwilligen in Santiago und Umgebung bedeutet das Schlange stehen. Um 4:20 Uhr kamen wir bei der Polizei (PDI) an, um uns anzustellen, die Schlange ging zu dem Zeitpunkt allerdings schon um einen Block rum – und das, obwohl die PDI erst um 8:00 Uhr öffnet. Um halb zwölf war unsere Meldung beim PDI dann endlich vollbracht und wir zogen weiter zur Zivilregistrierung, wo wir zum Glück nur noch etwa eine halbe Stunde ausharren mussten. So nahm die ganze Registrierung knappe neun Stunden in Anspruch und ich kann nur allen Freiwilligen, die auch zum PDI nach Santiago müssen, raten, dass sich das frühe Aufstehen lohnt, da es sonst echt schwer werden kann, bis zur Schließung um 14:00 Uhr dranzukommen.

Zum Abschluss meines ersten Blogeintrags: meine persönlichen Kulturschocks:

  1. Die Chilenen essen viel Fleisch, sehr viel Fleisch: Wie oben schon beschrieben, findet man in Restaurants kaum Gerichte ohne Fleisch und wenn man mal nach einer empanada vegetariana fragt, kann es sein, dass einem die empanada de pollo, also Empanada mit Hähnchen angeboten wird – nicht so richtig vegetarisch in meinen Augen…
  2. Man mag es hier gerne sehr süß und auch wenn das Gesundheitsministerium mittlerweile Warnhinweise für zu hohen Zuckergehalt auf die Lebensmittel drucken lässt, führt das nicht dazu, dass der Konsum in irgendeiner Weise reduziert würde.
  3. Feste Fahrpläne gibt es nicht. Man muss sich so ein wenig das deutsche Denken abgewöhnen, dass alles zu einer vorgegebenen Uhrzeit stattfindet. Die Busse fahren, wenn sie fahren, einen Zeitplan gibt es nicht, man stellt sich einfach an die Haltestelle und wartet auf den nächsten Bus. Zumindest in Santiago ist das auch total unproblematisch, denn die Busse fahren in so kurzen Abständen, dass es keine langen Wartezeiten gibt.

Das war’s erst einmal von mir zu meinen ersten Tagen und Wochen, ich werde mich hier wieder melden, wenn ich von neuen Erlebnissen berichten möchte. Bis dahin, liebe Grüße!

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