{"id":82,"date":"2020-04-08T21:19:22","date_gmt":"2020-04-08T19:19:22","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=82"},"modified":"2020-04-19T14:38:42","modified_gmt":"2020-04-19T12:38:42","slug":"abreise-teil-2-oder-die-emotionalste-taxifahrt-meines-lebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2020\/04\/08\/abreise-teil-2-oder-die-emotionalste-taxifahrt-meines-lebens\/","title":{"rendered":"Abreise Teil 2 oder: Die emotionalste Taxifahrt meines Lebens"},"content":{"rendered":"<p><em>Einleitende Hinweise: Dieser Beitrag ist die Fortf\u00fchrung des Beitrags &#8222;Abreise&#8220;, hier soll es um meine Gef\u00fchle und Gedanken, bedingt durch die Absage des FSJ&#8217;s, gehen. Diese ehrlichen Gedanken mit euch zu teilen, erscheint mir als sehr wichtig. Dies ist f\u00fcr mich ein wichtiger Teil in der Verarbeitung des Ganzen. Im Nachhinein betrachtet war es die absolut richtige Entscheidung, alle Ausreisen abzubrechen, nur war es nat\u00fcrlich kein leichter Prozess f\u00fcr mich, dies zu akzeptieren.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich kann kaum richtig atmen im Uber. Der Fahrer hei\u00dft Andersson, tr\u00e4gt eine lila glitzernde Zahnspange und ist um die 30. Er ist sehr freundlich, fragt mich, was ich in Brasilien mache.<\/p>\n<p>Ja, genau, was genau mache ich in Brasilien? Ich gehe in mich. Wir sind alle in einer verdammt beschissenen Situation. Ich denke an alle Freiwilligen, die auf gepackten Koffern sa\u00dfen, die vielleicht gerade dabei waren, online einzuchecken, die sich gerade von Oma verabschiedeten, die ihren Wohnungsschl\u00fcssel gerade an die neue Untermieterin vergaben. Und dann diese E-Mail. Die Mail, die 200 Tr\u00e4ume in Luft aufl\u00f6ste.<\/p>\n<p><em>(Hinweis: Ich schreibe diesen Text im Nachgang, ca. 1 Monat nach Absage des FSJ&#8217;s. Es war nicht leicht, zur\u00fcckzukommen und mich in mein altes Leben einzufinden. Das Niederschreiben meiner Gedanken ist ein wichtiger Schritt in diesem Verarbeitungsprozess. Und ja, die Corona-Situation ist heute eine andere, heute w\u00fcrde ich \u00fcber viele Dinge anders denken und schreiben. Nur zum Zeitpunkt der Absage war das Thema Corona f\u00fcr mich so weit weg &#8211; und ich war schon in S\u00fcdamerika, deshalb habe ich vieles in dieser dramatischen Situation verharmlost und war sicherlich sehr naiv.)<\/em><\/p>\n<p>&#8222;Ich m\u00f6chte an einer Schule in <em>Bel\u00e9m<\/em> unterrichten. Das ist mein Traum&#8220;, teile ich Andersson mit. Wir brettern \u00fcber die Autobahn. Ich sehe einfache Behausungen, bunte Schilder und eine Br\u00fccke, die den gleichen Namen tr\u00e4gt wie mein verstorbener Opa: Oswaldo Jos\u00e9. Ein Zufall? Kein h\u00e4ufiger Name.<\/p>\n<p>Ich schwitze in meiner beigen Jacke, in der ich meinen Pass, meine zwei Handys und meine Brieftasche trage.<\/p>\n<p>Ich atme, ein und aus und \u00f6ffne mittels einer Kurbel das Fenster. Warme brasilianische Morgenluft umweht mich. Ich blicke auf das GPS. 1 Stunde 20 Minuten lese ich auf der Anzeige.<\/p>\n<p>Was kann ich nun tun, was sind die Optionen? Ich m\u00f6chte nicht zur\u00fcck nach Deutschland. Seit 9 Monaten, einem Dreivierteljahr bereite ich mich mental auf diese Abreise vor. Ich habe mich von meinem alten Leben verabschiedet, allen meinen Freunden, meiner Familie lebewohl gesagt. Ehren\u00e4mter fallengelassen. Ich bin 19, war bereit f\u00fcr das gro\u00dfe Abenteuer, endlich raus von zuhaus, endlich weit weg von meinem sicheren Hafen Esslingen, endlich etwas Neues, Aufregendes, Unerwartetes. In meinem Traumland, in das sich schon seit einem Jahrzehnt einreisen wollte. Und dazu eine T\u00e4tigkeit, die mir nicht mehr Freude bereiten k\u00f6nnte: Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und das Unterrichten. Wie vielen Menschen habe ich davon erz\u00e4hlt? Wie viel M\u00fche in Visa, Dokumentenbeschaffung, Impfungen gesteckt? Wie oft dara gedacht, wie ich locker in FlipFlops durch <em>Bel\u00e9m<\/em> schlendere und mich in meinem neuen Leben wohf\u00fchle?<\/p>\n<p><em>Kulturweit<\/em> wird doch nicht den Freiwilligen, die zuf\u00e4llig fr\u00fcher ausgereist sind, ihren Freiwilligendienst erm\u00f6glichen, w\u00e4hrend der Rest in Deutschland festsitzt? Oder doch? Ich meine, ich bin doch schon im Land. In Brasilien gibt es gerade einmal 15 F\u00e4lle (zu dem Zeitpunkt), in Deutschland \u00fcber 3000. Eigentlich bin ich doch sicherer hier, oder? Das war mein zentraler Gedanke.<\/p>\n<p><em>(Hinweis: Im Nachhinein sind diese Gedanken total egoistisch und auf mich fixiert, das ist mir bewusst. Irgendetwas in mir hielt wohl daran fest, dass ich doch bleiben k\u00f6nnte. Falls sich jemand also durch diese Zeilen verletzt f\u00fchlt, bitte ich um Entschuldigung.)<\/em><\/p>\n<p>Ob ich schon die E-Mail bekommen habe? Leider kann ich es hier auf der Autobahn nicht nachschauen. Deswegen unterhalte ich mit Anderson weiter \u00fcber seine Herkunft und S\u00e3o Paulo. Dass der Karneval eine gro\u00dfartige Sache ist, erz\u00e4hlt er mir.<\/p>\n<p>Egal was passiert, ich bin in Brasilien. Auch wenn ihr nur zwei Tage hier bin, so war ich wenigstens hier. Ich habe ein Hotel in S\u00e3o Paulo bis Sonntag und sogar einen Weiterflug nach <em>Bel\u00e9m<\/em>.<\/p>\n<p>Oder soll ich nach Mexiko zu meiner Familie? Mexiko, dort schl\u00e4gt mein Herz doch auch. Ich k\u00f6nnte mich schon mal nach Praktikumspl\u00e4tzen in Mexiko-Stadt umschauen, vielleicht bei Stiftungen oder anderen NGOs. Der Gedanke, nicht nach Deutschland, sondern nach Mexiko gehen zu k\u00f6nnen, beruhigt mich. F\u00fcr einen kurzen Moment denke ich auch daran, ein Aussteigerleben zu f\u00fchren und f\u00fcr einige Zeit in S\u00fcdamerika unterzutauchen.<\/p>\n<p>Wenn ich im Hotel bin, rede ich erstmal mit den Verantwortlichen vom Goethe. Und dann sehen wir weiter. Ich lasse mich leicht in den Sitz fallen.<\/p>\n<p>Wir sind im tiefsten Stau von S\u00e3o Paulo angelangt. Andersson winkt einen laufenden Zeitungsverk\u00e4ufer herbei und kauft sich eine regionale Zeitung. Auf der Titelseite ist ein \u00fcberdimensionales Virus zu sehen, darunter die fette \u00dcberschrift: <em>O Coronav\u00edrus &#8211; uma pandemia global<\/em>\u00a0 &#8211; Das Corona-Virus, eine globale Pandemie. Zum allerersten Mal keimt in mir der Gedanke, dass Corona kein lokales Grippchen aus China ist, das nach zwei Tagen vorbei ist, sondern dass die M\u00f6glichkeit besteht, dass die ganze Welt zum Stillstand kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitende Hinweise: Dieser Beitrag ist die Fortf\u00fchrung des Beitrags &#8222;Abreise&#8220;, hier soll es um meine Gef\u00fchle und Gedanken, bedingt durch die Absage des FSJ&#8217;s, gehen. Diese ehrlichen Gedanken mit euch zu teilen, erscheint mir als sehr wichtig. Dies ist f\u00fcr mich ein wichtiger Teil in der Verarbeitung des Ganzen. 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