{"id":430,"date":"2026-11-08T13:30:23","date_gmt":"2026-11-08T12:30:23","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=430"},"modified":"2026-11-08T13:30:23","modified_gmt":"2026-11-08T12:30:23","slug":"zurueck-in-deutschland-zumindest-temporaer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2026\/11\/08\/zurueck-in-deutschland-zumindest-temporaer\/","title":{"rendered":"Zur\u00fcck in Deutschland, zumindest tempor\u00e4r"},"content":{"rendered":"<p>Es ist kaum m\u00f6glich, das alles in Worte zu fassen. Ich sitze im Flieger nach Rom, Laptop aufgeklappt. \u00dcber meine Ohren s\u00e4uselt das Lied \u201eA N\u00edvel de\u201c von Jo\u00e3o Bosco. Warum erw\u00e4hne ich das? Es ist dasselbe Lied, das ich beim Landeanflug auf Rio im August 2025 geh\u00f6rt habe. Seit diesem Zeitpunkt lebe ich in RIo. Jetzt kehre ich zum ersten Mal nach Deutschland, in meine schw\u00e4bische Heimat zur\u00fcck. Es f\u00fchlt sich verr\u00fcckt an. 15 Monate voller neuer Erfahrungen, ein neues Leben, eine neue Heimat, eine Freundin und neue Bekanntschaften. Ich kann diesen Ort, Rio de Janeiro, mein Zuhause nennen. Ich habe aus dem Auslandssemester einen Daueraufenthalt gemacht. Auch jetzt kehre ich nicht definitiv nach Deutschland zur\u00fcck, sondern bleibe nur vier Wochen, davor aber anderthalb in S\u00fcdkorea. Ernsthaft. Ich mache Urlaub dort, wo ich herkomme. In Rio will ich eigentlich f\u00fcr immer bleiben. Doch das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>Wenn ich an all die Erfahrungen denke, all die Reisen, die Gespr\u00e4che, das immer tiefere Eintauchen in die Kultur, wird mir fast schwindelig. Und das liegt nicht am Fliegen. Ich denke, das muss wohl so sein, wenn man seine Heimat aufgibt. Ich bin Teil von etwas Neuem . Ich bin Teil einer neuen Gesellschaft, habe mich verwoben mit einer neuen Geschichte, habe neue Geschichten weitergestrickt. Habe studiert, gearbeitet, gek\u00fcsst, geliebt, gefeiert, Sport getrieben, gestritten, geweint. Bin gereist, geschwommen. War krank, im Krankenhaus, motiviert. Es war l\u00e4ngst kein Studienaufenthalt mehr, auch keine Reise. Ich beziehe eine Wohnung, verdiene Geld, arbeite, habe den ganz normalen Alltagsstress. Und nicht zuletzt eine wunderbare Freundin, die mich sehr gl\u00fccklich macht und die nat\u00fcrlich auch ein gewaltiger Grund zum Bleiben ist. Ich bin einfach nur dankbar.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Gleichzeitig sp\u00fcre ich, nicht nur in diesem Moment, eine Sehnsucht nach meiner Heimat, nach dem Ort, der mich geformt und 24 Jahre lang zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Ich bin gespannt, wie es sein wird, ein Fremder in der Heimat zu sein. Und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter werde ich sowieso wieder ein paar Jahre in der Heimat verbringen. Hoffentlich mit Julia, der Liebe meines Lebens.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Wenn ich \u00fcberlege, welcher Mensch am 7. August 2025 in das Flugzeug stieg und welcher heute zur\u00fcckfliegt, dann sp\u00fcre ich so viel Ver\u00e4nderung und positiven Wandel. Der Mark von vor 15 Monaten musste raus aus seinem stressigen Alltag, aus seinen leeren Verpflichtungen, die ihm au\u00dfer Geld nichts brachten. Aus einer Studentenstadt, in der er auch nach 5 Jahren nie warm wurde. Eine Liebe, die ihn zerfressen hatte. Ein Studium, das ihn nicht immer erf\u00fcllte. Und doch war es eben jenes Studium, das ihm diese M\u00f6glichkeit brachte, in Rio zu leben. Aus den 8 Monaten wurden erst 12, dann 15, dann f\u00fcr immer? Mark sprach zwar schon recht gut Portugiesisch, doch bei weitem nicht flie\u00dfend. Am Anfang verstand ich ca. 80% von dem, was die die nuschelnden Cariocas so von sich gaben. Und mit jedem Tag wurde es mehr. Ich schrieb jeden Tag flei\u00dfig W\u00f6rter in mein Vokabelheft, verstand mehr, meine Sprache wurde idiomatischer. Vielleicht half es auch, dass ich mich vor allem mit Brasilianer*innen anfreundete und jeden Tag sprachliche Herausforderungen zu meistern hatte: Beantragung des Visums bei der Policia Federal, Rufen der Feuerwehr, Erkl\u00e4ren von M\u00e4ngeln in der Wohnung, Terminvereinbarungen und Gespr\u00e4che mit Uber-Fahrer*innen, meinem Pf\u00f6rtner oder ganz einfach Unterhaltungen mit Freunden. Ich lese ganze wissenschaftliche Artikel auf Portugiesisch, in meiner Freizeit ganze B\u00fccher, unterrichte, leite Meetings auf Portugiesisch mit Schulleitungen und der Direktorin des Festival des Festival do Rio. wachse, entdecke eine neue Seite meiner Pers\u00f6nlichkeit und liebe es. Ich werde ein anderer Mensch, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Ist das nicht ein Ziel des Lebens? Sich weiterentwickeln?<\/p>\n<p>Jetzt freue ich mich auf die Zeit und das Geborgen sein mit meinem Liebsten. Es ist eine Familienreise. Mein Vater wird 60. Ich werde 26. Mein Bruder macht ein Auslandssemester in S\u00fcdkorea, ich will ihn besuchen.<\/p>\n<p>Es ist soo verr\u00fcckt. Die Strandpromenade, an der ich Mitte August zum ersten Mal voller Angst vorbeifuhr, der verr\u00fcckte Tunnel und der Aterro do Flamengo-Park, geh\u00f6rt inzwischen so selbstverst\u00e4ndlich zu meinem Alltag, dass mir mein alter Alltag wahrscheinlich fremd vorkommen wird. Ich bewege mich heute mit einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit durch die Stra\u00dfen, wei\u00df, welchen Bus oder Metro ich nehmen muss, wo ich aufpassen muss. Und das alles in einem Land, dessen Sprache ich nicht einmal studiere. Ein Land, mit dem ich mich schon immer verbunden f\u00fchlte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ich liebe Brasilien \u00fcber alles. Seitdem ich denken kann, sp\u00fcrte ich eine tiefe Verbundenheit zum dem Land der Lockerheit und der Samba-Rhythmen. Seitdem ich 13 bin, hatte ich den Wunsch, das Land zu bereisen und sp\u00e4ter dort zu leben. St\u00e4ndig verglich ich es mit Mexiko, meiner zweiten Heimat, in der ich auch geboren bin.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ich wurde zum Experte \u00fcber brasilianische Politik, schaute jede Fernsehsendung und Reportage \u00fcber Brasilien, verschlang jedes Buch \u00fcber mein Lieblingsland, das ich in die Hand bekam. Zum Beispiel \u201eBrasilien f\u00fcr Insider\u201c von A. Wenn, der sein Leben in Rio beschrieb. Und jetzt bin ich selbst in Rio und erkenne so vieles aus dem Buch wieder. Kann sagen \u201eJa, das stimmt\u201c \/ \u201eJa, es stimmt, dass die Brasilianer*innen immer das Daumen-Hoch-Zeichen machen\u201c \/ \u201eJa es stimmt, dass das beste A\u00e7a\u00ed mit Granola, Milchpulver und Banane ist\u201c. Und gestern erst telefonierte ich mit dem aktuellen Auslands-Korrespondenten des ZDF. Wir duzen uns.<\/p>\n<p>Schon zu Schulzeiten schrieb mir eine Freundin ins Abschlussbuch \u201eirgendwann h\u00f6ren wir von dir aus Rio\u201c.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 I<\/span>nteressant, wie das Leben spielt: Als ich 2019 erfuhr, dass von all den 198 L\u00e4ndern dieser Welt mein Freiwilligendienst \u201ekulturweit\u201c in Brasilien sich abspielen wollte, war ich au\u00dfer mir vor Gl\u00fcck. Ich war in England auf Studienreise, f\u00fchrte das Bewerbungsgespr\u00e4ch mit einer netten Dame vom Goethe-Institut SP und entschied mich kurzerhand f\u00fcr die Stelle im Bel\u00e9m, am Tor zum Amazonas, an einer \u00f6ffentlichen Schule. Ich bereitete mich 9 Monate auf den Dienst vor, beantragte ein s\u00fcndhaft teures Visum, frischte die Sprache auf &#8211; nur um dann, nach einer Woche wieder abzureisen. Covid 19. Wir alle kennen die Geschichte. Ich war todtraurig, schmiedete mit Freundin Auswandererpl\u00e4ne (mehr ist hier nachzulesen!) Und wollte nicht zur\u00fcck. 2 Jahre Pandemie und ich vergas Brasilien etwas, schrieb mich aber f\u00fcr einen Portugiesisch-Kurs an der Uni ein und lernte vier Jahre bzw. einige Semester flei\u00dfig die Sprache, f\u00fchlte ich mich doch der Kultur weiterhin verbunden. Ich plante aber mein Leben eher in Deutschland, war in der Politik aktiv und dachte nie, dass ich tats\u00e4chlich mal l\u00e4ngere Zeit dort leben w\u00fcrde. Bis ich eines Tages das Plakat \u201eBewerben Sie sich f\u00fcr Rio oder Brasilien mit dem DAAD-ISAP-Stipendium\u201c an der Wand entdeckte. Und so blieb ich bis Januar 2026 mit diesem Stipendium, hielt mich danach mit Erspartem \u00fcber Wasser, beantragte f\u00fcr meine Master-Arbeit in Franz\u00f6sisch-Guayana ein anderes Stipendium, das ich bis heute verlangen durfte und, schrieb meine Masterarbeit, fing ein Praktikum am Goethe-Institut an, das ganz spontan und unkompliziert geklappt hatte, da ich schon Kontakt zum Leiter hatte. Und heute, witzigerweise, mache ich eine Deutschlehrerausbildung mit einer Kollegin aus SP, die mich 2020 am Goethe betreut hat. Kleine Welt! Und alles war in Gottes H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste Stipendium f\u00fcr ein Praktikum an einer \u00f6ffentlichen Schule ist schon beantragt und eine eventuelle Stelle als Deutschlehrer auch.<\/p>\n<p>Und nebenher studiere ich an der UFF, zwei Semester, schrieb drei Hausarbeiten aus T\u00fcbingen, schreibe die Masterarbeit und bereite mich auf eine m\u00fcndliche Abschlusspr\u00fcfung, die ich in wenigen Tagen in T\u00fcbingen habe. Ich bin also noch zwischen beiden Orten bzw. St\u00fchlen. Es war nicht einfach, sich in Rio, immernoch eine teure Stadt, \u00fcber Wasser zu halten. Ich musste mich an viele Leute ranschmei\u00dfen, Kontakte kn\u00fcpfen und st\u00e4ndig mit der Ungewissheit k\u00e4mpfen, ob man den n\u00e4chsten Job bekommt, das Geld reicht. Aber ich konnte gut leben. Gott sei Dank.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchre mittlerweile Bekannte und Freunde, die in Rio sind, durch meine Heimat. Leben, wo andere Urlaub machen. Leben in einem Apartment in Copacabana. 200 m weg vom Strand. Das werde ich eines Tages noch realisieren, was das f\u00fcr ein enormes Privileg ist. Ich sehe den Strand gerade vor mir. Und ja, auch in meinen Gedanken beeindruckt er mich noch. Werde ich mich irgendwann daran gew\u00f6hnen? Gleichzeitig habe ich schon andere Seiten der Stadt und des Landes gesehen und wei\u00df, dass das ein absoluter Ausnahmezustand ist. Dies aber nur am Rande<\/p>\n<p>Wenn ich im Bus sitze auf meinem Arbeitsweg und den Zuckerhut neben mir erblicke oder am Christus vorbeifahre, ergreift mich dieser leichte Stich ins Herz, den ich schon damals gesp\u00fcrt habe, als ich im Uber in Niter\u00f3i sa\u00df und diesen Berg erblickte. Und er sieht wirklich aus wie ein Zuckerhut.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Integration ist aber nat\u00fcrlich keine Einbahnstra\u00dfe. Ohne die Cariocas, die gro\u00dfartigsten Menschen der Welt, w\u00e4re ich auch nicht mehr dort. Ich sp\u00fcre eine unfassbar positive Energie und Freundlichkeit. Es ist nahezu \u00fcberall m\u00f6glich, mit Menschen ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Ich habe das Gef\u00fchl, dass meine ganze Seele und Art hier besser aufgehoben bin. Dass ich mich hier besser entfalten kann.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es stimmt zwar, dass es schwieriger ist, tiefgreifende Freundschaften mit Cariocas zu kn\u00fcpfen, doch gleichzeitig brauche ich das nicht. Ich habe wenige Freunde, die mir guttun, eine nette WG und meine wunderbare Freundin, mit der ich naturgem\u00e4\u00df viel Zeit verbringe.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das klingt bis jetzt alles so wunderbar rosig und sch\u00f6n. Doch 10 000 km entfernt von seinem Land zu wohnen, hat auch seine Schattenseiten klar. Nat\u00fcrlich vermisse ich meine Eltern, meine Freunde, meinen Bruder (interessanterweise eher Menschen als konkrete Orte). Nat\u00fcrlich vermisse ich einen Saunagang an einem kalten Februartag, nat\u00fcrlich vermisse ich europ\u00e4isches Essen und klar definierte Jahreszeiten sowie die kuschelige und stressige Weihnachtszeit in Deutschland.<\/p>\n<p>Am schmerzhaftesten wurde mir das alles bewusst, als meine Oma dieses Jahr sehr schnell an Krebs erkrankte und ich nicht bei ihr sein konnte &#8211; weder vor ihrem Tod, noch bei ihrem Tod. Es f\u00fchlte sich furchtbar an, die reglose und krebskranke Gestalt auf einem Bett per Videoanruf zu sehen. Ich reiste zur Beerdigung an und traf meine Familie wieder &#8211; nach nur 10 Monaten. Da ich Familie in Mexiko und in Deutschland habe, befinde ich mich von beiden etwa gleich weit entfernt (ca. 10 000 km).<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Apropos Mexiiko. Ein anderer Punkt, der sehr interessant ist: W\u00e4hrend ich bis vor meiner Reise nach Brasilien eine sehr gro\u00dfe Verbundenheit mit meiner mexikanischen Heimat sp\u00fcrte, muss ich mir leider eingestehen, dass meine Faszination und Identifikation mit Mexiko (auch sprachlich) etwas zur\u00fcckgegangen ist. Ich mache mir aber keine gro\u00dfe Sorgen, weil das wiederkommen kann. Ich vermute stark, dass es daran liegt, dass ich in Brasilien eine \u00e4hnlich aufgeschlossene und diverse Kultur vorfinde und viele Dinge sich dann doch \u00e4hneln, manches allerdings nicht.<\/p>\n<p>Wie gesagt, nat\u00fcrlich lief besser nicht alles rund. Wenn man an einem Ort l\u00e4nger lebt, dann gibt es nat\u00fcrlich auch die tristen Regentage, die Tage voller Demotivation und wo nichts wirklich l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Ich glaube, der Moment, an dem ich gesp\u00fcrt habe, dass ich mich langsam zu 100% mit Rio identifiziere, war, als ich anfing, meine 2011-Playlist, die ich bisher super streng mit meiner Schulzeit und Deutschland bzw. Esslingen verbunden hatte, nun auch in Rio zu h\u00f6ren und mir die Frage zu stellen: Wie sah dieser Ort &#8211; meine Heimat, hier 2011 aus? Wie waren die Menschen drauf, als sie \u201eJust the way you are\u201c von Bruno Mars h\u00f6rten?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist kaum m\u00f6glich, das alles in Worte zu fassen. Ich sitze im Flieger nach Rom, Laptop aufgeklappt. \u00dcber meine Ohren s\u00e4uselt das Lied \u201eA N\u00edvel de\u201c von Jo\u00e3o Bosco. Warum erw\u00e4hne ich das? Es ist dasselbe Lied, das ich beim Landeanflug auf Rio im August 2025 geh\u00f6rt habe. 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