{"id":415,"date":"2026-08-04T01:26:12","date_gmt":"2026-08-03T23:26:12","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=415"},"modified":"2026-08-04T01:39:47","modified_gmt":"2026-08-03T23:39:47","slug":"leben-in-rio-teil-1-joggen-an-der-copacabana","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2026\/08\/04\/leben-in-rio-teil-1-joggen-an-der-copacabana\/","title":{"rendered":"Leben in Rio Teil 1 &#8211; Joggingtour an der Copacabana"},"content":{"rendered":"<p data-start=\"231\" data-end=\"677\"><em>In den folgenden Texten will ich Euch ein bisschen in mein Leben in Rio mitnehmen und Szenen aus meinem Alltag schildern &#8211; gepaart mit Reisetipps und authentischen Eindr\u00fccken. Heute zeige ich Euch den Stadtteil Copacabana (mit dem gleichnamigen Strand, dem wohl ber\u00fchmtesten Strand der Welt!) anhand meiner Morgenroutine: einer Joggingtour.\u00a0<\/em><\/p>\n<p class=\"PDq2pG_selectionAnchorContainer\" data-start=\"231\" data-end=\"677\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/files\/2026\/08\/IMG_4857.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-419\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/files\/2026\/08\/IMG_4857-300x400.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/files\/2026\/08\/IMG_4857-300x400.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/files\/2026\/08\/IMG_4857.jpeg 768w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a> <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/files\/2026\/08\/IMG_4819.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-420\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/files\/2026\/08\/IMG_4819-300x400.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/files\/2026\/08\/IMG_4819-300x400.jpeg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/files\/2026\/08\/IMG_4819.jpeg 768w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<blockquote>\n<p data-start=\"231\" data-end=\"677\"><em>rechts: Blick vom Mirante do Leme (Aussichtsplattform) links: Copacabana-Promenade am Morgen<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"PDq2pG_selectionAnchorContainer\" data-start=\"231\" data-end=\"677\">Ich atme die k\u00fchle Morgenluft ein. Es ist 7:51 Uhr, der Stadtteil Copacabana von Rio de Janeiro erwacht. Die <em>Avenida Nossa Senhora de Copacabana<\/em>, an der ich wohne, rauscht wie der nahegelegene Atlantische Ozean, es huschen zahlreiche Autos, Uber-Taxis, gelbe Rio-Taxis und unz\u00e4hlige Motorr\u00e4der hupend durch die Massen. Zwischen den Hochh\u00e4usern strahlt der Himmel strahlend blau. Forscher*innen haben herausgefunden, dass Rio den blauesten Himmel der Welt hat.<\/p>\n<p data-start=\"679\" data-end=\"1299\">Ich biege links ab in die <em>Rua Duvivier<\/em>, die nach einer sehr reichen Familie Rio de Janeiros benannt ist (bekannt ist heute vor allem der linke Komiker <em>Greg\u00f3rio Duvivier<\/em>, den ich nicht zuletzt durch Programme wie \u201ePorta dos Fundos\u201c, einen sozialkritischen YouTube-Comedy-Kanal, sehr sch\u00e4tze). In Rio de Janeiro und vor allem in Copacabana ist es sehr \u00fcblich, dass Familien einen H\u00e4userblock, mindestens jedoch ein Geb\u00e4ude, f\u00fcr sich und die Familie kauften. Heute sind die Nachfahren dieser Familien und Grundbesitzer verarmt, leben aber \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse und so, als w\u00fcrde ihnen das halbe Viertel immer noch geh\u00f6ren.<\/p>\n<p data-start=\"1301\" data-end=\"2290\">In der <em>Rua Duvivier<\/em> liegen, wie \u00fcberall in Rio bzw. in Copacabana, an jeder Ecke Restaurants und die typischen Bars. Rio hat eine der h\u00f6chsten Restaurant-Dichten der Welt. Nachdem ich am Friseur vorbei, am Kiosk, dem in Gelbt\u00f6nen gehaltenen Restaurant Amarelim mit gr\u00fcnem, mit Plastikwiese \u00fcberzogenem Au\u00dfenbereich vorbeihusche, w\u00e4rme ich mich f\u00fcr das morgendliche Joggen auf. Auf der anderen Seite das LF-Caf\u00e9, das ich mit meiner Mutter, Freunden aus Deutschland und meiner Freundin schon besuchte. Daneben ein Nagel- und Massagestudio. Wie oft ich die Stra\u00dfe schon entlangging. Alleine oder in Begleitung, mit Freunden oder ohne. Es ist so sch\u00f6n, wenn die Geb\u00e4ude immer mehr zur Heimat werden \u2013 in den meisten Gesch\u00e4ften und Restaurants war ich bereits zu Gast bzw. Kunde und kann schon eine Geschichte dazu erz\u00e4hlen. Jeden Tag werde ich mit der Umgebung etwas vertrauter. Ich verwachse sozusagen mit dem Ort. Und Rio-Copacabana ist auf jeden Fall ein Ort, mit dem man gerne verw\u00e4chst. Und das beweist mir jedes Mal die spektakul\u00e4re Aussicht.<\/p>\n<p data-start=\"2292\" data-end=\"3290\">Bevor ich am Strand angekommen bin, komme ich an einem meiner Lieblingslokale in Copacabana vorbei: <em>Best A\u00e7a\u00ed<\/em>. Klingt sehr touristisch (ist es auch), f\u00fcr mich gibt es aber hier das allerbeste <em>A\u00e7a\u00ed<\/em>-Eis. Die <em>A\u00e7a\u00ed<\/em>-Beere ist ein Superfood aus dem Amazonas bzw. dem Norden Brasiliens und ist dort so etwas wie ein Grundnahrungsmittel. Sie wird allerdings unges\u00fc\u00dft und warm zusammen mit Fisch und Farinha (einem ger\u00f6steten Mehl) oder Tapioca-K\u00fcgelchen gegessen. In Rio kennt man sie allerdings nur als Eis, das am Strand oder an jeder Ecke angeboten wird (mehr dazu im Text zu den Strandetiketten). Das Perverse am Best A\u00e7a\u00ed ist aber nicht das s\u00fcndhaft leckere Eis (A\u00e7a\u00ed in all seinen Variationen, z. B. Maracuj\u00e1, Diet (ohne Zucker), mit Kinderschokolade- oder Milchpulvergeschmack), sondern die Toppings: fl\u00fcssige Ovomaltine, fl\u00fcssige wei\u00dfe Schokolade, Pistaziencreme, Smarties, Banane, Erdbeere, fette Brownie-St\u00fcckchen, Trauben und sonstige Saucen. Das Eis kann also durchaus zur Kalorienbombe werden. Das zu schildern, w\u00e4hrend ich eigentlich \u00fcber eine sportliche Aktivit\u00e4t schreiben will, f\u00fchlt sich falsch an.<\/p>\n<p data-start=\"3292\" data-end=\"4074\">Ich muss nur die morgens noch viel befahrenere <em>Avenida Atl\u00e2ntica<\/em> \u00fcberqueren, was sich als abenteuerlich erweist. Da nicht jede Stra\u00dfe eine Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcberquerung besitzt, muss ich warten, bis sich der Verkehr etwas beruhigt und ich zwischen dem Gehupe und den Motorr\u00e4dern (Achtung, gef\u00e4hrlich!) \u00fcber die zwei Stra\u00dfenautobahnen kann. Das lernt man mit der Zeit, ist so \u00e4hnlich wie die ganzen Videos \u00fcber das Stra\u00dfen\u00fcberqueren in Vietnam. Ich halte kurz inne und beobachte die Menschen in ihren Autos. Wohin sie wohl fahren? Die Gesch\u00e4ftsm\u00e4nner in wei\u00dfen Hemden telefonieren \u00fcber die Freisprechanlage. Die Kinder sitzen gelangweilt in Privatschulen, zu Hause wischt die Hausangestellte Staub von der Stereoanlage. Daneben brettern schwer beladene Transportautos mit Eiskanistern vorbei.<\/p>\n<p data-start=\"4076\" data-end=\"4397\">Sonntags ist die Stra\u00dfe auto\u00e4rmer, da ist eine Spur n\u00e4mlich g\u00e4nzlich f\u00fcr den Verkehr gesperrt. Leute joggen, spazieren, fahren Fahrrad oder Inline-Skates. Von der Avenida sieht man auf dieser H\u00f6he die Spitze des Zuckerhuts, Christus sowie das strahlend blaue und klare Wasser des Atlantiks. Der Strand ist noch fast leer.<\/p>\n<p data-start=\"4399\" data-end=\"4657\">Das ist nun mein Leben in Rio de Janeiro. Seit knapp einem Jahr wohne ich hier, habe immer noch ein kleines Kitzeln, wenn ich morgens dieses fantastische Meer und den Zuckerhut erblicke. Ich beginne meine Joggingrunde, die ich etwa alle zwei Tage wiederhole.<\/p>\n<p class=\"PDq2pG_selectionAnchorContainer\" data-start=\"115\" data-end=\"632\">So langsam sollte ich die Reihenfolge aller Strandbars auswendig kennen, es ist eine gute Strategie, um die Gedanken beim Joggen nicht allzu sehr schweifen zu lassen. Eine Barracke nach der anderen passiere ich, die Sonne brennt sich mit zuverl\u00e4ssiger Gewohnheit auf meine Haut ein. Alle paar hundert Meter rieche ich den Fisch mit Knoblauch, die Musiker in den Strandbars fangen an, die ersten T\u00f6ne zu spielen. Oder eine Fitnessgruppe, bestehend vor allem aus \u00e4lteren Semestern, tanzt zum Rhythmus einer Sambagruppe.<\/p>\n<p data-start=\"634\" data-end=\"1020\">Morgens finde ich es eigentlich am besten. Je weiter der Tag voranschreitet, desto mehr Touris auf orangenen Uber-Fahrr\u00e4dern fahren gem\u00fctlich \u00fcber den Fahrradweg und je mehr Argentinier, Franzosen und auch viele Deutsche kaufen Souvenirs, lassen sich dabei von den Verk\u00e4ufern gen\u00fcsslich abziehen.<\/p>\n<p data-start=\"1022\" data-end=\"1464\">Was mich insgesamt schon seit Beginn meiner Zeit hier fasziniert, ist, wie alle hier begeistert Sport treiben. Jede*r will in Form sein, den perfekten Strandk\u00f6rper haben. Vor allem \u00e4ltere Menschen schockieren mich jedes Mal, wenn sie mich beim Joggen \u00fcberholen (ja, ein*e 70-J\u00e4hrige*r kann schneller als ich sein!) oder mich etwa mit ihren Scootern (einem Hybrid aus halb Fahrrad, halb Motorrad, mit denen man bis zu 50 km\/h fahren kann) \u00fcberholen. Zum Thema Sport in Rio und dem K\u00f6rperkult muss allgemein noch ein gesondertes Kapitel folgen!<\/p>\n<p data-start=\"1466\" data-end=\"1906\">Alle zweihundert Meter kriecht auch kurz der bei\u00dfende Geruch einer orangenen M\u00fclltonne in mein Nasenloch. Die COMLURB ist das st\u00e4dtische M\u00fcllentsorgungsunternehmen und leistet wirklich gigantische Arbeit. Es sind die Helden Rios. Die, die beim ber\u00fchmten Karneval im Samb\u00f3dromo in Rio de Janeiro von hinten alles putzen und sauber fegen. Die, die nach dem Karneval, bei dem die Stra\u00dfe einer offenen Feldschlacht gleicht, alles sauber putzen.<\/p>\n<p data-start=\"1908\" data-end=\"2404\">Doch zum Karneval an anderer Stelle mehr. Nach den f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung Rios kostenlosen Mega-Konzerten an der Copacabana, wie zu Shakira (2026), Lady Gaga (2025) oder Silvester mit 2,5 Millionen Besucher*innen sorgen sie daf\u00fcr, die etwa 5.000 Tonnen M\u00fcll zu entsorgen. Jeden Tag zwischen 2 und 3 Uhr morgens wird der Strand mit gigantischen Pfl\u00fcgen und Traktoren gereinigt und jedes Sandkorn durch ein Sieb gepresst. Damit am n\u00e4chsten Tag die Touristen und Cariocas ihre Br\u00e4une verfeinern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p data-start=\"2406\" data-end=\"2594\">Ich will den COMLURB-Mitarbeitern irgendwann ein Kompliment machen. Ich traue mich aber (noch) nicht. Interessanterweise verdienen Mitarbeitende bei der Stadtreinigung au\u00dferordentlich gut.<\/p>\n<p data-start=\"2596\" data-end=\"2872\">Ich jogge weiter, auf der einen Seite \u00fcberteuerte Strandbars, in denen sie dir 10 EUR f\u00fcr Live-Musik und Servicegeb\u00fchr f\u00fcr den Caipi berechnen, auf der anderen Seite die luxuri\u00f6sen Hotels, z. B. das Copacabana Palace, neben dem ich auch wohne. Ein Stadtteil voller Gegens\u00e4tze.<\/p>\n<p data-start=\"2874\" data-end=\"3302\">Neben der Joggingstrecke lauern auf der anderen Seite auch die unz\u00e4hligen Fotograf*innen, die nur darauf warten, Bilder von allen vorbeilaufenden Joggern zu schie\u00dfen. Also Jogger-Paparazzi. In Deutschland unvorstellbar! Der hochheilige Datenschutz! Ein wildfremder Mensch schie\u00dft Fotos, die er nat\u00fcrlich dann verkaufen will. Ich jogge weiter, w\u00fcnsche dem Fotografen einen guten Tag, posiere manchmal schnell f\u00fcr das Foto. An manche Dinge gew\u00f6hnt man sich.<\/p>\n<p data-start=\"3304\" data-end=\"3645\">Ich passiere die gro\u00dfen Hotelt\u00fcrme: <em>Wyndham, Othon, Fairmont<\/em>. Als ich am <em>Forte de Copacabana<\/em>, einer Festung mit Milit\u00e4rmuseum und sehr exklusiven Caf\u00e9s wie der <em>Cafeteria Colombo<\/em>, angekommen bin, drehe ich an einem kleinen Kreisverkehr f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger um. Heute sind es nur f\u00fcnf Kilometer (vom A\u00e7a\u00ed-Spot zur Festung und zur\u00fcck), \u00fcbermorgen, wenn ich die ganze Copacabana (hin und zur\u00fcck) ablaufe, sind es 8 Kilometer. Weiter nach Ipanema (und auch Leblon, zwei schicke Stadtteile der Zona Sul, S\u00fcdzone Rios) kann man auch laufen, dann f\u00fchrt der weg am ber\u00fchmten Arpoador-Felsen vorbei, auf den zum Sonnenaufgang alle Touristen klettern, um das Ende des Tages zu beklatschen. Ebenfalls sehenswert: Die Aussicht vom Mirante do Leme, einem Aussichtspunkt, auf der anderen Seite des halbmondf\u00f6rmigen Strandes. Auf dem Gipfel befindet sich ebenfalls eine sch\u00f6ne Festung (Forte de Duque de Caxias) &#8211; nat\u00fcrlich, wie so vieles in Rio, mit spektakul\u00e4rer Aussicht.<\/p>\n<p data-start=\"3778\" data-end=\"4401\">So sch\u00f6n die Palmen auf dem Foto auch erscheinen, so sch\u00f6n der Sonnenschein auf das charakteristische Schwarz-Wei\u00df des B\u00fcrgersteigs auch f\u00e4llt, all dieses Luxusleben t\u00e4uscht nicht \u00fcber die soziale Realit\u00e4t dieser Stadt hinweg: In den Nebenstra\u00dfen der Strandpromenade sieht man auch schon die Obdachlosen, oder hier auch <em data-start=\"4098\" data-end=\"4108\">Cracudos<\/em> genannt, da sie Crack konsumieren. An der Supermarktkasse wird man von Stra\u00dfenkindern angesprochen und nach Bargeld oder etwas Essbarem gefragt. Das alles ist hier Alltag und so richtig will man sich hier nicht daran gew\u00f6hnen. Aber was wei\u00df ich, privilegierter 25-j\u00e4hriger wei\u00dfer Mann, schon.<\/p>\n<p data-start=\"3778\" data-end=\"4401\">(<em>Anmerkung<\/em>: Mir ist bewusst, dass dieser Text noch sehr statisch ist und keine anderen Personen au\u00dfer meiner eigenen zu Wort kommen. Ich schildere meine t\u00e4glichen Jogging-Runden, die ich weitestgehend alleine verbringe. In den kommenden \u00a0Tagen werde ich Texte mit mehr Stimmen posten!)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den folgenden Texten will ich Euch ein bisschen in mein Leben in Rio mitnehmen und Szenen aus meinem Alltag schildern &#8211; gepaart mit Reisetipps und authentischen Eindr\u00fccken. 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