{"id":395,"date":"2026-08-03T23:19:48","date_gmt":"2026-08-03T21:19:48","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=395"},"modified":"2026-08-03T23:19:48","modified_gmt":"2026-08-03T21:19:48","slug":"prosa-fetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2026\/08\/03\/prosa-fetzen\/","title":{"rendered":"Prosa-Fetzen"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400\">Er betrat das Mensageb\u00e4ude still und unauff\u00e4llig. Hier ist also der Raum meiner L\u00fcgen. Worte, die verhallen, die sich noch mit M\u00fche an den W\u00e4nden entlangkratzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Er erinnerte sich an Gespr\u00e4che bei billigen Mittagessen, in denen er, wie so oft, das Wort an sich riss und von vermeintlich spannenden Geschichten aus seinem Alltag erz\u00e4hlte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\/\/<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Er dr\u00fcckte das Sitzkissen weiter in den Stuhl. Seine potenzielle Schwiegermutter schaufelte ihm immer mehr Essen auf den Teller \u2013 sehr zum Leidwesen seiner Freundin, weil er doch abnehmen wollte. \u201e Du bisch total nebba der Roll\u201c sagte die Tante zu ihrem Mann. Er war mittendrin \u2013 \u00fcberall neben ihm Pf\u00e4lzer Lebensart, Gespr\u00e4che \u00fcber das Essen statt \u00fcber Politik. Er erwischte sich dabei, wie er ein bisschen \u00fcberheblich auf diese Menschen herunterschaute und hasste sich daf\u00fcr. Diese Menschen hatten Geld und arbeiteten wirklich hart daf\u00fcr. Schei\u00df akademische Blase mit der Abwertung.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\/\/<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Er besch\u00e4ftigte sich nicht so gern mit Musik. Er hasste Menschen, die stundenlang \u00fcber sie reden h\u00f6rten, auf tausende Konzerte im Jahr gingen oder diese verkackten Festivalb\u00e4ndchen am Handgelenk trugen, unter denen sich die Viren sammelten. Er h\u00f6rte nat\u00fcrlich gerne Musik, das geh\u00f6rte irgendwie dazu. Aber er h\u00f6rte Lieder etwa drei Wochen lang, bis er sie hasste und er sie nicht mehr h\u00f6ren konnte. Er h\u00f6rte dann immer ein Lied pro Tag, dr\u00fcckte mittendrin auf Stopp und h\u00f6rte es wieder von vorne.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\/\/<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Er dr\u00fcckte auf das \u201eAbspulzeichen von Youtube\u201c. Er liebte es, Claus Weselsky oder Gunther Krichbaum beim Reden zuzuzuh\u00f6ren. Beide waren erstaunlicherweise von der CDU- Doch das spielte hier keine Rolle. Es ging eher um die Ruhe, die Seri\u00f6sit\u00e4t und die \u201eS\u00fc\u00dfe\u201c, die diese gestandenen M\u00e4nner beim Reden verspr\u00fchten. Seit dem Fr\u00fchjahr 2021 schlief er regelm\u00e4\u00dfig zu den Jung-&amp;-Naiv-Interviews von ihm ein. Er kannte alle Aussagen von ihm mittlerweile auswendig und wurde immer beeindruckter von diesem Mann und seiner, vielleicht inszenierten Integrit\u00e4t. Er sprach \u00fcber Verantwortung, Moral und dem b\u00f6sen Management. Im Gegensatz zu so manchem Politiker glaubte er Claus Weselsky mehr.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Bei Gunther Krichbaum bekam er diese \u201eKlassensprecher-Vibes\u201c. Er mochte es, wie er seine Phrasen mit unterdr\u00fccktem, aber bemerkbaren schw\u00e4bischen Akzent in jedem Ph\u00f6nix-Interview wiederholte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Er liebte den Politiksprech. Vielleicht redete er selbst manchmal so.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Was war eigentlich Reden? Das Produzieren von Lauten? Warum reden Menschen? So viele Worte, wenig Handlung, wenig Konsequenzen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\/\/<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Er dachte dar\u00fcber nach, dass man sich als Autor ja nackig ausziehen musste, wenn man solche Geschichten erz\u00e4hlte. Doch er lie\u00df dem Leser frei, zu entscheiden, was wahr und was erfunden war.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Die Abkehr von der autobiographischen Deutung war ihm im Studium beigebracht worden. Manchmal fragte er sich, ob Literaturwissenschaftler \u00fcberhaupt richtig arbeiteten und ob nicht die Linguisten die wahren Wissenschaftler waren. Dabei war er doch selbst einer. Zumindest in seiner Fantasie.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\/\/<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Er wollte in die Wissenschaft, aber nicht nur wegen des Inhalts, sondern wegen der Macht, des Prestiges. Weil er gerne E-Mails von verzweifelten Studierenden beantworten wollte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Deswegen war es gut, dass er seinen politischen Werdegang nicht weiterverfolgte. Er trug schon seit seiner fr\u00fchen Jugend gerne Hemden, Ledertaschen und f\u00fchlte sich gerne wichtig.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\/\/<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Manchmal hatte er den Gedanken, dass seine Jugend durch seine Finger rann. Warum mussten alle jungen per definitionem wild, laut und rebellisch sein. Mit dem Anzug f\u00fchlte er sich wie ein Schei\u00df Kapitalist. Der Philipp Amthor der SPD.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\/\/<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Er blickte seine Mutter im Theater an. Verstand sie \u00fcberhaupt etwas? Es war das erste Mal in zwanzig Jahren in Deutschland, dass sie eine klassische Theaterauff\u00fchrung besuchte, die nicht mit dem Dschungelbuch oder dem Hund Bello zu tun hatte. Er hatte Pl\u00e4tze in der 1. Reihe gebucht, was einen unglaublichen Blick auf die Schwei\u00dfperlen und die Speichelerg\u00fcsse der recht dicken Darsteller erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Neben ihm in der Reihe sa\u00df der \u00f6rtliche CDU-Bundestagsabgeordnete und blickte etwas nerv\u00f6s um sich. Wahrscheinlich fragte er sich, wen er noch gr\u00fc\u00dfen k\u00f6nnte, um sein politisches Kontaktbuch zu pflegen. Wahrscheinlich war er heute aus Berlin angereist, mit dem Flugzeug um 17 Uhr in Stuttgart. Auf dem Flug hatte er ein paar Artikel \u00fcber Friedrich Merz gelesen, sich mit gewaltigen Handgesten emp\u00f6rt und auf Twitter geteilt. Im Taxi hatte er etwas zu oft auf den gewaltigen Busen der jungen Taxifahrerin, wahrscheinlich Studentin, geschielt und seine Frau zuhause mit einem schnellen Kuss begr\u00fc\u00dft, ehe er sein Sakko lockerte und mit dem Elektroauto ins Theater fuhr.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Die Auff\u00fchrung begann und er schaltete direkt ab. Keine Requisiten, erwartbare Dialoge und gespielte Ernsthaftigkeit.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\"><em>Warum waren Theatermenschen so wahnsinnig peinlich?<\/em><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\/\/<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Er sa\u00df in der Schlange und fror sich einen Ast ab. Das Lokal war voll. Innen speisten die Vertreter einer neuartigen Stuttgarter M\u00f6chtegern-Bourgeoisie Miso-Suppen und viel zu teure Dumplings, die aber viel zu lecker waren, sonst h\u00e4tte er sich nicht in die lange Schlange in der K\u00e4lte gestellt. Die Menschen in der vorbeifahrenden Stra\u00dfenbahn blickten wie dumme Rehe aus dem Fenster und beobachteten die Menschenmenge mit glotzenden Augen. Man konnte die Verachtung bis hierher riehen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">War das die neue westliche Tendenz, sich international und aufgekl\u00e4rt zu geben, nur weil man eine d\u00e4mliche Misosuppe schl\u00fcrfte und ein paar zu teure Dumplings in den Rachen stopfte?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er betrat das Mensageb\u00e4ude still und unauff\u00e4llig. Hier ist also der Raum meiner L\u00fcgen. Worte, die verhallen, die sich noch mit M\u00fche an den W\u00e4nden entlangkratzen. 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