{"id":385,"date":"2026-07-02T03:56:49","date_gmt":"2026-07-02T01:56:49","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=385"},"modified":"2026-07-02T15:12:18","modified_gmt":"2026-07-02T13:12:18","slug":"graeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2026\/07\/02\/graeben\/","title":{"rendered":"Gr\u00e4ben"},"content":{"rendered":"<p>Endlich ist es an der Zeit, dass ich einen Text \u00fcber Gr\u00e4ben schreibe. &#8222;Gr\u00e4ben?&#8220; \u00a0werden jetzt manche denken. Hat er sich vertippt, meint er den Plural von Graben?Tats\u00e4chlich ist Gr\u00e4ben, ein 500-Seelen-Einwohner-Dorf in Brandenburg einer der emotionalsten und sch\u00f6nsten Orte auf der ganzen weiten Welt. Es ist mehr als nur ein Dorf. Ich m\u00f6chte im Folgenden Einblicke in die Soziologie dieses Ortes geben und schildern, wie ich dadurch gepr\u00e4gt wurde.<\/p>\n<p>Und nun musste ich mein Leben in Rio de Janeiro kurz f\u00fcr 10 Tage unterbrechen. Meine Oma ist \u00fcberraschend und nach einem zweij\u00e4hrigen Krebsleiden verstorben; ich bin zur Beerdigung gekommen. Und ich erlebte diese Oase als wohltuend, eine sehr willkommene Abwechslung zum Trubel an der Copacabana. Ein paar Tage abschalten, die Ruhe genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Doch fangen wir ganz von vorne an:<\/p>\n<p>Wenn ich als Kind und als Jugendlichen den Satz h\u00f6rte &#8222;Wir fahren nach Gr\u00e4ben&#8220;, dann bedeutete dies \u00fcbersetzt: Ich werde eine Woche lang sch\u00f6nste Natur sehen. Ich werde ein paar Tage lang Oma und Opa sehen und mich von ihnen verw\u00f6hnen lassen. Ich kann mich wirklich entspannen und die Seele baumeln lassen. Ich bin eine Woche raus aus meinem Alltag.<\/p>\n<p>Nun, als junger Erwachsener, hat sich daran fast nichts ge\u00e4ndert. Nur, dass Oma nicht mehr da ist.<\/p>\n<p>Es ist sehr merkw\u00fcrdig, in das Haus zu kommen und sie nicht mehr anzutreffen. Die letzte Woche ihres Lebens war ich nur \u00fcber Videotelefonie zugeschaltet, ich habe mich nur noch \u00fcber ein kurzes Video verabschieden k\u00f6nnen. Jetzt sitze ich im Wohnzimmer und starre auf einen leeren Sessel. Normalerweise w\u00fcrde sie darin sitzen, mich mit ihren ozeanblauen Augen mustern und mir 1000 Fragen \u00fcber mein Studium, meine Beziehung, meine Reisen und mein Befinden stellen. Sie w\u00fcrde die D\u00e4umchen drehen und laut nicken, wenn die Nachrichten im ZDF liefen. Oder einen Krimi von Nele Neuhaus lesen.<\/p>\n<p>Sie w\u00fcrde hereinkommen, w\u00e4hrend ich am Arbeiten, vielleicht ja am Tippen dieses Blogs w\u00e4re, die T\u00fcr vorsichtig aufmachen, so wie sie es immer tat und sagen: &#8222;Mark, soll Oma dir noch zweee Schrippen warmmachen?&#8220; Dieser Satz ist zentral. Er fand auch Verwendung in meiner Rede beim Trauerkaffee nach der Beerdigung. Mein Opa bat mich darum, es war mir eine gro\u00dfe Ehre, jedoch gleichzeitig auch die schwierigste Rede meines Lebens.<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00fcrde sie auch sagen: &#8222;Mark, das Essen ist fertig!&#8220;. Und am gedeckten Tisch in der Veranda w\u00fcrde mich eine k\u00f6stliche H\u00e4hnchenkeule mit Reis, ihr fabelhaftes Frikassee oder schmackhafte Kohlrouladen erwarten. Nat\u00fcrlich mit Nachschlag. Oma stand zu oft auf, um mir noch etwas zu bringen. Anschlie\u00dfend machte sie den gesamten Abwasch &#8211; &#8222;Ist gut, Mark&#8220;. Sie akzeptierte selten Hilfe. Sie stellte alles zur\u00fcck, auch ihre Gesundheit, wenn es um unser Wohl ging.<\/p>\n<p>Gerne sa\u00df sie hinten im Garten, bei den V\u00f6gelchen, mit Mona auf dem Scho\u00df. Ich redete mit ihr \u00fcber das Leben, \u00fcber das Aufwachsen in Brandenburg a.d. Havel, fragte sie \u00fcber die schlesische Herkunft ihrer Eltern aus. Dann lachte sie immer, auf ihre unverwechselbare Art und Weise. Mit einer Fleece-Jacke w\u00fcrde mein Opa sich dazugesellen und weitererz\u00e4hlen. Bis die k\u00fchle Abendluft uns in die warme Stube trieb. Ich trank meinen Wei\u00dfwein.<\/p>\n<p>Sie ist Teil von Gr\u00e4ben und wird es auch immer sein. An jeder Ecke habe ich Erinnerungen an sie. Ihre lila Jacke h\u00e4ngt noch an der Treppe, ihre Schuhe stehen im Schuhregal. Es ist wirklich hart, die Schubladen zu \u00f6ffnen, immer die Angst, Pers\u00f6nliches zu finden. Ein durch und durch wunderbarer Mensch, der mich mit seiner Intelligenz und Klugheit bereicherte. Wenn ich wieder auf ein schwieriges Wort beim Kreuzwortr\u00e4tsel nicht kam, dann schaute ich zu Oma. Sie \u00fcberlegte kurz und trug es in ihrer runden Schrift in die K\u00e4stchen ein. Oftmals war das R\u00e4tsel schon halb ausgef\u00fcllt, sie lie\u00df die H\u00e4lfte f\u00fcr mich \u00fcbrig. Die Zeitung lag neben dem Korb mit den warmen Schrippen. Es ist schwer, nicht zu weinen beim Verfassen dieser Zeilen.<\/p>\n<p>Morgen reise ich wieder nach Rio de Janeiro, es f\u00fchlt sich sonderbar an. Jetzt habe ich nach 10 Monaten die gesammelte Mannschaft gesehen, umarmt, gelacht, an Oma gedacht. Nun lasse ich meinen Opa zur\u00fcck, den ich so tapfer erlebt habe. Er hat sein Lachen und seine Geschichten nicht verloren. Er fragt viel, interessiert sich genau wie Oma f\u00fcr mein Leben. Hat dieses Gl\u00e4nzen in den Augen, wenn er von seinem Enkel in Anwesenheit von anderen erz\u00e4hlt. Das Haus ist riesig, es gibt viel zu tun. Und ich bin sehr froh, dass mein Opa gesundheitlich fit ist. Er l\u00e4uft, redet, h\u00f6rt und sieht ohne weiteren Probleme. Er f\u00e4hrt mit fast 90 Jahren problemlos Auto, kann Arbeiten am Haus noch erledigen. Am meisten freut mich aber, dass er ein belesener und hochgebildeter Gespr\u00e4chspartner geblieben ist, der mir als wandelndes Geschichtsbuch die Welt erkl\u00e4rt. Kaum vorzustellen, dass er, 1937 geboren, zwei Diktaturen, die Umstellung von Schreibmaschine auf Computer, den Mauerbau und Mauerfall, die dunklen Kriegsjahre, die technologische Revolution und KI erlebt und selbstverst\u00e4ndlich adaptiert haben.<\/p>\n<p>Jedenfalls ist sind Oma und Opa der Hauptgrund daf\u00fcr, dass es mir in Gr\u00e4ben so gutgeht.<\/p>\n<p>Es war f\u00fcr mich nicht einfach, die Gro\u00dfmutter in Rio zu verlieren. Ich war so weit weg, konnte ihre Hand nicht zum letzten Mal halten.<\/p>\n<p>Gr\u00e4ben, das bedeutet f\u00fcr mich oft folgenden Tagesablauf &#8211; ich gew\u00e4hre einmal einen kleinen Einblick.<\/p>\n<p>Gegen 8 oder 9 stehe ich auf. Ich liege noch in meinem Zimmer, von allem die &#8222;Bibliothek&#8220; genannt. Mein Opa, ein sehr belesener Mann, hat hier alle seine B\u00fccher alphabetisch geordnet, im B\u00fccherregal stehen. Wenn das Licht durch das gro\u00dfe Dachfenster hineinkommt und ich mich zur Seite lege, sehe ich immer diese eine Buch beim Aufwachen &#8222;Seemacht&#8220;. Daneben &#8230;<\/p>\n<p>Irgendwann komme ich\u00a0herunter. Im Sommer (etwa Mai bis September) fr\u00fchst\u00fccken wir in der Veranda im vorderen Teil des Hauses, im Winter findet das allmorgendliche Fr\u00fchst\u00fcck im Esszimmer, neben der K\u00fcche statt. Das ist feste Tradition. Der Fr\u00fchst\u00fcckstisch ist bereits gedeckt: Warme Schrippen stehen auf dem Tisch, zusammen mit den Marmeladengl\u00e4sern, bei denen der Deckel abgeschraubt und stattdessen ein kleiner L\u00f6ffelchen steckt. Ges\u00fc\u00dfte Erdbeeren aus dem Garten, ein glas Nudossi, eine sauleckere DDR-Haselnusscreme, die man noch vereinzelt findet, feiner Bauernschinken und die zartschmelzender Butter. Vielleicht noch Knusperflakes. Ja, ich ern\u00e4hre mich nicht immer gesund. Ein, zwei Kilo mehr auf der Waage nach Gr\u00e4ben sind normal. Aber diese Kilos d\u00fcrfen auch sein. Ich genie\u00dfe das Fr\u00fchst\u00fcck, jeden Bissen der warmen Schrippe. Danach begebe ich mich ins Wohnzimmer. Auf dem Fr\u00fchst\u00fcckstisch hatte ich schon auf das Kreuzwortr\u00e4tsel der M\u00e4rkischen Allgemeinen geschielt. Oma hatte in der Regel schon bearbeitet. Im Wohnzimmer setze ich mich an das Kreuzwortr\u00e4tsel und l\u00f6se es fertig, manchmal mit elektronischer Hilfe.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend begebe ich mich, im Sommer nach drau\u00dfen. Ich hole mir einen Gartenstuhl samt Polster und lege mich in die Sonne. In den gro\u00dfen Garten. Absolute Stille. Genauso wie nachts. Nur ab und zu nervt der M\u00e4hrobotor der Marke Stihl, Oscar, der dreimal am Tag unbeirrlich seine Bahnen zieht. Ich lese gute Artikel aus meiner Lieblingszeitschrift, dem Spiegel, alternativ einen dicken W\u00e4lzer f\u00fcr die Uni oder sonstige Literatur. Ich kann in Gr\u00e4ben alles: entspannen aber auch produktiv sein. Antr\u00e4ge, Hausarbeiten, Klausuren wurden hier schon konzipiert, aber auch Klassiker gelesen (mitgebracht oder aus der Bibliothek)<\/p>\n<p>Gr\u00e4ben ist im Winter nat\u00fcrlich ganz anders als im Sommer. Unterschied wie Tag und Nacht. Beides gleich wohlig warm. Im Winter kuschelt man sich im Wohnzimmer zusammen, schaut man bis sp\u00e4t in die Nachts die Heute Show oder Extra3 (meine Kindheit), isst dabei die Schoko Crossies aus dem S\u00fc\u00dfigkeitenschrank. Im Sommer beendet man den Tag mit einer ordentlichen Partie Rommy mit Oma und Opa im Garten, w\u00e4hrend die Sonne die Grasspitzen ins Bett k\u00fcsst und der Riesling perlt.<\/p>\n<p>Gr\u00e4ben bedeutet, beim Duschen oder Toilettengang Antenne Brandenburg oder Fritz h\u00f6ren zu k\u00f6nnen (Opa dachte damals schon beim Einbau an beide Generationen)<\/p>\n<p>Gr\u00e4ben bedeutet, lange im Bett in der Bibliothek ausschlafen zu k\u00f6nnen und am Abend zuvor die Sterne durch das Velux-Fenster beobachten zu k\u00f6nnen<\/p>\n<p>Gr\u00e4ben, das ist der Geruch nach warmen Schrippen und nussiger Nudossi-Creme, die auf dem Br\u00f6tchen vom B\u00e4cker aus dem Nachbardorf Wollin streichzart schmilzt.<\/p>\n<p>Gr\u00e4ben, das sind ruhige Momente auf der Hollywood-Schaukel im Garten mit einem guten Buch<\/p>\n<p>Gr\u00e4ben sind lange Radtouren durch sandige B\u00f6den, Kiefernw\u00e4lder und keiner Menschenseele.<\/p>\n<p>Gr\u00e4ben ist dort, wo meine deutschen Wurzeln liegen. Wo die Familie ist.<\/p>\n<p>Gr\u00e4ben ist ein Ort der Ruhe. Der Seelenruhe und der letzten Ruhe auch.<\/p>\n<p>Es sind diese Orte, an denen man Wieder Kind ist. Sich nicht erkl\u00e4ren muss. Alles stimmt. Wenn jedes M\u00f6bel dich einl\u00e4dt, dich zu setzen, eine Tasse Kaffee zu trinken und gute Gespr\u00e4che zu f\u00fchren, w\u00e4hrend Opa erz\u00e4hlt und man durch Kindheitsalben seines Vaters aus dem Jahr 1966 bl\u00e4ttert.<\/p>\n<p>Interessanterweise besitze ich zu Gr\u00e4ben eine andere Anziehung als zu manch anderen Orten wie T\u00fcbingen, an denen ich f\u00fcnf Jahre gelebt habe. Ich will nicht sagen, ob st\u00e4rker oder nicht, aber auf jeden Fall anders.<\/p>\n<p>Jetzt denke ich an meinen geliebten Opa, der ohne Oma im Wohnzimmer sitzt. Alleine im Garten. Der Fernseher l\u00e4uft. Nur nicht mehr ihre Programme, die laufen. Der ganz stark und tapfer ist. Wie muss das so wohl sein, jemanden nach 63 Jahren zu verlieren? Jeden Tag gemeinsam aufzuwachen, jemanden zum reden haben. Ich kann es mir nicht anma\u00dfen&#8230;<\/p>\n<p>Als ich zum ersten Mal in die K\u00fcche kam und sie nicht da war, habe ich laut geweint. Zuviele Erinnerungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p data-start=\"0\" data-end=\"439\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich ist es an der Zeit, dass ich einen Text \u00fcber Gr\u00e4ben schreibe. &#8222;Gr\u00e4ben?&#8220; \u00a0werden jetzt manche denken. Hat er sich vertippt, meint er den Plural von Graben?Tats\u00e4chlich ist Gr\u00e4ben, ein 500-Seelen-Einwohner-Dorf in Brandenburg einer der emotionalsten und sch\u00f6nsten Orte auf der ganzen weiten Welt. Es ist mehr als nur ein Dorf. 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