{"id":356,"date":"2025-03-12T03:05:56","date_gmt":"2025-03-12T02:05:56","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=356"},"modified":"2025-03-13T18:58:04","modified_gmt":"2025-03-13T17:58:04","slug":"was-ist-eigentlich-identitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2025\/03\/12\/was-ist-eigentlich-identitaet\/","title":{"rendered":"Was ist eigentlich Identit\u00e4t?"},"content":{"rendered":"<p>Vor kurzem las ich zwei sensationnelle B\u00fccher, die mich seitdem nicht mehr loslassen.<\/p>\n<p>Sie besch\u00e4ftigen sich mit den Fragen, die mich seit jeher umtreiben: Wer bin ich? Inwiefern bestimmt meine Migrationsgeschichte mein Sein? Gibt es Wei\u00df-Sein? Bin ich wei\u00df genug?<\/p>\n<p>Im Folgenden will ich die B\u00fccher kurz, knapp und kritisch besprechen, ehe ich meine eigenen Gedanken mit der Rezension verkn\u00fcpfe:<\/p>\n<p><em>Identitti<\/em> ist ein blogartiger Roman aus hochaktuellen Schnipseln deutscher Gegenwartsdebatten: Nivedita Anand betet ihre Professorin in Postcolonial Studies an, die in Dupatta auftritt, zahlreiche Bestseller \u00fcber Rassismus, Postkoloniale Theorie geschrieben hat und eine indische Herkunft vorgibt. Ihr Name: Saraswati (mit sch!). Wie eine indische Gottheit. Wie ein Mantra. Man braucht keinen Nachnamen. Nur ein Problem: Sie hei\u00dft eigentlich Sara Vera und ist Zahnarzttochter aus Karlsruhe.<\/p>\n<p><em>Dschinns<\/em> f\u00fchrt achterbahnartig durch die Biographien der f\u00fcnf Hauptcharaktere der Familie Yilmaz (?). Was alle vereint: Der Tod. Vater H\u00fcseyin stirbt just, als er den Schl\u00fcssel seiner Eigentumswohnung in Istanbul ausgeh\u00e4ndigt bekommt. Nach drei\u00dfig Jahren Arbeit in der Fabrik schmerzen die Knochen, von der Seele ganz zu schweigen. Auf einmal m\u00fcssen alle zur Beerdigung &#8211; und haben Gelegenheit, die Widerspr\u00fcche und Lebensl\u00fcgen der Familiengeschichte aufzudecken. Oder eben nicht?<\/p>\n<p>Beide B\u00fccher erz\u00e4hlen mit Tempo, Witz und einer ziemlichen Gelassenheit \u00fcber die deutsche Heuchelei, die Marginalisierung von Randgruppen und dem Wunsch nach Selbstbestimmung.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Identitti sozusagen die Aufsteigerbiographie anders herum erz\u00e4hlt (Saraswati hat ihren Status auch deshalb, weil sie nicht-wei\u00df ist), legt Dschinns den Finger in die deutsche Wunde und erz\u00e4hlt Schicksale, wie sie sich zu tausendfach in Deutschland abgespielt haben: Gastarbeiterfamilie tritt auf deutsche K\u00e4lte. Die Menschen, die dieses Land nach dem 2. Weltkrieg mit aufgebaut werden, werden mit brennenden Fl\u00fcchtlingsheimen (M\u00f6lln, Lichtenhagen) und einer Verachtung konfrontiert, die sich etwa darin bemerkbar macht, dass der Fu\u00dfballtrainer von H\u00fcseyins Sohn \u00dcmit eine Bibel in t\u00fcrkischer \u00dcbersetzung mit nach Hause geschickt bekommt. &#8222;Ganz unten&#8220; titelte einst G\u00fcnter Wallraff, als er mit verdunkelten Pupillen als verkleideter t\u00fcrkischer Gastarbeiter in die Abgr\u00fcnde der deutschen Gesellschaft stieg. Ich muss immer daran denken, wie diese Biographien unser Land bis heute pr\u00e4gen. Menschen, die Flei\u00df und Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber ihrer neuen Heimat \u00fcber alles Andere stellten.<\/p>\n<p>Das ist auch ein Aspekt, den ich an <em>Dschinns<\/em> sch\u00e4tze und in <em>Identitti<\/em> vermisse: Das Bodenst\u00e4ndige, der Wert von Familie, Anstand und Respekt. Identitti verliert sich oft in akademischem BlaBla, Saraswati braucht gef\u00fchlt zehn Jahre, um ein Gest\u00e4ndnis abzulegen. Stattdessen wird eine Nivedita eindr\u00fccklich als zerrissen beschrieben &#8211; einerseits loyal ihrem gr\u00f6\u00dften Vorbild, anderseits auch voller Fragen und Zweifel. Kali, die indische G\u00f6ttin, begleitet den Leser st\u00e4ndig als Niveditas Gewissen. Die Art und Weise, wie diese Gottheit zur narrativen Instanz transformiert wird, verdient Hochachtung &#8211; kein Wunder, dass Mithu Sanyal f\u00fcr den Buchpreis im Jahr 2022 nominiert wurde.<\/p>\n<p>Ich kann mich mit Nivedita insofern identifizieren, als dass ich mir schon oft die Frage wie sie gestellt habe: Wie \u201eausl\u00e4ndisch\u201c bin ich eigentlich? Bin ich deutsch genug oder mexikanisch? Mir ist bewusst, dass diese Frage aus heutiger Perspektive problematisch sein kann Bzw. der Identit\u00e4tsbegriff kein statischer ist, sondern ein Potpourri aus verschiedenen soziobiographischen Aspekten, die mich gepr\u00e4gt haben. Aber ich f\u00fchle mit Nivedita, wenn sie sich fragt: \u201eWie braun bin ich eigentlich\u201c? Auch ich habe mich dabei ertappt, dass ich mich in meiner Eitelkeit fr\u00f6nte, aus einem relativ \u201eexotischen\u201c Land zu kommen. Ich war und bin schon immer stolz auf meine beiden Identit\u00e4ten. Gott sei Dank habe ich in meinem Leben noch nie eine rassistische Erfahrung machen m\u00fcssen (und die immergleichen Kommentare, ob ich als Mexikaner Drogen besorgen k\u00f6nne, z\u00e4hle ich nicht mit rein). Ich war immer stolzer auf meine mexikanische Identit\u00e4t als auf die deutsche &#8211; auch, weil in Mexiko ein anderes Verh\u00e4ltnis zum \u201eVaterland\u201c herrscht (auch dieser Begriff ist in Deutschland &#8211; zu recht! &#8211; kritisch zu betrachten). Wir k\u00f6nnen es uns als Deutsche aus Respekt vor unserer Vergangenheit nicht leisten, am 3. Oktober fahnenschwenkend durch die Stra\u00dfen zu laufen. Und das ist auch gut so. In Mexiko sieht man zum 15. September an jeder Ecke Mexiko-Medaillen, F\u00e4hnchen, Flaggen und sonstigen Nationalkitsch. Der Katholizismus, die Traditionen, Folklor, das Essen h\u00e4lt dieses Land irgendwie zusammen &#8211; der Zentralismus der Hauptstadt Mexiko-Stadt tut auch sein \u00dcbriges. Hier ist Deutschland durch den F\u00f6deralismus und die regionalen Besonderheiten anders gepr\u00e4gt. Aber gut, ich schweife ab.<\/p>\n<p>Man will ja immer das, was man nicht hat. Da ich in Deutschland sozialisiert bin und den Gro\u00dfteil meiner Schulbildung hier genossen habe, war Mexiko immer der sonnige Sehnsuchtsort, wo Familie und Freund*innen warteten. Nivedita will auffallen &#8211; sie will sich ihre Identit\u00e4t \u00fcber ihre Andersartigkeit konstruieren &#8211; und \u00fcber ihr PoC-Sein, wobei auch sie zum Schluss kommt, dass sie auch nicht richtig PoC ist. Hier h\u00e4tte ich mir mehr Auseinandersetzung mit ihrer eigenen (Familien-)Biographie gew\u00fcnscht. In Ihrem Wahn und Bewunderung f\u00fcr Saraswati bleibt sie oft recht blass.<\/p>\n<p>Auch ich habe oft gemerkt, wie ich mich hinter meiner Herkunft Mexiko verstecken wollte &#8211; selbst, als ich mit deutschen Touristen in Mexiko-Stadt kein Deutsch reden wollte. Ich habe mich zeitweise eher als Mexikaner gesehen, was zur traumatischen Erfahrung f\u00fchrte, als ich zum Spiel Deutschland gegen Mexiko zur WM 2018 in voller Mexiko-Montur ging &#8211; als einziger im deutschen Biergarten. Die Reaktionen waren entsprechend\u2026<\/p>\n<p>Der hochbrisante Punkt an <em>Identitti<\/em> ist jedoch, ob Identit\u00e4t in Form von race wie ein Kleidungsst\u00fcck angezogen werden kann. Der Knackpunkt ist bei Saraswati, dass sie sich in ihrer akademischen Karriere Glaubw\u00fcrdigkeit verschaffen will, in dem sie ihre Privilegien als Zahnarzttochter ablegt und eine neue Identit\u00e4t annimmt. Sie beschreibt stets, dass sie es im Auftrag der unterdr\u00fcckten Minderheit getan habe und daher durch eine Art H\u00f6lle gegangen sei. Diese Argumentation ist sehr fragw\u00fcrdig und wird eigentlich nur von Oluchi, einer Nebenfigur und Anf\u00fchrerin der Proteste gegen sie, in Frage gestellt. Eigentlich h\u00e4tte ich ein konfrontatives Statement in all seiner Klarheit von Nivedita erwartet, die ja tagelang durch Saraswatis Wohnung vagabundiert.<\/p>\n<p>Die Frage, die sich mir und vermutlich anderen Leser*innen stellt, lautet: W\u00e4re Saraswati auch ohne diese Rolle so erfolgreich geworden? Sie ist und bleibt ja eine ausgezeichnete Wissenschaftlerin und Expertin\u2026<\/p>\n<p>Aber wie gesagt: Saraswati bleibt uns Antworten zu ihrem Werdegang schuldig. Was dieses Buch aber genial macht: Twitter-Verl\u00e4ufe, Facebook-Eintr\u00e4ge und Ticker-Meldungen im Stile von bekannten Pers\u00f6nlichkeiten wie Ijoma Mangold oder Ruprecht Polenz nachzuzeichnen &#8211; klugerweise mit Genehmigung der realen Pers\u00f6nlichkeiten. Dadurch besitzt man beim Lesen das Gef\u00fchl, einem realen Diskurs \u00fcber den Fall Saraswati zu folgen. Die Erz\u00e4hlschleife am Ende zum rassistischen Anschlag in Hanau 2020 ist angebracht, wirkt aber etwas k\u00fcnstlich herbeigezeugt.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu <em>Dschinns<\/em>: Eine identit\u00e4tspolitische Auseinandersetzung findet hier nicht statt, aber Dschinns schafft trotzdem Gro\u00dfes: Das Unausgesprochene in Familien aussprechen zu lassen, also die Kr\u00e4nkungen, Verzichte, \u00c4ngste, N\u00f6te, die sich durch eine Migrationsgeschichte ergaben. Der Entzug von Rechten, die Untedr\u00fcckung der Frau (v.a. Bei Sevda), die Bevorzugung der j\u00fcngeren Kinder, ein unausgelebtes Coming-Out bei \u00dcmit, das Aufeinanderprallen von studentischer Ideologie und konservativ gepr\u00e4gten Familienwerten, wie sie Perihan erlebte. \u00a0Jede Figur tr\u00e4gt Dschinns, also b\u00f6se Geister, mit sich herum, die sich am Ende in einem fulminanten Spektakel entladen (mehr verrate ich hier nicht!).<\/p>\n<p>Durch die wechselnde interne Fokalisierung stellt sich nat\u00fcrlich die Frage, ob nicht die <i>Dschinns<\/i> der Figuren selbst die Geschichte erz\u00e4hlen. Hochspannend auch die Thematisierung und Tabuisierung der kurdischen Herkunft der Familie (zuhause in Deutschland wurde kein Kurdisch mehr gesprochen), die sich im Verlaufe der Handlung als Kernkonflikt herauskristallisiert. Es geht also doch irgendwie um Identit\u00e4t, eine Familienidentit\u00e4t durch die Perspektive aller Familienmitglieder.<\/p>\n<p>Bei all diesen St\u00e4rken bleibt jedoch auch kritisch anzumerken, dass insbesondere die Figur des Hakan sehr stereotypisiert gezeichnet ist. Nat\u00fcrlich f\u00e4hrt er im Sportwagen in die T\u00fcrkei, heizt \u00fcber bayrische Autobahnen und wird von den Polizeibeamten rassistisch angegangen. Auch seine fragile M\u00e4nnlichkeit (nach au\u00dfen gibt er den Proll) wirkt etwas \u00fcberzeichnet. Aber naja, gut, dass Sevda im Gegenzug am meisten Raum erh\u00e4lt. Sie ist eine Figur, zu der man aufblickt. Kein Wunder, dass das finale Wortgefecht ihr und der Mutter geh\u00f6rt, w\u00e4hrend der Rest der Familie spontan nach Antalya an die K\u00fcste f\u00e4hrt &#8211; mit Hakans Auto, also besitzt er doch eine Funktion.<\/p>\n<p>Mit <em>Dschinns<\/em> konnte ich mich anfangs nicht so identifizieren wie mit <em>Identitti<\/em>, einfach aus meiner Biographie heraus, aber trotzdem habe ich in jeder Zeile mitgefiebert, war live dabei, als Sevdas Wohnung brannte, als H\u00fcseyin seinen Sohn im Wohnzimmer anschrie, weil er mit Graffitis gespr\u00fcht hatte. Dieses Buch weckt auf und f\u00fchrt uns exemplarisch ein Gastarbeiter-Beispiel vor Augen, die unser Land durch unerm\u00fcdliche Arbeit vorangebracht hat &#8211; ohne R\u00fccksicht auf famili\u00e4re Verluste. <i>Dschinns<\/i> zeigt, wie stark wir Menschen durch unsere famili\u00e4re Sozialisation und unsere Geister, also kulturellen Vorstellungen und Traditionen, beeinflusst werden. Es zeigt aber auch, wie wir uns davon l\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Identit\u00e4t &#8211; es bleibt ein bisschen \u201ealles oder nichts\u201c und ist hochkomplex zu definieren. Aber zumindest sehe ich nach diesen Lekt\u00fcren in diesem Dschungel etwas klarer und blicke aus zwei Perspektiven darauf: Aus der Familien-Brille und aus dem akademischen Elfenbeinturm.<\/p>\n<p>Wer oder was sind wir? Auch das, was wir lesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor kurzem las ich zwei sensationnelle B\u00fccher, die mich seitdem nicht mehr loslassen. Sie besch\u00e4ftigen sich mit den Fragen, die mich seit jeher umtreiben: Wer bin ich? Inwiefern bestimmt meine Migrationsgeschichte mein Sein? Gibt es Wei\u00df-Sein? Bin ich wei\u00df genug? 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