{"id":338,"date":"2024-09-21T14:27:12","date_gmt":"2024-09-21T12:27:12","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=338"},"modified":"2024-09-21T14:27:12","modified_gmt":"2024-09-21T12:27:12","slug":"erster-schultag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2024\/09\/21\/erster-schultag\/","title":{"rendered":"Erster Schultag"},"content":{"rendered":"<p>Ich schlie\u00dfe die Augen und sehe mein Sechstkl\u00e4ssler-Ich vor mir. Die Kinder schreien, werfen mit Klebestiften und Ausmalbildchen um sich. Reliunterricht. Es werden die Unterschiede zwischen evangelisch und katholisch besprochen. Die Lehrerin gibt sich M\u00fche. Mit ihr reden wir beide Praktikanten etwas, sie hat in T\u00fcbingen studiert und einmal an einer spanischen Theatergruppe teilgenommen. Den Dozent kenne ich aber leider nicht. Was f\u00fcr eine Vorstellung, dass sie auch einmal eine verpeilte Theologie-Studentin war. Ich blicke wieder auf die Kids in ihren Pullis vom Sportverein K\u00f6ngen und ihren kleinen Schuhen mit Gr\u00f6\u00dfe 36: Sie tr\u00f6deln die Kids bei allem so herum. Wir brauchen etwa 60 min, um einen Anschrieb von der Tafel ins Heft zu bringen und einen L\u00fcckentext auszuf\u00fcllen. War das fr\u00fcher bei mir auch so? Vergeht die Zeit langsamer in der 6. Klasse?<\/p>\n<p>Um die Zeit geht es auch im Geschichtsunterricht in der 6. Klasse: Wie nehmen wir Zeit wahr? Warum spielt Zeit f\u00fcr Geschichte eine wichtige Rolle? Die Sch\u00fcler sollen einen Zeitstrahl erstellen und wichtige Lebensdaten eintragen. Die meisten erledigen die Aufgabe, einige wenige Jungs zerkn\u00fcllen ihr Papier und malen Kritzeleien auf. Ich laufe durch den Raum und blicke auf die Daten. Jemand hat als wichtiges Ereignis die WM aufgeschrieben. Nach kurzem \u00dcberlegen f\u00e4llt mir auf, dass nicht die WM 2010 in S\u00fcdafrika gemeint ist, an die ich mich sehr gut erinnern kann. Nat\u00fcrlich gibt es den \u201eKlassen-Macker\u201c. Ganz in schwarz gekleidet, kurzgeschorene Haare, Sneaker. Ich wei\u00df genau, wie er in f\u00fcnf Jahren aussehen wird. Ich wei\u00df, dass er noch einige Male zur Schulleiterin muss. Dass er vielleicht der erste ist, der in der 7. oder 8. ein M\u00e4dchen kennenlernt, ihr Herz aber bricht. Vielleicht wird er einmal eine Kfz-Werkstatt besitzen. Die Gr\u00fcnen wird er nie w\u00e4hlen, wenn er \u00fcberhaupt w\u00e4hlen geht.<\/p>\n<p>Der Lehrer vorne ist selbst nicht alter. Sportlich, Holzf\u00e4ller-Hemd, New-Balance-Sneaker. Er scheint beliebt zu sein, weil er jung und cool ist, sonst h\u00e4tte die Klassensprecherin (vermute ich) nicht \u201eGeschichte bei Herrn \u2026\u201c vor der Stunde auf die Tafel geschrieben, ein Schriftzug, der von Bl\u00fcmchen verziert war. Ich blicke den Bizeps des Lehrers an, der uns nat\u00fcrlich sofort das Du anbietet, wie bei den jungen Kollegen \u00fcblich.<\/p>\n<p>Ich stelle mir vor, wie er Parties in seiner viel zu kleinen WG-K\u00fcche in Heidelberg feierte, wie er sich von seiner ersten Freundin in Heidelberg trennte, um ein paar Jahre sp\u00e4ter nach Stuttgart in eine Wohnung im Heusteigviertel (aber mit ebenso kleiner K\u00fcche) zu ziehen. Ich stelle mir vor, wie er l\u00e4ssig ein Referat \u00fcber Bismarck im Seminar h\u00e4lt und danach einen Schluck Club Mate trinkt. Er kann nat\u00fcrlich Ski-Fahren und ist in einer WhatsApp-Gruppe mit Namen &#8222;JUNGS&#8220;.<\/p>\n<p>Die PowerPoint mit den Piktogrammen sitzt, der Arbeitsauftrag ist klar, seine Gelassenheit erf\u00fcllt das Klassenzimmer. Als die<span class=\"Apple-converted-space\"> Sch\u00fcler an der Tafel ihr Vorwissen \u00fcber das alte \u00c4gypten sammeln sollen, schreibt ein Junge irgendeinen Bl\u00f6dsinn an die Tafel. Es braucht etwa 10 Minuten, bis ein Junge die Kritzelei gesteht. 6.Kl\u00e4ssler-Probleme.<\/span><\/p>\n<p>Dagegen ist der n\u00e4chste Kollege schon eine Zumutung: Deutsch, gleiche Klasse. Wir d\u00fcrfen uns vorstellen, meine Kollegin wird wegen ihres Handys in der Hand ermahnt. Nach unserer Vorstellung fragt er die Klasse, ob sie Fragen an uns haben. Diese wirkt erstaunlich deplatziert. Als ob 6. Kl\u00e4ssler Fragen Gelangweilt blickt er vom Schulbuch auf: Wer will uns seinen Bericht vorlesen?<\/p>\n<p>Wahrscheinlich macht er gerade diese midlife crisis durch, in der er merkt, dass er eigentlich nicht mehr richtig begeistert von seinem Beruf ist, durch die Scheidung von seiner Frau vor drei Jahren aber gemerkt hat, dass er einen Haufen Asche verloren hat. Daher lieber aus dem Schulbuch vorlesen und die Staatskohle kassieren, von der viel in den Hobbykeller flie\u00dft.<\/p>\n<p>Die Sechstkl\u00e4ssler m\u00fcssen tats\u00e4chlich einen Unfallbericht verfassen. In der 6. Klasse. F\u00fcr die Versicherung. Die armen Sch\u00fcler. Der Lehrer qu\u00e4lt sie mit der Aufforderung, den Bericht bitte im Pr\u00e4teritum zu verfassen. Er schreibt sogar das Wort PR\u00c4TERITUM extra gro\u00df an die Tafel. Nach einer paar Ermahnungen ist er auch wieder weg. Auf meinen Kommentar, dass die Klasse eigentlich ganz nett sei, hei\u00dft es nur: &#8222;Die k\u00f6nnen auch anders&#8220;. Eindruck best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Ich blicke auf die Klasse von hinten: Wo werden diese Kids in 10 Jahren sein? Sitzen in irgendwelchen anderen Klassenzimmern dieser Republik die k\u00fcnftigen Partner*innen, denen sie an Uniseminaren, an Stra\u00dfenkreuzungen oder auf Tinder begegnen werden? Mit denen sie nach einigen Jahren sparen in kleinen Wohnungen auf das Eigenheim, um sich dann einen Mercedes-Van auf die Kiesauffahrt zu stellen? Wo werden sie arbeiten? Wie werden sie gl\u00fccklich? Was haben sie gefr\u00fchst\u00fcckt? K\u00fcssen sich ihre Eltern noch regelm\u00e4\u00dfig und halten H\u00e4ndchen beim Gehen? Wurden sie gestern vom gro\u00dfen Bruder beim Fifa-Spielen gepiesackt?<\/p>\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich mit der s\u00fc\u00dfen Deutschlehrerin, die in der 10. Klasse als Einstieg die Sch\u00fcler die Geschichte eines Kaugummi-Papiers erz\u00e4hlen l\u00e4sst, um zur Kurzgeschichte Taubers Sammlung von Karl Olsberg (der eigentlich Karl von Wendt hei\u00dft also fast so wie ich, nur in adlig). Die Klasse ist ruhig, interessiert, teilt freiwillig ihre tollen Texte. Man merkt die Begeisterung in den Augen der Lehrerin &#8211; definitiv ein Vorbild. Anschlie\u00dfend noch ein Ethik-Unterricht, gleiche Klasse. Bomben-Einstieg: Erst einmal ein AfD-Wahlplakat an die Wand geklatscht mit der Aussage, dass die Jugend AfD w\u00e4hlt (bei den Wahlen in Ostdeutschland war sie bei Jugendlichen st\u00e4rkste Partei). Im Laufe der Stunde sollen die Gr\u00fcnde f\u00fcr den Erfolg der AfD bei Jugendlichen herausgearbeitet werden. Auch die Handys d\u00fcrfen gez\u00fcckt und Videos als Beispiele f\u00fcr AfD-Propaganda gefunden werden. Obwohl die Meinung zu dieser Partei im Raum einstimmig ist, so gibt es eine differenzierte Diskussion &#8211; auch dank eines unterst\u00fctzenden Theorietextes von David Lanius. Solchen Unterricht w\u00fcnscht man sich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gl\u00fccklich gehe ich ins Wochenende.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schlie\u00dfe die Augen und sehe mein Sechstkl\u00e4ssler-Ich vor mir. Die Kinder schreien, werfen mit Klebestiften und Ausmalbildchen um sich. Reliunterricht. Es werden die Unterschiede zwischen evangelisch und katholisch besprochen. Die Lehrerin gibt sich M\u00fche. 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