{"id":329,"date":"2022-09-12T15:07:28","date_gmt":"2022-09-12T13:07:28","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=329"},"modified":"2022-09-12T15:07:28","modified_gmt":"2022-09-12T13:07:28","slug":"abrechnung-mit-dem-zeitgeist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2022\/09\/12\/abrechnung-mit-dem-zeitgeist\/","title":{"rendered":"Abrechnung mit dem Zeitgeist?"},"content":{"rendered":"<p>Heute ist wieder ein guter Tag, um zu schreiben. Und ich habe ein Thema, das mir seit langem auf der Seele brennt.<\/p>\n<p>Das Handy bleibt sonntags bei mir aus. Mein Sabbattag. Kein nerv\u00f6ses Scrollen durch die Nachrichtenportale, keine Verwunderung oder Belustigung \u00fcber die t\u00e4gliche Sau, die durchs Dorf getrieben wird:<\/p>\n<p>Welcher Autor oder Poltiker wird heute gecancelt, ehe morgen niemand mehr dar\u00fcber spricht? Welcher Gast wird heute auf welchem Podium ausgeladen? Welches Lied als misogynes Machwerk entlarvt? Welcher konservative Politiker beklagt sich heute \u00fcber den \u00f6ffentlichen Rundfunk oder die Sprachpolizei? Und welcher Aktivist schreit eben nach dieser?<\/p>\n<p>Es sind schon wirre und absurde Zeiten, in denen wir leben. Und ich gebe zu, ich bin es fast schon leid, mich zu dieser gesellschaftlichen Lage \u00e4u\u00dfern zu m\u00fcssen. Es haben doch schon so viele getan. Sp\u00e4testens, als Sarah Wagenknecht ihr Buch \u201eDie Selbstgerechten\u201c ver\u00f6ffentlichte und darin gegen die woken Linken und Linksliberalen polterte, war die Debatte erneut entflammt. Interessant hierbei: W\u00e4hrend sie den Linken Intoleranz und eine eingeschr\u00e4nkte Meinungsfreiheit vorwarf, unter der sie ja in ihrer eigenen Partei liebt, bediente sich eben jener Praktiken, die sie kritisierte: Ich habe einige Seiten gelesen, musste das Buch aber zur Seite legen. Zuviel H\u00e4me gegen &#8222;die Linksliberalen&#8220;, wie sie sie nennt, kein Kompromiss, keine Begegnung.<\/p>\n<p>Ich habe das Gef\u00fchl, dass auf den sozialen Netzwerken und im \u00f6ffentlichen Diskurs nur noch Schlammschlachten ausgetragen werden. Zuh\u00f6ren, Argumente verstehen und nachvollziehen, dann widersprechen und in den Dialog kommen? Fehlanzeige. Statt sich mit hochkomplexen politischen Fragestellungen zu besch\u00e4ftigen, wie etwa der Frage, wie man eine gerechte Bezahlung zwischen M\u00e4nnern und Frauen erreichen k\u00f6nnen oder wie man strukturellen Rassismus in der Tat bek\u00e4mpfen kann, leisten wir uns Tag f\u00fcr Tag neue Debatten \u00fcber das Umbenennen von Stra\u00dfen, der Genderpflicht (die niemand fordert!) oder andere Themen, die durch Propaganda- und Hassmaschinen wie Facebook und Twitter vorangetrieben werden.<\/p>\n<p>Und wir alle sind schuld: Politiker jeder (!) Partei springen auf den Zug auf, wer sich zu Winnetou, Gendern oder einer politischen Reizfigur Friedrich Merz \u00e4u\u00dfert, bekommt Klicks und Aufmerksamkeit. \u201eJeder Shitstorm ist gut, da Sie im Mittelpunkt stehen\u201c, hat mir mal ein Medienberater gesagt. Be\u00e4ngstigend, aber unsere Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist die Ursache der Problematik der Verdr\u00e4ngung: Menschen emp\u00f6ren sich gerne \u00fcber Themen, die einfach zu greifen und \u00fcberschaubar sind. Die Mohrenapotheke in Berlin braucht einen neuen Namen! Unerh\u00f6rt finden die einen, jetzt erst recht, die anderen. Die Situation ist simpel: Mohr \u2013 b\u00f6ses Wort, daher weg. Oder nicht?<\/p>\n<p>Da ist es doch viel zu anstrengend, konkret \u00fcber Gewalt gegen Frauen oder mit Menschen mit anderer sexuellen Orientierung zu reden oder den Klimawandel als Diagramm zu begreifen, Zahlen, Daten, Fakten sind da doc erm\u00fcdend, oder?<\/p>\n<p>Wenn ich au\u00dferhalb der Twitter- und Social-Media-Bubble mit Menschen spreche, die in D\u00f6rfern wohnen, in die nur zweimal am Tag der Bus f\u00e4hrt, wo das Schwimmbad geschlossen wird, in denen die Stra\u00dfen verwelken, wo das Krankenhaus eine halbe Stunde entfernt ist, wo die jungen Menschen aus Perspektivlosigkeit wegziehen oder mit Menschen, die tats\u00e4chlich von Rassismus, Sexismus und anderen Problemen betroffen sind, dann wird mir bewusst, wie klein dieser Kreis an Menschen ist, die unsere Diskurse lenken.<\/p>\n<p>Wenn wir uns weiter einkapseln in unsere engen Debattenr\u00e4ume, in denen wir uns selbst beweihr\u00e4uchern und uns applaudieren und zeitgleich Menschen ausschlie\u00dfen, werden wir nicht weit kommen.<\/p>\n<p>Und nein: Ich m\u00f6chte, die Wichtigkeit der Ber\u00fccksichtigung aller Geschlechter und den Anliegen der LGTBQ+ Community nicht herunterspielen. Ich selbst verorte mich ebenfalls links der Mitte und setze mich seit einiger Zeit f\u00fcr Themen wie Anti-Diskriminierung, Antirassismus oder Klimaschutz vor Ort hier in Esslingen ein. Ich will dieses Engagement aber nicht als Monstranz vor mir hertragen und zeigen \u201eSchaut mal auf mich! Ich bin so toll\u201c. Ich will keine Symbolpolitik. In unserer immer hektisch werdenden Affektgesellschaft ist kaum Raum mehr f\u00fcr das Nachdenken, wir hecheln von tweet zu tweet, Aufmerksamkeit hier, ein paar Likes da. Diese Atemlosigkeit bestimmt Politik, Debatten in den &#8222;sozialen&#8220; Netzwerken. Ein falsches, un\u00fcberlegtes Wort oder eine ungl\u00fcckliche Formulierung von Menschen, die vier Stunden schlafen, sich von Termin zu Termin hetzen und schon ist die Karriere erledigt. So werden Menschen verheizt. Kommt doch einmal runter, Leute!<\/p>\n<p>Und dabei m\u00fcssen wir eines beachten: Wir alle sind Menschen mit unseren Fehlern, unseren Widerspr\u00fcchen. Ja, auch ich fahre gerne Auto, esse ab und zu Fleisch, fliege in den Urlaub. Macht mich das zu einem schlechteren Menschen? Gleichwohl sch\u00e4tze ich die Klimabewegung, die uns alle wachger\u00fcttelt hat, engagiere mich lokalpolitisch f\u00fcr den Umweltschutz und den \u00f6ffentlichen Personennahverkehr, versuche, M\u00fcll und Abgase in meinem Alltag zu reduzieren.<\/p>\n<p>Niemand lebt zu 100% \u00f6kologisch, auch nicht der Klima-Aktivist oder der Professor f\u00fcr Erneuerbare Energien.<\/p>\n<p>Erst wenn wir uns \u00fcber unsere Fehler und Verfehlungen, die zutiefst menschlich sind, im Klaren sind, k\u00f6nnen wir in einen ehrlichen Diskurs treten.<\/p>\n<p>Wer sagt denn, dass ich mich beispielsweise als Autofahrer oder Fleischesser nicht mit Fahrradverb\u00e4nden oder Vereinigungen von Veganer*innen treffen darf, mir ihre Positionen anh\u00f6ren und zu eigen machen darf?<\/p>\n<p>Ja, niemand sagt das. Ich will neugierig sein, in Lebenswelten eintauchen, die absolut nichts mit meiner gemein haben, ich will neue Menschen treffen, von ihnen lernen, mit ihnen \u00fcber meinen Horizont hinauswachsen.<\/p>\n<p>Und ich m\u00f6chte auch keine Klischees und Klick-Garantie-Formulierungen wie \u201eGender Gaga\u201c oder \u201eKlima-Hysterie\u201c reproduzieren, die die Debatte undifferenziert anheizen.<\/p>\n<p>Stellen wir uns doch lieber gegen jene Populisten auf der Welt, die am menschengemachten Klimawandel zweifeln, denen homosexuelle P\u00e4rchen ein Dorn im Auge sind, die keine gesellschaftliche Vielfalt akzeptieren, anstatt uns gegenseitig als Nazis zu beschimpfen oder den moralischen Zeigefinger auf andere richten!<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte eine Gesellschaft, in der alle, links wie rechts, arm wie reich, queer wie hetero, miteinander herzlich lachen und sich ins Gesicht schauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte eine Gesellschaft, in der es endlich wieder Spa\u00df macht, zu debattieren, Standpunkte auszutauschen, sich auch zu widersprechen. Aber eben mit Respekt vor Andersdenkenden, vor jeder einzelnen Minderheit und Gruppierung.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte eine Gesellschaft, in der ich meine Meinung in meiner Sprache ausdr\u00fccken darf, ohne blind beschossen zu werden.<\/p>\n<p>Und hier komme ich wieder in eine Rechtfertigungspose: Nein, ich m\u00f6chte mir hiermit nicht das Stammtischgeraune zueigen machen \u201eNA, dass musste doch mal gesagt werden\u201c. Es gibt Dinge, die man nicht sagt. Punkt. Rassismus ist keine Meinung. Den Holocaust relativiert man nicht. Das ist strafbar, steht im Grundgesetz, gut so.<\/p>\n<p>Und ich hoffe, dass mich niemand in den Social Networks nach diesem Text entfolgt oder mich als b\u00f6ser Relativierer gesellschaftlicher Problematiken entlarvt. Das bin ich nicht und das will ich lieber nicht sein.<\/p>\n<p>Lasst uns lieber in den Dialog treten: Kritisiert mich gerne konstruktiv, teilt mir Eure Sicht der Dinge mit! Davon lebt Demokratie. Ich habe die Wahrheit nicht mit dem L\u00f6ffel gefressen, kann als kleines Licht unter dieser gro\u00dfen Sonne keine letzten Antworten geben und will es gar nicht. Ich habe Fehler und werde mich irren. Das macht uns alle aber aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute ist wieder ein guter Tag, um zu schreiben. Und ich habe ein Thema, das mir seit langem auf der Seele brennt. Das Handy bleibt sonntags bei mir aus. Mein Sabbattag. 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