{"id":324,"date":"2022-09-02T15:45:00","date_gmt":"2022-09-02T13:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=324"},"modified":"2022-09-02T15:45:00","modified_gmt":"2022-09-02T13:45:00","slug":"mit-dem-zug-reisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2022\/09\/02\/mit-dem-zug-reisen\/","title":{"rendered":"Mit dem Zug reisen"},"content":{"rendered":"<p style=\"font-weight: 400\">Es ist schon ein befremdlicher, aber faszinierender Gedanke: Die Menschen, die in den Zug ein- und wider aussteigen, wird man in seinem Leben nie wieder sehen. Kaum sind sie das Treppchen an der Haltestelle hinuntergestiegen, tauchen sie im Nirvana der Lebenden ab. Kein Lebenszeichen mehr. F\u00fcr immer. Oder doch?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Daher schaue ich mir die Menschen ganz genau an, bevor sie mich f\u00fcr immer verlassen. Vor mir sitzt ein M\u00e4dchen. Ich blicke sie an, sie starrt auf ihr Handy. Ein h\u00fcbsches Gesicht, strahlend blaue Augen, die mysteri\u00f6s wie der Ozean die WhatsApp-Nachrichten auf ihrem Handy aufsaugen, sie tr\u00e4gt ein wolkenblaues Top, Sneaker und ein gro\u00dfer schwarzer Rucksack ist zwischen ihre Beine gepresst. Ich suche den Blickkontakt. Woher kommt sie wohl? Was hat sie heute noch vor?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Unsere F\u00fc\u00dfe ber\u00fchren sich leicht, ein Zeichen?<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Ich entdecke in ihrer Handyh\u00fclle das Foto eines jungen Mannes. Wahrscheinlich ihr Freund.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Wir reden kein Wort miteinander, schauen uns kein einziges Mal wirklich in die Augen, trotz liegt eine intensive Energie zwischen uns.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Der ICE wiegt uns beide leicht in einen Vier-Minuten-Pendler-Schlaf.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Irgendwann wache ich auf. Sie ist weg. Wohl in Gie\u00dfen ausgestiegen oder den Platz gewechselt.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Es sind magische Momente wie diese, wenn sich mein Mikrokosmos mit 500 weiteren Paralleluniversen das Schicksal des gleichen Zuges teilt. Unsere Seelen ber\u00fchren sich f\u00fcr kurze Zeit, um danach f\u00fcr immer im Nebel der Ungewissheit zu verschwinden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Wir stehen da. Nackt. Unsere Erfahrungen, Geschichten, Verwandten, Gedanken, Gef\u00fchle sind au\u00dfen vor. Wir haben nur unseren Koffer, der Maske und vielleicht einem Rucksack und m\u00fcssen miteinander klarkommen. Daher: Freundliches Gesicht aufsetzen und Respekt zeigen!<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n<p style=\"font-weight: 400\">Neben mir goldene Weizenfelder. Ich will es nicht wahrhaben, aber es wird Herbst.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">Die in braun gekleideten Zugschaffnerinnen unterhalten sich \u00fcber den Schulstart ihrer Kinder und werden sehr patzig, wenn man sie in ihrem Gespr\u00e4ch unterbricht, um sie nach der Toilette oder sonstigen Informationen zu fragen.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon ein befremdlicher, aber faszinierender Gedanke: Die Menschen, die in den Zug ein- und wider aussteigen, wird man in seinem Leben nie wieder sehen. Kaum sind sie das Treppchen an der Haltestelle hinuntergestiegen, tauchen sie im Nirvana der Lebenden ab. Kein Lebenszeichen mehr. F\u00fcr immer. Oder doch? 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