{"id":319,"date":"2022-09-02T13:34:59","date_gmt":"2022-09-02T11:34:59","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=319"},"modified":"2022-09-02T13:34:59","modified_gmt":"2022-09-02T11:34:59","slug":"graeben-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2022\/09\/02\/graeben-2\/","title":{"rendered":"Gr\u00e4ben 2"},"content":{"rendered":"<p>Eines Tages beschlie\u00dfen mein Opa und ich, eine Fahrradtour zu einem Walderholungsgebiet im Herzen Brandenburgs zu unternehmen.<\/p>\n<p>Als Kind haben wir einmal einen Sommernachmittag dort verbracht, ich erinnere mich noch gut an die schweren Holzb\u00e4nke, das riesige t\u00fcrkis schimmernde Schwimmbecken und das Lagnese-Eis. Wir fahren durch den etwa 5 Kilometer entfernten Ortsteil Dahlen, durch das malerische Dorf Verlorenwasser und schlie\u00dflich durch Egelinde.<\/p>\n<p>Wir fahren \u00fcber sehr sandige und staubige Trampelpfade und kommen dem Ferienparadies \u201eHohenspringe\u201c immer n\u00e4her.<\/p>\n<p>Doch: verschlossen. Verriegelt. Ausgesperrt. An der T\u00fcr h\u00e4ngt eine Nummer, die man anrufen solle, wenn die T\u00fcr versperrt sei. Doch niemand geht ran, auch durch das Bet\u00e4tigen der Glocke kommt niemand.<\/p>\n<p>Leicht entt\u00e4uscht machen wir uns auf den Weg zur\u00fcck nach Verlorenwasser. Hier gibt es eine einzige Kneipe \u201eZum trinkenden Hirsch\u201c. Auch an diesen Ort habe ich Kindheitserinnerungen, wieder Lagnese-Eis, Schnitzel mit Letscho glaube ich.<\/p>\n<p>Auch hier wieder: Verschlossen. Mittwoch ist Ruhetag.<\/p>\n<p>Mein Opa ist ein hoffnungsvoller Optimist und l\u00e4sst sich nicht unterkriegen, wir fahren circa 300 Meter zu einem Haus. Hier wohnt sein Freund aus dem Gartenverein. Ich kenne ihn noch nicht. Seine Frau macht uns auf, begr\u00fc\u00dft uns freundlich, H\u00e4ndesch\u00fctteln. Opa stellt mich als den \u00e4ltesten Enkel vor. \u201eNa, irgendwer muss ja wohl der \u00e4lteste sein\u201c. Was soll das jetzt hei\u00dfen? Viel Interesse an einem Gespr\u00e4ch besitzt diese Frau nicht, ihr Mann, den wir suchen, ist nicht zuhause, sie verweist uns auf die Kneipe, bei der wir soeben waren.<\/p>\n<p>Schnell ist der Fahrradhelm wieder aufgesetzt und wir stehen an der T\u00fcr zum privaten Teil des Hauses neben der Kneipe, hier wohnt wohl der Wirt.<\/p>\n<p>Munter betreten wir den Hof. Als Stadtkind frage ich meinen Opa, ob wir einfach so hineind\u00fcrfen, wir haben unsere Visite weder angek\u00fcndigt noch abgesprochen, Opa nickt blo\u00df. Die freuen sich doch, uns zu sehen! Mit langsamen Schritten schiebe ich mein Fahrrad auf den unaufger\u00e4umten Hof.<\/p>\n<p>Zwei dickb\u00e4uchige M\u00e4nner sitzen um einen niedrigen Tisch, der von einer mindestens 20 Jahre alten Plastikdecke bedeckt ist. Vor ihnen B\u00e4uchen sprudelt ein spritziges Sch\u00f6fferh\u00f6ffer vor sich hin. Man begr\u00fc\u00dft sich, reicht sich brav die H\u00e4ndchen, einer von den M\u00e4nnern sitzt oberk\u00f6rperfrei auf einem viel zu kleinen Stuhl. Sein Bauch ist beachtlich, voller Sommersprossen und leicht err\u00f6tet. Auf der Nase tr\u00e4gt er eine Brille mit Goldrand, die Haare haben ihn bis auf einen sp\u00e4rlichen Haarkranz verlassen. Er redet nicht viel.<\/p>\n<p>Sein Bierkompagnon ist etwas aufgeweckter, stellt auch mal Gegenfragen. Eigentlich sympathische M\u00e4nner. Mein Opa gesellt sich mit seinem Bauch dazu. Ich nehme, wie so oft in diesen Tagen, eher die Beobachterrolle ein.<\/p>\n<p>Zuerst geht es um das \u00dcbliche: Das Dorffest, ein achtzigj\u00e4hriger Dorfbewohner, der sich das Leben genommen habt, die diesj\u00e4hrige Kartoffelernte.<\/p>\n<p>Tragik, Bier und Spa\u00df kommen sich in der Konversation so unendlich nahe.<\/p>\n<p>Ihre Sprache mit starkem brandenburger Einschlag klingt etwas agrressiv wie Hundegebell.<\/p>\n<p>Im Laufe des Gespr\u00e4chs funkeln jedoch auch anspruchsvolle Themen durch; der Diskussionsteilnehmer im senfgelben Oberteil entpuppt sich als eifriger Leser und Literaturfan. Er hat Tolstoi (\u201eKrieg und Frieden\u201c) gelesen, Strittmater, ein DDR-Schriftsteller, sogar Juli Zeh kennt er sehr gut. Endlich mal ein bisschen Anspruch in der Konversation!<\/p>\n<p>Ich muss zugegeben: So hatte ich meine Mitdiskutanten nicht eingesch\u00e4tzt. Auch der oberk\u00f6rperfreie Freund erkl\u00e4rt mir, dass er sich Russisch selbst beigebracht hat, er Kontakte in die Ukraine zu einem langj\u00e4hrigen Freund unterh\u00e4lt und einen Raben<\/p>\n<p>Ich habe diese Menschen falsch eingesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Da ist es f\u00fcr mich kein Problem, als mein Opa vor Stolz platzt und erkl\u00e4rt, dass ich politisch aktiv bin, in der SPD.<\/p>\n<p>\u201eDa bist du doch unser Mann f\u00fcr unseren vertrockneten Fluss, oder?\u201c S\u00fc\u00df, wie mir als lokalen Juso-Vorsitzenden, der 600 km entfernt wohnt und wirkt, sofort die Problematik am Verlorenwasser angetragen wird. Ich verstehe nicht alles, es geht wohl um eine Flussabsperrung. Die beiden Kerle haben eindeutig die Hoffnung, dass ich etwas \u00e4ndern kann. Diese Verantwortung l\u00e4sst mich nachdenklich zur\u00fcck. Es ist traurig, dass sich kein lokaler Abgeordneter die Situation anschaut und sich darum k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Dann kann ich den Frust verstehen.<\/p>\n<p>Politisch wird es noch, vorsichtig kommentieren wir die Dusch-Spartipps Habecks und Kretschmanns (\u201eWaschlappen\u201c).<\/p>\n<p>Im Nachgang erfahre ich, dass einer der beiden zu DDR-Zeiten eine hohe Position in der Verwaltung der FDJ (Freien Deutsche Jugend) bekleidete: Sekret\u00e4r f\u00fcr Internationales.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So ist er, der Osten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit welcher Arroganz gehe ich in eine solche Welt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er holt noch drei tiefgek\u00fchlte Bier, dieses Mal Krombacher. Es ist ein warmer Sommertag, durch die dunklen Kiefern gl\u00fcht die Mittagssonne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lachend und leicht betrunken steige ich wieder aufs Fahrrad. Die Stra\u00dfe ist hei\u00df, alle 10 Minuten kommt ein Auto mit Tempo 100 angefahren und \u00fcberholt uns. Mein Opa und ich lachen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines Tages beschlie\u00dfen mein Opa und ich, eine Fahrradtour zu einem Walderholungsgebiet im Herzen Brandenburgs zu unternehmen. Als Kind haben wir einmal einen Sommernachmittag dort verbracht, ich erinnere mich noch gut an die schweren Holzb\u00e4nke, das riesige t\u00fcrkis schimmernde Schwimmbecken und das Lagnese-Eis. 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