{"id":317,"date":"2022-09-01T13:31:37","date_gmt":"2022-09-01T11:31:37","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=317"},"modified":"2022-09-02T13:43:11","modified_gmt":"2022-09-02T11:43:11","slug":"verlorenwasser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2022\/09\/01\/verlorenwasser\/","title":{"rendered":"Verlorenwasser"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin in einer Gegend, in der die D\u00f6rfer Verlorenwasser oder Grebs hei\u00dfen. Grebs wie Krebs, das e wird aber k\u00fcrzer gesprochen. Der Tod ist hier nicht weit, die meisten D\u00f6rfer sind hoffnungslos \u00fcberaltet, Durchschnittsalter etwa 75. Kaum Junge ziehen nach, gehen zum Arbeiten und Studieren nach Berlin, Frankfurt, London, manchmal noch Leipzig. Hier ist die Lage noch ein bisschen besser: Nur eine Stunde von Berlin entfernt, gibt es noch einige Pendler und genervte Wessis, die wegen des Stresses, der Luft und des Verkehrs auf das Brandenburger Land ziehen und die D\u00f6rfer mit \u00d6kol\u00e4den und Buchclubs reaktivieren wollen. Oder gescheiterte Schriftstellerexistenzen, die hier Romane \u00fcber den Sinn des Lebens schreiben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend es hier also noch gut zugeht, sieht das in vielen Ortschaften des Ostens nicht besser aus: Busse fahren hier ein bis zweimal am Tag, wenn \u00fcberhaupt, die Stra\u00dfen sehen seit 50 Jahren gleich aus und werden nicht repariert, Dorfl\u00e4den, Kneipen schlie\u00dfen, das n\u00e4chste Krankenhaus, Einkaufsm\u00f6glichkeit, schlichtweg die Zivilisation ist mindestens eine halbe Stunde entfernt. Die D\u00f6rfer sind so klein, dass sie keine Gemeinderverwaltung haben, selten finden sich B\u00fcrgermeisterkandidat*innen, die Kommunen werden zwanzig Minuten von hier zwangsverwaltet. So sieht es in etlichen D\u00f6rfern in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Sachsen aus. Die Menschen vegetieren in ihren riesigen Bauernh\u00e4usern vor sich hin, die seit Jahrhunderten in Familientradition sind, und alles soll beim Alten bleiben.<\/p>\n<p>Daher ist der Besuch des Enkels aus dem Westen, besser noch &#8211; aus der N\u00e4he Stuttgart &#8211; die Sensation. Immer wenn ich komme, wei\u00df die halbe Dorfbev\u00f6lkerung mindestens vier Wochen vorher Bescheid, ich muss viele H\u00e4nde sch\u00fctteln, Schn\u00e4pse trinken und ein Update \u00fcber den Stand des Studiums und die Familiengeschichten geben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich liebe dieses Dorf. Gr\u00e4ben hei\u00dft es. Es geh\u00f6rt, neben dem Schwabenland und Mexiko, zu meiner Heimat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Etwa 500 Meter von mir peitschen die Autos \u00fcber die Landstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Die Sonne funkelt durch die dunklen Kiefern, der Boden ist sandig, nichts passiert. Ich stehe und sauge die Leere in mich auf. Auf dem Acker welken die Sonnenblumen, die Maiskolben, Kohl und R\u00fcben vor sich hin. Auch der Klimawandel ist hier angekommen.<\/p>\n<p>In diesem Waldgebiet hat die Sowjetarmee fr\u00fcher ihre Truppen\u00fcbungen gemacht. Mein Opa h\u00f6rte als Kind von hier aus die Bomben auf Berlin. Er sagt, dass er sich noch an das bunte Feuerwerk am Himmel erinnert, welches nat\u00fcrlich keines war. Man hatte es den Kindern so erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Auf diesem Hof hat schon mein Vater seine Ferien verbracht, im Sommer in einer sogenannten LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, die kollektivierten Agrarbetriebe der DDR) sich erstes Geld mit Strohstapeln verdient. In einer Zeit, in der eine Kamera ein Luxus war und nur wenige verwackelte Aufnahmen entstanden, zum Beispiel, wie er mit meiner Gro\u00dftante auf der Wiese hinter dem Hof tanzt.<\/p>\n<p>Ich falle auf. Fahre oberk\u00f6rperfrei auf einem alten Fahrrad der Marke &#8222;Diamant&#8220; und trage meine kleine Kreuzkette wie eine Monstranz vor mir her. Die wenige Blicke, die ich treffe, mustern mich sofort. Der Junge passt hier nicht her. Und die Kirche hat hier schon l\u00e4ngst keinen Einfluss mehr.<\/p>\n<p>Ich fahre weiter, h\u00f6re gar nicht mehr auf zu fahren. Hier sind die Stra\u00dfen sch\u00f6n flach, so gut wie keine H\u00f6henmeter. Man merkt nicht, wie man Kilometer f\u00fcr Kilometer zur\u00fccklegt. Die Strecke ist oft sandig, mal muss ich mit dem eleganten Damenrad abbremsen, mal bremst das Rad von alleine. Ein paar V\u00f6glein zwitschern. Es ist so ruhig hier, es ist kaum auszuhalten. Kilometerweit kann man sich mit den Augen zwischen den hohen Kiefern verirren, man denkt, es handle sich um eine optische T\u00e4uschung. Ich halte kurz an. Betrachte die weiten Felder, auf denen sich ein Rabe vergn\u00fcgt.<\/p>\n<p>Zeit f\u00fcr Selbstreflexion, es ist so still, ich kann meine innere Stimme endlich h\u00f6ren. Daher ersch\u00fcttert es mich, wenn mich ein Motorrad oder ein sonstiges motorisiertes Fahrzeug \u00fcberholt.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich entdecke ich eine Kuhherde, etwa 40 Tiere, die mutterseelenallein auf einer riesigen Fl\u00e4che, die Fernsehsendung Galileo w\u00fcrde sagen 4 Fu\u00dfballfelder gro\u00df, weiden. Ich taste mich vorsichtig heran, will nicht st\u00f6ren. Da steht also unsere Milch. Unsere Nahrung. Einige K\u00fche d\u00f6sen in der Sonne, manche grasen, manche schei\u00dfen, so laut, dass man es h\u00f6rt. Ein K\u00e4lbchen irrt \u00fcber die Wiese, sie sieht aus wie die von Milka, h\u00e4tte mein vierj\u00e4hriges Ich. Traurig, dass wir K\u00fche nur noch aus Fernsehwerbungen kennen. Sie leben vor sich gl\u00fccklich, tun keiner Fliege etwas an, im Gegenteil bekommen von den Insekten sogar ein Hautpeeling! Und dann landen sie auf unserem Grillteller. Oder bekommen die Milch geklaut f\u00fcr unseren Proteinhaushalt und die Cornflakes.<\/p>\n<p>So ruhig und friedlich will ich auch sein. Pl\u00f6tzlich entdeckt mich eine braun-wei\u00dfe Kuh und muht. Sofort wedeln alle Schw\u00e4nze der Herde. Erh\u00f6hte Alarmbereitschaft. Ein Eindringling. Ich entferne mich. Sie grasen weiter.<\/p>\n<p>Ich setze die Tour fort, fahre weiter auf Feldwegen, die Sonne brutzelt mir auf den R\u00fccken.<\/p>\n<p>Selten war ich so ruhig. Die Universit\u00e4t, die Freunde, die Politik, die Sorgen sind so fern wie noch nie.<\/p>\n<p>Was hat diese Landschaft schon alles miterlebt? Zwei Weltkriege mitgemacht, Unwetter, Hitze, Rodungen standgehalten.<\/p>\n<p>Sie blieb unbek\u00fcmmert. Der Mensch konnte sich drehen und winden, Waldgebiete aufkaufen und B\u00e4ume roden, die Natur r\u00e4cht sich, w\u00e4chst nach.<\/p>\n<p>Dass Politik hier so fern ist, stimmt jedoch nicht so ganz. Gestern haben wir eine Fahrradtour in einen Ortsteil von Gr\u00e4ben, Rottstock, gemacht, der sieben Kilometer entfernt ist. Der Hauptort Gr\u00e4ben hat vielleicht 200 Einwohner, Rottstock ca. 150. Zwischen den beiden D\u00f6rfern ist nichts. Kiefern, Felder, Sand und Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Jedenfalls befindet sich in diesem Ortsteil eine Wirtschaft, in der wir schon einige achtzigste Geburtstage, Goldene Hochzeiten und weitere Festlichkeiten zelebriert haben. Ich erinnere mich noch an bunte Partyabende mit Plastikh\u00fcten, Musik aus der Jukebox von DJ Ronny aus dem Nachbardorf, Spanferkelplatten, ged\u00fcnstetes Gem\u00fcse, Polonaisen und und und. Heute sind wir beim Besitzer und Gastwirt eingeladen. Auf dem sauberen Hof parken einige Baufahrzeuge, alle W\u00e4nde sind aus wundersch\u00f6nen alten Ziegeln. Unter einem dunkelgr\u00fcnen und wahrscheinlich nicht ganz billigen elektrischen Sonnendach sitzen zwei M\u00e4nner. Einer davon im wei\u00dfen Lacoste-Hemd, dickb\u00e4uchig, rosiges Gesicht. Der andere tr\u00e4gt ein schulterfreies, verschwitztes Top. Sein ganzer beleibter K\u00f6rper ist voller Schmutz und Dreck. Er sieht aus wie ein Bauer, der gerade vom Feld.<\/p>\n<p>Ich kann mir vorstellen, wer der Gastwirt ist.<\/p>\n<p>Brav sch\u00fcttele ich die Pf\u00f6tchen, setze mich hin. Sofort wird mir ein Bier angeboten, ich lehne dankend ab, hatte ja gestern schon zwei. Das Gespr\u00e4ch ist belanglos, zun\u00e4chst geht es um die diesj\u00e4hrige Ernte, die Schicksale irgendwelcher Dorfbewohner*innen, die ich nicht kenne.<\/p>\n<p>Doch dann wird es pl\u00f6tzlich politisch, hier ein paar Ausz\u00fcge und Zitate:<\/p>\n<p>\u201eWas dieser Putin da macht, ist sicherlich bl\u00f6d. Aber wir m\u00fcssen ja weiterhin Kontakte nach Russland haben. Wir brauchen das Gas&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Diese Politiker &#8211; ich habe sie alle NICHT gew\u00e4hlt &#8211; werden Deutschland noch den Gnadenschuss geben&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Die rote Brut hier&#8220; (gemeint war das erfolgreiche Abschneiden der SPD in der Region)<\/p>\n<p>&#8222;Unsere Demokratie hat versagt. Schauen wir uns China oder Russland: Da entscheidet einer und dann ist Schluss. Schicht im Schacht. Schnelle Entscheidungen. Das kann ich mir auch f\u00fcr Deutschland vorstellen&#8220;.<\/p>\n<p>Ich muss mich bei diesen Stammtischparolen wirklich zusammenrei\u00dfen. Soll ich\u00a0Missionar f\u00fcr die Demokratie spielen? Heute nicht. Ich werfe ein paar Fetzen in den Gespr\u00e4chsmixer<\/p>\n<p>\u201eAlso in einer Diktatur w\u00fcrde ich auch nicht gerne leben\u201c<\/p>\n<p>\u00dcberzeugt das? Nein.<\/p>\n<p>Mein Opa zieht sein freundlichses Sonnengesicht auf. Er will vermutlich das Thema wechseln.<\/p>\n<p>Solche Gespr\u00e4che spielen sich zu tausendfach in dieser Minute ab in Deutschland, und ja, leider auch einige davon im Osten.<\/p>\n<p>Ja, die Politiker sind alles Verbrecher, belogen und betrogen. Aber selbst etwas tun? Fehlanzeige.<\/p>\n<p>Ich denke an meine zweite Heimat Mexiko, an Korruption in Millionenh\u00f6he, an bittere Armut, Menschen, die sich nicht mehr Reis leisten k\u00f6nnen. Marode Schulen ohne Lehrer, \u00fcberf\u00fcllte Krankenh\u00e4user, Menschen, die wegen Covid elendig verendet sind. Auf den Stra\u00dfen, die aus Schlagl\u00f6chern bestehen. Eine Oberschicht, die sich immer st\u00e4rker bereichert, eine Gesellschaft, die auseinanderdriftet.<\/p>\n<p>Ich blicke mich um. Gepflegter Englischer Rasen, ein teures Carport, stabile Autos. Hier ist Geld. Dem Mann geht es gut. Da es durch Corona mit der Gastwirtschaft den Bach hinunterging, hat er sich auf den Vertrieb von Kohle spezialisiert. Daher erscheint seine Hasstirade umso absurder.<\/p>\n<p>Kurze Verschnaufpause. Eigentlich ist die Welt, zumindest hier, noch in Ordnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin in einer Gegend, in der die D\u00f6rfer Verlorenwasser oder Grebs hei\u00dfen. Grebs wie Krebs, das e wird aber k\u00fcrzer gesprochen. Der Tod ist hier nicht weit, die meisten D\u00f6rfer sind hoffnungslos \u00fcberaltet, Durchschnittsalter etwa 75. Kaum Junge ziehen nach, gehen zum Arbeiten und Studieren nach Berlin, Frankfurt, London, manchmal noch Leipzig. 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