{"id":312,"date":"2022-08-16T14:02:07","date_gmt":"2022-08-16T12:02:07","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=312"},"modified":"2022-08-16T14:02:07","modified_gmt":"2022-08-16T12:02:07","slug":"noch-zu-retten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2022\/08\/16\/noch-zu-retten\/","title":{"rendered":"Noch zu retten?"},"content":{"rendered":"<p>Es sind wieder Ferien und ich sitze im Garten bei 35 Grad und habe wieder Lust, zu schreiben.<\/p>\n<p>Ein gut gef\u00fclltes Semester liegt hinter mir, ich musste in den letzten Tagen und Wochen wieder lernen, was es hei\u00dft, zu entspannen, zu lesen, die Gedanken schweifen zu lassen.<\/p>\n<p>Der Wind weht ruhig, die Stra\u00dfen sind leergefegt und \u00fcber den hohen Maisfelder strahlt ein verd\u00e4chtig blauer Himmel. Keine Wolke weit und breit. Die wei\u00dfen Familienvans parken perfekt in den mit wei\u00dfer Farbe und wahrscheinlich in DIN-Norm angestrichenen Markierungen. Die Rolladen sind heruntergezogen. Auf der Wiese spielen sonst wohl Kinder.\u00a0Im Wald zwitschern die V\u00f6gel, ein scheues Reh huscht \u00fcber den manik\u00fcrten Trampelpfad. Es kommen Momente, in denen man sich fragt: Wer bin ich? Was mache ich hier \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p>Zeit, um nachzudenken.<\/p>\n<p>Eine Tickermeldung jagt die andere, Hitzesommer, D\u00fcrre in Frankreich, Fischsterben in der Oder, Wal in der Seine gestorben, Waldbr\u00e4nde im Herz, ach ja: Corona-Zahlen steigen; der Herbst wird wild, Covid-19 gibt es ja auch noch&#8230;<\/p>\n<p>Vor allem der Klimawandel ist es, der bei mir in Ans\u00e4tzen eine Weltschmerz-Erfahrung ausl\u00f6st. Letztes Jahr verschlug uns das Hochwasser an der Ahr den Atem: Tote. Menschen, deren Hab und Gut wegschwamm. Die sich alles von 0 aufbauen mussten. Wir merkten: Der Klimawandel, das ist nichts, das im fernen Afrika in D\u00fcrrekatastrophen passiert oder an weitentfernten Polkappen, die abschmelzen, sondern er kann uns direkt in unseren heimischen Vorg\u00e4rten treffen.<\/p>\n<p>Und diesen Sommer? Ist irgendwem schon die starke Wespenpr\u00e4senz aufgefallen? Die andauernde Hitze? Die von Algen geplagten Fl\u00fcsse? Es wird d\u00fcster.<\/p>\n<p>Klar, wir alle genie\u00dfen die lauen Sommerabende, halten kurz inne, wenn wir den Geruch des Sommers in der Nase sp\u00fcren (irgendetwas zwischen Wassermelone, Bionade, warmer Erde und gem\u00e4htem Rasen) und saugen die Sonnenstrahlen auf.<\/p>\n<p>Beitr\u00e4ge wie &#8222;Starke Regen gab es fr\u00fcher auch&#8220; oder &#8222;Wir hatten doch fr\u00fcher auch warme Sommer&#8220; st\u00f6ren, machen sogar aggressiv. Sie kommen meistens von \u00e4lteren Menschen, die die Konsequenzen des Klimawandels nicht mehr erleben werden. Ich m\u00f6chte hier kein Alten-Bashing betreiben, aber ich finde es arrogant, von uns, der Generation Z oder wie auch immer man uns bezeichnen mag, Verzicht zu verlangen, w\u00e4hrend<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die Schuld nicht allein beim Otto Normalverbraucher, der heute bierschl\u00fcrfend mit Mitte 60 im Sessel sitzt, zu suchen oder gar bei unseren geliebten Gro\u00dfeltern, sondern bei den Staatenlenkern, Politikmachenden und Abgeordneten, die verantwortlich GEWESEN W\u00c4REN, die Gefahr zu erkennen (nochmals: sp\u00e4testens seit den 70ern warnt der Club of Rome vor einer Klimaerw\u00e4rmung!) und entsprechend zu handeln.<\/p>\n<p>Erinnern wir uns doch: Selbst vor 10 Jahren war das Thema Klimawandel nicht sonderlich attraktiv, h\u00f6chstens ein Sparten- und Wahlkampfthema f\u00fcr die Gr\u00fcnen. Schaut man sich Spots zur Bundestagswahl 2017 an, merkt man, dass der Klimawandel und seine Folgen eine l\u00e4stige Randerscheinung war: Ja, er musste irgendwie rein. Meistens verpackt in Formulierungen wie &#8222;f\u00fcr eine saubere Zukunft&#8220;, dazu f\u00fcr wenige Sekunden ein paar Windradbildchen und lachende Kinder auf einer Wiese.<\/p>\n<p>Man kann ja von Greta Thunberg und den schulstreikenden Kids (ich selbst habe an keiner Demo teilgenommen) halten, was man will: Sie haben es auf alle F\u00e4lle geschafft, das Thema Zukunft auf die Stra\u00dfe zu bringen. Wenngleich nach meinem Geschmack \u00f6fter \u00fcber das Schulschw\u00e4nzen gesprochen wurde als \u00fcber das inhaltliche Anliegen, beherrschten die Streiks wochenlang die Schlagzeilen<\/p>\n<p>Wie wird die Welt in 50 Jahren aussehen? Mit welchem Blick wird der 30-, 40-, 50- und 60-j\u00e4hrige Mark auf diesen Zeilen blicken? Welche wird er milde bel\u00e4cheln (es war doch alles schlimmer), welche wird er f\u00fcr \u00fcbertrieben halten?<\/p>\n<p>Viele in meiner Generation m\u00f6chten Kinder in die Welt setzen. Doch immer h\u00e4ufiger h\u00f6re ich, auch in eher unpolitischen Kreisen, dass man zweifele, Kinder in die Welt zu setzen. Wenn wir schon in 60,70 Jahren aus dem Lebensspiel scheiden und eine vertrocknete, verpestete und \u00fcberschwemmte Erde hinterlassen werden, wie sehen dann wohl die Lebenschancen meiner Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder aus?<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hier wirklich nicht den Teufel an die Wand malen, trotzdem ist es mir ein inneres Bed\u00fcrfnis, dies loszuwerden. Auf der anderen Seite versuche ich, uneingeschr\u00e4nkten Optimismus walten zu lassen. Heute ist doch ein sch\u00f6ner Tag. Carpe diem.<\/p>\n<p>Es gibt diesen sch\u00f6nen Satz: Im Grunde haben beide unrecht &#8211; der Optimist und der Pessismist. Aber der Optimist lebt besser.<\/p>\n<p>Bemerkenswert finde ich, wie vielen Menschen das Thema Klimakatastrophe und somit ihre eigene Lebensqualit\u00e4t nicht interessiert. Hier ist der Vergleich zu meiner mexikanischen Heimat interessant: In Mexiko besitzt die Klimakrise bei weitem nicht die mediale Aufmerksamkeit, die sie verdient hat &#8211; und das obwohl Mexiko-Stadt in den Abgasen erstickt, neue \u00d6lraffinerien aus dem Boden sprie\u00dfen und ein neuer Touristenzug an der Karibikk\u00fcste Korallenriffe zerst\u00f6rt. Das liegt meines Erachtens daran, dass es in L\u00e4ndern wie Mexiko ganz andere Probleme gibt: Korruption, Drogenkrieg, Kriminalit\u00e4t und ein marodes Staatswesen. Wer in einem solchen Land Angst hat, das Haus zu verlassen, der k\u00fcmmert sich wenig um globale Makroph\u00e4nomene. Wenn t\u00e4glich Frauen entf\u00fchrt, vergewaltigt und von Banden ermordet werden, wenn Todeslisten f\u00fcr Journalisten nur aufgrund ihrer T\u00e4tigkeit angefertigt werden, wenn ein Staat die Sicherheit seiner B\u00fcrger nicht mehr gew\u00e4hrleisten kann, dann erscheint diese Nicht-Beachtung verst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Klar, ich lebe im S\u00fcden Deutschland, in Hanglage, es sind hei\u00dfe Sommer &#8211; uns werden die Auswirkungen des Klimawandels auch bei h\u00f6heren Temperaturen nicht so hart treffen.<\/p>\n<p>Aber wer fragt unsere holl\u00e4ndischen Freunde entlang des Meeres? Und wie werden die politischen Reaktionen sein, wenn sich Menschen aus Westafrika auf den Weg machen, weil die D\u00fcrren oder \u00dcberschwemmungen ihre Ernten vernichten, die auch unsere Lebensgrundlage hier sichern?<\/p>\n<p>Ich blicke in ihre Gesichter: Noch lachen sie. Ob ihnen die Zerst\u00f6rung der Welt am Allerwertesten vorbeigeht? Wahrscheinlich.<\/p>\n<p>Ich nehme mich da nicht raus: Auch ich esse gelegentlich Fleisch, fliege mit dem Flugzeug in den Urlaub, fahre Auto. Ich kann und m\u00f6chte etwas \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das Schlimme ist das Gef\u00fchl der Machtlosigkeit: Man f\u00fchlt sich als Individuum unf\u00e4hig, irgendetwas zu tun. Klar, jeder kann Ma\u00dfnahmen in seiner pers\u00f6nlichen Lebenssituation einleiten und dadurch ruhig auf dem Daunenkissen schlafen, aber es braucht ja auch globale, internationale L\u00f6sungen!<\/p>\n<p>Und von Politikern bekommt man zu h\u00f6ren; JA, ABER Deutschland ist ja nur f\u00fcr 2 Prozent der Netto-CO2-Emissionen zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Oder: Vielleicht wird es doch gar nicht so schlimm. Entspann Dich doch einmal. Wer wei\u00df, wie es in 20 Jahren hier aussieht?<\/p>\n<p>Was bringt es, bei mir zuhause das Licht auszuschalten und aufs Rad zu steigen, w\u00e4hrend in China neue Kohlekraftwerke gebaut, Fl\u00fcsse durch Bekleidungsunternehmen verunreinigt oder in Brasilien pro Minute ein Fu\u00dfballfeld Regenwald abgeholzt wird?<\/p>\n<p>Der Witz ist, dass die Wissenschaft uns sagt: Wenn wir es nur schaffen, die Erderw\u00e4rmung unter 1,5 Grad zu halten, werden wir die schlimmen Naturph\u00e4nomene (Hochwasser, D\u00fcrre &#8230;) nicht in dieser Intensit\u00e4t erleben, wie wenn wir dieses Ziel \u00fcberschreiten. Und klar, man traf sich im Herbst 2015 in Paris f\u00fcr sch\u00f6ne Bilder, unterschrieb einen Vertrag, den Staatenlenker wie &#8222;Obama&#8220; als historisch bezeichneten, es fielen die Vokabeln &#8222;Zukunft&#8220;, &#8222;k\u00fcnftige Generationen&#8220; und &#8222;Verantwortung&#8220;. Danach kam Trump, wir wissen, wie es weiterging, aber auch vermeintlich progressive westliche Industriestaaten (Deutschland hust) hielten den Vertrag nicht ein. Ich wei\u00df noch, wie ich voller Wut und Tr\u00e4nen war, als ich in der K\u00fcche die Live\u00fcbertragung aus dem Rosengarten des Wei\u00dfen Hauses anschaute &#8211; bei der Trump den Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen ank\u00fcndigte.<\/p>\n<p>Jeder Tesla, den ich in den darauffolgenden Tage auf der Stra\u00dfe herumfahren sah, war f\u00fcr mich ein Lichtblick, eine Karosse der (Energie)Freiheit an einem ergrauten Horizont.<\/p>\n<p>Es gibt jedoch noch eine weitere zu ber\u00fccksichtigende Tatsache: Viele Schwellenl\u00e4nder sehnen sich dieses Wachstum und diesen Wohlstand herbei, L\u00e4nder wie Indien streben nach diesem Industrieniveau und werden dieses irgendwann erreichen. Dies bedeutet auch einen h\u00f6heren Verbrauch, mehr Ressourcen, mehr Emissionen. Und warum sollen wir diesen Staaten jetzt sagen: &#8222;Wir haben genug CO2 in die Atmosph\u00e4re geschleudert und h\u00f6ren damit auf, jetzt m\u00fcsst Ihr Euch aber auch daran halten&#8220;.<\/p>\n<p>Dieses Wachstum steht ihnen zu, dieser Wohlstand ist verdient. Das ist analog zu meiner Generation, die jetzt verzichten soll: Auf das Auto, das Eigenheim, Flugreisen, Fleischkonsum. Tragen wir die Schuld? Und warum d\u00fcrfen \u00e4ltere Menschen unbek\u00fcmmert durchs Leben gehen?<\/p>\n<p>Doch es l\u00f6st die Probleme nicht. Auch der Generationenkonflikt hilft uns nicht weiter.<\/p>\n<p>Wann wachen alle auf?<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich scheinheilig und wie ein Fanatiker!<\/p>\n<p>Ich glaube, ich werde bei meinem Optimismus bleiben. Ja, die Lage ist schwierig, es kommen harte Zeiten auf uns zu. Die fetten Jahre sind vorbei! Aber ich und Du haben die Wahl, mit welcher Einstellung wir durchs Leben angesichts dieser horrenden Tatsachen spazieren. M\u00f6chte ich f\u00fcr den Rest meines Lebens wie ein Griesgram spazieren und mir Sorgen um alles und jeden machen?<\/p>\n<p>Ja, die Wissenschaft (ja, ich spreche bewusst von DER Wissenschaft, da sich 99% einig sind, dass der Klimawandel real ist und es schneller au\u00dfergew\u00f6hnlicher L\u00f6sungen bedarf) und Klimaforscher*innen sprechen eine unmissverst\u00e4ndliche Sprache.<\/p>\n<p>Ich habe die Hoffnung, dass es uns noch irgendwie gelingt, die Kurve zu kriegen. Dass wir alle &#8211; Staats- und Regierungschefs als auch globale B\u00fcrger*innen &#8211; unser Verhalten \u00e4ndern, unsere L\u00f6sungen und Konzepte \u00fcberarbeiten und uns der Tragweite der Situation bewusst werden. Dass ich meinen Enkeln einmal sagen kann: Wir haben es doch noch geschafft und die erneuerbaren Energien f\u00fcr uns neu entdeckt, W\u00e4lder, \u00c4cker und Moore geschont, unsere Ern\u00e4hrung umgestellt und insgesamt Mutter Erde so anfingen zu behandeln, wie wir selbst als Teil von ihr behandelt werden m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Das ist der Traum, die Vision, die mich antreibt. Ich bin gespannt, was ich in 20 Jahren \u00fcber diese Zeilen sagen werde.<\/p>\n<p>Ich blicke zur\u00fcck in meinen Wald: Hier ist noch alles ruhig. Keine Kettens\u00e4ge ist zu h\u00f6ren, die Sonne bohrt sich ruhig durch das Dickicht der B\u00e4ume, vereinzelt Vogelgezwitscher, hier und da eine kleine Feldmaus, die das Laub durcheinanderwirbelt.<\/p>\n<p>Auf einmal: Unbestimmte Motorger\u00e4usche. Man h\u00f6rt Rascheln, Tiere verstecken sich, wo kommt dieses Geheule her? Es ist ein Waldarbeiter, der ein paar B\u00e4ume zurechtstutzt. Ein paar von ihnen hat er bereits gef\u00e4llt, sie liegen ihm zu F\u00fc\u00dfen. Wir haben es wohl nicht verstanden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind wieder Ferien und ich sitze im Garten bei 35 Grad und habe wieder Lust, zu schreiben. Ein gut gef\u00fclltes Semester liegt hinter mir, ich musste in den letzten Tagen und Wochen wieder lernen, was es hei\u00dft, zu entspannen, zu lesen, die Gedanken schweifen zu lassen. 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