{"id":310,"date":"2022-06-05T16:14:29","date_gmt":"2022-06-05T14:14:29","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=310"},"modified":"2022-06-05T16:14:29","modified_gmt":"2022-06-05T14:14:29","slug":"pause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2022\/06\/05\/pause\/","title":{"rendered":"Pause"},"content":{"rendered":"<p><em>Dieser Text ist ein Einblick in viele Gedankeng\u00e4nge der letzten Monate. Es ist ein sehr pers\u00f6nlicher Text, den vielleicht nur ich verstehe, daher bitte nicht wundern, wenn einige Sachen wirr, unlogisch oder widerspr\u00fcchlich klingen. Ich freue mich, dass ihr hier seid!<\/em><\/p>\n<p>Es ist Pfingstsonntag. Ich sitze in einem sauber und sorgf\u00e4ltig eingerichteten Wohnzimmer, im Wohngebiet um mich herum gl\u00fcckliche Kinder, die Seil springen.<\/p>\n<p>Mir geht es gut. Ich war vor Kurzem in meiner mexikanischen Heimat, habe mein Oma mitgebracht, in der Uni und im Job l\u00e4uft es gut, ich habe dank einer Saftkur, die 28 Tage dauert, schon 5 Kilo verloren. Ich mache t\u00e4glich Sport und erfreue mich an den sch\u00f6nen Dingen des Lebens, wie ein paar seltene Sonnenstrahlen im Juni.<\/p>\n<p>Dennoch gibt es einen Punkt, der jetzt erreicht wurde. Ich brauche eine Pause. Ich muss ordentlich nachdenken. Kraft tanken.<\/p>\n<p>Corona hat vieles ver\u00e4ndert, klar. Jedoch stelle ich mir immer \u00f6fter die Frage: Rasen wir alle auf den Abgrund zu? Ist diese Welt, wie wir sie kennen und lieben, dem Untergang geweiht?<\/p>\n<p>Klimawandel, Ukrainekrieg, Armut, Hunger, eine polarisierte Gesellschaft, die immer weniger zuh\u00f6rt. Irgendetwas l\u00e4uft doch schief. Und ich frage mich: Was ist mein Anteil, was kann ich tun? An vielen Tagen f\u00fchlt man sich wie ein passives W\u00fcrmchen, das sich zwar dreht und windet, aber trotzdem nichts ver\u00e4ndern kann.<\/p>\n<p>Klar, man kann sich engagieren, politisch, privat, ehrenamtlich. Feine Sache. Besser als nichts tun.<\/p>\n<p>Aber teilweise stelle ich mir die Frage: Bringt mein Engagement etwas? Oder drehe ich nicht am falschen R\u00e4dchen?<\/p>\n<p>Sorgt mein Tun daf\u00fcr, dass sich konkret etwas \u00e4ndert, egal ob auf Landesebene, auf kommunaler Ebene usw.?<\/p>\n<p>Es f\u00fchlt sich schlicht falsch an, f\u00fcr interne Mitgliederbespa\u00dfung zu sorgen, gro\u00dfe Pl\u00e4ne ohne jegliche Umsetzung zu schmieden, in einer immer \u00e4lter werdenden Partei den Hampelmann zu spielen? Ja, man ist ja der \u201eVorzeigejunge\u201c, der, der bei Veranstaltungen vorne steht und den Laden zusammenhalten soll.<\/p>\n<p>Doch werde ich den Erwartungen der anderen nicht gerecht (was mich aber nicht st\u00f6rt): Ja, ich bin jung, aber ich bin nicht immer rebellisch, unangepasst, laut, links und gegen den Strich!<\/p>\n<p>Ich bin ja Juso. Wenn ich die Geschichten der \u00e4lteren h\u00f6re, man habe fr\u00fcher H\u00e4user besetzt, Zelte in der Innenstadt aufgestellt und Veranstaltungen gest\u00fcrmt, ist manchmal ein vorwurfsvoller Ton dabei: Wieso<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen aber auch nicht zu einem Ableger der spie\u00dfigen Erwachsenen werden. Wenn ich sehe, wie manche Sitzungen in Jugendverb\u00e4nden gef\u00fchrt werden, mit einer Verbissenheit auf Gesch\u00e4ftsordnungsdetails, Sakkos und 7-Tage-Regen-Gesichtern, dann kann es doch auch nicht sein.\u00a0Schimmert es da schon leicht durch? Der Wunsch nach Anders sein.<\/p>\n<p>In unserer heutigen socialmedia-affinen Welt geht es doch nur darum: Das Foto, das die meisten Klicks bringt. Der Tweet, der den gr\u00f6\u00dften Shitstorm ausl\u00f6st.<\/p>\n<p>Gerade wenn man wie ich in einem Gehege aus mit den Hufen scharrenden Jungpolitiker*innen aufw\u00e4chst, die alle auf das n\u00e4chste P\u00f6stchen in wenigen Jahren schielen, wird einem das immer wieder bewusst. Wie sticht man aus der Masse hervor? Mit welcher Aktion? Mit welchem Statement?<\/p>\n<p>Es ist doch alles eine gro\u00dfe Heuchelei. Wir geben uns nicht, wie wir sind. In Bewerbungsgespr\u00e4chen gaukeln wir St\u00e4rken und Schw\u00e4chen vor. Verstecken uns hinter automatischen E-Mail-Formulierungen und neuem PR-Blabla.<\/p>\n<p>\u201eIch danke Ihnen f\u00fcr Ihren Input\u201c &#8211; hei\u00dft im Klartext: Du kannst Dich gleich verkr\u00fcmeln.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde gerne mehr auf den Putz hauen, jedoch fehlen da manchmal die Ressourcen. Und die Zeit. Und ja, manches Mal, schlichtweg die Lust. Bin da etwas zu harmoniebed\u00fcrftig!<\/p>\n<p>Ja: Ich trage gerne Anzug, verhalte mich gerne professionell, fahre entgegen des gr\u00fcnen Zeitgeistes gerne Auto, formuliere gerne geschliffen, denke viel \u00fcber Zukunft nach. Und? Ist es schlimm daran?<\/p>\n<p>Diesen inneren und \u00e4u\u00dferen Erwartungen st\u00e4ndig gerecht werden zu m\u00fcssen, kennt man aus jedem Lebensbereich:<\/p>\n<p>Ja, ich w\u00e4re auch gerne intellektueller, w\u00fcrde mit Goethe-, Hegel- und Kantzitaten um mich schmei\u00dfen, jedes Buch gelesen haben und in jeder Situation eine geistreich-witzige Antwort parat haben! W\u00e4re w\u00e4re w\u00e4re!<\/p>\n<p>W\u00fcrde auch gerne mehr Obst und Gem\u00fcse essen, mich ges\u00fcnder ern\u00e4hren, t\u00e4glich eine Stunde Sport treiben, solche<\/p>\n<p>Und ich bin so wie ich bin. Das Leben besteht aus dem st\u00e4ndigen Austarieren von Interessen, von mal mehr, mal weniger<\/p>\n<p>Man kann auch anders sein, indem man sich wie ein Erwachsener verh\u00e4lt. Was rede ich von erwachsen sein, ich bin doch schon 21!<\/p>\n<p>Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, die junge Gesellschaft spalte sich in zwei Gruppen: Die, die einfach nur Spa\u00df haben vollen, sich hedonistisch am Materiellen erfreuen, sich wenig f\u00fcr Politik interessieren. Das ist ihnen am wenigsten vorzuwerfen! Jeder will eine gute Zeit haben.<\/p>\n<p>Und dann gibt es die Vollblutengagierte, die in alles und jedem einen Skandal sehen und dies auch \u00f6ffentlich anprangern.<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich sehr verk\u00fcrzt. Warum muss ich st\u00e4ndig alles politisieren?<\/p>\n<p>Bitte nicht falsch verstehen, die Zeilen solchen sich keinesfalls pessimistisch lesen. Ich denke, es ist gesund, sich von Zeit zu Zeit Gedanken \u00fcber das eigene Handeln und sein Zeitmanagement zu machen.<\/p>\n<p>Im Moment bin ich vieles: Lehramtsstudent an der Uni T\u00fcbingen, erstens. Auch wenn dies manches Mal etwas kurz kommt. Eigentlich ist das Priorit\u00e4t.<\/p>\n<p>Als Student, Lehramtspraktikant, studentischer Mitarbeiter bei einem Landtagsabgeordneten, Tutor an der Uni, studentische Hilfskraft, Dozent an der Volkshochschule, Juso-Vorsitzender, Landespressesprecher der Jungen Europ\u00e4er Baden-W\u00fcrttemberg (um nur einige \u00c4mter zu nennen), wird mir so schnell nicht so langweilig.<\/p>\n<p>Ich verliere manchmal selbst den \u00dcberblick, was ich alles mache und frage mich, wie ich Zeit f\u00fcr alles finde. Jetzt kann man zurecht sagen: Mach doch einfach weniger! Entspanne dich doch! Die letzten Tage habe ich es probiert, einfach mal zuhause zu sitzen und nichts zu tun! Ich bin vor Verzweiflung fast verr\u00fcckt geworden, war schlecht gelaunt und aggressiv. Auch die Langeweile will gelernt sein. Au\u00dferdem entscheide ich, was ich zu- und was ich absage. Ich bin ein Mensch, der unterschiedliche Bet\u00e4tigung braucht. Ich bin gerne unterwegs im Lande, organisiere oder besuche Veranstaltungen und habe einen vollen Terminkalender.<\/p>\n<p>Ich merke aber, dass das, was mir am meisten Spa\u00df macht, das Unterrichten von Sprachen und das politische Engagement ist. Ich bin gerne unter Menschen, stehe am Stand oder an der Tafel, unterhalte mich, versuche, zu \u00fcberzeugen!<\/p>\n<p>Manchmal ergreift mich der Gedanke, auszuwandern, alles hinzuschmei\u00dfen und komplett in einem fernen Land unterzutauchen. So wie es damals, vor mittlerweile 2 Jahren (wie die Zeit vergangen ist!) mit Brasilien geklappt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Dem tristen Alltag, bestehend aus Mails beantworten, essen, schlafen, unfreundlichen Menschen zu entfliehen.<\/p>\n<p>Denn das Problem sind oft die Menschen. Egal ob es nicht gr\u00fc\u00dfende Nachbarn beim Spaziergang, die schlecht gelaunte Kassiererin im Supermarkt oder ehemalige Freunde, die einen nicht wiedererkennen. Ich sp\u00fcre, dass die Gesellschaft k\u00e4lter geworden ist. Wo bleiben die herzlichen Umarmungen, die Komplimente, Gespr\u00e4che, in denen auch mal nach dem Gegen\u00fcber gefragt wird? Zur Kommunikation geh\u00f6ren immer zwei Seiten!<\/p>\n<p>Ich bin da vielleicht als Halbmexikaner etwas anders gestrickt, brauche ein bisschen die Show, stundenlange Gespr\u00e4che am Esstisch und social events.<\/p>\n<p>Ich liebe Deutschland. Seinen Flei\u00df, seine Disziplin, seine Verbindlichkeit. Viele werden es nicht gerne h\u00f6ren, aber ich bin sehr stolz darauf, Deutscher zu sein: Wer wei\u00df, was es hei\u00dft, nicht ohne Auto oder Begleitung vor die T\u00fcr gehen zu k\u00f6nnen, wei\u00df, wovon ich rede. Ich liebe es, dass ich nah am Wald wohne. Dass ich mich frei bewegen kann. Dass ich meine Tr\u00e4ume und Projekte konkret verwirklichen kann.<\/p>\n<p>Die Servicekultur und Freundlichkeit ist in manchen Staaten aber besser ausgepr\u00e4gt. Ja, wir Deutsche sind manchmal etwas spie\u00dfig, etwas zu sicherheitsorientiert, verbissen auf zu kleine Details.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich kann man nicht alle \u00fcber einen Kamm scheren.<\/p>\n<p>\u201cMacht Euch mal locker!\u201c, w\u00fcrde ich manchen gerne zurufen und kr\u00e4ftig sch\u00fctteln. Redet miteinander, interessiert Euch f\u00fcr Eure Mitmenschen.<\/p>\n<p>Eure Kontoausz\u00fcge, Luxuskarossen und Bausparvertr\u00e4ge sind nicht alles!<\/p>\n<p>Ich bin f\u00fcr ehrliche Kommunikation. Wer das hier liest, wei\u00df ich nicht. Aber wir sehen ja in den aktuellen Kriegszeiten, wie befreiend es sein kann, offen Widerspr\u00fcche und innere Logikbr\u00fcche anzusprechen, schlichtweg transparent zu sein. Ja, es ist eine beschissene Lage, wir m\u00fcssen da aber jetzt durch. Mit einem L\u00e4cheln im Gesicht. Wie politische Kommunikation in diesem Sinn funktionieren kann, sieht man derzeit an Robert Habeck und Annalena Baerbock.<\/p>\n<p>Jetzt denkt man sich zurecht: Was soll dieser Text? Dieses Herumlavieren? Was sind die Konsequenzen daraus?<\/p>\n<p>Es ging mir vor allem darum, Dinge offen und unmissverst\u00e4ndlich auszusprechen. Nicht dieses \u201eEs musste mal gesagt werden!\u201c, wie manche Neurechte es nennen. Sich mal artikulieren, die eigenen Widerspr\u00fcche nach au\u00dfen zu kommunizieren.<\/p>\n<p>Wie gesagt &#8211; ich wei\u00df nicht, ob das hier Fabrizierte wirklich Sinn gemacht hat. Es war ein erster Versuch, ein Konvolut an Gedankenstr\u00f6men, die einen immer wieder durchflie\u00dfen, zu kanalisieren. Und es hat sich gut, befreiend angef\u00fchlt. Schreiben kann so therapeutisch sein!<\/p>\n<p>Damit dieser Text aber etwas vers\u00f6hnlich endet, mache ich einen kleinen Zeitsprung:<\/p>\n<p>Ich denke daran, wie ich einmal ein kleiner Junge war. Mit etwa 10\/11 Jahren, also vor etwa 10 Jahren. Ich habe gerne One Republic geh\u00f6rt, hatte viel Freude an der Schule, vor allem an den Fremdsprachen und war daher eher der Au\u00dfenseiter. Am meisten mochte ich es, nach der Schule nach Hause zu radeln und mich an den Rechner zu setzen und Arbeitsbl\u00e4tter und Klassenarbeiten f\u00fcr meinen Bruder zu entwerfen. Dabei probierte ich unterschiedliche Layouts und Schriften aus. Grundlegend war dabei, das Konzept<\/p>\n<p>Ich passte &#8211; kein Witz &#8211; sogar meine Handschrift an die meiner Lehrer*innen an. So habe ich im Laufe meiner Schullaufbahn ganze f\u00fcnf Mal die Handschrift gewechselt, was f\u00fcr gro\u00dfe Verwunderung bei meinen Lehrer*innen ausl\u00f6ste.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Rechner lief und ich meine Word-Dokumente bearbeitete, schaute ich meine Lieblingsserie \u201eHow I met your mother\u201c. Ich kann teilweise heute noch genau sagen, an welcher Stelle des Arbeitsblattes X ich war, welches Wort ich unterstrich, welchen Kreis zum Ausf\u00fcllen ich einf\u00fcgte, als sich gerade diese Szene in der Serie abspielte. Es hatte etwas Meditatives!<\/p>\n<p>Ich habe den Lehrerberuf zutiefst bewundert, hatte meine 3-4 Lieblingslehrer, die ich in jeder kleinen Marotte kopiert habe. Nachdem ich die Klassenarbeiten, die meinem Bruder als Vorbereitung f\u00fcr \u201eechte\u201c Klassenarbeiten dienten, ausgedruckt hatte, packte ich sie meine eigens angeschaffte Lehrertasche aus feinstem Leder, ging hoch ins Wohnzimmer, wo mein Bruder auf einem kleinen Holztisch sa\u00df und geduldig auf seine Klassenarbeit wartete. Ich teilte drei\u00dfig Bl\u00e4tter aus, als w\u00fcrden sich auch drei\u00dfig Sch\u00fcler im Raum befinden. Mache ein paar Ansagen und lasse meinen Bruder schreiben. Wenn er fertig ist, korrigiere ich seine Arbeit in Windeseile und gebe sie zur\u00fcck. Nat\u00fcrlich im gleichen Setting: oben im Klassenzimmer, f\u00fcr 30 imagin\u00e4re Sch\u00fcler und mit den Ansagen vor der R\u00fcckgabe einer Klassenarbeit.<\/p>\n<p>Es ist Sommer und es l\u00e4uft der Song \u201eSafe and sound\u201c.<\/p>\n<p>Das habe ich ganze 8 Jahre lang f\u00fcr meinen Bruder gemacht.<\/p>\n<p>Es erf\u00fcllt mich mit Freude, dass ich heute genau das mache, wovon ich schon als kleines Kind getr\u00e4umt habe. Heute korrigiere ich im Praktikum echte Klassenarbeiten mit und denke gerne daran zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ja, das Leben und auch das Studium kann z\u00e4h und langweilig sein, aber es sind diese Kleinigkeiten, Erinnerungen und Momente, die das Leben lebenswert machen.<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir alle nicht manches Mal wie Kinder sein und uns am Leben so undschuldig erfreuen?<\/p>\n<p>Jedenfalls ist heute ein sch\u00f6ner Sommertag und ich gehe raus, um die Sonnenstrahlen zu genie\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Text ist ein Einblick in viele Gedankeng\u00e4nge der letzten Monate. Es ist ein sehr pers\u00f6nlicher Text, den vielleicht nur ich verstehe, daher bitte nicht wundern, wenn einige Sachen wirr, unlogisch oder widerspr\u00fcchlich klingen. Ich freue mich, dass ihr hier seid! Es ist Pfingstsonntag. 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