{"id":299,"date":"2022-01-03T16:05:34","date_gmt":"2022-01-03T15:05:34","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=299"},"modified":"2022-01-03T16:14:28","modified_gmt":"2022-01-03T15:14:28","slug":"tapetenwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2022\/01\/03\/tapetenwechsel\/","title":{"rendered":"Tapetenwechsel"},"content":{"rendered":"<p>Es ist der 01.01.22 00:01 Uhr, die Feuerwerke knallen. Ich stehe am Fenster und schaue den wenigen Feuerwerksk\u00f6rpern zu, die in der Luft explodieren. Sind es Tr\u00e4ume, die zerplatzen oder welche, die neu geboren werden?<\/p>\n<p>Auf jeden Fall ist es Zeit f\u00fcr einen Jahresr\u00fcckblick.<\/p>\n<p>Es ist Januar, der Lockdown h\u00e4lt uns alle zuhause, keine Friseurbesuche (ich gleiche inzwischen einem halben Yeti), keine Besuche von Freunden, keine Pr\u00e4senz-Uni. Lediglich die vertraute Familieneinsamkeit dominiert unser Dasein. Mein Vater liegt zum Jahresbeginn im Krankenhaus, die Situation liegt wie Blei auf uns. Er wird schnell wieder entlassen, Erleichterung.<\/p>\n<p>In den USA st\u00fcrmen Verr\u00fcckte das Kapitol, zum Gl\u00fcck wird sp\u00e4ter Joe Biden als 46. Pr\u00e4sident vereidigt.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem befinde ich mich mitten im Landtagswahlkampf. Mein Chef Nicolas Fink m\u00f6chte wiedergew\u00e4hlt werden. Der normale Wahlkampf mit klassischen St\u00e4nden, Begegnungen, Veranstaltungen ist nat\u00fcrlich nicht m\u00f6glich. Daher m\u00fcssen wir ganz auf die digitalen Formate zur\u00fcckgreifen, ein Informationsstand, bei dem sich interessierte Passanten virtuell mit dem Landtagsabgeordneten unterhalten k\u00f6nnen, viele Online-Podiumsgespr\u00e4che und so weiter. Nat\u00fcrlich werden aber Plakate geklebt und tonnenschwere Bauz\u00e4une mit Wahlkampfwerbung im gesamten Wahlkreis aufgestellt &#8211; eine sehr willkommene k\u00f6rperliche Ert\u00fcchtigung inmitten der einsamen Stunden vor dem PC, bei dem das Sitzfleisch gefestigt wird.<\/p>\n<p>Ich lasse mir einen langen zotteligen Bart wachsen, bastle an meiner Language Academy weiter, erstelle Posts und ein paar Videos. Auch bei den Jusos treffen wir uns digital, was trotzdem gro\u00dfen Spa\u00df macht. Alle zwei Wochen ein neues Quiz, eine neue Diskussion, es ist ein Format, bei dem man ganz unverbindlich Leute trifft und &#8222;quatscht&#8220;, was wiederum in der F\u00fclle an virtuellen Sitzungen zu kurz kommt. F\u00fcr Smalltalk oder chitchat ist am Bildschirm schlicht keine Zeit.<\/p>\n<p>Das Projekt F\u00fchrerschein muss ich Anfang Januar auf Eis legen, auch Fahrschulen werden geschlossen.<\/p>\n<p>im Februar w\u00e4chst der Bart w\u00e4chst weiter, die Klausurenphase schleicht sich still an. Ich durchlebe ein Abitur 2.0, insgesamt f\u00fcnf Klausuren (drei digital, zwei in Pr\u00e4senz) schreibe ich im Zeitraum Februar &#8211; M\u00e4rz. Zugegeben: Die Online-Pr\u00fcfungen bringen gewisse Vorteile mit sich, trotzdem ist das Lernpensum nicht mit Schulzeiten vergleichbar: Wenn Du vor der Klausur konstatierst, dass Du 13 Sitzungen mit jeweils 40 Power-Point-Folien samt 50-seitiger Lekt\u00fcre nacharbeiten musst, ist das eine andere Dimension. Witzigerweise treffe ich wenige Stunden vor meiner Klausur der Bildungswissenschaften &#8211; es ist ja Wahlkampf &#8211; bei einer Veranstaltung den Spitzenkandidaten der SPD Baden-W\u00fcrttemberg und ehemaligen Kultusminister, Andreas Stoch. Ob das wohl Gl\u00fcck bringt? Trotzdem &#8222;wurstle&#8220; ich mich irgendwie durch, der Befreiungsschlag, als ich die letzte Pr\u00fcfung abgebe. Erstmal die Kommilitonen kennenlernen! Auf zu Subway und auf die Neckarwiese. Endlich sehe ich die Gesichter zu den Namenskacheln auf Zoom. Wirklich merkw\u00fcrdig, seine Kommiliton:innen nach drei Monaten Online-Studium zum ersten Mal zu Gesicht bekommt. &#8222;Deine Stimme klingt in echt aber ganz anders!&#8220;, &#8222;Dich hatte ich mir in echt aber viel gr\u00f6\u00dfer vorgestellt!&#8220;, &#8222;Endlich mal keine technischen Probleme bei dir, man versteht dich ja ganz fl\u00fcssig&#8220; &#8211; Coronazeiten eben.<\/p>\n<p>Ich merke, wie sehr ich den Austausch, die Diskussion (ja, auch den Tratsch) etwas vermisst habe. Es ist ja etwas zutifest Menschliches. Wenn man t\u00e4glich nach mehreren Stunden digitaler Lehre, seinen Bildschirm m\u00fcde zuklappt und auch keine M\u00f6glichkeit hatte, sich mit anderen \u00fcber das Studium, die Erfahrungen, die Lernerfolge, \u00c4ngste oder auch einfach nur \u00fcber Belangloses auszutauschen, dann fehlt etwas. Daf\u00fcr gibt es ja jetzt die App Clubhouse, drei Tage h\u00e4lt sich der Trend, dann redet kaum jemand mehr dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Wir sitzen \u00fcber vier Stunden bei sich anbahnenden Fr\u00fchlinsgwetter in T\u00fcbingen, einer Stadt, die ich kaum kenne, und unterhalten uns \u00fcber die Dozenten, erinnern uns an verr\u00fcckte Situationen aus den Online-Sitzungen (&#8222;Wei\u00dft Du noch, als ich mal kurz mein Mikrofon angelassen habe, und alle mein Telefonat mitgeh\u00f6rt habe?&#8220;) und lachen. Wie sch\u00f6n. Schnell sind jedoch die Ordnungsh\u00fcter vor Ort, die uns vom Platz verjagen, weil wir gegen die aktuelle Coronabestimmungen verto\u00dfen und schlicht zuviele Menschen auf einem Haufen sind.<\/p>\n<p>Trotz Pandemie hatte ich das Gl\u00fcck, wenige Menschen im Studium kennenzulernen, zu denen ich ein freundschaftliches Verh\u00e4ltnis aufbauen konnte. Es sind Menschen, denen ich vieles anvertrauen kann. Das tut gut.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen n\u00e4hert sich auch der Wahltag, wir entwerfen Produkte f\u00fcr Erstw\u00e4hler:innen, meine Haare nehmen gespenstische Ausma\u00dfe an, brav schlie\u00dfe ich das Semester ab und verabschiede mich auch von meinem Wohnheimzimmer, das ich leider kaum nutzen konnte. In der Klausurenphase habe ich auch mehrere Tage dort verbracht, das war ein gro\u00dfer Segen, ungest\u00f6rt zu arbeiten. Aber sonst ist es karg und leer im Studentendorf WHO. Es sind nur die internationalen Studierende da, die es aber allesamt bevorzugen, ihre Mahlzeiten alleine im Zimmer zu sich zu nehmen, anstatt sich mit mir in der K\u00fcche zu unterhalten. Naja.<\/p>\n<p>Bei den \u00fcberparteilichen Jungen Europ\u00e4ern l\u00e4uft w\u00e4hrenddessen eine digitale Kampagne zur Landtagswahl, die ich als Landespressesprecher betreue: ich f\u00fchre mehrere Gespr\u00e4che mit Landtagsabgeordneten \u00fcber &#8222;Instagram Live&#8220;, moderiere eine digitale Podiumsdiskussion (mit kleiner technischer Panne, auf jeden Fall lerne ich, gelassen zu reagieren!) und w\u00fchle mich durch die Wahlprogramme.<\/p>\n<p>Am 14. M\u00e4rz kann ich aufatmen: Nicolas Fink erringt ein Zweitmandat und zieht erneut in den Landtag ein. Das Ergebnis von 14% im Wahlkreis kann sich durchaus sehen lassen &#8211; landesweit erh\u00e4lt die SPD 11%. Dass wir Sozialdemokraten im September den Kanzler stellen werden, halte ich f\u00fcr v\u00f6llig ausgeschlossen, ich habe mich leider daran gew\u00f6hnt, Wahlen zu verlieren und in einer zerstrittenen Partei zu sein. Dazu aber sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>Der Jubel ist gro\u00df &#8211; digital feiern wir den Erfolg einige Tage lang, bis uns eine Nachricht ereilt: Unser SPD-Oberb\u00fcrgermeister m\u00f6chte sein Amt zur Verf\u00fcgung stellen &#8211; planm\u00e4\u00dfig sollte er 2022 aufh\u00f6ren, doch er m\u00f6chte sich bereits im September 2021 verabschieden. Schnell merken wir: Das werden drei Wahlk\u00e4mpfe dieses Jahr. Und es muss ein Nachfolger her!<\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt habe ich andere Sorgen: Ich habe \u00fcber eine Freundin ein Angebot f\u00fcr eine Einzimmerwohnung in der N\u00e4he von T\u00fcbingen bekommen. Kirchentellinsfurt hei\u00dft der sagenumwobene Wort, liegt 7 km von T\u00fcbingen entfernt. Sofort sage ich zu und fahre zur Besichtigung. Die Freude strahlt mir \u00fcber das ganze Gesicht, als ich erfahre, dass ich die Wohnung bekomme. Eine bessere Lage kann es kaum geben: Direkt am Bahnhof gelegen, Supermarkt in 100m Entfernung, flacher Radweg nach T\u00fcbingen in 15 min. 22 Quadratmeter, mit Bad, Balkon, alles da. Am gleichen Tag r\u00e4ume ich das Wohnheimzimmer und fahre mit einer Freundin nach B\u00f6blingen zum Feiern ;-).<\/p>\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter steht das n\u00e4chste gro\u00dfe Projekt an: Ich habe die Fahrstunden wieder aufgenommen und habe meine praktische Pr\u00fcfung. Ich bin eigentlich sehr ruhig, als ich durchfalle. Eine un\u00fcbersichtliche Ampelsituation und bl\u00f6der Bus haben mir das Genick gebrochen. Dieser Misserfolg soll mich einige Wochen besch\u00e4ftigen, ich bin es nicht gewohnt, Pr\u00fcfungen nicht zu bestehen, daher werden die kommenden Wochen bis zum erneuten Versuch die viel h\u00e4rtere Pr\u00fcfung sein. Ja, ich wei\u00df es ist nur eine bl\u00f6de Fahrpr\u00fcfung, trotzdem kann ich lange nicht schlafen, denke an nichts anderes mehr, bin unkonzentriert, schlecht gelaunt, genie\u00dfe nichts richtig. Am Tag nach der Niederlage fahren wir zu meinen Gro\u00dfeltern. Gedanken und Gef\u00fchle, die mir w\u00e4hrend dieser Zeit durch den Kopf gingen, habe ich in folgendem\u00a0<a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2021\/04\/01\/meer-und-mehr\/\">Text<\/a> verarbeitet.<\/p>\n<p>Ja, ich wei\u00df, ich sollte leise heulen. Dass mein gr\u00f6\u00dfter R\u00fcckschlag dieses Jahr die misslungene F\u00fchrerscheinpr\u00fcfung war, ist eigentlich etwas, wof\u00fcr ich dankbar sein sollte. Und in den vier Wochen lerne ich, mit der Niederlage umzugehen. Daf\u00fcr ist die Freude umso gr\u00f6\u00dfer, als es beim zweiten Mal klappt und ich die kleine Plastikkarte in den H\u00e4nden halte.<\/p>\n<p>Ich fahre wieder zu den Gro\u00dfeltern, Fabian hat einige wichtige Vorstellungstermine in Berlin, wo er ein duales Studium beginnen m\u00f6chte, ich freue mich auf die Tage der Entspannung, die ich nun endlich genie\u00dfen kann, jetzt, da der F\u00fchrerschein geschafft ist.<\/p>\n<p>Die Tage sind sch\u00f6n, ich fange mit dem Sommersemester Uni an, fahre nach Berlin mit meinem Bruder. Zwischendurch erhalte ich einen Anruf: Der Vorsitzende der SPD Esslingen fragt mich, ob ich Kapazit\u00e4ten f\u00fcr einen dreimonatigen Nebenjob h\u00e4tte. Es geht um die Unterst\u00fctzung im Oberb\u00fcrgermeisterwahlkampf, inzwischen konnte der Schorndorfer Oberb\u00fcrgermeister Matthias Klopfer f\u00fcr eine Kandidatur in Esslingen gewonnen werden. Als kooptiertes Mitglied im Parteivorstand konnte ich ihn wenige Tage zuvor in einem Vorstellungsmeeting kennenlernen. Ich frage, was meine Aufgaben sind: &#8222;Ein paar Kabelbinder kaufen und die Termine verwalten&#8220;. Jedenfalls schlafe ich eine Nacht dar\u00fcber und sage doch zu. 20 Stunden die Woche sind ja auch noch nicht so viel &#8230;<\/p>\n<p>Direkt zuhause angekommen findet die Nominierungsveranstaltung f\u00fcr die Bundestagskandidatur im Wahlkreis Esslingen, auf die sich mein Kumpel Daniel Krusic bewirbt. Leider klappt das Projekt nicht &#8211; am n\u00e4chsten Tag hole ich auch schon mein Auto ab. Mein Vater hat dankenswerterweise \u00fcber einen Freund einen sehr sch\u00f6nen, alten Peugeot organisieren k\u00f6nnen, in den ich mich sofort verliebe. Preis-Leistung stimmt und ich cruise schon durch die Innenstadt! Dieses Auto ist definitiv eines meiner Highlights dieses Jahr.<\/p>\n<p>Die warmen Monate sind im Kommen, das Semester l\u00e4uft digital weiter, viele Kurse machen mir gro\u00dfen Spa\u00df. Ich bewerbe mich bereits im Februar auf ein Ganzjahrespraktikum in einer Schule, das ab September beginnen w\u00fcrde. Dank einer tollen Initiative an der Uni T\u00fcbingen haben Lehramtsstudierende die M\u00f6glichkeit, ein ganzes Jahr an einer Schule zu schnuppern, Unterricht mitzuerleben, ja auch zu unterrichten. Dabei bekommen sie einen Mentor an ihre Seite gestellt, den sie ein ganzes Jahr begleiten. Ich freue mich sehr, dass ich angenommen werde. Ich lerne &#8222;meinen Lehrer&#8220; virtuell kennen, es scheint alles zu passen, Deutsch und Spanisch sind seine F\u00e4cher. Als kleines Sahneh\u00e4ubchen serviert mir das Leben eine Portion Extra-Ironie: Die Schule ist sich keine 200 Meter von meinem ehemaligen Wohnheim, das ich im M\u00e4rz verlassen hatte, entfernt.<\/p>\n<p>Kleines Zwischenereignis: Nachdem ich vor wenigen Jahren als pickliger Zehntkl\u00e4ssler an einem Planspiel der Vereinten Nationen teilgenommen hatte, bewarb ich mich im Jahr davor als Teammitglied. Im Mai war es dann soweit &#8211; gemeinsam mit weiteren Politikenthusiasten leitete ich den Sicherheitsrat und f\u00fchrt vier Tage lang durch die Debatte. Mit dem Vorbereitungscamp verbringe ich ingesamt sieben Tage vor dem Rechner, unterbrochen durch kurze Essens- und Schlafpausen. Alles sehr intensiv, ich frage mich fast, in welchem halbrealen-halbfiktiven Universum ich gelebt habe, als die Tage um sind. Diskutiert und erarbeitet wird \u00fcbrigens eine Resolution zur sexulaisierten Kriegswalt im Yemen-Konflikt.<\/p>\n<p>Ach ja, der Bart und der kurzzeitige Mexikaner-Schnurrbart sind abrasiert und auch einen Friseurbesuch habe ich mir nicht ersparen k\u00f6nnen. Langsam \u00f6ffnet das Land wieder Gesch\u00e4fte und Lokale, Deutschland blamiert sich beim ESC, ich bereite mich mental auf den Oberb\u00fcrgermeisterwahlkampf vor. Ein Impftermin ist jedoch noch nicht in Aussicht.<\/p>\n<p>Kandidat Klopfer hat sich inzwischen in Esslingen vorgestellt, meine Arbeit beginnt. Ich merke schnell: Aus den 20 Stunden wird schnell das Dreifache. Ich verwalte den Wahlkampfkalender, organisiere Plakatierungsaktionen, Stra\u00dfenwahlk\u00e4mpfe, fahre mit meinem Cabrio durch die Gegend, h\u00e4nge Plakate nach, begleite meinen neuen &#8222;Chef&#8220; zu Terminen, f\u00fchre gef\u00fchlte 10 000 Telefonate. Ich erlebe ein hohes Vertrauen, das mir entgegengebracht wird, wof\u00fcr ich sehr dankbar bin. Ich erlebe den Sommer wie in Trance. Jeden Tag (ja auch am Sonntag) arbeite ich. Das Wahlkampffieber packt und infiziert mich. Ich m\u00f6chte ja, dass es klappt und der n\u00e4chste Oberb\u00fcrgermeister meiner Heimatstadt Matthias Klopfer und nicht anders hei\u00dft. Das bedeutet auch, dass ich von Mai bis Juli meine Stadt neu kennenlerne, einen \u00dcberblick \u00fcber die Vereine, Einrichtungen, Personen und kommunalpolitischen Themen erhalte. Wahlkampf macht Spa\u00df und je lokaler, desto besser.<\/p>\n<p>Meine Eindr\u00fccke kann ich an der Stelle aber nicht wiedergeben, hierzu bedarf es eines weiteren Beitrags. Angefangen habe ich bereits mit <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2021\/08\/21\/__trashed\/\">Wahlkrimi in Esslingen<\/a>\u00a0, bald folgt die Fortsetzung.<\/p>\n<p>Um es vorwegzunehmen: Wir gewinnen die Wahl. Die intensivsten Monate meines Lebens nehmen ein Ende, in der Sekunde, in der das Ergebnis bekannt wird, bin ich in einer Stunde um drei Jahre gealtert. Es ist der Wahnsinn. Die n\u00e4chsten 8 Jahre werden gute Jahre f\u00fcr die Stadt sein.<\/p>\n<p>Trotz aller Wahlkampfeuphorie musste ich im Studium auch Abstriche machen: Durch den kr\u00e4ftezehrenden Job habe ich nur einen Bruchteil an Universit\u00e4tsveranstaltungen belegt, weil schlicht und ergreifend die Zeit fehlte. Ich bin dieses Risiko eingegangen und bereue es auch nicht &#8211; das, was ich ich in den drei Monaten gelernt habe, kann mir keine Uni der Welt lehren.<\/p>\n<p>Der Job ist vorbei, das Sommersemester auch, er hat sichtlich auch an mir genagt. Ich brauche erstmal Urlaub. Mit meiner Mama geht es in die T\u00fcrkei, eine Woche Entspannung pur, Wellen, Massagen, sandige F\u00fc\u00dfe und Abendessen bei Sonnenuntergang. Es tut mir sehr gut, mit meiner Mama Zeit zu verbringen &#8211; wir haben endlich Zeit zum Reden. F\u00fcr mich ist es mittlerweile die sch\u00f6nste Zeit des &#8222;Sohn Seins&#8220;: die Erziehung ist abgeschlossen, man kann offen als &#8222;Freunde&#8220; miteinander reden und sich aufeinander verlassen. Ich sch\u00e4tze dies sehr.<\/p>\n<p>Frisch aus dem Urlaub zur\u00fcck, beginnt der dritte Wahlkampf in diesem Jahr: Es ist ja noch Bundestagswahlkampf. Da wir in Esslingen mit dem OB-Wahlkampf genug zu tun hatten, l\u00e4uten wir erst ab Anfang September die hei\u00dfe Phase des Wahlkampfs ein. Die Umfragewerte f\u00fcr die SPD und f\u00fcr Olaf Scholz sind soweit sehr gut, im Juni\/Juli glich das noch einem politischen Wunder. Ein Bekannter sagte mir noch im April nach der Nominierung Baerbocks und vor dem offenen Gockelkampf zwischen S\u00f6der und Laschet: &#8222;Lass die Leute im Sommer aus ihrem Urlaub zur\u00fcckkommen &#8211; dann werden sie merken, dass Merkel nicht mehr antritt. Und nun stell dir die anderen Kandidaten neben Biden, Putin und Erdogan vor. Da werden sie schnell merken, wer am besten geeignet ist.&#8220;<br \/>\nRecht sollte er behalten. Im Wahlkampf helfe ich haupts\u00e4chlich ehrenamtlich mit, organisiere die Verteilung der Wahlprospekte. Scholz kommt in einer Nacht-und-Nebel-Aktion doch noch nach Esslingen &#8211; trotz Untersuchungsausschuss. Ich treffe ihn f\u00fcr wenige Sekunden, irgendetwas in mir sagt, dass er Kanzler wird.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall bin ich froh, als die Wahl (und somit der vierte Wahlgang f\u00fcr uns in Esslingen) endlich rum sind. Auch ein kleines Jahreshighlight: Mein Einsatz als Wahlhelfer. Mehr dazu im Beitrag\u00a0<a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2021\/08\/21\/__trashed\/\">Wahlkrimi in Esslingen<\/a><\/p>\n<p>Anfang September wurde ich au\u00dferdem als Landespressesprecher wiedergew\u00e4hlt, ich freue mich auf die neue Arbeit im Landesvorstand. Der kleine Tiefpunkt des Septembers stellt den Auszug meines Bruders dar: Er m\u00f6chte in Berlin sein Studium aufnehmen. Nat\u00fcrlich freue ich mich \u00fcber seine Entscheidung und seinen neu eingeschlagenen Lebensweg, wenn man aber 19 Jahre Seite an Seite aufw\u00e4chst, ist das leere Zimmer eine Zumutung. Es fehlt sein breites Grinsen, seine Proteinshakes, seine Schuhe und Jacken, die \u00fcberall im Haus liegen. F\u00fcr ein paar Tage muss ich ganz stark sein.<\/p>\n<p>Im Oktober halte ich einen Workshop zu Europa und Klimaschutz, werde als Juso-Vorsitzender in Esslingen wiedergew\u00e4hlt und das Semester beginnt. Sogar in Pr\u00e4senz! F\u00fcr ein Wochenende geht es nach Wittenberg, der Bundeskongress der JEF findet dort statt. Wie sehr ich Tagungen und Seminare vermisst habe &#8230;<\/p>\n<p>Wohltuend sind auch meine paar Tage in der Schweiz, Kanton Uri. Ich besuche meine Tante und meine Cousine, die ich lange nicht mehr gesehen habe. Selten habe ich so sch\u00f6ne Berglandschaften gesehen! K\u00fche, Wiese, K\u00e4sefondue und Heidi-Stimmung.<\/p>\n<p>Inzwischen habe ich au\u00dferdem einen neuen Job bei einem Dozenten des Deutschen Seminars an der Universit\u00e4t, ich gebe ein Tutorium und unterst\u00fctze bei seiner Arbeit. Hiwi-Job eben.<\/p>\n<p>Der goldene Herbst bricht mit seinem goldgelbraunen Gewand &#8211; und leider gehen die Inzidenzen hoch. Ich bin sehr dankbar, das durch das Einhalten von strengen Regularien der Universit\u00e4tsbesuch m\u00f6glich ist. Ich pendle zwischen Online-Seminar und Pr\u00e4senzveranstaltung, lerne mit Maske in der Bibliothek, bereite Referate vor und starte erfolgreich das Tutorium. Alles ist wieder m\u00f6glich und ich bin dankbar. Da l\u00fcfte ich gerne alle zwanzig Minuten f\u00fcr f\u00fcnf Minuten, rei\u00dfe sperrangelweit die Fenster auf und trainiere mich im Oberfl\u00e4chenreinigen.<\/p>\n<p>Da kullert mir fast schon eine Tr\u00e4ne \u00fcber die Wange, als ich der offiziellen Amtseinsetzung von Matthias Klopfer beiwohne.<\/p>\n<p>Die Wochen vergehen &#8211; zwischen Esslingen, Uni, Kirchentellinsfurt und meiner Praktikumsschule spielt sich mein Leben ab. Mein neues Wohnzimmer ist die B27. An der Schule werde ich mit den Sch\u00fclern langsam warm und darf gegen Ende des Jahres auch erste Stunde halten. Ich merke einmal mehr: Das ist der Job, den ich machen m\u00f6chte. Es gibt nichts, das mir gr\u00f6\u00dferen Spa\u00df macht als das Unterrichten von jungen Menschen. \u00a0Auch meine zwei Sprachkurse an der Volkshochschule Esslingen verlaufen erfolgreich &#8211; jeden Montag und Mittwoch stehe im Klassenraum und versuche h\u00f6chst motivierten Teilnehmerinnen (ja, es sind nur Frauen zwischen 23 und 60) Italienisch beizubringen (au\u00dferdem gibt es noch ein kleines Franz\u00f6sisch-Intermezzo in den Herbstferien) Die Stimmung ist ausgelassen, die Chemie stimmt, wir lachen sehr viel zusammen. Von Verbkonjugation, Dialogen im Restaurant bis hin zur italienischen Weihnachtsfeier mit Panettone &amp; Scendi dalle Stelle ist alles dabei. Umso mehr freue ich mich, dass die R\u00fcckmeldungen so positiv ausfallen (der kleine Pr\u00e4sentkorb ehrlicherweise auch!).<\/p>\n<p>Jetzt ist das Jahr fast rum, die Werbung und alles um mich herum will mir ihre &#8222;Weihnachtsstimmung&#8220; aufzwingen. Daf\u00fcr l\u00e4utet ein sehr sch\u00f6ner Besuch eines Chanukka-Festes im Landtag die Weihnachtszeit fast bilderbuchhaft ein. Doch ich will nicht so richtig in eine solche kommen. Zum einen besch\u00e4ftigt mich die Pandemie sowie die gesellschaftliche Stimmung sehr: Es wird nur noch aneinander vorbeigeredet, ohne aufeinander einzugehen, wir senden nur noch, empfangen aber nicht &#8211; reden, h\u00f6ren aber nicht zu. Von Solidarit\u00e4t ist an vielen Stellen nicht viel zu sp\u00fcren. Die Lauten dominieren die Diskussion, die Leisen, die sich seit langem an die Regeln halten, werden au\u00dfen vorgelassen. Omikron zieht die Schlinge st\u00e4rker um den deutschen Hals. Immerhin: Kurz vor Jahreschluss erhalte ich den dritten Pieks, in meinem rechten Oberarm reifen drei Biontech-Babys.<\/p>\n<p>Mit dieser Botschaft m\u00f6chte ich das Jahr 2021 jedoch nicht enden lassen.<\/p>\n<p>Jetzt brauche ich erstmal eine l\u00e4ngere Ruhepause, Ausschlafen, einfach mal Nichts tun. Vor allem die letzten Semesterwochen hatten es in sich, die st\u00e4ndige Autofahrerei, die Staus, der Wechsel zwischen hybrid und Pr\u00e4senz sind auf Dauer sehr anstrengend. Nicht zu vergessen die ehrenamtlichen Termine, die mein Leben sch\u00f6n garnieren.<\/p>\n<p>Ich bin sehr dankbar f\u00fcr \u00a0dieses 2021 und jede Erfahrung, die ich machen durfte &#8211; die positiven wie die negativen. Ich bin dankbar, dass ich das ganze Jahr gesund war, mir und meinen Lieben nichts gr\u00f6\u00dferes zugesto\u00dfen ist. Ich kann mich wirklich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen. Trotzdem bete und hoffe ich, dass wir schnellstm\u00f6glich aus der Pandemie herauskommen. Ich freue mich auf den Moment, wenn ich wieder Gesichter sehen kann, wenn eine Umarmung wieder die Normalit\u00e4t wird, wenn wir wieder ausgelassen ein Bierchen in gr\u00f6\u00dferer Runde trinken und uns auf die Schulter klopfen: &#8222;Das waren zwei verr\u00fcckte Jahre, 2020-2021. Aber haben wir alles irgendwie ganz gut hingekriegt&#8220;.<\/p>\n<p>Erstmal hei\u00dft es weiterhin: R\u00fccksicht nehmen, impfen, Abstand halten, Hygienehinweise befolgen. In Anlehnung an eine im Jahr 2021 augeschiedene Kanzlerin, der ich auch etwas nachtrauere, sage ich: &#8222;Wir schaffen das&#8220;.<\/p>\n<p>Und ohne viele Schn\u00f6rkel verabschiede ich mich und w\u00fcnsche euch von Herzen einen guten (und vor allem gesunden) Start ins neue Jahr!<\/p>\n<p>M\u00f6ge es f\u00fcr uns alle ein gutes werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist der 01.01.22 00:01 Uhr, die Feuerwerke knallen. Ich stehe am Fenster und schaue den wenigen Feuerwerksk\u00f6rpern zu, die in der Luft explodieren. Sind es Tr\u00e4ume, die zerplatzen oder welche, die neu geboren werden? Auf jeden Fall ist es Zeit f\u00fcr einen Jahresr\u00fcckblick. 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