{"id":298,"date":"2022-01-03T19:50:51","date_gmt":"2022-01-03T18:50:51","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=298"},"modified":"2022-01-04T15:34:27","modified_gmt":"2022-01-04T14:34:27","slug":"stopp-privat-unbefugte-haben-zutritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2022\/01\/03\/stopp-privat-unbefugte-haben-zutritt\/","title":{"rendered":"Stopp, Privat: Unbefugte haben Zutritt"},"content":{"rendered":"<p>Ich liege hier und bin. Bin einfach. Neben mir die Nacht. Lichterloses etwas.<\/p>\n<p>In derselben Zeit vergeht die Zeit. \u00dcberall auf der Welt hassen sich Menschen, lieben sich, streiten sich, vers\u00f6hnen sich wieder, \u00e4ndern ihren Beziehungsstatus auf Facebook, schleudern CO2 in die Atmosph\u00e4re, bauen Legoburgen f\u00fcr ihre Kinder. Immer. Zu jeder Zeit. Egal, was passiert. Komme zur Ruhe. Die Nichtaktivit\u00e4t l\u00f6st die gr\u00f6\u00dfte innere Aktivit\u00e4t in mir aus. Mein K\u00f6rper registriert, dass ich auch mal nichts mache und regt wichtige Regenerationsprozesse an.<\/p>\n<p>Gerade ist es still in meinen Breitengraden. Keine Autos, keine quirligen Passanten, gelebtes Nichts. Ob ich hier liege und bin oder auch nicht bin, macht keinen Unterschied. Wenn die Sonne aufgeht, beginnt der verr\u00fcckte Zirkus von Neuem. Aufstehen, arbeiten, Miete bezahlen.<\/p>\n<p>Wenn ich mit 140 \u00fcber die Autobahn brettere, m\u00f6chte ich manchmal einfach anhalten. Das Auto abstellen. Mich auf dem warmen und weichen Asphalt legen. Unter die Autos schauen. Unsichtbar sein, den Motorger\u00e4uschen lauschen. Kleine G\u00e4nsebl\u00fcmchen beim Wachsen beobachten, die am Rande des tristen Graus ihr neues Zuhause gefunden haben.<\/p>\n<p>Manchmal m\u00f6chte ich in U-Bahn-Stationen stehenbleiben und ein T\u00e4nzchen tanzen. Das Gep\u00e4ck beiseitelegen. Und mich einfach nur am Leben erfreuen. Wie in Trance.<\/p>\n<p>Wenn ich samstags faul im Bett herumliege, m\u00f6chte ich aufstehen, die Hose ausziehen und die kalten Beine gegen eine x-beliebige H\u00e4userwand pressen. Durch die verkaterte Stadt laufen, das V\u00f6gelzwitschern h\u00f6ren. Einfach ich sein. Das Leben bei den H\u00f6rnern packen.<\/p>\n<p>Mich in mein altes Klassenzimmer stellen, die Gedanken, Gef\u00fchle und Stimmen von damals f\u00fchlen. Drau\u00dfen schlafen die Kinder noch, spielen, machen alles andere als Schule. Der Ort ist verlassen. Orte werden manchmal nicht mehr gebraucht. Man k\u00f6nnte sie eigentlich kurzzeitig ausradieren, es w\u00fcrde keiner merken. Genauso spannend w\u00e4re es, im tiefsten Winter in ein Freibad zu gehen. Oder im vor Sonne triefenden Sommer auf eine Schlittschuhbahn.<\/p>\n<p>Ist das nicht die Aufgabe unserer Gesellschaft: Dann auf etwas zu schauen, wenn niemand mehr hinsieht?<\/p>\n<p>Heutzutage halten sich Themen 2 Tage in den Medien. Dann redet keiner mehr dar\u00fcber. Beispiel: Die Afghanistan-Katastrophe. Ende August machte ich \u00fcberall die GR\u00d6SSTE EMP\u00d6RUNG breit, Geschichten von Geretteten wurden \u00fcber die Sozialen Netzwerke geteilt, wilde Artikel \u00fcber die Taliban, sogar (unabsichtlich) gestellte Fotomontagen \u00fcber die Situation der Frauen. Kaum hatte sich die Erde zweimal um sich selbst gedreht, ging es wieder um die Bundestagswahl. Oder um irgendetwas anderes. Ist ja heute nicht mehr so wichtig.<\/p>\n<p>Ich frage mich oft: Wie ist es gerade an einem anderen Ort auf dem Erdball? Wenn ich mich f\u00fcr Sekunden wegbeamen k\u00f6nnte, um als unsichtbare Gestalt, auf einem Stein meditierend, irgendwo auf der Welt zu erscheinen, ich w\u00fcrde meine Niere spenden. Ich w\u00fcrde da sitzen und beobachten. Wie neulich. Da war ich im Supermarkt, habe mich einfach zwischen die einkaufende und hastig den letzten Joghurt in den Einkaufswagen schmei\u00dfende Menge gestellt. Gespr\u00e4chen gelauscht.<\/p>\n<p>&#8222;Frohes Neues&#8220; &#8222;Euch auch&#8220; &#8222;Was macht ihr hier?&#8220; &#8222;Ach Du, ein paar Kleinigkeiten einkaufen f\u00fcr das neue Jahr&#8220; &#8222;Ein paar Kleinigkeiten ist gut (lacht)&#8220; &#8222;Seid ihr gut reingekommen?&#8220; &#8222;Ja, Gott sei Dank, alles gut, alle gesund. Ihr auch?&#8220; &#8222;Ja&#8220; Ja, mein Mann freut sich schon wieder auf die Arbeit&#8220; &#8222;Meiner auch&#8220; (Alle lachen). &#8222;Bin mal gespannt, was dieses Jahr noch so kommt&#8220; &#8222;Ja, mit diesem Corona&#8230; Man wei\u00df es nicht&#8220; &#8222;Auf jeden Fall, guten Einkauf und bis bald im Gesch\u00e4ft&#8220;?<\/p>\n<p>Es ist erstaunlich, wieviel man \u00fcber Beziehung, Sympathie und Lebenssituation von wildfremden Menschen sagen kann, wenn man einem x-beliebigen Gespr\u00e4ch aus sicherer Distanz beiwohnt.<\/p>\n<p>Die Verkettung von Ereignissen macht mich zunehmend nerv\u00f6s. Was w\u00e4re, wenn ich jetzt nicht hier liegen w\u00fcrde? Wenn ich aufgestanden w\u00e4re, gefr\u00fchst\u00fcckt h\u00e4tte und in den Wald gegangen w\u00e4re?<\/p>\n<p>Manchmal muss ich den Kreislauf durchbrechen. &#8222;Nichts geschieht ohne Grund&#8220;, steht ja &#8211; nicht ohne Grund &#8211; im Poesiealbum.<\/p>\n<p>Es ist sch\u00f6n, genauer hinzusehen, die Stopptaste zu dr\u00fccken und einen Perspektivwechsel zu wagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich liege hier und bin. Bin einfach. Neben mir die Nacht. Lichterloses etwas. In derselben Zeit vergeht die Zeit. \u00dcberall auf der Welt hassen sich Menschen, lieben sich, streiten sich, vers\u00f6hnen sich wieder, \u00e4ndern ihren Beziehungsstatus auf Facebook, schleudern CO2 in die Atmosph\u00e4re, bauen Legoburgen f\u00fcr ihre Kinder. Immer. Zu jeder Zeit. 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