{"id":295,"date":"2021-12-26T17:45:20","date_gmt":"2021-12-26T16:45:20","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=295"},"modified":"2021-12-26T17:46:19","modified_gmt":"2021-12-26T16:46:19","slug":"eigentlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2021\/12\/26\/eigentlich\/","title":{"rendered":"Eigentlich"},"content":{"rendered":"<p>Lange nicht mehr geschrieben, f\u00e4llt mir auf. Liege gerade wie eine dicke Wohlstandsmade auf dem heimischen Sofa, lese viel, schaue Serien nach, die ich aufgrund des hohen Zeitpensums durch Studium und Job nicht konsumieren konnte und denke \u00fcber das vergangene Jahr nach.<\/p>\n<p>Jedes Jahr komme ich zum Entschluss, dass es das &#8222;verr\u00fccktestes&#8220;, &#8222;nervenaufreibendste&#8220; oder &#8222;genialste&#8220; Jahr aller Zeiten war. Gewiss liefern sich 2020 und 2021 ein enges Rennen um den Titel der anspruchsvollsten, intensivsten, &#8230; was auch immer-Monate.<\/p>\n<p>Es ist Weihnachten, \u00fcberall auf der Welt liegen die Telefonh\u00f6rer still auf B\u00fcroschreibtischen, Abwesenheitsnotizen wurden brav geschrieben, gut gen\u00e4hrt (vor allem mit K\u00e4se) w\u00e4lzen sich Mitteleurop\u00e4er auf schweren Polstergarnituren, streiten sich mit den Eltern oder auch nicht, zeigen sich ihre Jahresr\u00fcckblicke, Musik, Momente, Fotos, was auch immer. Eine sehr sch\u00f6ne Zeit. Auf den Weihnachtsspazierg\u00e4ngen wird sich gegenseitig brav zugenickt, frohes Fest gew\u00fcnscht, schnell weg, bevor es noch zu einem echten Gespr\u00e4ch kommt.<\/p>\n<p>Wann haben wir aufgeh\u00f6rt, miteinander zu reden? Wann haben wir begonnen, uns gegenseitig nicht mehr zu gr\u00fc\u00dfen, wegzuschauen (oder auf die Uhr), um in unsere viel zu gro\u00dfen Autos einzusteigen und mit beheiztem Popo gem\u00fctlich nach Hause zu fahren?<\/p>\n<p>Die Pandemie h\u00e4lt uns seit fast zwei Jahren fest, eigentlich w\u00e4re es die Stunde der N\u00e4he, Solidarit\u00e4t, R\u00fccksichtnahme und Empathie. Eigentlich. Ich sp\u00fcre eine Gesellschaft, die k\u00e4lter geworden ist. Besonders f\u00e4llt es mir auf, wenn ich alte Bekannte auf der Stra\u00dfe treffe. Die Gespr\u00e4ch sind immer gleich: &#8222;Was machst Du gerade so?&#8220; &#8230; &#8222;Ja, eigentlich &#8230;&#8220; (jetzt folgt eine Begr\u00fcndung, warum das heimt\u00fcckische Virus alle Jahres-, Urlaubs-, oder Lebenspl\u00e4ne kaputtgemacht hat). &#8222;Ja, Corona hat so viel kaputtgemacht&#8230;&#8220; &#8222;Auf jeden Fall war es sch\u00f6n, Dich wiederzusehen &#8211; lass auf jeden Fall in Kontakt bleiben&#8220;. Schnell gehen, bevor man es noch ernst meint. Eigentlich will man sich ja sehen, aber &#8230; Eigentlich ist die st\u00e4rkste deutsche Verneinung. Jeder schaut nach sich und damit ist ja an alle gedacht, wie es so sch\u00f6n hei\u00dft. Offiziell lieben wir alle Menschen, posten auf den sozialen Medien unsere sch\u00f6nsten Momente in trauter Zwei- oder Drei- oder Viersamkeit, aber kaum sehen wir im Supermarkt einen ehemaligen Klassenkameraden, Lehrer, Bekannten, Weggef\u00e4hrten, so sind wir unsichtbar.<\/p>\n<p>Ich muss zugeben &#8211; ich bin auch schon vorbeigelaufen, habe aufs Handy geguckt, mich sogar im Auto aktiv versteckt, nur um einen unangenehmen Gespr\u00e4ch aus dem Weg zu gehen. Irgendwann habe ich mir gedacht: Warum weiche ich aus? Gewiss: meistens ist es einfach die fehlende Lust, sich zumindest kurz zu unterhalten. Irgendwie nachvollziehbar. Aber es st\u00e4ndig als Ausrede vor sich hinzuschieben, ist irgendwie auch verkehrt. Mir kam ein weiterer Gedanke auf: F\u00fchle ich mich manchmal schuldig, weil der letzte Kontakt mit der Person, die ich zuf\u00e4llig treffe, schlecht verlaufen ist? Weil ich versprochen hatte, mich zu melden, ich eine Sprachnachricht oder Textnachricht nicht beantwortet hatte? Das trifft manchmal zu. Und es ist irgendwie feige, dem Kontakt aus dem Weg zu gehen. Stelle Dich unangenehmen Situationen! hat mir meine innere Stimme gesagt.<\/p>\n<p>Und die Erfahrung zeigt: Wenige, die man zuf\u00e4llig trifft, sind irgendwie b\u00f6se oder gar entt\u00e4uscht, weil man zum Beispiel vergessen hatte, sich zu melden. Im Gegenteil: Manchmal ist die Freude sogar umso gr\u00f6\u00dfer, wenn man es nicht erwartet, angesprochen zu werden. Ich habe vor Kurzem ein Tageshighlight erlebt: Ich sa\u00df in der Uni-Bibliothek in einem Online-Meeting, als mich eine alte Bekannte ansprach. Ich war so froh, sie zu sehen, dass wir von einer Studentin aufgrund der Lautst\u00e4rke verjagt wurden.<\/p>\n<p>Irgendwie scheint die Lage nicht besser zu werden. Auf der Welt sterben Kinder an Hungersnot, werden als Soldaten eingesetzt, Menschen f\u00fchren aussichtslose Kriege wegen ihrer Hautfarbe, Religion oder Weltanschauung, die Erderw\u00e4rmung steigt zuverl\u00e4ssig, w\u00e4hrend wir weiter CO2 in die Atmosph\u00e4re schleudern &#8211; manche bezweifeln sogar den Einfluss des Menschen auf den Treibhauseffekt &#8211; und zu allem \u00dcberfluss sterben Menschen an einer Pandemie, die unsere Intensivstationen f\u00fcllt.<\/p>\n<p>An manchen Tagen sterben so viele Menschen, als w\u00fcrde t\u00e4glich ein Jumbojet abst\u00fcrzen. Wir waren geduldig, solidarisch, blieben zuhause, lie\u00dfen uns impfen. Und trotzdem kommen wir nicht heraus. Achtsamkeit war das Stichwort. Wenn man sich die Proteste der Impfgegner:innen anschaut, ist von Achtsamkeit wenig zu sp\u00fcren. Man muss hier haarscharf trennen: Es ist legitim, Zweifel und Fragen zu haben &#8211; auch zum Impfstoff. Jede:r kann sich informieren &#8211; \u00fcber Risiken und Nebenwirkungen, wie es in Medikamentenwerbungen so sch\u00f6n hei\u00dft. Ich habe Respekt vor Menschen, die sich gr\u00fcndlich informieren, bevor sie eine Entscheidung treffen. Ich habe aber keinen Respekt vor Gewalt und Ausschreitungen. Wenn Zweifel am Virus in einen lauten Protest m\u00fcnden, in dem Politiker:innen verunglimpft und sogar vor ihren H\u00e4usern bedroht werden und zu noch mehr Hass, Hetze und Widerstand gerufen wird, dann hat unsere Toleranz ein Ende.<\/p>\n<p>Warum reden wir immer nur \u00fcber die Lauten, nicht \u00fcber die Leisen, die sich stillschweigend an die Regeln halten, die seit zwei Jahren alle Ma\u00dfnahmen mittragen?<br \/>\nVor den Menschen, die in wichtigen Berufen wie der Pflege und der Medizin t\u00e4glich an der Front stehen und unser Leben retten?<br \/>\nVor Menschen, die nicht ihre geplante Operation erhalten, weil \u00a0Umgeimpfte und auch Geimpfte die Krankenh\u00e4user so stark beanspruchen?<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t ist das Stichwort.<\/p>\n<p>Das Klima ist angespannt, es ziehen dunkle Gewitterwolken \u00fcber Deutschland auf. \u00a0Gleichzeitig bemerke ich auch eine zunehmende Aggresivit\u00e4t im Diskurs der anscheinend &#8222;Vern\u00fcnftigen&#8220;, also der Geimpften. Es darf auch nicht sein, dass Menschen diskriminiert, angegriffen oder stigmatisiert werden, weil sie eine andere Entscheidung f\u00fcr sich getroffen haben. Durch die Ma\u00dfnahmen erlebt jede:r die Einschr\u00e4nkungen &#8211; beispielsweise, wenn man nicht in das Restaurant oder in den Einkaufsladen hineindarf und viel Geld f\u00fcr Tests zahlen muss. Jede:r hatte die Chance, sich impfen zu lassen. Wer dies trotzdem nicht tut, der muss mit den Konsequenzen leben. Wie immer im Leben.<\/p>\n<p>Die Sehnsucht nach einer gro\u00dfen \u00f6ffentlichen Umarmung, gro\u00dfen Feierlichkeiten, einen Gl\u00fchwein auf dem Weihnachtsmarkt und das Verlassen des Hauses ohne Maske nimmt stetig zu. Im Sommer schien vieles normal, die Pandemie war zwar noch da, aber das Ende schien nah. Wir hatten Wahlkampf, kein Politiker traute sich, unangenehme Wahrheiten unters Volk zu bringen. Dabei hatten wir die Situation des letzten Winters gut im Kopf. Und die Impfkampagne zog leider nicht gut genug.<br \/>\nW\u00e4hrend andere L\u00e4nder wie Brasilien, in dem Pr\u00e4sident Bolsonaro noch vor der Impfung warnte &#8211; mit dem Hinweis, keine Verantwortung zu tragen, falls sich Geimpfte in einen Kormoran verwandelten, eine Impfbereitschaft von knapp 90% dokumentierten, k\u00e4mpften wir mit 60%. Zu wenig f\u00fcr die Herdenimmunit\u00e4t. Die hohe Impfquote in L\u00e4ndern wie Brasilien h\u00e4ngt \u00fcbrigens damit zusammen, dass die Bev\u00f6lkerung mit der Impfpflicht in den 80er Jahren gute Erfahrungen gemacht hatte. Ganze Krankheiten, wie beispielsweise Polio, wurden ja durch die Impfung (hier die Schluckimpfung) ausgerottet.<br \/>\nAber was wei\u00df ich. Ich bin kein Experte und vertraue Menschen, die sich auskennen. Bis auf Weiteres bin ich geduldig und erfreue mich an den kleinen Dingen des Lebens (oder auch gro\u00dfen), wie zum Beispiel, dass ich nach zwei digitalen Semestern endlich an die Universit\u00e4t darf.<\/p>\n<p>Trotz Maske, regelm\u00e4\u00dfigem Eisl\u00fcften, Desinfizieren und Anwesenheitsformularen ist es ein gro\u00dfer Unterschied zur digitalen Lehre, Diskussion und Debatte sind nun anders m\u00f6glich! Irgendwie auch sch\u00f6n, wie sich alle M\u00fche geben, damit es klappt &#8211; damit alle teilhaben k\u00f6nnen. Mittlerweile gilt jedoch 2G und es gab auch schon Corona-Ausbr\u00fcche. Ich hoffe fest, dass im kommenden Jahr Pr\u00e4senzkurse weiter m\u00f6glich sind.<\/p>\n<p>Die Universit\u00e4t erinnert mich nicht nur architektonisch an mein altes Gymnasium (strenger Brutalismus, viel Sichtbeton). Manche Kurse sind sehr schulisch, melden, Aufgaben bearbeiten, Sitzordnung wie im alten Klassenraum. Andere widerum sind so, wie ich mir Universit\u00e4t immer vorgestellt hatte: Zu Beginn ein Referat, dann ausf\u00fchrliche Diskussionen \u00fcber Literatur.<\/p>\n<p>Im Vergleich zur Schule ziehe ich die Uni um ein Vielfaches vor &#8211; Ich kann mir die Zeit selbst einteilen, Stundenpl\u00e4ne selbst gestalten&#8230; Herrlich. Es interessiert niemanden, ob man anwesend ist, ob man die Texte gelesen kann und auch etwas dazu sagen kann. Gelebte Freiheit, gelebte Verantwortung. In der Schule noch Allrounder, Mathe, Chemie, Physik und nat\u00fcrlich auch katholische Religion an einem Vormittag, in der Uni Generalspezialist. Von vielem eine Ahnung, von nichts so richtig.<\/p>\n<p>Eigentlich schon besser. Vielleicht auch irgendwann einmal normal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange nicht mehr geschrieben, f\u00e4llt mir auf. Liege gerade wie eine dicke Wohlstandsmade auf dem heimischen Sofa, lese viel, schaue Serien nach, die ich aufgrund des hohen Zeitpensums durch Studium und Job nicht konsumieren konnte und denke \u00fcber das vergangene Jahr nach. Jedes Jahr komme ich zum Entschluss, dass es das &#8222;verr\u00fccktestes&#8220;, &#8222;nervenaufreibendste&#8220; oder &#8222;genialste&#8220; &hellip; <span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2021\/12\/26\/eigentlich\/\">Mehr lesen &raquo;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":2804,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-295","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/295"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2804"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=295"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/295\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":297,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/295\/revisions\/297"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=295"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=295"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=295"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}