{"id":288,"date":"2022-01-03T19:23:17","date_gmt":"2022-01-03T18:23:17","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=288"},"modified":"2022-01-04T15:45:12","modified_gmt":"2022-01-04T14:45:12","slug":"brutal-knappe-kiste-wahlkrimi-in-esslingen-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2022\/01\/03\/brutal-knappe-kiste-wahlkrimi-in-esslingen-teil-2\/","title":{"rendered":"Brutal knappe Kiste &#8211; Wahlkrimi in Esslingen Teil 2"},"content":{"rendered":"<p><em>(Dieser Text ist eine Fortsetzung von\u00a0<a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2021\/08\/21\/__trashed\/\">Wahlkrimi in Esslingen)<\/a><\/em><\/p>\n<p>\u201eBrutal knappe Kiste\u201c schrieb mir jemand auf Instagram, nachdem sie meine Story gesehen hatte.<\/p>\n<p>Es waren die wohl angespanntesten und nerv\u00f6sesten Stunden meines Lebens. Es ging um die n\u00e4chsten acht Jahre der Stadt Esslingen. Um Zukunft. Um Klimaschutz. Um bezahlbaren Wohnraum. Um die Umsetzung der Mobilit\u00e4tswende. Um eine lebenswerte und bunte Stadt. Vieles von dem wird ma\u00dfgeblich durch den\/die Oberb\u00fcrgermeister*in gesteuert. Und ein solcher potenzieller Kandidat stand neben mir. Mein Chef. Sportlich, drahtig, stabile Statur. Die Arme verschr\u00e4nkt, eine Hand bei seiner Frau. Rote Krawatte, marineblauner Anzug. Es ging auch um seine Zukunft &#8211; pers\u00f6nlich wie beruflich. Auch f\u00fcr die Esslinger SPD stand die Frage im Raum, ob es ihr gelingen w\u00fcrde, nach drei\u00dfig Jahren erneut den Oberb\u00fcrgermeister zu stellen.<\/p>\n<p>Neben mir &#8211; Wahlkampfleiter, s\u00e4mtliche Gr\u00f6\u00dfen der Esslinger Gemeinderatsfraktionen, engagierte Mitglieder der SPD und dazwischen ich. Ich nahm alles wie in Trance wahr, sah die Bewegungen wie als w\u00e4re alles in Honig getaucht. Irgendwie stand ich irgendwann neben Reportern und dem amtierenden Oberb\u00fcrgermeister, Dr. J\u00fcrgen Zieger.<\/p>\n<p>Der Gegenkandidat hatte sich mit seinen Unterst\u00fctzer*innen weiter hinten, jedoch in Sichtn\u00e4he, positioniert. Auch er starrte gebannt auf die gro\u00dfe Leinwand im Neckarforum in Esslingen.<\/p>\n<p>Ich schwitzte. Auf dem Handy waren die Ergebnisse schneller drin, \u00fcber den \u201eWahlservice KOMM\u201c. Sek\u00fcndlich klickten alle Anwesenden im Raum (die ein Smartphone besa\u00dfen) auf den Aktualisierungs-Button. Nichts. Es tat sich nichts. 64 von 67 Bezirken ausgez\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Es war so knapp. So hauchd\u00fcnn. Kandidat Klopfer (mein Chef) lag zwar immer leicht in F\u00fchrung, aber nur mit 150 &#8211; 200 Stimmen. Doch je nach Stadtteil stellten sich die Stimmenverh\u00e4ltnisse oft diametral gegen\u00fcber. W\u00e4hrend in den n\u00f6rdlichen Bezirken wie W\u00e4ldenbronn oder Serach (\u201eauf dem Berg\u201c) Kandidat T\u00f6pfer klar punkten konnte, lag Klopfer in der Tallage vorn (z.B. in der Innenstadt oder in Mettingen).<\/p>\n<p>Es hatte kurzzeitig eine leichte F\u00fchrung f\u00fcr T\u00f6pfer gegeben, n\u00e4mlich, als Berkheim ausgez\u00e4hlt wurde. Berkheim ist seit l\u00e4ngerem sehr konservativ, die CDU f\u00e4hrt hier gute Ergebnisse ein. Und es war einer dieser Stadtteile, in der wohl eine fabrizierte Wechselstimmung herrschte: Nach 30 Jahren SPD-OB sollte jemand anderes ran. Und Berkheimer halten zusammen!<\/p>\n<p>T\u00f6pfer holte hier \u00fcber 60%. Das war einer der wenigen Momente, an denen die Stimmung wirklich schlecht war. Genauso wie in meinem Wahlbezirk, in dem ich wenige Minuten zuvor noch ausgez\u00e4hlt hatte: Dieser ging klar an T\u00f6pfer.<\/p>\n<p>Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, ob es sich bei den fehlenden Bezirken um Briefwahl- oder um Stadtteilbezirke handelte.<\/p>\n<p>Bei der Briefwahl hatte Klopfer immer einen leichten Vorteil, das war aus dem ersten Wahlgang und auch hier deutlich hervorgegangen. Doch ein konservativer Stadtteil &#8211; und das Ganze konnte sich drehen. Es war die H\u00f6lle. H\u00e4tte man Kohlenstoffatome in jener halben Stunde lange genug im Raum gelassen, w\u00e4ren Diamanten entstanden.<\/p>\n<p>Um mich herum wurde alles nerv\u00f6ser. Um mich abzulenken, ging ich von Menschengruppe zu Menschengruppe und unterhielt mich. Einige blickten bierernst, bei anderen sp\u00fcrte man schon die Zuversicht, dass es klappen w\u00fcrde. \u201eEs m\u00fcssten jetzt noch Wunder geschehen, damit T\u00f6pfer das Ding drehen kann\u201c, sagte mir jemand. Ich wollte das gern glauben. Aber: Vorsicht war geboten. Bis zur letzten Stimme wird gez\u00e4hlt. Das haben wir aus den USA ja gelernt.<\/p>\n<p>Und dann: 65 von 67 ausgez\u00e4hlt. Es war wohl doch die Briefwahl. Diese Tatsache lie\u00df mich etwas aufatmen. Aber auch hier war die Situation nicht ganz klar, da es durchaus auch Briefwahlbezirke gab (auf jeden Fall mehr als einen!), in denen T\u00f6pfer leicht die Nase vorn hatte!<\/p>\n<p>Meine G\u00fcte, 200 Stimmen Unterschied. Das war so haarknapp. Man muss sich einmal vorstellen: Bei 70 000 potenziell Wahlberechtigten war dies ein Bruchteil. Es hatten aber leider nur knapp 30 000 gew\u00e4hlt, die Wahlbeteiligung lag bei j\u00e4mmerlichen 38,1%.<\/p>\n<p>66 von 67 ausgez\u00e4hlt. Alle starrten auf ihre Handys. Manche sah ich Sto\u00dfgebete sprechen. In die eine oder in die andere Richtung. Man merkte: Es ging wirklich um was. F\u00fcr manche um ihren Chef der Stadtverwaltung. F\u00fcr einen um seinen Nachfolger. F\u00fcr andere um den Vorsitzenden ihres Gemeinderates. Und f\u00fcr interessierte B\u00fcrger*innen um ihr k\u00fcnftiges Stadtoberhaupt. Wo zum Teufel war der 67. Wahlbezirk und warum dauerte das so lang?<\/p>\n<p>Die Zeit dehnte sich wie ein z\u00e4her Kaugummi. Zwischendurch lugte ich zu Matthias. Ich vermutete, dass es wohl eines der nervenaufreibendsten Momente seines Lebens war. Er lehnte sich zu seiner Frau Anni.<\/p>\n<p>WARUM WAREN WIR ALLE SO NERV\u00d6S?<\/p>\n<p>Viele von uns waren von einem deutlicheren Ergebnis ausgegangen. Hintergrund: Vor zwei Wochen, am 11. Juli, hatte die Hauptwahl (auch \u201eErster Wahlgang\u201c genannt) stattgefunden. Hier waren folgende Kandidaten angetreten, die folgende Ergebnisse geholt hatten:<\/p>\n<p>Daniel T\u00f6pfer (CDU \/ Freie W\u00e4hler \/ FDP) 31,9%<\/p>\n<p>Matthias Klopfer (SPD) 30,7%<\/p>\n<p>Vittorio Lazaridis (B\u00fcndnis 90 \/ GR\u00dcNE) 22%<\/p>\n<p>Dr. Gebhard Mehrle (unabh\u00e4ngig) 9,8%<\/p>\n<p>Martin Auerbach (DIE LINKE) 4,1%<\/p>\n<p>Gabriela Letzing (unabh\u00e4ngig) 1,2%<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz entspannt war ich am 11. Juli nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und dann. Tadaaa. Matthias\u2018 Sohn, gebannt am Handy wie wir alle, schrie auf: JETZT! Ich rannte sofort zu ihm. Alle Bezirke ausgez\u00e4hlt. Matthias Klopfer war Oberb\u00fcrgermeister. Und das mit 360 Stimmen Vorsprung. Also wirklich eine brutal knappe Kiste:<\/p>\n<p>Das vorl\u00e4ufige Endergebnis (sch\u00f6ner Pleonasmus!) lautete:<\/p>\n<p>Matthias Klopfer: 13 063 Stimmen (48,41%)<\/p>\n<p>Daniel T\u00f6pfer: 12 700 (48, 11%)<\/p>\n<p>Gabriele Letzing: 581 (2,2%)<\/p>\n<p>Sonstige: 55<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>13 063 Stimmen. Damit reichte es. Ich stellte mir jedes einzelne Kreuzchen vor, war jeder Person dankbar, die sich f\u00fcr Klopfer entschieden hatte. Hinter jeder Stimme verbarg sich eine Motivation, eine \u00dcberzeugung &#8211; ein Grund, f\u00fcr jenen Kandidaten zu stimmen.<\/p>\n<p>Die SPD-Fraktion, die sich vorne positioniert hatte, brach in Applaus aus. Es l\u00f6ste sich etwas. Der Raum bebte. Mir schossen die Tr\u00e4nen der Freude ins Gesicht.<\/p>\n<p>Ich eskalierte komplett. Brach in eine Mischung aus Applaus, Freudentr\u00e4nen und blanke Euphorie aus. Ich umarmte jeden, den ich durch meine verschwitzten Brillengl\u00e4ser auch nur ansatzweise erkannte, lief wild um den ganzen Raum, zum Gl\u00fcck haben es Kameras nicht festgehalten. Im Nachhinein berichteten mir viele, dass sie komplett erstaunt waren, mich so zu sehen.<\/p>\n<p>R\u00fcckblickend betrachtet war es wie eine Orgie. Dass wir nat\u00fcrlich Masken trugen und wir immernoch in einer Pandemie steckten, passte gar nicht ins Bild. Und nachtr\u00e4glich entschuldige ich mich auch daf\u00fcr. Es war nur ein wahnsinnig intensiver und nervenaufreibender Moment. Gerne h\u00e4tte ich zwischen dieser totalen Anspannung und der Verk\u00fcndung des Ergebnisses f\u00fcr wenige Sekunden kurz auf die Stopptaste gedr\u00fcckt und aus der Distanz auf mich gesehen. Ich h\u00e4tte mir alle Gesichter angeschaut, das ganze Szenario.<\/p>\n<p>In der Ferne h\u00f6rte ich bereits die st\u00e4dtische Blasmusikkapelle, die zum ersten Ton ansetzte. Erster B\u00fcrgermeister Ingo Rust betrat die B\u00fchne: &#8222;Ich gratuliere ganz herzlich Herrn Matthias Klopfer zur Wahl des Oberb\u00fcrgermeisters der Stadt Esslingen am Neckar&#8220;.<\/p>\n<p>WIR HATTEN ES GESCHAFFT. Demokratie ist sau m\u00fchsam und anstrengend, aber der Moment, wenn Du es geschafft hast, l\u00e4sst sich nicht bezahlen. Ich weinte. Die (knappe) Mehrheit der Esslinger*innen hatte sich f\u00fcr meinen Chef entschieden. F\u00fcr ein gutes Miteinander. F\u00fcr eine nachhaltige Zukunft in unserer Stadt.<\/p>\n<p>Bei aller Freude \u00fcber den Wahlsieg und etlichen Jubelst\u00fcrmen: Neben dem Team Klopfer war ja auch noch das Team T\u00f6pfer im Neckarforum, also Gemeinder\u00e4te von CDU, Freie W\u00e4hler FDP, seine Gefolgsleute, Unterst\u00fctzer*innen. Ich blickte in aschfahle Gesichter, Trauer und gro\u00dfe Entt\u00e4uschung machte sich breit. V\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich! Bei aller Kritik am Gegenkandidaten: Es muss wahnsinnig bitter sein, eine Wahl so knapp zu verlieren. Man kann vom Kandidaten T\u00f6pfer und seinem Wahlkampf halten, was man will, eines muss man ihm lassen: Er war h\u00f6chst professionell. Sehr viele Ressourcen sind in ganz unterschiedliche Wahlkampfma\u00dfnahmen hineingeflossen, vor allem junge W\u00e4hlerinnen wurden sehr gut \u00fcber Social Media erreicht. Die Tatsache, dass sich drei Esslinger Parteien (und davon zwei sehr gro\u00dfe) zusammengeschlossen haben, bedeutet, dass in einer Kampagne vieles m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Und dann so knapp zu verlieren &#8211; \u00e4rgerlich. PS: Von der Drittplazierten Letzing fehlte jegliche Spur. Zumindest nahm ich sie nicht wahr.<\/p>\n<p>But that&#8217;s the brutal part of politics: Es kann nur einen Gewinner geben. Demokratie und Wahlkampf bedeuten Auswahl, unterschiedliche Kandidat*innen, unterschiedliche politische Ideen und Konzepte im Wettstreit. Pluralit\u00e4t. Ich finde das gro\u00dfartig. Noch besser ist es, dass am Ende die Mehrheit entscheidet.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall wollte ich mir es mir nicht ausmalen, wie es gewesen w\u00e4re, wenn wir die Wahl so knapp verloren h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zu unserem Wahlkampf:<\/p>\n<p>Drei Monate Infostand, Wahlplakat, Versammlung, Gespr\u00e4ch, 80-Stunden-Wochen, schlaflose N\u00e4chte, Strategiebesprechungen, eine Kundgebung hier, ein Plakat noch dort nachh\u00e4ngen, Wahlprogramme dem W\u00e4hler bis nach Hause fahren<\/p>\n<p>Und wie hei\u00dft es so sch\u00f6n: Die knappen Siege sind die sch\u00f6nsten Siege. Es bedeutete, dass sich jedes aufgeh\u00e4ngte Plakat, jedes \u00dcberzeugungsgespr\u00e4ch mit eine*r*m potenziellen W\u00e4hler*in, jeder Wahlkampf im Gr\u00fcnen (unsere eigene kleine Wahlkampf-Idee) gelohnt hatte. F\u00fcr mich waren es drei sehr interessante und lehrreiche Monate, bei denen ich viel \u00fcber Organisation, Wahlkampfmanagement, Aufgabenverteilung lernen durfte. F\u00fcr viele wichtige Aufgaben, wie die Durchf\u00fchrung von Informationsst\u00e4nden in der Innenstadt, mehreren Plakatierungen sowie dem &#8222;Alltagsgesch\u00e4ft&#8220;, Terminorganisation etc. war ich verantwortlich. Ich habe mehr gelernt als in drei Monaten Uni &#8211; das kann ich sagen. Apropos Uni: W\u00e4hrend des Wahlkampfs habe ich studiert, musste aber mein Studium drastisch herunterfahren.<\/p>\n<p>Eines stimmte mich jedoch traurig: Die Wahlbeteiligung von 38,1%. War sie im ersten Wahlgang schon sehr niedrig gewesen, so war sie hier sehr leicht zur\u00fcckgegangen. Ich wei\u00df &#8211; f\u00fcr Kommunalwahlen war das keine un\u00fcbliche Wahlbeteiligung. Aber warum?<\/p>\n<p>Das Ergebnis bedeutete, dass es nicht einmal der H\u00e4lfte der wahlberechtigen Esslinger*innen es f\u00fcr wichtig genug hielt, ihren neuen Oberb\u00fcrgermeister zu w\u00e4hlen &#8230; Vor allem geht es in der Kommunalpolitik (und hier um das wichtige Amt des obersten Repr\u00e4sentanten der Stadt) um ganz konkrete Dinge. Der Spielplatz vor der Haust\u00fcr, der Radweg, der gebaut oder nicht gebaut wird, die Geschwindigkeitsbegrenzung auf der gro\u00dfen Hauptstra\u00dfe, der zus\u00e4tzliche st\u00e4dtische Kindergartenplatz, von dem die junge Familie profitiert. Kommunalpolitik ist die Keimzelle der Demokratie, sagte Konrad Adenauer. Und er hat recht. Nirgendwo in der Politik erlebt man die Auswirkungen des eigenen Tuns &#8211; der eigenen demokratischen Entscheidungen &#8211; so nah wie in der Kommune. Dazu d\u00fcrfen wir B\u00fcrger*innen den Gemeinderat w\u00e4hlen, mancherorts auch eine Ortschatsvertretung. Und als h\u00f6chstes Organ: Den Oberb\u00fcrgermeister. Als Chef der Stadtverwaltung, oberster Repr\u00e4sentant und Vorsitzender des Gemeinderates ist er sozusagen Bundeskanzler, Bundestagspr\u00e4sident und Bundespr\u00e4sident in einer Miniaturversion. Es gibt faktisch keine Instanz, die \u00fcber einem steht (Spitzfindige Kenner werden jetzt v\u00f6llig zurecht das Regierungspr\u00e4sidium in gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten und das Landratsamt f\u00fcr kleinere Gemeinden nennen, es handelt sich hierbei aber eher um eine dienstliche Aufsicht und nicht um eine fachliche oder inhaltliche Kontrolle &#8211; w\u00e4re ja auch ziemlich undemokratisch, zumal in Baden-W\u00fcrttemberg Landrat und Regierungspr\u00e4sident nicht vom Volke gew\u00e4hlt sind).<\/p>\n<p>Die Kommune ist wie ein nachgebautes Deutschland in Kleinformat: Es gibt ein gew\u00e4hltes Parlament, eine Regierung in Gestalt der Verwaltungsspitze, ein Amtsgericht (das aber nicht zur Stadt direkt geh\u00f6rt, sondern zum Land) und nat\u00fcrlich lokal ans\u00e4ssige Unternehmen, Schulen und Hochschulen, Gruppen, Vereine und Interessensvertretungen. Und nicht zu vergessen das Wichtigste: Wir. Die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger.<\/p>\n<p>In einer \u00fcberschaubaren Stadt wie Esslingen mit einer Gr\u00f6\u00dfe zwischen einer Kleinstadt wie T\u00fcbingen (der Schmankerl sei mir an der Stelle erlaubt, die Einwohnerzahl gibt mir jedoch recht, dass T\u00fcbingen kleiner als Esslingen ist, \ud83d\ude09 und einer Gro\u00dfstadt \u00a0wie Stuttgart liegt der Charme dieser N\u00e4he. Wenn man samstags auf den Markt geht, kennt man vereinzelt Leute. In der Innenstadt kann man vieles per pedes erledigen.<\/p>\n<p>Das war jetzt ein gr\u00f6\u00dferer Exkurs, ich bitte um Verzeihung: Um auf die sehr niedrige Wahlbeteiligung zur\u00fcckzukommen: Nat\u00fcrlich fehlt die mediale Pr\u00e4senz einer Landtags- oder gar Bundestagswahl (hier liegt die Wahlbeteiligung zwischen 70 und 80 Prozent), aber trotzdem: Es h\u00e4ngen monatelang Plakate in der ganzen Stadt, mehrere Male erh\u00e4lt jeder Haushalt ein Prospekt mit Informationen und zus\u00e4tzlich d\u00fcrfen nicht nur deutsche Staatsb\u00fcrger*innen, sondern auch alle EU-B\u00fcrger*innen abstimmen. Also Griechen, Italiener usw. (von denen es in Esslingen einige gibt!).<\/p>\n<p>Es bleibt die Frage, wie man k\u00fcnftig mehr Menschen zu einem solch niederschwelligen Angebot wie einer Kommunalwahl mobilisieren kann. Weil eines ist klar: In der Esslinger H\u00f6henlage, also den n\u00f6rdlichen Stadtbezirken, wo viele Reihenh\u00e4user stehen und die SUVs brav davor parken, ist die Wahlbeteiligung eklatant h\u00f6her als in riesigen Mehrfamilienh\u00e4usern in der Tallage, also der Pliensauvorstadt oder in Mettingen.<\/p>\n<p>W\u00e4re es sinnvoll gewesen, die Oberb\u00fcrgermeisterwahl mit der Bundestagswahl am 27. September zusammenzulegen? \u00a0Ich wei\u00df es nicht. Sicherlich h\u00e4tten viel mehr Menschen abgestimmt, aber der Oberb\u00fcrgermeisterwahlkampf w\u00e4re im Geflecht der bundespolitischen Ereignisse etwas untergegangen. Es gibt eben selten eine optimale L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Ich war jedenfalls gottfroh, dass der Wahlkampf vorbei war. Zuallererst ging es jedoch zur Wahlparty in unser Headquarter, dem Caf\u00e9 Klopfer (eigentlich Caf\u00e9 Uferlos). Hier feierten wir unseren Star mitsamt seiner Familie, stie\u00dfen mit gutem Esslinger Kesslersekt an und lie\u00dfen die Ereignisse der letzten Monate Revue passieren. Sch\u00f6n war es &#8211; die Wahlnacht endete sp\u00e4t und in irgendeiner alten Kneipe.<\/p>\n<p>Etliche Schulterklopfer, Aperol Spritz und lauter Lacher sp\u00e4ter fiel ich in mein warmes Bett.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Morgen des 26. Juli holte ich mein Auto ab, das ich am Tag zuvor in der Stadt stehengelassen hatte. Im Bus beobachtete ich die Menschen: Ob sie wussten, dass gestern die Wahl war? Wie waren ihre Reaktionen? Wen hatten sie gew\u00e4hlt?<\/p>\n<p>Ich trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck: &#8222;Team Klopfer&#8220; und spazierte (ja, zugegeben wie ein stolzer Pfau) durch die Innenstadt, a\u00df ein paar k\u00f6stlicher Maultaschen in einem Restaurant, das im Wahlkampf ein h\u00e4ufig frequentierter Mittagsort gewesen war, sprach mit dem Wirt und vorbeilaufenden Bekannten \u00fcber die Wahl (unter anderem war das B\u00fcroteam des amtierenden Oberb\u00fcrgermeisters zugegen) und freute mich erneut.<\/p>\n<p>Es war ein sch\u00f6ner Sommer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Dieser Text ist eine Fortsetzung von\u00a0Wahlkrimi in Esslingen) \u201eBrutal knappe Kiste\u201c schrieb mir jemand auf Instagram, nachdem sie meine Story gesehen hatte. Es waren die wohl angespanntesten und nerv\u00f6sesten Stunden meines Lebens. Es ging um die n\u00e4chsten acht Jahre der Stadt Esslingen. Um Zukunft. Um Klimaschutz. Um bezahlbaren Wohnraum. 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