{"id":282,"date":"2021-08-21T22:59:06","date_gmt":"2021-08-21T20:59:06","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=282"},"modified":"2021-08-22T22:36:26","modified_gmt":"2021-08-22T20:36:26","slug":"__trashed","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2021\/08\/21\/__trashed\/","title":{"rendered":"Wahlkrimi in Esslingen"},"content":{"rendered":"<p><em>Puh, einfach mal das Handy zur Seite legen. Keine Mails, kein Instagram, keine Verpflichtung. F\u00fchlt sich gut an. Ich habe Urlaub! Ein paar Tage T\u00fcrkei.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Die letzten Wochen und Monaten waren &#8211; man kann es nicht anders sagen &#8211; wahnsinnig intensiv f\u00fcr mich. Nicht nur die allgemeine Weltlage bleibt angespannt &#8211; was in Afghanistan gerade passiert, ist einfach nur grauenvoll &#8211; auch bei mir im privaten Umfeld und in Esslingen tat sich etwas.<\/em><\/p>\n<p><em>Seit meinem letzten Beitrag auf dieser Plattform, die ich schmarotzerhaft immernoch f\u00fcr s\u00e4mtliche Texte nutze (obwohl es ja eigentlich als Reiseblog f\u00fcr Brasilien gedacht war, naja), habe ich meinen F\u00fchrerschein bestanden (echt knapp!), ein paar Tage Urlaub in Brandenburg verbracht, das zweite Semester (nat\u00fcrlich digital! :() bestritten und im Oberb\u00fcrgermeisterwahlkampf (sch\u00f6\u00f6\u00f6n langes Wort) mitgeholfen &#8211; zum Gl\u00fcck erfolgreich!<\/em><\/p>\n<p><em>Ich habe in den letzten Monaten mehr gelernt, als in gef\u00fchlt 10 Semestern. Bin \u00fcber mich hinaus gewachsen (Spruch von den Gr\u00fcnen aus der Landtagswahl geklaut!) und habe unfassbare Menschen kennengelernt. Das versuche ich, in diesem kleinen Text zu verarbeiten. Heute beginne ich mit dem ersten Teil. Viel Spa\u00df!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jung, alt, Mann, Frau, Familie, kinderlos, Single. Alle kommen sie hinein. Mit einem St\u00fcck Papier. Sie kriegen Stift und noch ein weiteres St\u00fcck Papier und m\u00fcssen in vier Plastikw\u00e4nde. Dann mit dem Stift zwei Striche an einer bestimmten Stelle machen. Dann falten sie das Papier einmal und werfen es in einen gro\u00dfen Topf. Das war\u2018s.<\/p>\n<p>Nach etwa zehn Stunden wird der gro\u00dfe Topf ge\u00f6ffnet und alle Zettel plumpsen hinaus. Nun wird gez\u00e4hlt. Wieviele haben ihr Kreuz wo gemacht?<\/p>\n<p>Das nennt sich Demokratie. Sagenhaft. So einfach, so schnell. Menschen bestimmen, wer in ihrer Kommune, in ihrem Land bestimmt. Durch zwei einfache Striche aus einem Plastikkugelschreiber. Eine Sekunde Aufwand. Am Schluss sind alle Zettel gleich &#8211; niemand wei\u00df, von wem welche Stimme kam. Die Stimme des Universit\u00e4tsprofessors und der gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Gesellschafterin ist genauso viel wert wie die der alleinerziehenden Putzfrau oder die des Flie\u00dfbandarbeiters beim Daimler.<\/p>\n<p>Es ist wahnsinnig spannend, Menschen bei der Wahl zu beobachten. Nat\u00fcrlich nicht in der Kabine, aber als Wahlhelfer. Man sieht einen Querschnitt der Gesellschaft und man erm\u00f6glicht diesen Menschen ihre Stimmabgabe. Man sieht nicht, wer wen w\u00e4hlt und das ist auch gut so. Randnotiz: wobei es nat\u00fcrlich einen heimlich schon wahnsinnig interessiert, wer wen gew\u00e4hlt hat und man im Kopf schon mit sich selber mit sich Wetten abschlie\u00dft. Vom \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild auf die Wahlentscheidung zu schlie\u00dfen, gestaltet sich aber nicht immer sehr einfach.<\/p>\n<p>Ob mit Gehhilfe, Ehemann, kleinen Kindern, Flipflops mit Sand vom letzten Urlaub, Blaumann oder im morgendlichen Sportdress: Die unterschiedlichsten Menschen fanden am Sonntag, den 25. Juli von 8 bis 18 Uhr den Weg in das Esslinger Wahllokal. Beim W\u00e4hlen lernt man einen Querschnitt der Gesellschaft kennen.<\/p>\n<p>Warum beschreibe ich diesen Moment so ausf\u00fchrlich? Weil er f\u00fcr mich von gro\u00dfer Bedeutung war. Es war nicht nur meine allererste Oberb\u00fcrgermeisterwahl in meiner geliebten Heimatstadt &#8211; nein, die Wahl war auch das Ende eines Wahlkampfes, den ich \u00fcber drei Monate intensiv begleiten durfte. Ich habe von Mai bis Juli f\u00fcr den von der SPD unterst\u00fctzten Kandidaten Matthias Klopfer gearbeitet, der an besagtem Sonntag zum Oberbr\u00fcgermeister der einstigen freien Reichsstadt Esslingen am Neckar gew\u00e4hlt wurde. Meine Erfahrungen w\u00e4hrend dieses Wahlkampfes m\u00f6chte ich hier mit euch schildern.<\/p>\n<p>Also. Es ist Sonntag, der 25. Juli. Drei Monate von intensivster Wahlkampfarbeit kamen zum Abschluss. Der Wahltag am 25.07. bedeutete auch: Jetzt war alles getan. Jetzt war keine Kampagne mehr n\u00f6tig. Die, die man hatte erreichen wollen, hatte man (hoffentlich!) erreicht.<\/p>\n<p>Der ganze Schwei\u00df, die M\u00fche, die (Fast-)Tr\u00e4nen. Zahlreiche Infost\u00e4nde, Plakatierungen, Aktionen, unz\u00e4hlige Social-Media-Postings, Nachbarschaftstreffen und \u00dcberzeugungsgespr\u00e4che sp\u00e4ter waren wir am Schluss angelangt. Jetzt am Sonntag war Wahl und man konnte niemanden mehr \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Auf dem Wahlzettel: Drei Kandidat:innen. Matthias Klopfer, Gabriela Letzing und Daniel T\u00f6pfer. Alle drei waren zuvor auch bei der Hauptwahl am 11. Juli angetragen und hatten jeweils 30,6 (Klopfer), 1,2 (Letzing) und 31,7 Prozent (T\u00f6pfer) der Stimmen erreicht. Viele reden von einer Stichwahl, die es in Baden-W\u00fcrttemberg so gar nicht gibt: Es darf im zweiten Wahlgang jede*r noch einmal antreten, der dies m\u00f6chte. Auch neue Kandidat*innen d\u00fcrfen mit ins Boot gehen. Gew\u00e4hlt ist im zweiten Wahlgang, wer die meisten Stimmen, also die relative Mehrheit, auf sich vereint.<\/p>\n<p>Ein \u00e4lterer Mann kommt keuchend aus der Kabine. Schwer atmend schw\u00e4belt er: \u201eKlopfer, T\u00f6pfer, Klopfer, T\u00f6pfer, Klopfer, T\u00f6pfer, Klopfer, T\u00f6pfer &#8211; bei dieser Namensgleichheit wei\u00df man ja gar nicht, wen man w\u00e4hlen soll!\u201c<\/p>\n<p>Und so str\u00f6mten im 10-Minuten-Takt immer neue Menschen &#8211; manche mir bekannt, manche unbekannt &#8211; in unser Grundschulklassenzimmer hinein, um ihr Kreuzchen zu machen. In meinem Wahllokal waren ca. 700 W\u00e4hler*innen wahlberechtigt. Etwa 20% hatten ihre B\u00fcrgerpflicht schon per Briefwahl ausge\u00fcbt (was der allgemeinen Esslinger Tendenz entsprach).<\/p>\n<p>Es regnete nicht (bei Regen bleibt so mancher W\u00e4hler zuhause), noch war das Wetter zu sch\u00f6n (nicht, dass manch einer noch die Wahlkabine gegen ein Schwimmbad tauscht!). Eigentlich die optimalen Bedingungen f\u00fcr eine erfolgreichen Wahl.<\/p>\n<p>Meine Aufgabe war es, den oder die W\u00e4hler:in zu begr\u00fc\u00dfen, falls m\u00f6glich die Wahlbenachrichtigung zu pr\u00fcfen, die seit der Hauptwahl am 11. Juli g\u00fcltig war (erstaunlich viele hatten sie noch dabei) und der wohl wichtigste Akt: Den Stimmzettel herauszugeben.<\/p>\n<p>Es herrschte gute Stimmung. Jede Stunde notierten wir den Zwischenstand der Wahlbeteiligung an der Tafel, zwischendurch gab es mal Brezeln und witzige Gespr\u00e4che \u00fcber so manches Wahlerlebnis. Und am sch\u00f6nsten war es, wenn der Grund f\u00fcr die ganze Verfanstaltung erschien: Der W\u00e4hler. Viele \u00e4lter, Durchschnitt um die 60, manche mit Kindern, manche Hand in Hand als Paar, erstaunlich wenig junge.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich blieben die Gedanken nicht auf der Pausetaste: Wen w\u00fcrden sie wohl w\u00e4hlen? Sahen sie eher wie Klopfer- oder wie T\u00f6pferw\u00e4hler*innen aus &#8211; falls sich so etwas \u00fcberhaupt anhand des Aussehens bewerten l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Die Wahl ist geheim. Steht im Grundgesetz. Und das ist auch gut so. Trotzdem stieg die Nervosit\u00e4t mit Blick auf die Schlie\u00dfung der Wahllokale um 18 Uhr.<\/p>\n<p>Die Wahl verlief ohne gr\u00f6\u00dfere Zwischenf\u00e4lle. Wobei es mich dann doch wunderte, wie wenig Menschen am Ende dann doch zur Wahl auftauchten: Die gesamte Wahlbeteiligung betrug 40,1% im 1. Wahlgang und 38,1% im 2. Wahlgang. Das bedeutet: Weniger als die H\u00e4lfte der Esslingerinnen und Esslinger hat es an diesem Sonntag interessiert, f\u00fcr die Zukunft ihrer Stadt und die n\u00e4chsten 8 Jahre zu stimmen. Dabei waren ca. 70 000 Menschen zur Wahl zugelassen. Und man kann wirklich nicht behaupten, man h\u00e4tte von der Wahl nichts mitbekommen. Monatelang hingen Plakate, in jeden Haushalt wurden zweimal Flyer eingeworfen.<\/p>\n<p>Wenn man bedenkt, dass die Wahlbeteiligung bei einer Bundestagswahl im Wahlkreis Esslingen bei 80,1% lag, dann wird einem mulmig zumute. Und dabei waren wir unentwegt in der Stadt unterwegs &#8211; ob am Infostand mitten in der Innenstadt, in den Quartieren, mit mehrsprachigen Flyern vor Superm\u00e4rkten und Mehrfamilienh\u00e4usern oder in den sozialen Medien &#8211; eigentlich f\u00fchrte der meiste Weg von jedem B\u00fcrger unserer Stadt an den OB-Wahlen nicht vorbei. Dabei ist die Kommunalwahl beziehungsweise die Oberb\u00fcrgermeisterwahl diejenige, bei der man am meisten mitbestimmen kann: Es geht um Kita-Pl\u00e4tze, Schwimmb\u00e4der, Radwege, Einkaufsm\u00f6glichkeiten. Dinge, mit denen Du jeden Tag zu tun hast. Dieses Politikfeld ist sehr nah an Dir dran. Und ein Oberb\u00fcrgermeister hat auf solche Lebensrealit\u00e4ten einen gro\u00dfen Einfluss &#8211; unabh\u00e4ngig von der Politik von Bund und Land.<\/p>\n<p>Egal: Ob viele dieser Menschen nicht w\u00e4hlen gingen, weil sie Ende Juli bereits im Urlaub waren, weil man sie nicht erreichte oder weil sie nicht beteiligt werden wollten. Klar: Nat\u00fcrlich fehlt die mediale Pr\u00e4senz einer Bundes- und Landtagswahl,\u00a0Es ist so wie es ist. In Deutschland gibt es keine Wahlpflicht und ich halte das f\u00fcr gut. Man kann Menschen nicht zur Partizipation zwingen.<\/p>\n<p>Trotzdem wird die Frage f\u00fcr die kommenden Jahre sein, wie man insbesondere sozial schw\u00e4chere und bildungsferne Gesellschaftsgruppen f\u00fcr die Wahl mobilisieren kann. Denn es geht schlie\u00dflich auch um ihre Stadt, um ihren Lebensraum, um ihre Zukunft. Nicht ohne Grund sind nicht nur Deutsche, sondern auch EU-B\u00fcrger zu Kommunalwahlen wahlberechtigt.<\/p>\n<p>Eigentlich r\u00fchrt es mich, dass es so schlicht und so einfach ist. In anderen L\u00e4ndern bezahlen Menschen f\u00fcr ein Wahlrecht mit dem Leben. Und in Deutrschland &#8211; einem eigentlich volldigitalisierten Land &#8211; braucht es nur Stift, Papier, eine Urne, ein Einwohnermelderegister und zur Neutralit\u00e4t verpflichtete Wahlhelfer:innen in einem \u00f6ffentlichen und unparteischen Raum. Mehr nicht.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Freude bereitet mir das Ausz\u00e4hlen. Es ist 18 Uhr. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Der Wahlgang ist geschlossen. Man \u00f6ffnet die Urne, in der sich die Stimmzettel der letzten 10 Stunden sammeln. Jede Stimme ist gleich und keiner konkreten Person zuzuordnen. Man faltet die Zettel auseinander und bildet Stapel f\u00fcr die jeweiligen Kandidaten. Mal ein Haken, mal ein sch\u00f6nes Kreuz, das nicht \u00fcber den Kasten hinausgeht, mal ein h\u00e4ssliches Kreuz, mal ein gro\u00dfes, mal ein kleines mal ein blauer Kulli, mal ein schwarzer &#8211; f\u00fcr mich war es immernoch kaum zu begreifen, dass ich gerade aktiv Demokratie mitgestaltete. Das faszinierte mich.<\/p>\n<p>Bei einer Wahl, bei der man nur zwischen drei Kandidaten (bzw. zwei aussichtsreichen Kandidaten) ausw\u00e4hlen kann, ist das Rennen also besonders spannend.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde l\u00fcgen, wenn ich behaupten w\u00fcrde, dass mein Herz zu dieser Stunde nicht besonders schnell schlug. Nat\u00fcrlich hielt ich mich an alle Regeln und z\u00e4hlte flei\u00dfig aus, aber im Inneren hoffte ich, dass es auf einen Sieg von Matthias Klopfer hinauslaufen w\u00fcrde. Im ersten Wahlgang war der Unterschied zwischen T\u00f6pfer und Klopfer nur sehr knapp ausgefallen. Auch die Anspannung bei den weiteren Wahlhelfer:innen war deutlich zu sp\u00fcren &#8211; viele waren direkt bei der Stadt angestellt. Es ging also um ihren zuk\u00fcnftigen Chef!<\/p>\n<p>Das Ergebnis in meinem Wahlbezirk war eindeutig. Kandidat T\u00f6pfer hatte 30 Stimmen Vorsprung (angesichts der \u00fcberschaubaren Anzahl an pers\u00f6nlich abgegebenen Stimmen war das ein klares Ergebnis). Ich verlie\u00df das Wahllokal schwei\u00dfgebadet und stieg ins Auto. Auf meinem Handy schaute ich nach den ersten Ergebnissen, die inzwischen ausgez\u00e4hlt waren. Haarknapp war der Vorsprung f\u00fcr Klopfer. Es zeichnete sich ein Kopf an Kopf Rennen ab. Nerv\u00f6s fuhr ich ins Neckarforum, wo die offizielle Verk\u00fcndung des Wahlergebnisses erfolgen sollte. Es juckte zwischen den Fingern. Wie gro\u00df war der Unterschied jetzt? Warum war das Ergebnis so verdammt knapp? Was h\u00e4tten wir mehr tun k\u00f6nnen? Waren wir dabei, diese Wahl zu verlieren?<br \/>\nZehntausend Fragen schossen durch meinen Kopf.<\/p>\n<p>Es war wohl gegen 18:45 Uhr. Ich fuhr ins Parkhaus, stellte das Auto ab (es sollte bis zum n\u00e4chsten Mittag dort stehen) und rannte in den VIP-Bereich, wo sich mein Chef (Matthias Klopfer), mein zweiter Chef (Landtagsabgeordneter Nick Fink), die Agentur und der SPD-Ortsvereinsvorsitzende aufhielten. Ich blickte in aschfahle Gesichter. \u201eAlles klar, Nick?\u201c, fragte ich z\u00f6gerlich, als mir die triste Gruppe entgegenkam. \u201eNichts ist gut, Mark\u201c, antwortete er mir.<\/p>\n<p>Ab diesem Punkt begriff ich, dass es ein harter Abend werden w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Puh, einfach mal das Handy zur Seite legen. Keine Mails, kein Instagram, keine Verpflichtung. F\u00fchlt sich gut an. Ich habe Urlaub! 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