{"id":276,"date":"2021-01-14T15:39:32","date_gmt":"2021-01-14T14:39:32","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=276"},"modified":"2021-01-14T15:39:32","modified_gmt":"2021-01-14T14:39:32","slug":"unterricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2021\/01\/14\/unterricht\/","title":{"rendered":"Unterricht"},"content":{"rendered":"<p>Hey guys,<\/p>\n<p>das neue Jahr 2021 ist gestartet und alle unsere W\u00fcnsche und Hoffnungen beginnen, Wirklichkeit zu werden. Hoffentlich? Ich wei\u00df ja auch nicht. Noch scheint das absolute Ende der Pandemie nicht in Sicht, trotz erster Impfungen. Ich m\u00f6chte heute einen kleinen satirischen Text mit Euch teilen. Es geht um einen \u00fcberspitzten R\u00fcckblick auf eine typische Unterrichtssituation, wie ich sie allzu oft erlebt habe. Ihr ja vielleicht auch?<\/p>\n<p>PS: Die romantisierte Gegenseite des Unterrichts folgt nat\u00fcrlich auch \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Viel Spa\u00df!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Klirrende K\u00e4lte im Morgengrauen. Nasse Kunstfellm\u00e4ntel mischen sich mit miefenden For-You-Schulr\u00e4nzen und miesen Montagsgesichtern. Hier und da dr\u00fcckt sich ein kleiner F\u00fcnftkl\u00e4ssler durch die muskul\u00f6sen Oberstufenprotze und den schicken, aber keinesfalls passend zur Witterung gekleideten Abiturp\u00fcppchen. 7:41 Uhr, die letzten Dieselbusse stehen stinkend vor dem eiskalten Tor aus Stahl, einige flinke Knirpse entkommen den schlie\u00dfenden T\u00fcren rechtzeitig. Die Abgaswolke der Elterntaxis, die mit gr\u00f6\u00dfter L\u00e4ssigkeit ihr Revier auf dem Lehrerparkplatz markieren, mischt sich mit dem Geruch nach drohender Klassenarbeit und Hausaufgabenkontrolle. Nichts wie rein in die gute Stube!<\/p>\n<p>Im Lehrerzimmer werden emsig die letzten Kaffeekannen ausgeleert, in klebrige Tassen, die schon seit ungef\u00e4hr einem Jahr keine Sp\u00fclmaschine von innen gesehen haben. \u201eWas kennen Seer\u00e4uber keine Kreise?\u201c steht auf der Tasse. \u201eWeil Sie Pi-raten\u201c auf der anderen Seite. Oh, der Kollege hat Geburtstag, schnell noch ein in Serviette gewickeltes Mandarinent\u00f6rtchen in den Jutebeutel. 7:51. DING DANG DONG hallt es wie im buddhistischen Tempel und die Sch\u00fcler wissen, dass Ihnen eine Erl\u00f6sung bevorsteht \u2013 von Ihrer wertvollen Schlafenszeit. Hastig drucksen sich die Lehrk\u00f6rper darum, wer wohl am sp\u00e4testen zum Unterricht erscheint. Ach, die Kopien! Verdammt.<\/p>\n<p>8:05 Uhr, zum Gl\u00fcck konnte die Mathehausaufgabe noch schnell hieroglyphisch \u00fcbertragen werden; Hauptsache es steht was im Heft, was genau drinsteht, ist nicht so wichtig. Der Lehrer kommt: Zun\u00e4chst erkennt man ihn nur als kleinen schwarzen Punkt am Ende des Flurs. Dann der wippende, leicht federnde Schritt, der Oberk\u00f6rper leicht nach vorne geneigt, die speckige Aktentasche brav im selben Rhythmus hinterher. Die Brille zwei Millimeter vor den ersten Nasenhaaren, die Piratentasse und ungef\u00e4hr ein Viertel Regenwald Bl\u00e4tter fest zwischen die Achseln geklemmt.<\/p>\n<p>Aus der ebenfalls schwarzen Hose, die mutma\u00dflich seit acht Tagen getragen wird, sprudelt ein neugieriger Schl\u00fcsselbund mit dem Aufdruck eines Automobilzulieferers, wahrscheinlich famili\u00e4re Bez\u00fcge. Die Hand gleitet zur Ges\u00e4\u00dftasche wie ein Cowboy zur Colt. Jetzt muss nur noch in m\u00fchevoller Kleinarbeit der richtige herausgefischt werden, die Klasse murmelt schon wieder wirres Zeug. Man kann die schlechte Laune f\u00f6rmlich riechen. Mann, ich liebe den Geruch von Mathe am Morgen. Alle d\u00f6sen zu ihren Pl\u00e4tzen, nichts Neues, keine abgerissene oder wenigstens mit obsz\u00f6nen Botschaften verschmierte Tafel, kein aus Protest nicht funktionierender Tageslichtprojektor, der sich gegen die Schulgemeinschaft verschworen hat. Stattdessen tropft der graue Hahn munter vor sicher her und die Neonr\u00f6hre stimmt mit einem m\u00fcden Flackern in die Begr\u00fc\u00dfungsmelodie ein.<\/p>\n<p>GUTEN MORGEN, ert\u00f6nt es von vorne, G-U-T-E-N M-O-O-O-O-R-G-E-E-E-N H-E-E-E-R-S-C-H-W-E-I-G-E-R<\/p>\n<p>Seit 6 Jahren probt ihr allmorgendlich dieses schwungvolle Lied, habt ihr nichts Besseres drauf?<\/p>\n<p>Weiter in der Regie, aber: Ein Stuhl fehlt. Tippelnde Achtkl\u00e4sslerschritte verlassen den Raum, klopf klopf am Nachbarreservat. Zwei runde Brillengl\u00e4ser blicken genervt von der an die Tapete projizierten Aufgabe 2, Trigonometrie, zur T\u00fcr. Der Pumageruch tritt indes auf den weiten Flur.<\/p>\n<p>Stuhl da, das Unterrichtsgespr\u00e4ch ist bereit zum Start. Aber die Kreide! \u2026.<\/p>\n<p>Wir pr\u00e4sentieren Ihnen die Ausstattung auf den viel zu niedrigen Tischen: Die frischerlegte Beute, blutig verschmiert und mit Kaffeeflecken des T\u00e4ters versehen. 29 Frischfleischst\u00fccke, zu Morgenstunden und 10 Minuten vor Unterrichtsbeginn noch anger\u00fchrt, garniert mit krakeligen Smileys, aberwitzigen Motivationsspr\u00fcchen (\u201eN\u00e4chstes Mal holst Du Dir die 1, Jeremy!\u201c) aber auch desastr\u00f6sen Botschaften (\u201eDas war wohl nichts, Halbjahresnote: 5\u201c). Gekr\u00f6nt wird das ganze durch das Sahneh\u00e4ubchen und Hauptwerkzeug einer jeden schriftlichen Hinrichtung, das Excalibur jedes P\u00e4dagogen, der Stabilo, thront auf dem lange im Besitz des T\u00e4ters, aber soeben erst fertig bearbeiteten Stapel mit nach Versetzungsgefahr duftenden Lernzielkontrollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich werde sie erst am Ende herausgeben, das ist besser f\u00fcr euch alle. Dann arbeitet ihr konzentriert. Einige m\u00fcssen sich im n\u00e4chsten Jahr wirklich anstrengen. Hier wird gekonnt versucht, einzelnen Rudeltieren nicht direkt ins Antlitz zu schauen, das k\u00f6nnte t\u00f6dlich enden.<\/p>\n<p>Also wenden wir euch eurem Lieblingsthema zu: Lineare Gleichungssysteme. Ein Bl\u00e4tterhagel aus Kopiervorlagen erf\u00fcllt den Raum, wahrscheinlich aus irgendeiner in die Jahre gekommenen Mathematikunterrichtbastelanleitung, wo dass noch da\u00df geschrieben wird und Achtkl\u00e4ssler gesiezt werden.<\/p>\n<p>Nach Bekanntgabe der Unterrichtsanweisung begibt sich die Fraktion des wechselwarmen Gez\u00fcchts augenblicklich ans Fenster, um mit faszinierender Leidenschaft alle Fenster aufzurei\u00dfen. Ein unsichtbarer Kampf aus halbem Schneesturm und pubert\u00e4tsbedingter K\u00f6rperger\u00fcche beginnt \u00fcber die K\u00f6pfe hinweg zu toben.<\/p>\n<p>Einige entschiedene K\u00e4mpfer der kalten Jahreszeit verkriechen sich w\u00e4hrenddessen noch tiefer in ihren Kokon aus nicht beendeten Tr\u00e4umen und Wollpullovern. Hektisch, fast schon engagiert, spaziert die Lehrkraft durch das Winterwunderland, um die an Tafel, Tageslichtprojektor und Dokumentenkamera geschriebene, missverst\u00e4ndliche Aufgabenstellung zu erkl\u00e4ren, w\u00e4hrend ein zweiter Krieg ausgetragen wird, bei dem kleine Schneek\u00fcgelchen per Luftpost verschickt werden und in der F\u00f6hnfrisur des Lehrk\u00f6rpers landen.<\/p>\n<p>So vergeht die Zeit im Winterwunderland, die Gruppenarbeit mutiert binnen Sekunden zum \u201eEiner-rechnet, schreibt, pr\u00e4sentiert-und-der-Rest-steht-daneben-und-grinst\u201c-Projekt.<\/p>\n<p>Die Dramaturgie steigert sich erst, als der Stapel Klausuren vom h\u00f6lzernen Lehrerpult in die Klauen des perfiden P\u00e4dagogen wandern: Bereit zum Gefecht. Aber halt, wichtige Anmerkungen zum Rechenstil m\u00fcssen noch gemacht, b\u00f6se Blicke im Unterrichtsraum verteilt \u2013 und \u00fcberhaupt die Klassenarbeit m\u00fchsam besprochen werden. Nach jeder pr\u00e4sentierten Musterl\u00f6sung einer Aufgabe durch den Lehrk\u00f6rper samt Punktevergabe scheint man den Notenspiegel anhand der Gesichtsfarbe immer pr\u00e4ziser nachverfolgen zu k\u00f6nnen. Dann, der H\u00f6hepunkt des f\u00fcnfaktigen mathematischen Dramas, eine Minute nach Pausengong das kalte Servieren der Rache \u2013 f\u00fcr all die Lacher, all die dummen Fragen, all die verdutzten Gesichter. Zahlen von zwei bis sechs werden mit akrobatischem Geschick durch die Schar an erfrierenden Sch\u00fclern geworfen; selten erlebt man Wutausbr\u00fcche, Tr\u00e4nen und Anzeichen gespielter Freude so nah beieinander. Ehe die ersten einsamen W\u00f6lfe ihrem Instinkt nach warmen Pausenbr\u00f6tchen mit Wurstaufstrich folgen, werden die obligatorischen Hausaufgaben als Belohnung f\u00fcr die gute Mitarbeit auf eine ganze Tafelh\u00e4lfte gekritzelt und die aufmerksame Klasse mit einem herzlich gemeinten, aber zur Sicherheit bedrohlich geraunten \u201eBis morgen!\u201c entlassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hey guys, das neue Jahr 2021 ist gestartet und alle unsere W\u00fcnsche und Hoffnungen beginnen, Wirklichkeit zu werden. Hoffentlich? Ich wei\u00df ja auch nicht. Noch scheint das absolute Ende der Pandemie nicht in Sicht, trotz erster Impfungen. Ich m\u00f6chte heute einen kleinen satirischen Text mit Euch teilen. 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