{"id":266,"date":"2020-12-31T20:18:25","date_gmt":"2020-12-31T19:18:25","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=266"},"modified":"2021-01-03T02:49:45","modified_gmt":"2021-01-03T01:49:45","slug":"ueberraschungsei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2020\/12\/31\/ueberraschungsei\/","title":{"rendered":"\u00dcberraschungsei"},"content":{"rendered":"<p>2020. Vier Zahlen, die so manches durcheinandergewirbelt haben.<\/p>\n<p>In der Nachbetrachtung f\u00e4llt mir auf, dass dieses Jahr f\u00fcr mich pers\u00f6nlich gar nicht so nervenaufreibend und turbulent war, wie ich es mir st\u00e4ndig einbilde. Selten habe ich mich so auf ein neues Jahr bzw. ein neues Jahrzehnt (!) gefreut wie auf 2021. Andererseits muss ich zugeben, dass dieses Jahr eines der ereignisreichsten und aufregendsten war, die ich je erlebt habe, wenn nicht sogar DAS \u00fcberraschungshafteste, falls es dieses Wort \u00fcberhaupt gibt.<\/p>\n<p>Daher hier ein kurzer, f\u00fcr mich pers\u00f6nlicher Jahresr\u00fcckblick, w\u00e4hrend ich meinen 2020-Tee behutsam ausschl\u00fcrfe: Entschuldigt bitte vorab die L\u00e4nge, es war einfach ein ereignisreiches Jahr!<\/p>\n<p>Alles begann mit Ruhe \u2013 in einem Partygasthaus N\u00e4he Berlin. Feuerwerke spr\u00fchten, als sie es noch durften, Hoffnung in die Luft, bewegte H\u00fcften, klirrende Sektgl\u00e4schen, dies das.<\/p>\n<p>Ich war im Januar hochmotivierter Praktikant in einem Verlag, hatte wunderbare Kolleginnen auf Arbeit, versuchte, mich gedanklich und nervlich auf das Brasilien-Kapitel vorzubereiten. Das Erhalten meines Visums nach Monaten Schwei\u00df, Angst, Wut und Trauer (und viel Moos) tat mir hier einen gro\u00dfen Gefallen. Gef\u00fchlt stand der Koffer schon Ende Januar im Flur, ich startete diesen kleinen Blog, Freunde und Bekannte w\u00fcnschten mir alles Gute und verabschiedeten sich h\u00f6flich. Indes versuchte ich, Projekte abzugeben und innerlich Deutschland lebewohl zu sagen. Irgendwie h\u00f6rte ich mal in einer Talkshow von einem fernen Virus aus Asien; von einem Wildtiermarkt sollte es kommen. Als Ende des Monats die ersten F\u00e4lle in Baden-W\u00fcrttemberg auftraten, wurde ich etwas misstrauisch, dachte mir aber nichts weiter dabei.<\/p>\n<p>Februar: Ich beendete mein Praktikum traurig (an meinem letzten Tag gab es Sekt und eine spanische Fiesta), hatte aber danach alle H\u00e4nde voll zu tun: Eine Veranstaltung zur Ukraine in Esslingen, die Gr\u00fcndung eines kreisweiten Jugendbeteiligungsformats (sp\u00e4ter mehr) und die Reaktivierung eines europ\u00e4ischen Vereins bei uns im Kreis. Puh, ich war ganz sch\u00f6n aus der Puste, als ich mich am 28.02. von meinen geliebten Eltern verabschiedete, die zu einer Reise aufbrachen. Wir hatten am Abend zuvor noch Caipirinha zubereitet und meine Mutter war in h\u00f6chster Pr\u00e4zision meine Hausapotheke noch einmal durchgegangen. Es ist ein komisches Gef\u00fchl, wenn du wei\u00dft: Jetzt verl\u00e4sst Du das Nest f\u00fcr 365 Tage.<\/p>\n<p>Den letzten Abend in Esslingen, und dieser ist mir sehr wichtig, verbrachte ich allein mit meinem Bruder im Wohnzimmer. Wir bestellten Burger und schauten uns die finalen Folgen unserer Lieblings-Sitcom How I met your mother an. Es war wundersch\u00f6n und die Tr\u00e4nen flossen tief, als mich eine Freundin am n\u00e4chsten Morgen zum Stuttgarter Bahnhof brachte. Adieu, sch\u00f6nes Zuhause.<\/p>\n<p>Mit der Deutschen Bahn und viel Desinfektionsmittel im Schlepptau (man wei\u00df ja nie!) ging es nach Berlin und Brandenburg, wo ich von Oma &amp; Opa herzlich empfangen wurde. Das Lustige: Ich hatte immer noch keine Unterkunft in Brasilien, aber es w\u00fcrde sich schon was finden. Wir a\u00dfen griechisch und am n\u00e4chsten Tag begann das wohl atemberaubendste Seminar meines Lebens: Du bist zehn Tage am St\u00fcck an einer See-Location in sch\u00f6nster brandenburgischer Natur, umgeben von dreihundert Freiwilligen, die das gleiche Schicksal teilen wie Du \u2013 und die doch unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnen. Freunde f\u00fcrs Leben entstanden. Ich bildete mich weiter, reflektierte Privilegien, hinterfragte mir selbstverst\u00e4ndliche Machtstrukturen und teilte Intimstes.<\/p>\n<p>Am 10. M\u00e4rz nach einer schweren Verabschiedung zur\u00fcck ins beschauliche \u00d6rtchen Gr\u00e4ben, am n\u00e4chsten Tag stand die langersehnte Reise nach S\u00fcden an. \u201eHoffentlich kann Ihr Enkel fliegen \u2013 bei der Weltlage\u201c, sagte eine Bekannte meiner Gro\u00dfeltern bei unserem letzten Abendessen in einem gutb\u00fcrgerlichen Restaurants. Sie sollte recht behalten.<\/p>\n<p>Tegel, Abflug, ein Ehepaar mit FFP3-Masken (damals kannte ich den Begriff nicht), mir war schaurig. Ich verfasste ein Abschiedsgedicht beim Abflug nach Frankfurt, neben mir zwei SPD-Funktion\u00e4re, ich wollte mich mit ihnen nicht unterhalten. Das hatte ich hinter mir. Das Terminal in Frankfurt war LEER, nur drei Fl\u00fcge an diesem Abend, unter anderem meiner, irgendwie w\u00fcrde alles gut gehen.<\/p>\n<p>\u00dcber den schmerzvollen Prozess des Reiseabbruchs, meine geplatzten Hoffnungen und Tr\u00e4ume, aber auch sch\u00f6nen Momente in den Tropen habe ich auf diesem Blog schon in aller\u00a0<a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2020\/04\/13\/geplatzter-traum-im-tropischsten-paradies-aller-paradiese-tag-2-in-belem\/\">Ausf\u00fchrlichkeit<\/a>\u00a0geschrieben, daher hier eine Raffung der Geschehnisse.<\/p>\n<p>Die Reise gen S\u00fcden stellte eine Eskapade in diesem verr\u00fcckten Jahr dar, ja, gar eine Flucht: Vor dem Vertrauten, Sicheren, Gew\u00f6hnlichen \u2013 nur um danach in jenes Milieu zur\u00fcckkatapultiert zu werden. In Bel\u00e9m durfte ich nicht an die Schule, ich war stattdessen spazieren und f\u00fchlte mich unsicher und angeglotzt. Trotzdem waren es wundersch\u00f6ne Tage, die ich nicht missen m\u00f6chte: Das Probieren exotischer Gerichte, die Caipirinhas zum Trost mit den Mitfreiwilligen, das Umherlaufen ohne Maske und das Kennenlernen meines Zimmers neben einer Amazonas-Kirche. Es verging kein Tag in diesem Jahr, an dem ich nicht an diese sieben Tage zur\u00fcckdachte: An die Kinder in der riesigen Schule, an die Corona-Ausbr\u00fcche in Brasilien, an das sanfte Bossa-Nova Lied, das mir die Landung vers\u00fc\u00dfte, an Nicolau, den herzlichen Pfarrer, der mich so wohl versorgte und an Tiago, meinen Ansprechpartner an der Schule. Bis heute hatten die Kinder keinen richtigen Unterricht \u2013 ohne Laptop und Homeschooling, niente, nada. Die Coronazahlen explodierten, das Gesundheitssystem ist \u00fcberlastet.<\/p>\n<p>2020 war das Jahr, in dem binnen Sekunden Pl\u00e4ne platzten wie Seifenblasen, eine Mail und alles ist dahin. 2020 war das Jahr des Hin- und Hers, des Abw\u00e4gens, ob man Dinge machen oder lassen soll, ob es sich lohnt, das Risiko einzugehen. Ich wollte in S\u00fcdamerika bleiben, dieses Corona, was war denn das schon? Aber ich entschied mich um. Und es sollte sich zum Guten wenden. Privilegien und so.<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich zum Lockdown wieder zur\u00fcck in Deutschland: Ich blieb wochenlang zuhause und gr\u00fcbelte: Was wollte ich machen? Ich war frei. Keine Verpflichtungen, keine Veranstaltungen, keine Ehren\u00e4mter mehr.<\/p>\n<p>Die Zeit zuhause war ein Geschenk, einen Tag nach meiner R\u00fcckkehr startete ich ein kleines Online-Projekt: Ich wollte Abiturient:innen und Sch\u00fcler:innen in den Fremdsprachen helfen. Im Laufe des Jahres gab ich wieder Nachhilfe und auch Sprachkurse (nat\u00fcrlich digital), korrigierte einige Deutschabituraufs\u00e4tze und produzierte flei\u00dfig Videos \u2013 eines erhielt einige Tausend Klicks und ich bekam sehr positive R\u00fcckmeldung, was mich sehr freute. Ich hatte einen Beitrag geleistet, ohne mein Ego in den Vordergrund zu stellen, wie so manches Mal in der Politik.\u00a0<a href=\"https:\/\/marks-language-academy.com\">Mark&#8217;s Language Academy<\/a>\u00a0machte mir sehr viel Spa\u00df, auch wenn ich es dann einige Monate nicht mehr so aktiv betrieben habe, ich m\u00f6chte es im kommenden Jahr fortf\u00fchren. Das Projekt weckte insgeheim meinen Wunsch, Lehrer f\u00fcr Sprachen zu werden, auch wenn ich mich damals insgeheim dagegen str\u00e4ubte.<\/p>\n<p>Der April war f\u00fcr mich ein perfekter Monat: selten hatten wir als Familie so vielen Zeit zusammen verbracht, ich stand zeitig auf, ging (fast) jeden Tag im wundersch\u00f6nen Schurwald die Beine vertreten, ern\u00e4hrte mich halbwegs gesund und probierte neue Dinge aus. Mit den Freiwilligen meiner Organisation stand ich in regem Kontakt, das gab Trost, denn die Brasilien-Wunde sa\u00df weiterhin tief und so richtig verstehen konnten es nur diejenigen, die das gleiche Schicksal erlebt hatten (obwohl die allermeisten es nicht einmal ins Ausland geschafft hatten). Brav bewarb ich mich f\u00fcr die Ausreise im kommenden Jahr.<\/p>\n<p>Eines Tages im April erhielt ich einen vielversprechenden Anruf: \u00dcber das Jugendbeteiligungsformat, das ich im Februar mit aufgebaut hatte, ergab sich eine kurzfristige Besch\u00e4ftigung im Landratsamt, coronakonform, eigenes B\u00fcro. Ich kannte meine Chefin schon und auch der Rest des Teams entwickelte sich zu einem sehr engen und vertraulichen Arbeitsumfeld. Die offene Kinder- und Jugendarbeit, mit der vorher fast nichts zu tun gehabt hatte, entwickelte sich zu einem meiner Interessensgebiete. Meine T\u00e4tigkeiten waren h\u00f6chstspannend, sei es ein Interview mit dem Landrat, eine Sommertour durch die Jugendh\u00e4user im Landkreis oder eine Abfrage zum Thema Schulbegleitung \u2013 abwechslungsreicher h\u00e4tte es nicht sein k\u00f6nnen. Aus den anf\u00e4nglichen vier Monaten wurden f\u00fcnf, jeden Tag stand ich fr\u00fch und h\u00f6chstmotiviert auf, um zum B\u00fcro in einem gro\u00dfen grauen Klotz, in dem aber sehr viele herzliche Menschen arbeiten, zu radeln. Ich entdeckte ein Faible f\u00fcr Musik der Achtzigerjahre und dass ich nicht jeden Tag ein Hemd tragen muss, wie zuvor. Vor allem war es sch\u00f6n, Menschen zu sehen, sich mit ihnen zu unterhalten, sie in Sitzungen live zu erleben. Das st\u00e4ndige Zoomen und Webexen war mir mittlerweile etwas anstrengend, obwohl ich auch einige Vorteile darin sah.<\/p>\n<p>Es war gut, etwas zu machen, anstatt auf der Couch rumzuliegen. Leider fand ich weniger Zeit f\u00fcr meine kleine Sprachschule und f\u00fcr andere\u00a0Dinge, daf\u00fcr bleibt dieser Sommer in meiner Residenz namens Landratsamt unvergessen.<\/p>\n<p>Der Sommer war in aller Hinsicht gepr\u00e4gt durch ruhigere Monate: Der Lockdown war gelockert, au\u00dfer dem Maskentragen in Bus &amp; Bahn und so manchen Kleinigkeiten, sp\u00fcrte ich von der Pandemie weniger. Ich wurde insgesamt etwas lockerer.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit hatte ich mich in Esslingen und im Kreis weiter politisch bet\u00e4tigt: Ich war kooptiertes Mitglied im Kreisvorstand der Jungen Europ\u00e4er (den Verein, den wir im Februar reaktiviert hatten) und wurde zum Vorsitzenden der Jusos Esslingen, zusammen mit einer Mitstreiterin, gew\u00e4hlt. Mir war klar, dass ich mir St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck mein altes Leben <strong>vor<\/strong> Brasilien zur\u00fcckeroberte (Ich war bereits zwei Jahre lang stellvertretender Vorsitzender der Jusos gewesen). Die Frage, ob das gut oder schlecht war, schob ich vor mich hin.<\/p>\n<p>Als ich dann gefragt wurde, ob ich nicht als Pressesprecher der Jungen Europ\u00e4er Baden-W\u00fcrttemberg kandidieren wollte, war ich sprachlos. Ich sah darin eine gro\u00dfe Chance, anderseits hatte ich damit das Gef\u00fchl, mich noch st\u00e4rker an Baden-W\u00fcrttemberg zu binden. Ich wollte doch eigentlich raus ins Ausland. Und eigentlich war da ja noch die Bewerbung f\u00fcr Brasilien \u2026<\/p>\n<p>Ich entschied mich, es doch zu machen und k\u00fcndigte meine Kandidatur auf einer Zugfahrt an den Bodensee an \u2013 einer der wenigen Ausfl\u00fcge dieses Jahr, die \u00fcber den Einkauf im Supermarkt und dem Kaffeetrinken auf Abstand in der Stadt hinausgingen. Spontan hatte ich mich entschlossen, mit Mitfreiwilligen, die auch in S\u00fcdamerika gelandet w\u00e4ren, ein Wochenende in \u00dcberlingen zu verbringen (ich musste arbeiten, meine Mitstreiter:innen waren die ganze Woche durch halb Baden-W\u00fcrttemberg gewandert ich kam nur zum Ausklang an den See hinzu).<\/p>\n<p>Als wir in Konstanz in einem sch\u00f6nen Kaffee sa\u00dfen, keimte in mir die leise Frage auf, ob ich nicht am Bodensee studieren solle. Dieser Gedanke wurde sofort verdr\u00e4ngt und vertagt.<\/p>\n<p>Der Juli war turbulent \u2013 mein Bruder schrieb tapfer sein Abitur und ich war voller Hochachtung, als er sich im Freien sein exzellentes Zeugnis von einem Tisch nahm. Trotz der Umst\u00e4nde war es im Sommer m\u00f6glich, eine Mini-Zeremonie zu veranstalten. Ich war umso dankbarer, dass mir Corona nicht in der Abiturszeit dazwischenkam \u2013 an die Schulzeit denke ich im Nachhinein umso sch\u00f6ner zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Am gleichen Tag sollte ich zum Juso-Vorsitzenden meiner Stadt gew\u00e4hlt werden und teilte mich irgendwie auf.<\/p>\n<p>Die Arbeit lief gut und durch kleine Freuden des Lebens, wie das Treffen mit Freunden, kleinen Wanderungen im Wald oder auch Zoom-Meetings mit den Verwandten aus Mexiko wurde mir wieder einmal klar, wie gut es mi geht und wie sch\u00f6n das Leben doch ist. Trotz Corona. Ein Virus konnte mir das Jahr nicht kaputtmachen.<\/p>\n<p>Im August war Ferienstimmung angesagt, alles f\u00fchlte sich etwas w\u00e4rmer und freudiger an. Ich muss hier auch erw\u00e4hnen, ich war m\u00e4chtig stolz auf meine Gartenbr\u00e4une, die ich mir hart durch einmaliges Sonnenbad in der Woche auf der heimischen Wiese erk\u00e4mpft hatte.<\/p>\n<p>Eine sehr gute Entscheidung war, meinen Sommerurlaub mit Freunden und Mitfreiwilligen auf der Insel R\u00fcgen zu verbringen \u2013 just einen Tag, nachdem ich eine deutsch-franz\u00f6sische Wanderung am Oberrhein unternahm. Ich musste raus. Urlaub in Deutschland war vor dem Jahr 2020 ehrlich gesagt keine gro\u00dfe Option f\u00fcr mich gewesen, aber die Umst\u00e4nde &#8211; naja. Trotzdem verliebte ich mich schnell in doch recht gro\u00dfe Insel, die Natur, den winzigen Hofladen im 200-Seelen-Dorf Schaprode und die sch\u00f6nen Steine am Wasser. Die Ferienwohnung hatten wir zwei Tage vor Reiseantritt gebucht, man ist ja spontan in jungen Jahren. Geistig f\u00fchlte ich mich wie am Mittelmeer, es ging um das Gef\u00fchl, nicht um die Location. Die Abende, bei einigen k\u00fchlen Bieren am Strand sitzend, bei philosophischen Gespr\u00e4chen in die Sterne guckend und Schiffe beobachtend, waren traumhaft. Auch ein Brasilien-Ersatz. Grund f\u00fcr die Reise war auch, dass wir als Freiwillige an dem digitalen Nachbereitungsseminar unseres FSJ-Tr\u00e4gers teilnahmen \u2013 wobei mir v\u00f6llig gleichg\u00fcltig war, dass ich das gesamte Jahr \u00fcber kein Freiwilliger gewesen war (einige hatten ihr Engagement in Deutschland fortgesetzt). Der Geruch nach frischen Br\u00f6tchen, die wir morgens vor Seminarbeginn brav aus dem Hofladen holten, gepaart mit dem nach salziger Butter, fruchtiger Marmelade und sandigem Ostseestrand, lie\u00dfen mich vor Freude fast aufspringen. Drei Tage am Rechner war zwar etwas anstrengend und das Internet wollte aus Trotz nicht funktionieren, trotzdem schwelgte ich in M\u00e4rz-Erinnerungen, als ich meine Freunde als kleine Kacheln am Bildschirm sah (subjektiv gesehen lag das alles soweit zur\u00fcck!)<\/p>\n<p>Ich blieb ein paar Tage mehr als die anderen und beschloss, einen kleinen Roadtrip durch die Republik zu machen und fragte auf Instagram offen, wen ich besuchen sollte (Voraussetzung war, der Ort m\u00fcsse sich auf der Zugstrecke zwischen R\u00fcgen \u2013 Mannheim \u2013 Stuttgart befinden. So g\u00f6nnte ich mir einen Tag Auszeit auf der anderen Seite der Insel, auf Prora, wo mein Vater seinen NVA-Dienst abgeleistet hatte. An dem Abend entdeckte ich eine Ringelnatter am Wegrand und radelte mit einem ausgeliehenen Drahtesel so lange \u00fcber die Insel, bis mir saukalt war und ich keinen Schimmer hatte, wo ich war, vorbei an B\u00e4umen und W\u00e4ldern sowie windigen Alleen. Ich erblickte eine Waldlichtung und blieb minutenlang stehen, erblickte das Antlitz von Mutter Natur. Am n\u00e4chsten Tag ging es f\u00fcr mich weiter nach Berlin, wo ich ein paar Freunde traf und mich ein bisschen verw\u00f6hnte \u2013 mit E-Scooter fahren. Meine App zeigte mir an, dass ich wohl alkohololosiert fahren w\u00fcrde, obwohl ich stockn\u00fcchtern war. Berlin hatte einfach &#8211; wie jedes Mal &#8211; mein Herz gewonnen. Auf dem R\u00fcckweg folgte noch ein Zwischenstopp in Neustadt an der Weinstra\u00dfe, wo ich mit einer Freundin das Hambacher Schloss erklomm und leider keine Weinschorle probieren konnte.<\/p>\n<p>Ungew\u00f6hnliches Jahr, ungew\u00f6hnliche Urlaubsorte.<\/p>\n<p>Ach ja, ganz vergessen, Grund f\u00fcr die Tage als einsamer Wolf \u2013 die mir wirklich sehr gut taten \u2013 war auch, dass ich weiterhin unsicher \u00fcber meine Studienwahl war. Es ging auch um den Studienort: Jura oder Lehramt in Berlin? Jura oder Lehramt in T\u00fcbingen? Oder gar Politik und Verwaltung oder Lehramt in Konstanz?<\/p>\n<p>Ich wusste, dass ich Lehrer werden wollte, meine dubiosen Zweifel erhoben sich aber weiter gegen mein stiefm\u00fctterliches Gewissen wie ein schmieriger Anwalt. Warum war das so? Ich qu\u00e4lte mich acht Tage lang durch diese Fragen, f\u00fchrte Pro- und Kontralisten und malte mir mein Leben in f\u00fcnf, zehn und f\u00fcnfzehn Jahren aus. Umso breiter war dann mein Grinsen, als ich mir auf der R\u00fcckfahrt nach Esslingen zu 98% sicher war, dass ich Lehramt in T\u00fcbingen studieren wollte. Ich hatte mich sogar mit einer Jura-Studentin in Berlin getroffen, doch das Bauchgef\u00fchl \u00fcberwog.<\/p>\n<p>Lehramt, weil ich schon seitdem ich denken kann, davon tr\u00e4ume, Lehrer zu werden. In der Grundschule Grundschullehrer, am Gymnasium Gymnasiallehrer. T\u00fcbingen, weil die Stadt nicht zu gro\u00df und nicht zu klein ist und weil ich mein soeben begonnenes Engagement in Esslingen und Baden-W\u00fcrttemberg nicht g\u00e4nzlich dem Studium opfern wollte. Ich sp\u00fcrte eine gewisse Verantwortung f\u00fcr die Mandate und au\u00dferdem geh\u00f6rt f\u00fcr mich das Ehrenamt zum Leben dazu, ich wusste, dass ich mich sonst langweile und ich in Berlin oder wo auch immer auch nach Engagementm\u00f6glichkeiten suchen w\u00fcrde, in Esslingen hatte ich sie bereits \u2013 au\u00dferdem noch einen sch\u00f6nen Nebenjob bei einem Landtagsabgeordneten. Diese starke Bindung an die Heimat mag paradox f\u00fcr jemanden klingen, der dieses Jahr seine Heimat hinter sich lassen und nach Brasilien abhauen wollte. Es f\u00fchlte sich einfach richtig an, ich konnte es nicht erkl\u00e4ren. Jetzt war nur noch die Frage, welche F\u00e4cher \u2026<\/p>\n<p>Der September verging z\u00fcgig, einige spannende Projekte warteten im Landratsamt auf mich, als ich aus meinem Urlaub zur\u00fcckkam. Ich genoss die sommerliche Restw\u00e4rme drau\u00dfen und die malerischen Sonnenunterg\u00e4nge.<\/p>\n<p>Eine Zoom-Konferenz jagte die n\u00e4chste, ich konnte sie irgendwann nicht mehr z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Als ich im Oktober meine T\u00e4tigkeit im Landratsamt beendete, war mir mulmig zumute, just in dieser Woche wurde meine Region zum RKI-Risikogebiet erkl\u00e4rt. Nach meinem Weggang ver\u00e4nderte sich wieder alles, R\u00fcckzug ins HomeOffice, Krisenstab usw. Ich hatte also gl\u00fccklicherweise genau in dem Zeitraum gearbeitet, in dem die Zahlen einigerma\u00dfen stabil waren und ein recht normales Arbeitsleben m\u00f6glich war. Auch hierf\u00fcr bin ich wirklich sehr dankbar. Nur leider musste ich eine Reise nach M\u00fcnster absagen.<\/p>\n<p>Ich zeigte merkw\u00fcrdige Symptome, es war Gott sei Dank kein Covid-19, nur eine allgemeine M\u00fcdigkeit.<\/p>\n<p>Inzwischen arbeite ich mich akribisch in Uni-Bewerbungen und Uni-Portale ein und wartete sehr geduldig auf die R\u00fcckmeldung: Ich war f\u00fcr Deutsch, Franz\u00f6sisch und Bildungswissenschaften zugelassen worden, jey! Ich freute mich und genoss den gesamten Monat faul zuhause und suchte weiter nach WGs und Wohnungen \u2013 ich hatte einige angeschrieben und entweder gar keine Antwort oder eine Absage bekommen, bei Castings war ich auch, wobei mir wenige zusagten. Umso entspannter war ich dann, als ich eines Morgens die Nachricht bekam, dass ein Zimmer im Studentenwohnheim freigeworden war. Ich ergriff das Schn\u00e4ppchen augenblicklich, bevor es zu sp\u00e4t war. Nur leider erhielt ich genau an diesem Abend die Nachricht der Universit\u00e4tsverwaltung, dass das gesamte Wintersemester online stattfinden sollte. Ich hatte mit rund 40% Pr\u00e4senzlehre gerechnet.<\/p>\n<p>Also nahm ich das Zimmer wohl oder \u00fcbel, ich konnte es nicht mehr k\u00fcndigen. Ich konnte dieses Jahr die Wohnung leider nicht so intensiv nutzen, wie ich es gerne getan h\u00e4tte, was mich \u00e4rgert. Aber naja, so ist es nun mal.<\/p>\n<p>Anfang November startete ich also mein Studium, meinen neuen Job und zog zu 1\/4 nach T\u00fcbingen. Am Tag der US-Wahl bezog ich das Zimmer und es gefiel mir. Nicht zu gro\u00df, nicht zu klein, nicht zu viel Schnickschnack. Meine Zimmergenossen habe ich leider erst sp\u00e4ter kennengelernt, sie wirken wirklich ganz nett. Alleine einkaufen und morgens nicht im kuscheligen Zuhause aufzuwachen, war etwas ungewohnt, das muss ich zugeben. Aber ich denke, mit der Zeit wird sich das sicherlich \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Nebenbei absolvierte ich meine Theoriepr\u00fcfung f\u00fcr den F\u00fchrerschein \u2013 es war sehr ungewohnt, nach einem Jahr Schulfrei wieder auf etwas lernen zu m\u00fcssen. Mittlerweile hoffe ich auf eine erfolgreiche praktische Pr\u00fcfung und dass die Fahrschulen nicht auf unbestimmte Zeit schlie\u00dfen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dezember und November verschwammen auf skurrile Art und Weise zu einem dicken, z\u00e4hen Brei, ich kann beides nicht mehr klar trennen. Eine Herausforderung war sicherlich, mich mit dem rein digitalen Studium in T\u00fcbingen zurechtzufinden. Ich kenne bisher keinen meiner Kommiliton:innen so wirklich \u2013 wenn man einst\u00fcndige Veranstaltungen mit Blick in kleine bunte Zoom-Kacheln als Kennenlernen bezeichnen will. Zwar ist es sehr bequem, f\u00fcnfzehn Minuten vor Beginn eines Seminars aufzustehen, nebenbei zu fr\u00fchst\u00fccken und sich mit schlechter Technik herausreden zu k\u00f6nnen, aber die Begegnung, das Lernen in der Bibliothek, die Partys fehlen nat\u00fcrlich. Zwar war ich einige Male in T\u00fcbingen, aber die Universit\u00e4t habe ich noch nicht von innen begutachten k\u00f6nnen. Mittlerweile sind auch die Bibliotheken dicht, das macht Recherche und vertiefenden Literaturkonsum viel schwieriger. Doch es gelang mir ganz gut, mich auf das Abenteuer Online umzustellen. Uni ist halt keine Schule, das kann ich ganz sicher sagen. Auch wenn es Pr\u00e4senz w\u00e4re, so vermute ich, w\u00e4re es trotzdem unpers\u00f6nlicher. Dir schmei\u00dft in der Uni keiner mehr etwas hinterher, du bist verantwortlich, deinen Alltag selbstst\u00e4ndig zu managen, dir Literatur zu besorgen, autonom zu rekapitulieren und zu lernen. Fr\u00fcher bekam man in der Schule alles auf dem Silbertablett serviert. \u201eDiese Themen m\u00fcssen in der Klausur sitzen, hier eine ellenlange Liste\u201c oder so \u00e4hnlich. Dieser Umstand spornt mich allerdings an, strukturierter zu arbeiten und mich nicht zu sehr zu verzetteln. Ich lasse mich leider leicht ablenken&#8230; Wenn man tags\u00fcber fast ausschlie\u00dflich studiert und in Vorlesung, Seminar und Tutorium sitzt, muss das Ehrenamt eben in den zehnmin\u00fctigen Pausen zwischen Zoom-Meetings oder nebenbei erledigt werden. Aber ich beschwere mich nicht, habe ich es mir doch selbst so ausgesucht.<\/p>\n<p>Die Menge an Stoff und Angeboten seitens der Universit\u00e4t habe ich dann allerdings schon untersch\u00e4tzt. Daher war ich ganz froh, als ich am 23.12.2020 um 18 Uhr die letzte Vorlesung beendet hatte, um mir eine Weihnachts- und Neujahrespause zu g\u00f6nnen. Den ganzen Tag lesen, faulenzen, Serien schauen, hatte ich bestimmt seit April nicht mehr so intensiv betrieben. Und es f\u00fchlt sich gut an. Gleichzeitig wei\u00df ich, dass ich die Batterien laden muss, wenn ich im gleichen Rhythmus weiterleben will. Naja, soviel erstmal dazu.<\/p>\n<p>Danke, dass Ihr Euch die Zeit genommen habt, diesen Jahresr\u00fcckblick bis hier zu lesen. Ich hoffe, er hat Euch gefallen. Gebt mir doch gerne Feedback dazu.<\/p>\n<p>Ich hoffe von Herzen, Euer 2020 hat euch &#8211; trotz der Umst\u00e4nde &#8211; einige positive Sachen gebracht. Was habt ihr gelernt? Was lief nicht so dolle oder zumindest nicht wie geplant? Gab es ein Erweckungserlebnis? Teilt es mir gerne mit (hier oder privat), ich freue mich \u00fcber Nachrichten von Euch.<\/p>\n<p>Es kommen bessere Zeiten. 2021 wird sicherlich ein spannendes Jahr. Sofern keine fiesen Mutantenviren weiter um sich schlagen und wir die Impfung langsam aber sicher \u00fcber die B\u00fchne bekommen, habe ich gro\u00dfe Hoffnung. Eines sage ich mal wahrsagerisch voraus: Eine R\u00fcckkehr zur alten, vertrauten Normalit\u00e4t wird es nicht geben. Und das ist auch gut so.<\/p>\n<p>Ich sehne mich nach einer Welt nach Corona, die etwas bewusster, etwas digitaler nachhaltiger und etwas nachhaltiger wird \u2013 in all dem, was wir tun.<\/p>\n<p>Die meisten haben dieses Jahr gemeistert und zwar mit Bravour! Nat\u00fcrlich gibt es auch die, die umplanen mussten, schwere Verluste erlitten haben oder ihre Existenzgrundlage aufgeben mussten. Das ist hart, eine ungerechte Bestrafung, echt beschissen. Doch es wird wieder bergauf gehen. Was die Menschen jetzt brauchen, unabh\u00e4ngig ihres pers\u00f6nlichen Schicksals, ist Hoffnung.<\/p>\n<p>2021 kann also kommen. Happy new year!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fchlt euch gedr\u00fcckt (- ein Satz, den ihr wahrscheinlich nicht mehr h\u00f6ren k\u00f6nnt)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Euer Mark<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2020. Vier Zahlen, die so manches durcheinandergewirbelt haben. In der Nachbetrachtung f\u00e4llt mir auf, dass dieses Jahr f\u00fcr mich pers\u00f6nlich gar nicht so nervenaufreibend und turbulent war, wie ich es mir st\u00e4ndig einbilde. Selten habe ich mich so auf ein neues Jahr bzw. ein neues Jahrzehnt (!) gefreut wie auf 2021. Andererseits muss ich zugeben, &hellip; <span class=\"more-link\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2020\/12\/31\/ueberraschungsei\/\">Mehr lesen &raquo;<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":2804,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-266","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/266"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2804"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=266"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/266\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":275,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/266\/revisions\/275"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=266"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=266"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=266"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}