{"id":261,"date":"2020-12-16T16:57:37","date_gmt":"2020-12-16T15:57:37","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=261"},"modified":"2020-12-16T17:05:48","modified_gmt":"2020-12-16T16:05:48","slug":"esslingen-du-diva","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2020\/12\/16\/esslingen-du-diva\/","title":{"rendered":"Esslingen, du Diva"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe das Gef\u00fchl, je mehr passiert, je mehr Unsicherheit \u00fcber mich hereinbricht, je mehr die Pandemielage meinen Alltag einschr\u00e4nkt, desto mehr klammere ich mich an Esslingen. Menschen w\u00e4hnen sich in ungewissen Zeiten an Bekanntes, Vertrautes, Sicheres.<\/p>\n<p>Esslingen ist meine Heimatstadt. Sie ist aber mehr als das. Und keine Angst, ich verfalle jetzt in keinen Lokalpatriotismus. Da ich nur die letzten neun Monate in dieser Stadt verbracht habe, war es Zeit, die Beziehungen zu diesem Ort zu \u00fcberdenken &#8211; jener Ort, der mir so viel gegeben und nichts genommen hat.<\/p>\n<p>Jetzt folgt der Satz des Jahres: Eigentlich sollte ich ja aktuell in Brasilien sein. Kinder beim Deutschlernen helfen, Amazonas genie\u00dfen und so. Wenn ich manchmal die Augen schlie\u00dfe, sp\u00fcre ich die Schmetterlinge auf meinen Schultern landen. Ich h\u00f6re die dumpfen Rufe eines dicken Marktverk\u00e4ufers, der sich die Seele aus dem Leib schreit, der Geruch nach frischem Fisch und ja, wei\u00df Gott, auch eingelegten Delfinpenissen, die es auf dem Markt gibt. Mein Sportshirt lie\u00dfe sich minutenlang auswringen, in meinen Flipflops hat sich ein Steinchen verirrt, das nun unaufh\u00f6rlich ein Loch in meinen dicken Zeh bohrt. Meine F\u00fc\u00dfe sind schmutzig und das ist auch gut so. Um mich herum irren tollk\u00fchne Taxis, Taxi, Taxi, von den D\u00e4chern fallen Cashewn\u00fcsse. Keine Masken-tr\u00e4ger weit und breit zu sehen. Die Schule ist r\u00f6tlich angestrichen, vergilbte Farbe, aus dem Pf\u00f6rtnerh\u00e4uschen lugt ein verschmitzter Herr mit Baseball-Cup hervor, er w\u00fcnscht mir einen guten Tag. Ich bin ja der Neue. Im Klassenzimmer fasse ich an nasse Kreide. &#8222;Konjugation der regelm\u00e4\u00dfigen Verben&#8220; hallt es k\u00fchl in den klimatisierten Saal. Mehrere Finger schnippen in die H\u00f6he. Wie ist es denn so in Deutschland? Was machen die Menschen den ganzen tag? Bauen sie den ganzen Tag Autos? Esst ihr echt Wurst?<\/p>\n<p>Im Autobauerland ist es sehr still. Ding Dang Dong. Die astronomische Uhr am Rathausplatz zeigt Mitternacht an. Liebsamen Glockenkl\u00e4nge erstrecken sich von den Weinbergen bis ins Neckartal. In Stuttgart zuckt wahrscheinlich ein besorgter B\u00fcrger mit den Schultern. In den mittelalterlichen Fachwerkgassen weht der Duft nach echter Freiheit. Ohne zu murren folge ich meinem Instinkt: Erst \u00fcber die Agnesbr\u00fccke hin an den Wehrneckarkanal. Keine Maskentr\u00e4ger weit und breit. Lediglich ein kleines Tr\u00f6pfchen Licht leistet mir Kompanie. Eine fette Ratte hat sich ein St\u00fcckchen Brot vom Stra\u00dfenrand geschnappt und verteidigt es vehement. Ja, auch das ist Esslingen und das ist auch gut so. Am Pflaster kann man leicht stolpern, also irre ich weiter, ja jogge sogar! Ich will meine Stadt schlie\u00dflich kennenlernen. Am Hafenmarkt packt mich dann das schlechte Gewissen: \u00a0Hier sollte der allj\u00e4hrliche Mittelaltermarkt stattfinden. Eine Menge Mitleidiger durch Massen an mehr Menschlein gedr\u00e4ngt. Winterstiefel aus aller Welt dr\u00fccken auf das restaurierte Kopfsteinpflaster. Noch ein Gl\u00fchwein hier, noch ein P\u00fcnschchen da.. Lachen, angeregte Gespr\u00e4che, ja, wir waren dieses Jahr sogar in Spanien! Irgendwoher schallt es &#8222;Jingle bells&#8220;, es bleiben aber single bells, der weihnachtliche Duftton aus Esslingen \u00fcbertrifft sogar weichgesp\u00fclte Melodien aus den USA. Das sind die Momente, an denen man sich freut, Esslinger zu sein. Mandarinenduft, Rentierh\u00f6rner, man hat alle Hausaufgaben brav gemacht und freut sich auf das Rumliegen und Glotzen, gepaart mit fettigem Essen. Mit Verwandten, die man besucht.<\/p>\n<p>Das hat mir dieses Jahr noch gefehlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe das Gef\u00fchl, je mehr passiert, je mehr Unsicherheit \u00fcber mich hereinbricht, je mehr die Pandemielage meinen Alltag einschr\u00e4nkt, desto mehr klammere ich mich an Esslingen. Menschen w\u00e4hnen sich in ungewissen Zeiten an Bekanntes, Vertrautes, Sicheres. Esslingen ist meine Heimatstadt. Sie ist aber mehr als das. 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