{"id":254,"date":"2020-09-13T18:13:23","date_gmt":"2020-09-13T16:13:23","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/?p=254"},"modified":"2020-09-13T18:13:23","modified_gmt":"2020-09-13T16:13:23","slug":"2005","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/marknobrasil\/2020\/09\/13\/2005\/","title":{"rendered":"2005"},"content":{"rendered":"<p>Neulich bin ich bei meinem alten Haus vorbeigefahren. Ich habe dort von 2003 bis 2007 gewohnt. Es war sozusagen unser erster Zufluchtsort, als wir aus Mexiko kamen. Zufluchtsort, das klingt so, als ob wir gefl\u00fcchtet w\u00e4ren. Das stimmt nicht ganz. Die Sicherheitslage in Mexiko war angespannt. In unser Haus wurde eingebrochen, auf die \u00f6rtliche Polizei war kein Verlass mehr. Da war der Kontrast gro\u00df, als wir von der lauten, hektischen, 500.000-Einwohner Stadt Cuernavaca ins beschauliche Filderstadt-Sielmingen zogen &#8211; hier gab es Ruhe, Filderkraut, eine kleine Wohnung und ein \u00d6ko-Kindergarten in Fu\u00dfn\u00e4he.<\/p>\n<p>Auf wundersame Art und Weise hat mich dieser Besuch tief ber\u00fchrt. Ich habe mich auf einen Stein in unmittelbarer N\u00e4he des Hauses gesetzt, die \u00e4u\u00dferen Augen geschlossen und vor meinen inneren Augen eine kleine Zeitreise gemacht.<\/p>\n<p>Manchmal w\u00fcnschte ich, ich w\u00e4re wieder im Jahr 2005. Dieses Jahr fasziniert mich. Ich bin noch ein Kind und besuche einen Waldorfkindergarten. Morgens stehe ich auf, fr\u00fchst\u00fccke ein gro\u00dfes Glas Orangensaft und ein dazu passendes Nutellabrot und habe absolut keine Sorgen. Es gibt kein Coronavirus auf der Welt, die Menschen um mich herum sind heiter und fr\u00f6hlich. Wir legen hellrote CDs mit deutschen M\u00e4rchengeschichten in den CD-Player, schlafen ein und gehen nachmittags immer auf den Spielplatz. Am Wochenende kaufen wir bei Real ein, besuchen ein Indoor-Abenteuerspielplatz oder gehen zu Freunden in den Garten, wo wir Brezeln, manchmal sogar mit Nutella, essen. Ich rieche Obstwiesen, den Innengeruch eines hellblauen Passats, dem Wagen meines Vaters und den Duft nach Kamillentee im anthroposophischen Kindergarten. Ich sehe vor mir die Werbung von Meica Kinderw\u00fcrstchen, Willi wills Wissen-Sendungen und Spongebob Schwammkopf.<\/p>\n<p>Ich bin ein absoluter Auto-Fanatiker und schraube die Sammlermodelle aus ihren Halterungen stets raus, um mit ihnen zu spielen. Auf einem alten Lenkrad, das ich mal zum Geburtstag bekommen habe, habe ich mit Edding ein Dutzend Autologos eingetragen. Ja, ich wechsle die Autos st\u00e4ndig: Aus einer Schatztruhe wird das Armaturenbrett, ein Baseballschl\u00e4ger, von einer Decke umwickelt und in einen umgedrehten Hocker gepresst, fungiert als Schaltkopf. Und ich sammle Autoschl\u00fcssel. Sie bedeuten mir sehr viel. Ich m\u00fcsste schon um die 15 haben. Ich stecke sie gerne in ein von mir gebautes Schl\u00fcsselloch aus Pappe.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem sp\u00fcre ich das Lego am Fu\u00df. Ich baue gerne H\u00e4user aus dem bunten Duplo-Set. In die gro\u00dfen Villen werden dann die Playmobil-K\u00fcchen eingebaut, s\u00e4mtliche Plastikfig\u00fcrchen untegebracht und die Modellautos geparkt. Ich verfolge einen integrativen Spielansatz: Alle Spielzeuge, egal welcher Marke und Bauart, d\u00fcrfen sich in meinen Bauwerken zuhause f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Auch mit meinen Kastanien unternehme ich sehr viel. Sie werden in die Modellautos gesetzt und brechen zu abenteuerlichen Spritztouren \u00fcber den weiten, blauen Teppichboden auf. Meine Kastanienfamilie besteht aus den Mitgliedern Luna, Luno und Erika. Ich habe sie eines Herbsttages im Kindergarten aufgesammelt.<\/p>\n<p>Ich habe die Augen geschlossen und mir gedacht: Was, wenn jetzt 2005 w\u00e4re? Von au\u00dfen k\u00f6nnte man dies meinen. Schw\u00e4bische Provinz, ein frisch renoviertes Haus, ein \u00e4lterer Spielplatz. Ich k\u00f6nnte genauso gut in diesem Jahr sitzen und einen Kaffee trinken. Vor 15 Jahren. Die AfD ist von ihrer Gr\u00fcndung noch 8 Jahre entfernt, Gerhard Schr\u00f6der ist Bundeskanzler. Greta Thunberg ist gerade zwei Jahre alt und vom Thema Klimaschutz haben nur Umweltexperten geh\u00f6rt. Alles ist anders. Aber irgendwie auch gleich. Die H\u00e4user, die Menschen, die darin wohnen. Der Boden, der Sand, die Spielger\u00e4te am Spielplatz. Der Zeitgeist hat sich ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re, wenn ich die letzten Jahre auf diesem Stein gesessen h\u00e4tte? 15 Jahre meditiert? Regen, Schnee, Hagel, Sonnenschein? Familien, die ein und auszogen. So wie meine. Die Rollos in unserer alten Wohnung sind herunter gezogen. Wer da jetzt wohl wohnt? Auf der Klingel sehe ich einen Namen. Wer diese Leute wohl sind? Ob sie sich an die gleiche Wand lehnen, an denen ich mit meinen Matchboxautos gespielt habe? In der gleichen K\u00fcche stehen, wo wir G\u00e4ste bewirtet haben? Sich auf der gleichen Stelle aufs Sofa setzen, an der mein Bruder und ich zum &#8222;Dschungelbuch&#8220; einschliefen?<\/p>\n<p>Dann kommt ein kleines M\u00e4dchen, etwa drei Jahre alt und rei\u00dft mich aus meinen Tagtr\u00e4umen. Sie kommt aus dem Nachbarhaus. &#8222;Was machst du da?&#8220;<\/p>\n<p>Ich verschwinde. Meine Erinnerungen nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neulich bin ich bei meinem alten Haus vorbeigefahren. Ich habe dort von 2003 bis 2007 gewohnt. Es war sozusagen unser erster Zufluchtsort, als wir aus Mexiko kamen. Zufluchtsort, das klingt so, als ob wir gefl\u00fcchtet w\u00e4ren. 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