Von Sand, Feuerwerk und einem gemeinen Baum

30.12.2017 Für Silvester hatten wir und mit einem kleinen Freiwilligentrüppchen bei Judit in Viña del Mar verabredet. Die Küstenmetropolen Viña del Mar und Valparaíso sollen nämlich die Orte sein, wo an Silvester/Neujahr so richtig die Post abgeht. Also saß ich mal wieder mitten in der Nacht im Bus Richtung Norden. Nach meiner Ankunft am frühen Morgen steuerte ich zielbewusst auf die nahe gelegene Metrostation zu, aber auch der war es offensichtlich zu früh und so musste ich mich doch tatsächlich zu Fuß auf dem Weg zu Judits Domizil machen. Kurz darauf meldete auch der Rest unseres Partytrüppchens seine Ankunft an. Nach ein wenig Hin und Her bezogen wir dann auch endlich unsere Unterkunft und fanden uns wenig später im Supermarkt zum Einkauf wieder, auf der Jagd nach all den wichtigen Dingen um ein Silvester Wochenende zu überleben.

Für den Abend hatten wir uns überlegt nach Concón zu fahren, das nur wenige Kilometer entfernt von Viña an der Küste liegt. Dort gibt es nämlich riesige Sanddünen, wo man für wenig Geld mit einem Board runterdüsen kann. Nach einer halsbrecherischen Fahrt mit einem Micro, waren wir alle froh aussteigen zu können, selbst mein chilenischer Sitznachbar schien sein Ende gesehen zu haben und bekreuzigte sich wie wild.  Aber mal ehrlich, dass man in einer Kurve nicht überholt, lernt man ja wohl als kleines Kind und das Ganze macht man schon mal gar nicht, wenn sich rechts eine ziemlich massiv wirkende Felswand und links der Meeresgrund befinden.

Leider mussten wir feststellen, dass wir einen der Busse genommen hatten, der auf der falschen Seite der Sanddünen hält. Wir hatten also fast unnötig unser Leben riskiert. Um zum Ziel zu kommen, blieb uns wohl nichts anderes übrig als die Dünen zu überqueren. Für Valeria und mich auf jeden Fall viel zu anstrengend. Während der Rest munter die Dünen raufhüpfte mussten wir gelegentlich Verschnaufspausen einlegen. Aber wer macht denn auch Sport vor dem Sport?!

Der Ausblick von oben belohnte dann aber schließlich für die Nahtoderfahrung und den beschwerlichen Aufstieg!

Die Board-Vermietung ließ ich von oben auch viel einfacher ausmachen und wenig später machten wir bereits unsere ersten Sandboarding-Versuche. Ich kann sagen, es macht wahnsinnig Spaß, aber auch nicht ganz ungefährlich ist. Außerdem ist auch wahnsinnig anstrengend das Board und sich immer wieder die Dünen raufzuschleppen und man sicherlich so einige Kalorien verbrennt. Der Sonnenuntergang war trotz einer kleinen Wolkenwand am Horizont schön anzusehen und machte uns auf unsere eindeutig vorhandene Müdigkeit aufmerksam. Dieser concónesische Sand ist wirklich penetrant und auch heute noch habe ich in meinen Schuhen meine eigenen, ganz privaten Sanddünen.

 

31.12.2017 Bei der sportlichen Betätigung vom Vorabend war die einzige eingepackte Hose eines Gruppenmitglieds zu Schaden gekommen und so mussten wir uns doch tragischerweise in die Shoppingmall begeben um für Ersatz zu sorgen. Bisschen schlendern, bisschen gucken, bisschen kaufen, bisschen essen. Hier sind wir dann auch noch mal auf Ann getroffen, die über Silvester mit ihren Eltern auf Stippvisite in Viña del Mar war.

Wo und was genau wir für den Abend unternehmen würden, war bis kurz vorher unklar. Aber kurzfristig erhielten wir dann noch eine Einladung von Judits Gastfamilie, das Feuerwerk von einer Dachterrasse aus anzuschauen. So fanden wir uns nur zehn Minuten später mit 7 Erwachsenen und zwei Kindern in einem Auto wieder, das definitiv nicht für diese Anzahl von Menschen ausgelegt war und nun in einem Affenzahn die Cerros von Viña hoch und runterraste. Bei der Ankunft am Zielort dann großes Staunen: ein hammermäßiger Ausblick über die Buchten von Valpo, Viña, Reñaca und Concón. Andere hatten für eine solche Aussicht am Silvesterabend wahrscheinlich ziemlich viel Geld geblecht.

Dann hieß es warten, wie jedes Jahr. Für den Abend hatten wir aus der Not heraus eine Bowle in einem Topf angesetzt, die wir in der Schnelligkeit nur teilweise in Plastikflaschen hatten umfüllen können. Diese schlürften wir jetzt genüsslich. Pünktlich um 24:00 ging dann das groß angepriesene offizielle Feuerwerk los. Hierzu wurde an mehreren verschiedenen Orten der Buchten die gleiche Show gezündet. Insgesamt schon spektakulär, aber auch nicht wirklich vergleichbar mit Deutschland. (Das chilenische Gesetz verbietet aus Sicherheits- und Brandschutzgründen private Feuerwerke. Irgendwo verständlich, da hier zum einem Silvester im Hochsommer, der trockensten Zeit, stattfindet und auch die dichte Bebauung der Städte eine schnelle Ausbreitung von Feuer und Panik verursachen könnte.)

Anschließend sangen wir dann noch ein bisschen Karaoke mit anderen Gästen der Fete und irrten schließlich planlos durch Viña auf der Suche nach Judits zu Hause. Die zurückgelassene Bowle wurde schnellstens vernichtet und der Abend klang in einer heiteren Runde  aus.

 

01.01.2018 Am nächsten Morgen/Mittag mussten wir uns schon von Schlotti und Flori verabschieden, die ihr Rückfahrt nach Santiago antraten. Valeria war aus Ermangelung eines Tickets bereits in der Nacht mit Freunden zurück gefahren. Ich hingegen würde noch gut 1,5 Tage länger bei Judit bleiben, damit sich der Trip auch lohnt.

Freunde von Judits Gastfamilie hatten uns eingeladen zum Neujahrs-Grillen vorbei zu kommen und so befanden sich Judit und ich nur kurze Zeit später auf der Rückbank eines kleinen Autos, das über die Autopista Richtung Landesinnere schoss. Die Mischung aus Alkohol vom Vortag und schnittiger Fahrkunst knockte Judit nach unser Ankunft in Olmue erstmal so richtig aus und sie griff zur Plastiktüte statt den Anderen ein „Feliz Año Nuevo“ (Frohes Neues Jahr) zu wünschen. Hatte ich dort noch gelacht, so verging es mir das wenige Minuten später auch. So gut erzogen wie ich bin, half ich beim Decken des Tischs für das geplante Asado. Beim Rückweg war ich allerdings so auf die Küche fixiert, dass ich den Baum vor meiner Nase nicht sah und ja tatsächlich gegen den Baum lief. Der Baum/kleiner rausstehender Ast verpasste mir ein richtig schön angeschwollenes Auge und knockte somit auch mich für den Rest des Tages aus. Nach dem leckeren Asado verbrachten Judit und ich den Nachmittag, quatschend und sicher, am Rand des Pools. Nach einer abermals rasanten Autofahrt fielen wir (nach dem Eincremen meines Auges) tot müde ins Bett.

 

02.12.2018 Nur noch leicht gezeichnet vom Vortag machten Judit und ich uns am Morgen auf zum benachbarten Valparaíso. Das Ziel war eine Handywerkstatt, da mein Iphone leicht (Akkulaufzeit von etwa 5 Minuten) schwächelte. Die Menschen dort wirkten äußerst kompetent, aber konnte mir leider auf die Schnelle nicht helfen, da ich am Abend bereits nach Chillán zurückfahren würde.

Etwas gefrustet machten wir uns dann aber noch auf eine Sightseeing-Tour über die Cerros (Hügel) von Valparaíso. Da ich bereits im November schon mal zu Besuch bei Judit gewesen war, kannte ich bereits einige Orte und steuerte zielbewusst auf einen Laden mit richtig leckereren Empanadas zu (vielleicht sogar die Besten, die ich jemals gegessen habe…) und lustigerweise trafen wir hier Ann und ihre Eltern wieder, die ebenfalls im Touri-Modus unterwegs waren.

Dieses Mal haben wir dann sogar die „We are not Hippies, we are Happies“-Treppe gefunden, auf der ich ganz stolz posierte. Natürlich darf auch eine Fahrt mit einem der historischen Aufzüge nicht fehlen, vor denen in Reiseführern ausdrücklich gewarnt wird, da sie keine TÜV-Prüfung haben. (Demnach dürfte man dieses Land in diesem Sinn gar nicht erst betreten, denn es gibt so einiges, das nicht sehr vertrauenswürdig und sicher wirkt und schon mal gar keine TÜV-Plakette hat.)

Zum Abschluss konnte ich Judit noch dazu zwingen mit mir den Cerro Panteón zu erklimmen, der bekannt ist für seine Friedhöfe. Auf dem Cementerio N°1 sind lediglich katholische und auf dem Cementerio de Disidentes (Regimekritiker) nur protestantische Gräber zu finden. Zu unserer Überraschung sind die Grabstätten fast ausschließlich mit Namen von deutschen bzw. europäischen Handelsfamilien gekennzeichnet. Leider sind die Friedhöfe, trotz der exzellenten Lage und der einmaligen Aussicht auf die Stadt und die Bucht, verlassen und verwildert. Viele Gräber und Mausoleen wurden durch Erdbeben und Vandalismus zerstört. Selbst die prunkvolle Eingangspforte darf nicht benutzt werden, da sie als nicht mehr sicher gilt. (Der evangelische Friedhof ist dennoch besser gepflegt.)

Nach einer kurzen Einkaufssession ging es zurück zu Judit, die nach den vergangenen Tagen auch schwächelte. Meine Rückfahrt war für 22:00 Uhr geplant. Um zum Busterminal zu kommen, wollte ich mit der Metro fahren. Gott sei Dank fragte mich Judits Gastmutter vor dem Verlassen des Hauses, ob ich denn auch alles hätte und vor allem meine Metro-Karte griffbereit hätte. Wie man sich schon denken kann, ich konnte sie nicht finden. Auch nach mehreren Durchsuchungen ließ sich die Karte nicht orten.* Da die Zeit natürlich vorangeschritten war und die Busse in Chile überraschenderweise relativ pünktlich abfahren, bot mir Judits Gastmutter glücklicherweise an, mich zum Terminal zu fahren.  Also doch noch pünktlich am Bus, nach 8 Stunden Nachfahrt ohne Schlaf und einer Taxifahrt nach Hause, war ich endlich in meinem Bett.

 

*Bis heute ist die Metro-Karte verschollen und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mir nicht geklaut wurde.

 

2 Gedanken zu “Von Sand, Feuerwerk und einem gemeinen Baum

  1. Der neue/ alte Blog hat uns wieder sehr gut gefallen. Danke Marie
    Jetzt sehen wir dich bald wieder.

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