{"id":633,"date":"2019-07-07T06:00:11","date_gmt":"2019-07-07T04:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/mandyswonderworld\/?p=633"},"modified":"2019-07-06T08:10:15","modified_gmt":"2019-07-06T06:10:15","slug":"kulturweit-trotz-psychischer-erkrankung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/mandyswonderworld\/2019\/07\/07\/kulturweit-trotz-psychischer-erkrankung\/","title":{"rendered":"kulturweit trotz psychischer Erkrankung"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbkulturweit trotz psychischer Erkrankung\u00ab war ein Suchbegriff, den ich vor einem Jahr vergeblich in meine Suchmaschine eingetippt habe. Meine Schlussfolgerung: keine Ergebnisse = sie werden mir doch noch eine Absage schicken. Jetzt, ein Jahr sp\u00e4ter, sitze ich in meinem Zimmer in Sofia, was bedeutet: Sie haben mir keine Absage geschickt.<\/p>\n<p>Nachdem ich vor einem Jahr die Zusage f\u00fcr den Freiwilligendienst erhalten habe, folgte kurz danach eine Liste mit Dokumenten, die eingereicht werden mussten &#8211; darunter auch ein medizinisches Gutachten. Sofort kam in mir die Sorge auf: \u00bbWas wird mein Hausarzt dort hinschreiben? Und wird er es ohne Bedenken unterschrieben?\u00ab Der Termin bei meinem Hausarzt kostete mich viel Energie, denn nat\u00fcrlich wollte er es nicht unterschreiben und ich brauchte viel \u00dcberzeugungskraft, damit er am Ende doch sein Okay gegeben hat. Ich ging ersch\u00f6pft, ver\u00e4rgert und besorgt aus der Praxis, denn:<br \/>\n1. Wie kann ein Hausarzt, den ich noch dazu heute gerade mal zum dritten mal in meinem Leben gesehen habe, \u00fcber meine psychische Verfassung urteilen?<br \/>\n2. Noch nie zuvor habe ich Diagnosen so sehr verhasst wie in diesem Moment! \u00bbSozialphobie, Anorexie, Depression\u00ab &#8211; Das Bild, besonders durch die vielen noch herrschenden Vorurteile verst\u00e4rkt, das diese W\u00f6rter vermitteln, entspricht schlie\u00dflich \u00fcberhaupt nicht mir als ganze Person, die studiert, auf der B\u00fchne tanzt und versucht, trotz der Schwierigkeiten f\u00fcr ihre Tr\u00e4ume zu k\u00e4mpfen.<br \/>\n3. Wenn die das lesen werden sie mir sicherlich doch noch eine Absage schicken. Und wenn die das in der Einsatzstelle lesen, haben die auch direkt ein schlechtes Bild von mir.<\/p>\n<p>Etwa einen Monat vor Beginn des Freiwilligendiensts gab es dann ein Telefonat mit einer Ansprechperson von kulturweit, in dem wir u.a. \u00fcber Krisenpl\u00e4ne gesprochen haben. Au\u00dferdem musste ich mich entscheiden, ob die Trainerin f\u00fcr das Vorbereitungsseminar \u00fcber meine Diagnosen informiert werden soll. Ich sagte einfach \u00bbJa\u00ab, weil ich in dem Moment gar nicht wirklich dar\u00fcber nachdenken konnte &#8211; schlie\u00dflich war das Telefonat an sich schon eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr mich. W\u00e4hrend des Vorbereitungsseminars stellte sich dann heraus, dass das die beste Entscheidung war! Die Trainerin meiner Homezone hat sich viel Zeit f\u00fcr pers\u00f6nliche Gespr\u00e4che mit mir genommen, die mir w\u00e4hrend dieser sehr \u00fcberfordernden zehn Tage wirklich sehr geholfen haben.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gab es ein \u00bbMental Health Empowerment\u00ab, weil ich anscheinend doch nicht die einzige Person mit solchen Problemen war. Es kamen ca. f\u00fcnf Personen zu dem Treffen, die alle berichteten, wie stabil sie sich momentan f\u00fchlten. Da ich mich in dem Moment \u00fcberhaupt nicht stabil f\u00fchlte, verunsicherte mich das leider mehr als dass es mir geholfen hat. Deshalb suchte ich im Anschluss noch ein Gespr\u00e4ch mit dem Trainer, der das Empowerment geleitet hat. Auch dieses Gespr\u00e4ch konnte mir weitere hilfreiche Gedanken mit auf den Weg geben. \u00bbReden hilft\u00ab war wohl der wichtigste Gedanke, den ich aus dem Vorbereitungsseminar mitgenommen habe.<\/p>\n<p>In dem Telefonat mit der Ansprechperson l\u00f6ste sich auch meine Sorge auf, dass ich an der Einsatzstelle schon Vorurteilen ausgesetzt bin, bevor ich \u00fcberhaupt dort anfange: der Einsatzstelle wird das medizinische Gutachten nicht mitgeteilt. Trotzdem hat es vor Ort dann sicherlich nicht lange gedauert, bis man mir die \u00c4ngste anmerken konnte und sp\u00e4testens dadurch, dass ich so offen dar\u00fcber schreibe, wei\u00df wohl das ganze Institut davon. Zum Gl\u00fcck habe ich sehr nette Kolleginnen, mit denen ich auch offen dar\u00fcber reden konnte, ohne das Gef\u00fchl zu haben, irgendwie stigmatisiert zu werden.<\/p>\n<p>Jetzt sind es nur noch wenige Wochen bis das Jahr vorbei ist. Es war nicht immer einfach und es hat gef\u00fchlt ewig gedauert, bis die \u00c4ngste ein bisschen abgeklungen sind, aber trotzdem habe ich viele Herausforderungen irgendwie gemeistert und auch Aufgaben, von denen ich das zuvor niemals gedacht h\u00e4tte. Und weil ich w\u00e4hrend des Jahres von anderen oder zuk\u00fcnftigen Freiwilligen , die auch psychische Erkrankungen haben, Nachrichten bekommen habe, die mir gezeigt haben, dass es wichtig (und wohl auch hilfreich) ist, da so offen dr\u00fcber zu schreiben, hoffe ich, dass ich mit diesem Beitrag irgendjemanden erreichen konnte, der anfangs vielleicht die selben Sorgen und Unsicherheiten hat wie ich vor einem Jahr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbkulturweit trotz psychischer Erkrankung\u00ab war ein Suchbegriff, den ich vor einem Jahr vergeblich in meine Suchmaschine eingetippt habe. Meine Schlussfolgerung: keine Ergebnisse = sie werden mir doch noch eine Absage schicken. Jetzt, ein Jahr sp\u00e4ter, sitze ich in meinem Zimmer in Sofia, was bedeutet: Sie haben mir keine Absage geschickt. 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