{"id":819,"date":"2019-09-15T09:29:12","date_gmt":"2019-09-15T03:29:12","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/lottengloeckchen\/?p=819"},"modified":"2019-09-15T09:29:12","modified_gmt":"2019-09-15T03:29:12","slug":"home-sweet-home","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/lottengloeckchen\/2019\/09\/15\/home-sweet-home\/","title":{"rendered":"Home Sweet Home"},"content":{"rendered":"<p>Sydney, Surry Hills Am Wohnzimmerschreibtisch 14.09.2019 19.07 Uhr<\/p>\n<p>Wie gut, dass ich immer dann in der Stimmung bin, etwas f\u00fcr den Blog zu schreiben, wenn ich im Grunde guter Laune bin. Dadurch scheint hier immer die Sonne, egal ob es regnet, oder wie jetzt, drau\u00dfen schon stockduster ist. [40 Minuten sp\u00e4ter] Und w\u00e4hrend ich also zu sp\u00e4terer Stunde am Schreibtisch sitze, frage ich mich wie man wohl wissenschaftliche Mitarbeiterin wird, ob die Arbeit in der Forschung das ist was ich will und schreibe in der Folge eine Gru\u00dfnachricht an die \u201eMutter\u201c meines Bachelorstudienganges Interdisziplin\u00e4re Russlandstudien und Zweitkorrektorin meiner Bachelorarbeit. So funktioniert ein Gehirn.<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich von meiner Ferienwoche in Sydney berichten. Die ist schon wieder rum, schneller als gedacht und gew\u00fcnscht. Da ich jeden Tag zwei bis drei Stunden an meiner 2000 W\u00f6rter-Analyse von Greta Thunbergs Rhetorik und des Netzwerks von #FridayForFuture schrieb, konnte ich mich nicht ganz von der Uni l\u00f6sen. Doch was sind schon drei Stunden am Tag. Deswegen folgt ein Bericht, was sonst noch so anstand.<\/p>\n<p>Letzten Sonntag zum Beispiel bin ich mit Alice zusammen sechs Kilometer zu einem neuen Markt spaziert UND zur\u00fcck. Wobei spazieren mit Alice bedeutet, im Stechschritt zu laufen! Mit den Geschichten von Alice im Ohr und vor Augen kamen in mir die ersten Urlaubsgef\u00fchle auf.<\/p>\n<p>Am Montag war ich zum ersten Mal seit mehreren Wochen wieder im morgendlichen Sonnenschein joggen &#8211; und nicht am Abend, oder auf dem Laufband im Uni-Fitnessstudio.<\/p>\n<p>Dienstag bin ich durch einen f\u00fcr mich neuen Bezirk, direkt neben der Uni spaziert und las dann zwei Stunden in einem Park. Dieser \u201eAusflug\u201c war traumhaft sch\u00f6n. Ich sa\u00df in der warmen Nachmittagssonne auf einer Bank mit Blick auf einen kleinen Hafen und f\u00fchlte mich wie ein local. Und das, obwohl ich den Tag \u00fcber nur schrecklich-sch\u00f6nen Deutsch-Pop in den Ohren hatte und auf Deutsch den Reisebericht eines englisch-amerikanischen Autors las. Vielleicht f\u00fchlte ich mich aber auch gerade deshalb so gut. Ich las und beobachtete Kinder dabei, wie sie von ihren Eltern abgehalten wurden ins Wasser zu h\u00fcpfen. Ich unterhielt mich mit einem \u00e4lteren Herrn \u00fcber die tolle Atmosph\u00e4re im Park und die ersten Br\u00e4nde in der Umgebung aufgrund der aufkommenden W\u00e4rme. Ich teilte mir die Bank mit einer telefonierenden Frau und umherfliegenden V\u00f6geln und freute mich meines Lebens.<\/p>\n<p>Mittwoch war ich wieder joggen und am Nachmittag setzte ich mich, um in Ruhe einen Brief zu schreiben in ein kleines Caf\u00e9 bei uns in der N\u00e4he. Dieses liegt an sich direkt an der Stra\u00dfe, aber ein Level weiter oben. Somit sa\u00df ich drau\u00dfen, mal wieder im Sonnenschein und konnte ganz entspannt die Autos vor meinen Augen vergessen. Mir wurde heute \u00fcbrigens bescheinigt, dass ich gut gebr\u00e4unt aussehe\u2013 wahrscheinlich eine Folge des st\u00e4ndigen Sonne-Jagens.<\/p>\n<p>&gt; Gleicher Ort, Neuer Tag: Sonntag, 15.09.2019 11.30<\/p>\n<p>Donnerstag war ich schon recht fr\u00fch und erstaunlich konzentriert in der Bibliothek. Am Nachmittag traf ich zum vierten Mal Vicky. Um sie in der N\u00e4he von ihrem neuen B\u00fcro abzuholen, fuhr ich mit dem Zug \u00fcber die Harbour Bridge und die sich mir bietende Aussicht war ph\u00e4nomenal. Aber das war erst der Anfang. Von der North Sydney Station spazierten wir zum Milsons Point, von wo aus sich ein toller Blick auf Sydneys Zentrum und das Opera House bot, inklusive Abendstimmung. Tats\u00e4chlich ist in North Sydney auch richtig was los. Es wirkte f\u00fcr mich so, als ob die beiden Teile der Stadt, also Nord und S\u00fcd, parallel zu einander existieren. Ist es nicht gerade aufgrund der Arbeit und sonstigen Verpflichtungen notwendig, fahren wohl wenige Menschen von einer Seite zur anderen \u00fcbers Wasser. Nach unserer kleinen Aussichtspause schlenderten wir weiter \u00fcber die Br\u00fccke und zum Opera House. W\u00e4hrenddessen ging langsam die Sonne unter und f\u00e4rbte den Himmel rosarot.<\/p>\n<p>Auf dem Weg unterhielten wir uns unter anderem \u00fcber die australische Leistungsgesellschaft. Arbeit wird von Australiern in der Regel sehr gro\u00df geschrieben! Viele arbeiten bis an ihr Limit und bekommen Valium verschrieben, damit der Stress und die Angst am und wegen des Arbeitsplatzes sie nicht erschl\u00e4gt. Abgesehen davon, ist Drogenkonsum, wohl insbesondere Koks, auch keine Seltenheit. Das war auch schon \u00f6fter Thema bei Gespr\u00e4chen in der Uni und in der WG. Alice regt sich auch oft dar\u00fcber auf, dass bei ihr auf der Arbeit st\u00e4ndig davon ausgegangen wird, dass alle immer und mit Freude \u00dcberstunden machen. H\u00e4lt man dagegen, plagt einen, oder in diesem Fall Alice, ein schlechtes Gewissen, denn irgendwer muss daf\u00fcr sorgen, dass alles erledigt ist und dem entsprechend noch l\u00e4nger bleiben. Das steht im krassen Kontrast zu der Vorstellung von st\u00e4ndig entspannt am Strand liegenden Menschen.<\/p>\n<p>Bei der Sydney Opera House Bar lie\u00dfen wir uns nieder und mussten aufpassen, dass unsere Chips nicht von M\u00f6wen stibitzt wurden. Von der Opera aus bot sich ein sehr sch\u00f6ner Blick auf die leuchtenden Fenster der Hochh\u00e4user in Wassern\u00e4he und als wir uns nach einer Weile weiter in Richtung China Town machten, leuchtete die ganze Stadt. Wie ich erfuhr, sind im Stadtzentrum donnerstags die Gesch\u00e4fte bis 9pm ge\u00f6ffnet, wodurch noch viele Menschen unterwegs waren. Nach insgesamt ca. sieben Kilometern erreichten wir unser Ziel, ein kleines chinesisches Lokal. Dort stie\u00df auch Clive, Vickys Freund, zu uns. Lustiger Weise befindet sich das kleine Restaurant, das mehr an einen Imbiss erinnerte, direkt neben der Bibliothek. Und es war wunderbar dekoriert, mit griechischen Trauben aus Plastik, die an der Decke hingen und einem Wandteppich mit Hirsch-Motiv. Gemeinsam bestellten wir unglaublich viel essen, unter anderem einen Tofu-Teller, der mich an das kleine koreanische Restaurant erinnerte, bei dem ich in Irkutsk w\u00f6chentlich Mittag a\u00df. Dazu gab es unter anderem frittierte Auberginen und Auberginen Dumplinge \u2013 so fettig, aber soo lecker! Als ich letztendlich Zuhause ankam, lag ich erst einmal eine Weile mit meinem liebsten Lavendel-Kirschkernkissen auf dem Bauch im Wohnzimmer rum.<\/p>\n<p>Freitag war ich vormittags beim freien PoleDanceTraining, um dann in der TownHall meine RaceBib f\u00fcr den Halbmarothon abzuholen. Ich war sehr \u00fcberrascht, wie klein die Expo letztendlich war. Der Sydney Marathon ist ber\u00fchmt, aber von der Gr\u00f6\u00dfe her anscheinend nichts im Gegensatz zu Berlin. Und dabei gibt es vier verschiedene L\u00e4ufe, die im Rahmen des Events stattfinden: 1) Halbmarathon 2) Marathon 3) BridgeRun 10K 4) FamiliyFunRun 3,5K. Daf\u00fcr ging das mit der Startnummer richtig schnell und unkompliziert. Am Abend schloss ich den ersten komplett fertigen Entwurf f\u00fcr die Abgabe ab, so dass Alice Samstagfr\u00fch kontrolllesen konnte. Ein tolles Gef\u00fchl!<\/p>\n<p>In Sydney, vielleicht auch in ganz Australien und vielleicht auch weltweit, mal abgesehen von Berlin, wird das Oktoberfest ganz gro\u00df geschrieben. Dem entsprechend gibt es ein Event in der Uni, eine kleine Meile, ausgerichtet von einem Biergarten-Restaurant und die deutsche Woche bei Aldi. Wie Vicky mir erz\u00e4hlte, kann man in dieser Woche nicht nur besonderes Bier, sondern auch Tiefk\u00fchlbrezeln und Apfelsaftschorle kaufen. Wer sich noch dar\u00fcber wundert, dass es hier Aldi gibt, dem sei ein kurzer Moment des Staunens geg\u00f6nnt. Ich habe mich dort vor allem, \u00fcber die gro\u00dfe Auswahl bekannter Zahnpasta-Tuben gefreut. Nachdem wir uns also am Donnerstag \u00fcber deutsche Produkte und vor allem \u00fcber Brezeln unterhalten hatten, folgte ich Vickys Empfehlung und machte mich am Samstagmorgen zur deutschen B\u00e4ckerei. An dieser laufe ich fast t\u00e4glich auf dem Weg zur Uni vorbei, ohne je etwas gekauft zu haben, nachdem ich feststellen musste, dass sie keine M\u00fcslibr\u00f6tchen haben. In den Fialen von Luneburger arbeiten vor allem deutsche M\u00e4dchen, wobei der Chef wohl auch deutscher sein soll. Mit einem halben K\u00fcrbiskernbrot, einer Brezel f\u00fcr mich und einem Pfannkuchen f\u00fcr Alice, der dort ganz falsch als Berliner deklariert worden war, kam ich wieder Zuhause an. Da Toni arbeiten musste, fand unser WG-Toast\/ PeanutButter\/ Avocado- Fr\u00fchst\u00fcck somit nur zu zweit statt.<\/p>\n<p>Danach machten Alice und ich uns zu einer Demo f\u00fcr ein neues Gesetz, was Abtreibung in NSW legalisieren soll. NSW ist wohl einer der wenigen Regionen Australiens, wo Abtreibung noch verboten ist. Trust the women, support the bill! Dieser sch\u00f6ne Spruch, ziert jetzt unseren K\u00fchlschrank. Zusammen mit Postkarten aus Deutschland und Griechenland, Flyern zum Stadtgeschehen, Fotos und den Bildern die Pauline und Marlene mit zum Geburtstag gemalt haben. Nach der Demo ging es mit einer Freundin von Alice spontan noch zu einem Slow-Fashion-Market. Dort wurde Schmuck und Kleidung aus Australien verkauft. Als ich mit meiner Runde durch war und auf die M\u00e4dels wartete, wurde ich kurzerhand f\u00fcr einen Podcast Interviewt. Ich wei\u00df ja nicht, ob der junge Mann mit meinen gestammelten Antworten zum Thema nachhaltige Kleidung wirklich etwas anfangen kann. Aber ich konnte immerhin auf diese Art und Weise Werbung f\u00fcr das neue Gesetz und f\u00fcr Adidas machen. Ob Adidas das verdient hat, ist eine andere Frage. In einer stadtbekannten Patisserie gab es meinen obligatorischen Mandelmilch-Chai-Latte und dann trennten wir uns von Hellen. Und w\u00e4hrend Alice mit dem Zug direkt nach Hause fuhr, stieg ich schon etwas fr\u00fcher aus und ging noch zu einer Kunst Messe: Sydney Contemporary. Alice war schon am Freitag dort, von der Arbeit spendiert, aufgrund des schlechten Klimas, da alle \u00fcberarbeitet &#8211; und hatte sie mir ans Herz gelegt. Es gab wirklich viel zu sehen und nach 90 Minuten war ich \u00fcberf\u00fcllt mit kunterbunten Eindr\u00fccken, von verspielt bis verst\u00f6rend.<\/p>\n<p>Zum ph\u00e4nomenalen Abschluss des Tages gingen wir am sp\u00e4ten Abend mit Alices Eltern essen. Da Toni und ich mit am Start waren, hatte Alice sich f\u00fcr den immer sehr gut ausgebuchten veganen Mexikaner fast direkt vor unserer Haust\u00fcr entschieden. Eine Top-Wahl und auch eine sehr angenehme Runde. Toni und Alice sind wirklich gute Freundinnen und ich f\u00fchle mich sehr wohl mit den beiden. Der Gedanke, dass\u00a0 ich schon in ein paar Wochen wieder ausziehe, stimmt mich daher immer wieder traurig. Welchen Schluss ziehe ich am besten daraus: Jeden Moment genie\u00dfen!<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich endet eine Woche erst am Sonntag. Und dieser Sonntag ging fr\u00fch los. Gestern lag ich schnurstracks nach dem Essen um 10pm im Bett. Denn heute klingelte schon um 5am mein Wecker. Nat\u00fcrlich war ich die Nacht \u00fcber so aufgeregt, dass ich jede Stunde wach wurde, wobei das vielleicht auch am Vollmond lag. Mental gut vorbereitet, a\u00df ich in der Fr\u00fche \u00a0einen Apfel und ein paar St\u00fccken vom selbst zubereiteten Energieriegel, zerschnitt noch schnell eine Strumpfhosen, um meine Arme auf dem Weg vor der K\u00e4lte zu sch\u00fctzen und lief zur Bahnstation. Dort waren auch schon viele andere L\u00e4ufer und L\u00e4uferinnen und wieder auf der anderen Seite der Stadt startete um 6am der Sydney Half Marathon. Ich h\u00e4ngte mich optimistisch an einen Pacer, der laut Schild 1 Stunde 50 Minuten laufen wollte und das klappte super, \u00fcber die Harbour Bridge und Kurven schlagend ins Stadtzentrum. Nach neun Kilometern, beschloss ich mich abzuseilen und langsamer zu laufen, nur um dann festzustellen, dass das vorgegebene Tempo f\u00fcr die angestrebte Zeit sowieso viel zu schnell gewesen war. So konnte ich die letzten elf Kilometer im 5.30er Tempo, also 5,30min pro Kilometer weiter laufen und schaffte es tats\u00e4chlich mit einer Zeit von 1h50min ins Ziel. Inzwischen war die Sonne hoch am Himmel und meine Laune dank der Endorphine grandios. Auch, wenn beim Berlin Marathon definitiv mehr Menschen und mehr Musik zur Unterst\u00fctzung dabei waren, hatte ich meinen Spa\u00df. Und dank des AdidasRunners Shirt, haben mir und habe ich immer mal wieder sonst sehr fremden Laufenden freundlich zugel\u00e4chelt.<\/p>\n<p>Inzwischen bin ich seit einer Weile geduscht und gest\u00e4rkt wieder Zuhause. Gleich gehen Toni und ich auf den veganen Markt, wo ich mir ein Cap (Kopfbedeckung) kaufen m\u00f6chte, dass mir dort schon vor einem Monat ins Auge gesprungen ist. Dazu dann evtl. sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>Heute Abend kommen Cleo und ihr Freund nach Sydney! Cleo ist in der gleichen Ausreise wie ich ins Freiwillige Soziale Jahr gestartet. Da es f\u00fcr sie nach Lettland ging, sahen wir uns auf dem Zwischenseminar wieder und dann besuchte ich sie auch noch w\u00e4hrend meines FSJ-Urlaubs. Seit dem sind wir gute Freundinnen geblieben, nur dass wir uns bedingt durch verschiedene Wohnst\u00e4dte selten sehen. Warum dann nicht also in Sydney. Cleo und Lerato werden zwei n\u00e4chste bei uns bzw. in meinem Bett \u00fcbernachten. Ich ziehe solange auf die Couch im Wohnzimmer. Morgen machen wir zusammen die Stadt unsicher, wobei genau Pl\u00e4ne noch nicht stehen. Es geht also aufregend weiter.<\/p>\n<p>So, und jetzt ist dieser Eintrag auch schon wieder unendlich lang geworden\u2026 dann ist es ja auch nicht so schlimm, wenn es bis zum n\u00e4chsten wieder zwei Wochen dauert, oder? Nichtsdestotrotz versuche ich mein Bestes zu geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sydney, Surry Hills Am Wohnzimmerschreibtisch 14.09.2019 19.07 Uhr Wie gut, dass ich immer dann in der Stimmung bin, etwas f\u00fcr den Blog zu schreiben, wenn ich im Grunde guter Laune bin. 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