{"id":283,"date":"2013-09-30T21:41:56","date_gmt":"2013-09-30T15:41:56","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/lottengloeckchen\/?p=283"},"modified":"2013-09-30T21:47:53","modified_gmt":"2013-09-30T15:47:53","slug":"ein-chamaeleon-kurzgeschichte-von-anton-tschechow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/lottengloeckchen\/2013\/09\/30\/ein-chamaeleon-kurzgeschichte-von-anton-tschechow\/","title":{"rendered":"Ein Cham\u00e4leon &#8211; Kurzgeschichte von Anton Tschechow"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber den Marktplatz schreitet im neuen Mantel und mit einem B\u00fcndelchen in der Hand der Polizeiaufseher Gorelow. Hinter ihm her geht ein rothaariger Schutzmann mit einem Korbe voll konfiszierter Stachelbeeren. Ringsherum herrscht Stille. Keine Menschenseele ist auf dem Platz zu sehen. Die ge\u00f6ffneten T\u00fcren der Buden und Schenken schauen tr\u00fcbselig, wie ge\u00f6ffnete Rachen, in die Gotteswelt hinaus; nicht einmal einen Bettler erblickt man in ihrer N\u00e4he.<\/p>\n<p>\u00bbDu willst also bei\u00dfen, verfluchter Kerl?\u00ab h\u00f6rt pl\u00f6tzlich Gorelow. \u00bbJungens, lasst ihn nicht durch! So was gibt&#8217;s heutzutag nicht mehr \u2013 bei\u00dfen! Halt ihn! A\u00a0.\u00a0.\u00a0.\u00a0a!\u00ab<\/p>\n<p>Man h\u00f6rt das Winseln eines Hundes. Gorelow blickt zur Seite und sieht, wie aus dem Hofe einer Holzniederlage ein Hund heraus gelaufen kommt, m\u00fchsam auf drei Beinen einher h\u00fcpfend und sich immerfort umschauend. Hinter ihm her rennt ein Mensch mit aufgekn\u00f6pfter Weste und ungest\u00e4rktem Vorhemd. Er sucht den Hund einzuholen und st\u00fcrzt, indem er sich mit dem Oberk\u00f6rper vorbeugt und den Hund bei einem der Hinterf\u00fc\u00dfe ergreift, zur Erde. Wieder h\u00f6rt man das Hundegewinsel und den Schrei: \u00bbHalt ihn!\u00ab Verschlafene Gesichter schauen aus den Fenstern heraus und bald hat sich am Holzhof, wie aus der Erde heraus, eine Menge versammelt.<\/p>\n<p>\u00bbDas scheint hier ja Ruhest\u00f6rung zu geben, Ew.\u00a0Wohlgeboren!\u00ab sagt der Schutzmann.<\/p>\n<p>Gorelow schwenkt links ab und schreitet auf den Haufen zu. Hart am Thor sieht er den oben beschriebenen Menschen in der aufgekn\u00f6pften Weste stehen und, die rechte Hand in die H\u00f6he hebend, der Menge seinen blutigen Finger zeigen. Auf dem halb betrunkenen Gesicht liest man gleichsam die Inschrift: \u00bbIch werde Dir, Kanaille, schon was ausrei\u00dfen!\u00ab und selbst der blutende Finger machte mehr den Eindruck einer Siegestroph\u00e4e. In diesem Menschen erkennt Gorelow den Goldarbeiter Hrjukin. \u2013 Inmitten des Haufens sitzt auf der Erde, die Vorderf\u00fc\u00dfe auseinandergespreizt und am ganzen K\u00f6rper zitternd, der Urheber des Skandals \u2013 ein junger wei\u00dfer Windhund mit einer spitzen Schnauze und einem gelben Fleck auf dem R\u00fccken. Aus seinen tr\u00e4nenden Augen spricht der Ausdruck der Furcht und des Entsetzens.<\/p>\n<p>\u00bbWas ist denn hier los?\u00ab fragt Gorelow in die Menge eindringend. \u00bbWas gibt&#8217;s hier? Wozu h\u00e4ltst Du den Finger? Wer schrie hier?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch gehe also, Ew. Wohlgeboren, ohne mich nach jemand umzuschauen\u00ab, beginnt Hrjukin. sich in die Faust r\u00e4uspernd, \u00bbich gehe also, um von wegen des Holzes \u2013 und mit einem mal bei\u00dft mich dies Vieh ohne weiteres in den Finger\u00a0.\u00a0.\u00a0. Verzeihen Sie, aber ich bin ein Handarbeiter, ich mache feine Arbeit. Man muss mir daf\u00fcr bezahlen, denn diesen Finger kann ich vielleicht eine Woche nicht r\u00fchren. So was gibt&#8217;s, Ew.\u00a0Wohlgeboren, in keinem Gesetz, dass man um eines Tieres willen dulden muss. Wenn jeder bei\u00dfen wird, hat man ja auf der Welt kein Leben mehr\u00a0.\u00a0.\u00a0.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbHm, es ist gut\u00ab, sagt Gorelow streng, seine Brauen in die H\u00f6he ziehend und sich r\u00e4uspernd. \u00bb&#8217;s ist gut. Wem geh\u00f6rt der Hund? Ich werde das nicht auf sich beruhen lassen. Ich werde Euch zeigen, was es hei\u00dft, die Hunde verwildern zu lassen! Es ist Zeit, derartige Herrschaften, die die betreffenden Vorschriften nicht einhalten wollen, aufs Korn zu nehmen. Wenn ich &#8218;mal so einen Schuften ordentlich bestraft habe, dann wird er schon wissen, was es hei\u00dft, Hunde und \u00e4hnliches Vieh so herumlaufen zu lassen! Ich werde ihm schon zeigen, wo Barthel den Most holt! Jeldirin!\u00ab wendete sich der Polizeiaufseher zum Schutzmann, \u00bberkundige Dich, wessen Hund es ist und setze ein Protokoll auf! Und den Hund muss man totschlagen. Sofort! Er ist wohl noch toll dazu\u00a0.\u00a0.\u00a0. wem geh\u00f6rt der Hund, frage ich?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEs scheint, dem General Shigalow!\u00ab sagt jemand aus der Menge.<\/p>\n<p>\u00bbDem General Shigalow? Hm\u00a0.\u00a0.\u00a0. nimm mir &#8218;mal, Jeldirin, den Mantel ab. Schrecklich, wie hei\u00df es ist! Wohl vor dem Regen\u00a0.\u00a0.\u00a0. Eines begreife ich nur nicht: wie hat er Dich denn bei\u00dfen k\u00f6nnen?\u00ab wendet sich Gorelow zu Hrjukin. \u00bbKann er denn \u00fcberhaupt bis an den Finger heranreichen? Er ist ja klein, w\u00e4hrend Du doch ein baumlanger Kerl bist! Du hast den Finger vielleicht nur an einem Nagel geritzt. Du bist ja\u00a0.\u00a0.\u00a0. ein bekanntes Individuum! Ich kenne Dich, Satan!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEr hat ihn, Ew.\u00a0Wohlgeboren, zum Spa\u00df mit der Zigarre in die Schnauze gesto\u00dfen, und der Hund war nicht dumm und schnappte nach ihm\u00a0.\u00a0.\u00a0. &#8217;s ist ein l\u00fcderlicher Kerl, Ew.\u00a0Wohlgeboren!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWas l\u00fcgst Du, Scheeler! wenn Du&#8217;s nicht geseh\u00b4n hast, was brauchst denn zu l\u00fcgen?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbEw.\u00a0Wohlgeboren sind ein kluger Herr und begreifen schon, wer da l\u00fcgt und wer, wie vor Gott, die Wahrheit spricht. Wenn ich aber l\u00fcge, so m\u00f6ge der Friedensrichter dar\u00fcber entscheiden. Bei dem steht alles im Gesetz drin. Heutzutage sind vor dem Gesetze alle gleich. Ich habe selbst einen Bruder, der Gendarm ist, damit ihr&#8217;s wisst\u00a0.\u00a0.\u00a0.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbNa, raisonnier hier nicht!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbNein, der geh\u00f6rt wohl doch nicht dem General.\u00ab bemerkt tiefsinnig der Schutzmann. \u00bbDer General hat nicht solche. Er h\u00e4lt mehr so H\u00fchnerhunde.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWei\u00dft Du das sicher?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbZu Befehl, Ew.\u00a0Wohlgeboren.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbIch hab es mir auch so gedacht. Der General h\u00e4lt teure Rassehunde, dieser ist aber wei\u00df der Teufel was, sieht ja nach gar nichts aus\u00a0.\u00a0.\u00a0. ein ganz gemeines Tier. So einen Hund \u00fcberhaupt zu halten?! Wisst ihr&#8217;s auch, wenn man so &#8217;nen Hund in Petersburg oder Moskau festnehmen w\u00fcrde, dass sich dann kein Kuckuck ums Gesetz scheren w\u00fcrde, sondern einfach \u2013 aus mit dem Kerl! Du, Hrjukin, bist hierbei gesch\u00e4digt worden und darfst die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Man muss ein Exempel statuieren! Schon lange\u00a0.\u00a0.\u00a0.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJa, vielleicht ist es doch dem General seiner\u00ab, philosophiert halblaut der Schutzmann. \u00bbAuf der Schnauze steht&#8217;s ja nicht geschrieben. Neulich hab ich bei ihm auf dem Hof so&#8217;n \u00e4hnliches Vieh gesehen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbNat\u00fcrlich geh\u00f6rt er dem General!\u00ab h\u00f6rt man aus der Menge eine Stimme.<\/p>\n<p>\u00bbHm&#8230; Zieh mir &#8218;mal, lieber Freund, den Mantel wieder an&#8230; &#8217;s wird wieder windig&#8230; kalt. Du f\u00fchrst ihn also zum General und fragst da nach. Sage, dass ich den Hund gefunden habe und ihn hinschicke. Und sag, dass man ihn nicht mehr auf die Stra\u00dfe lassen soll. Es ist vielleicht ein teures Tierchen und wenn ihm jedes Schwein mit der Zigarre ins Gesicht sto\u00dfen wird, dauerts nicht lang, bis es hin ist. So&#8217;n Hund ist ein zartes Gesch\u00f6pf. Und Du Schafskopf, lass Deine Hand herunter. Steck Deinen dummen Finger weg, bist selbst schuld!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDa kommt ja der Koch vom General, den kann man ja fragen. \u2013 He, lieber Freund, komm einmal her! Schau &#8218;mal den Hund an. Ist&#8217;s Eurer?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbWas nicht gar, solche haben wir niemals gehalten!\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbNat\u00fcrlich, was braucht man hier viel zu fragen. \u2013 Hrjukin ist ja schuld, dass\u00a0er ihn anger\u00fchrt hat, aber der Hund treibt sich herrenlos herum. Wie ich gesagt hab \u2013 herrenlos, so ist&#8217;s auch. Man muss ihn totschlagen&#8230; einfach.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbUnsrer ist&#8217;s nicht\u00ab, f\u00e4hrt der Koch fort. \u00bbEr geh\u00f6rt dem Bruder vom General, der neulich angekommen ist. Der General ist kein Freund von Windhunden, aber sein Bruder.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbAch, sein Herr Bruder ist angekommen? Wladimir Iwanowitsch?\u00ab fragt Gorelow und sein ganzes Gesicht verkl\u00e4rt sich vor Freude und Ergebenheit. \u00bbDu mein Gott, das hab ich ja gar nicht gewusst! Also zu Besuch ist er gekommen?\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbJawohl zu Besuch.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bbDu mein Gott, und ich hab es ja gar nicht gewusst! Also der Hund geh\u00f6rt ihm? Nun, das freut mich. Nimm ihn also. Ein nettes H\u00fcndchen. So fix. Gleich diesen beim Finger! Ha, ha, ha&#8230; Nun was zitterst Du denn? Ha, ha&#8230; so&#8217;n Kerlchen.\u00ab<\/p>\n<p>Der Koch ruft den Hund und verl\u00e4sst mit ihm den Holzhof. Die Menge lacht Hrjukin aus.<\/p>\n<p>\u00bbIch werde Dich noch &#8218;mal vornehmen!\u00ab droht ihm Gorelow und setzt, den Mantel zukn\u00f6pfend, seinen Weg \u00fcber den Marktplatz fort.<\/p>\n<p><b>Anton Tschechow<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den Marktplatz schreitet im neuen Mantel und mit einem B\u00fcndelchen in der Hand der Polizeiaufseher Gorelow. Hinter ihm her geht ein rothaariger Schutzmann mit einem Korbe voll konfiszierter Stachelbeeren. Ringsherum herrscht Stille. 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