Katerzug nach Kalavryta

16/03/2021

Dachterrasse mit territorialer Horizonterweiterung

 

17/03/2021

Ouzo und Deutsch Rap serviert mit analogen Fotos

 

18/03/2021

Katerzug nach Kalavryta

 

Heute wurde nicht viel geredet, jedenfalls nicht viel mehr als Efcharisto (Danke), Wo steigen wir um? und Wow, wie schön!. Viel geredet hat die Frau im Zug neben uns. Griechische Worte sprudelten aus hier heraus, dass selbst der Schaffner nicht wusste, was zu machen ist. Carl und ich schauten aus dem Fenster, wie sich die Landschaft von Häusermeeren zu tiefblauem Meer mit Bergen am Horizont änderte. Jedes Mal wenn ich versuchte, ein Foto zu schießen, kamen mir Bäume, Antennenmaste und Tunnel dazwischen. In Diakopto aus dem Bus ausgestiegen, weil der Zug nicht weiterfuhr, wurden wir direkt von einem Mann angesprochen, ob wir nach Kalavryta wollten. Sein Bruder betreibe ein Taxi. Urkomisch, denn eben jenen Bruder hatten unsere Vorfreiwilligen für uns angefragt. Er fuhr uns durch die Kurven der bergigen Landschaft Peloponnes’ und erzählte immer mal Interessantes zu der Umgebung. Die Gebirgskette hatte ungefähr eine Höhe von 1500 Meter, wirkte aber durch das Meer und die Weite viel größer. 

Nach dem städtischen Athen war Kalavryta ein krasser Kontrast – selbstverständlich. Kulturell aber auch klimatisch, denn die Temperaturen sind in der Höhe von 720 Metern über dem Meeresspiegel deutlich niedriger. Dafür saugte ich die frische Luft in meine Lungen, nach der Großstadt wirkte alles so pur und klar, genauso das Wasser. „Kalá“ bedeutet gut und „vryta“ soviel wie Quelle. Wir hoffen jedenfalls auf Gutes, so wie jeder hier, denn der Sommer scheint wie ein Lichtschimmer für viele Griechen. Bis jetzt sieht es nach Regen aus, und Schnee. Ich habe zwei Koffer voll bunter Sommerkleidung und frage mich wie viele Schichten ich mir überziehen kann. 

Flugmodus: Vorbereitungsseminar

27/02/2021

Mein E-Mail-Fach füllt sich mit Ankündigungen, Kommentaren und vorbereitenden Mitteilungen zum Vorbereitungsseminar für die Ausreisenden im März 2021. Langsam geht es also los, so richtig los und ich merke wie aufgeregt ich bin, auch wenn ich die Frage stets mit „Ich habe eigentlich Angst,  mich zu freuen, weil es immer noch abgesagt werden kann”, beantworte. Mittlerweile bin ich aber richtig in der Stimmung angekommen, auch wenn es noch ein surrealer Gedanke ist, wenn ich sage: Wir sehen uns dann im Sommer! Seit ein paar Tagen lese ich mich mit einer Gebrauchsanweisung in die griechische Kultur ein. Das Lachen kommt da nicht zu kurz, denn ohne vorher auch nur recherchiert zu haben, kann ich mir vorstellen, wie andersartig und chaotisch alles sein wird. Nicht zu vergessen, dramatisch bis zum letzten Augenblick, da mich die pandemiebedingten Vorkehrungen auf Trab halten- „Griechenland ändert ihre Maßnahmen alle zwei Wochen”, erzählt mir Eleni, eine Kommilitonin aus Athen, die ich glücklicherweise kennengelernt habe. Noch bevor ich meine Gebrauchsanweisung für Griechenland begann, gab sie mir einen amüsanten Vorgeschmack der Griechen und dem Kontrast zu Deutschland. 

07/03/2021

Heute ist Halbzeit sozusagen und ich hatte ganz vergessen, dass Sonntag ist. Wir, also die Freiwilligen, sind trotz digitaler Umstände ziemlich gehypet von der Flut an Input. Abends diskutieren wir, was unsere Rolle ist, und wie wir verantwortungsvoll damit umgehen. Fragen überschlagen sich und  zwischendrin wird getanzt oder nach skurrilen Gegenständen gesucht. Ich habe erfahren, dass Kalavryta, das Dorf in Peloponnes, von Nazis komplett zerstört wurde. Im gesamten griechischen Raum sind Häuser, Eisenbahnen und Brücken zerstört worden und trotzdem  werden Deutsche in Griechenland als menschen und nicht als Tyrannen wahrgenommen – zum Glück! Denn auch wenn wir nichts mit den Taten der Vergangenheit gemein haben, so sind wir dennoch alle eine Repräsentation unserer Nation. „The Danger of a single story“ ist ein großartiger TEDtalk von Chimamanda Adichie  

den ich niemandem vorenthalten möchte, sondern im Gegenteil empfehle!  Es bleibt noch viel zu lesen, viele Fokus zu schauen, aber das geht ja sicher auch noch in der Quarantäne 😉 ganz ganz bald ist es dann auch schon soweit und es schwirren hundert Freiwillige in europäische Länder mit Awareness und Enthusiasmus. Kommt jemand im Gegenzug als Freiwillige*r nach Deutschland? Nicht wirklich.

Dieses kleine Dorn im Auge

19/01/2021

Die globale Situation hat sich verschärft, so steht es überall in den Medien und die Fallzahlen von Covid-19 steigen in Deutschland wieder drastisch an, sodass heute entschieden wurde, den Lockdown bis zum 15.Februar zu verlängern. Letzte Woche noch bin ich mit einem zuversichtlichen Gefühl zur UNESCO-Kommission nach Kreuzberg geradelt, um den ersten Stapel an Dokumenten einzuwerfen. Meine Wohnung konnte ich auch weitervermitteln und in der Uni habe ich mich weit zurückgelehnt in dem Wissen, dass ich weder Prüfungen noch Hausarbeiten schrieben muss, wenn ich im nächsten Semester gar nicht mehr immatrikuliert bin. Gestern dann hat sich mein Unsicherheitspegel eine erschreckende Bewegung gemacht. In einer E-Mail informierte kulturweit alle Freiwilligen, dass es kurzfristig (!) Also noch bis zum letzten Tag vor der Ausreise entschieden wird, ob wir ausreisen werden oder nicht. Eine ellenlange Mail mit Berücksichtigungen, möglichen Alternativen und einem Anhang in dem wir uns entscheiden sollen, zu welcher Option wir uns verpflichten.. Von einem Moment auf den nächsten scheint mir die Realität wieder wie ein Schlag ins Gesicht und meine Zuversicht in die Medizin und die Gesellschaft ein wenig verschoben. Ich frage mich, ob es mir besser ginge, wenn höhere Instanzen Entscheidungen für mich träfen und auch wenn meine Antwort im ersten Augenblick „Ja” wäre, weil die Entscheidung außerhalb der eigenen Kraft und Gefühlsmäßigkeit liegt,  dennoch wäre meine Antwort Nein, einfach, weil ich gerade diese Entscheidung selbst in die Hand nehmen wollen würde. 

Was ich aber eigentlich dachte, noch bevor ich an moralische Instanzen philosophierte, war die Tatsache, dass ich keine griechischen Oliven essen würde. Vor dem Einschlafen hatte ich mir schon vorgestellt all die leckeren schwarzen und grünen und violetten Oliven zu naschen und in den Bergen darüber nachzudenken, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Aber ich dachte mehr an die Oliven, um ehrlich zu sein. Auch, wenn es im Nachhinein sehr egoistisch ist, denn kurze Zeit später, stellte ich mir vor, wie Millionen Menschen mit den wirtschaftlichen Folgen der Krise kämpften, geschweige denn mit den akut Betroffenen – und ich dachte daran, keine griechischen Oliven essen zu können. Dafür gab es erstmal eine gedankliche Schelle meinerseits. 

Nun hat mein Companion Carl mich zu beruhigen versucht, denn auch die Freiwilligen vor uns hatten mit derselben Situation zu tun gehabt, mit den selben Problemen und letztendlich sind sie den Freiwilligendienst angetreten. Wir wissen mehr über die Pandemie, jedenfalls Wissenschaftler, denn ich schließe mich da aus. So verbleibe ich mit der Hoffnung, obwohl ich weiß, dass Hoffnung weder etwas verändert, noch etwas auslöst und doch ist sie wichtig für unsere Mentalität.