{"id":50,"date":"2019-03-23T19:09:30","date_gmt":"2019-03-23T18:09:30","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/?p=50"},"modified":"2019-03-24T23:45:58","modified_gmt":"2019-03-24T22:45:58","slug":"50","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/2019\/03\/23\/50\/","title":{"rendered":"Goethe und gute Schuhe"},"content":{"rendered":"<p>Es sind die kleinen Dinge, die manchen, dass man sich angekommen f\u00fchlt. Immer wenn der Hausmeister, der nur bulgarisch spricht, und ich uns auf dem Gang begegnen, sagen wir l\u00e4chelnd den Namen des anderen. Beim Schulkiosk bestelle ich immer <em>das \u00dcbliche<\/em>: einen unges\u00fc\u00dften Tee.<\/p>\n<p>An einem sonnigen Nachmittag besuchten einige Sch\u00fcler zusammen mit mir das Goethe-Institut. Spielerisch sollte die dazugeh\u00f6rige Bibliothek erkundet werden. Im Anschluss auf eine digitale Schnitzeljagd nahmen die Sch\u00fcler an einem Deutschland-Quiz teil. Dabei wurde mir recht schnell bewusst, dass ein, zwei St\u00fcndchen Heimatkunde mir auch nicht schlecht tun w\u00fcrden. Moderne Ausstattung trifft auf Werke aus allen Zeiten. Ich mochte es sofort in der Bibliothek.<\/p>\n<p>Derzeit sind im Hause Wolfgangs Werke\u00a0 von der bulgarischen K\u00fcnstlerin Marta Djourina und der Berlinerin Lisa Peters \u201eder Raum zwischen uns\u201c ausgestellt. Darunter befindet sich auch eine Impressionsfilm in Dauerschleife, der Bilder des Alltags zeigt. Einer der Sch\u00fcler fragte mich, wieso man sich das in einer Galerie anschauen sollte, wenn man es auch zu Hause h\u00e4tte. Ich gab ihm Recht, entgegnete aber auch, dass es nicht darum geht, was man sehen k\u00f6nnte, sondern um das, was man sieht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/20190320_144921-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-55 alignleft\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/20190320_144921-1-300x189.jpg\" alt=\"\" width=\"290\" height=\"183\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/20190320_144921-1-300x189.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/20190320_144921-1-768x485.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/20190320_144921-1.jpg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/20190320_144921-1-2x1.jpg 2w\" sizes=\"(max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/><\/a>Auf der Au\u00dfenwand der Toilettenkabine entdeckte ich paar Regenbogen-Sprenkel. Verr\u00fcckt, wie man das gebrochene Licht auf dem Foto kaum von echter Farbe unterscheiden kann. Leider hatte ich bei der bunten Entdeckung keine Kamera zur Hand und musste auf meine pr\u00e4historische Handykamera zur\u00fcckgreifen, aber wie sagt ein altes Fotographensprichwort so sch\u00f6n: Die beste Kamera ist immer die, die du bei dir hast.<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich, nachdem ich mich mit Kultur vollgesogen hatte wie ein Schwamm unter Wasser, direkt zu meiner Wohnung fahren. Als ich mich nach einer passenden Buslinie umsah, entdeckte ich einen schnuckligen Second-Hand-Laden auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite. Was kann es denn schade, mal reinzuschauen? &#8211; \u201eNur mal reinschauen\u201c kostet anscheinend etwa 140 Lewa (70 Euro). Meine H\u00e4nde mussten meinen Blicken folgen, strichen \u00fcber weichen Stoff, griffen nach Schuhen, die ich seit drei Ewigkeiten gesucht hatte und kramten nach dem Anprobieren nach meinem Portemonnaie.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-56 alignleft\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/IMG_1526-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"236\" height=\"157\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/IMG_1526-300x200.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/IMG_1526-768x512.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/IMG_1526.jpg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/IMG_1526-1x1.jpg 1w\" sizes=\"(max-width: 236px) 100vw, 236px\" \/><\/p>\n<p>Wem sich bei dem Gedanken an gebrauchte Schuhe nun alles vor Ekel\u00a0zitronensauer im Mund zusammenzieht, den muss ich daran erinnern, dass es da drau\u00dfen Menschen<a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/IMG_1447.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-59 alignright\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/IMG_1447-300x450.jpg\" alt=\"\" width=\"167\" height=\"251\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/IMG_1447-300x450.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/IMG_1447.jpg 683w, https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/IMG_1447-1x1.jpg 1w\" sizes=\"(max-width: 167px) 100vw, 167px\" \/><\/a> gibt, die ihre Pizza mit Ananas belegen! Schlimmer geht immer! Neben Sandalen, die wohl kaum ein einziges Mal die Au\u00dfenseite ihres ehemaligen Schuhschranks gesehen hatten und blaugrauen Schn\u00fcrschuhen, kaufte ich auch ein Wickeltop in rosa, das in mir verstaubte Erinnerungen an das Ballett weckt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach meiner kleinen Shopping-Eskalation, die mich wohl dazu zwingen wird, den Rest des Monats von Kartoffel und Wasser zu leben, traf ich mich mit dem neuen Besitzer der Matiniza, die er letztes Mal als Trostpreis nach dem Verlieren unserer Wette bekommen hatte. Als wir uns kennengelernt haben, trug er eine rote Hose und einen gelben Pullover. Ketchup-Senf hatte ich seinen Look genannt. Diese eigentlich gr\u00f6\u00dfte aller Fashion-S\u00fcnden hatte ich aber an diesem Morgen selbst zusammengew\u00fcrfelt. Ich wies ihn darauf hin. Schulterzuckend entgegnete er nur, dass meine Jacke nicht gelb, sondern orange sei. Ich gab an, dass mir das Leben eine Sehst\u00e4rke von 150% geschenkt hatte, dass es das gelbste Gelb unter der Sonne sei, aber er wollte sich nicht \u00fcberzeugen lassen.<\/p>\n<p>An einem kleinen Stand in Parkn\u00e4he sahen wir zu, wie der frische Saft von sonnengereiften Orangen in aus der Maschine tropfte. Wir lie\u00dfen unsere Blicke \u00fcber die gro\u00dfe Schokoladenauswahl schweifen. Ich entdecke eine meiner Lieblingss\u00fc\u00dfigkeit: Kakaopuderbestreute Mandeln in Schokolade. Mama und ich essen sie immer zur Weihnachtszeit. Ratet, auf welche kurz danach zeigte und als seinen Favoriten auserkor! Orangensafttrinkend tauschten wir sp\u00e4ter im Park unsere Theorien aus, ob die Frucht nach der Farbe oder die Farbe nach der Frucht benannt wurde. Auf seiner Muttersprache ist das Orange und die Orange aber beispielsweise nicht dasselbe Wort.<\/p>\n<p>Mit dem Bus fuhr ich abends gen Wohnung, verpasste allerdings meine Haltestelle. Normalerweise \u00fcberquert man, wennman\u00a0 es bemerkt, einfach die Stra\u00dfe oder nutzt eine Unterf\u00fchrung, um dieselbe Busnummer in die entgegengesetzte Richtung zu nehmen. Nicht an dem Ort, wo ich Hals \u00fcber Kopf aus dem Fahrzeug stolperte. Ich fand mich am gr\u00f6\u00dften Kreisverkehr Sofias wieder. F\u00fcnf Stra\u00dfen im nahtlosen Feierabendverkehr mussten \u00fcberquert werden, um zur richtigen Haltestelle zu gelangen. Ich schluckte.<\/p>\n<p>(Bewerbungsgespr\u00e4ch: \u201eWas sind Ihre Schw\u00e4chen?\u201c \u2013 \u201eStra\u00dfen \u00fcberqueren!\u201c)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/20190320_194404-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-54 alignleft\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/20190320_194404-1-300x318.jpg\" alt=\"\" width=\"165\" height=\"174\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/20190320_194404-1-300x318.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/20190320_194404-1-768x813.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/20190320_194404-1.jpg 967w, https:\/\/kulturweit.blog\/linasblock\/files\/2019\/03\/20190320_194404-1-1x1.jpg 1w\" sizes=\"(max-width: 165px) 100vw, 165px\" \/><\/a>Dankend fuchtelte ich mit den H\u00e4nden, wenn die Autos zum Stehen kamen und mich \u00fcberqueren lie\u00dfen. Irgendwann hatte ich das Drehkreuz halb umrundet und stand somit neben der Haltebucht f\u00fcr Busse. Ich blickte auf. Der Mond blickte runter. Voll war er und rund. Er sah auf den ebenfalls runden Verkehrskreis, den er bestrahlte mit dem uneigenen Licht, das ihm die Sonne lieh. Er sah \u00a0Autos wie Ameisen darum herum tanzten, die nur anhielten, wenn ein noch kleineres Insekt an den Bordsteinrand trat. Ich hatte die Frechheit, den Mond in \u00a0drei Pixeln zu verwandeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind die kleinen Dinge, die manchen, dass man sich angekommen f\u00fchlt. Immer wenn der Hausmeister, der nur bulgarisch spricht, und ich uns auf dem Gang begegnen, sagen wir l\u00e4chelnd den Namen des anderen. Beim Schulkiosk bestelle ich immer das \u00dcbliche: einen unges\u00fc\u00dften Tee. 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