{"id":187,"date":"2017-01-22T22:23:44","date_gmt":"2017-01-22T21:23:44","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/lichterkettenmusik\/?p=187"},"modified":"2017-01-22T22:23:44","modified_gmt":"2017-01-22T21:23:44","slug":"das-nachempfinden-der-ohnmacht-josef-k-s","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/lichterkettenmusik\/2017\/01\/22\/das-nachempfinden-der-ohnmacht-josef-k-s\/","title":{"rendered":"Das Nachempfinden der Ohnmacht Josef K.s"},"content":{"rendered":"<p>DEZEMBER 2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Voller neuer Ideen und mit weitaus mehr Motivation als ich gegangen bin, bin nach \u010crnomelj wieder zur&uuml;ckgekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit den Projekten ist das so eine Sache gewesen.<\/p>\n<p>Ich wollte mir zum Beispiel ein Fahrrad kaufen oder leihen, damit ich die schweren T&uuml;ten vom Einkaufen nicht mehr nach Hause schleppen muss. Gescheitert. Denn der Sport\/ Fahrrad- Laden hatte in der Zwischenzeit schon von Mountainbikes auf Skier umgestellt und nach A. hatte auch im Lehrerzimmer keiner ein Fahrrad f&uuml;r mich &uuml;brig.<\/p>\n<p>Ich wollte mir ein Kochbuch, aus allen Gerichten zusammenstellen, die ich w&auml;hrend meiner Zeit hier mache. Gescheitert. Weil ich nur zwei, nicht in die K&uuml;chenzeile integrierte, Herdplatten habe und ich mit den zum Verkauf stehenden Lebensmittelgr&ouml;&szlig;en nichts anfangen kann, weil das Gefrierfach im K&uuml;hlschrank so zugefroren ist, das fast nichts rein passt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das aus-dem-Weg-gehen habe ich erstaunlich gut hinbekommen. <em>Um ehrlich zu sein, war hier meine innere und manchmal durchkommende etwas zickige Pers&ouml;nlichkeit nicht ganz unschuldig an der Sache, aber wirklich gek&uuml;mmert hat mich das bis heute auch nicht. In dem Sinne war wenigstens eins meiner Vorhaben erfolgreich.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Denn das von mir gew&uuml;nschte Gespr&auml;ch mit A. hat zwar stattgefunden und w&auml;hrend des Gespr&auml;chs selbst, war ich auch wirklich &uuml;berzeugt, dass ich demn&auml;chst nicht mehr gelangweilt und fast einschlafend im Unterricht sitzen werde. Ich habe den Vorschlag eines eigenen Stundenplanes f&uuml;r mich aufgebracht, damit ich nicht mehr nur zuarbeite, sondern auch selber etwas aktiver mit den Sch&uuml;lern arbeiten kann. An dieser Stelle kam von A. die Aussage, dass sie total nachvollziehen k&ouml;nne, dass das langweilig sei und ich mehr machen m&ouml;chte. <em>So, wenn ihr das doch ach so klar gewesen zu sein scheint, wieso bitte, hat sie mir nicht von selbst etwas mehr, etwas aktiveres Zutun gegeben? Oder mich wenigstens drauf angesprochen, ob das Bedienen des Smartboards f&uuml;r mich denn in Ordnung sei. <\/em>Mein Vorschlag hat also volle Zustimmung gefunden und wir haben zusammen einen Stundenplan f&uuml;r mich erstellt. So weit so gut dachte ich mir. Als es dann allerdings an die Umsetzung von dem zuvor aufgestellten Stundenplan ging, war gar nichts mehr gut. Denn Stunde um Stunde konnte irgendetwas nicht stattfinden und statt vor Langeweile vor dem Computer im Klassenzimmer zu sterben, lag mein unterforderter Kopf auf einem Tisch im Lehrerzimmer.<\/p>\n<p>W&auml;hrend sich die Frustration, gepaart mit Entt&auml;uschung immer weiter in mir breit machte, je &ouml;fter wieder irgendetwas nicht wie geplant klappte, gab es einen kleinen Lichtblick am Ende meiner immer schlechter werdenden Laune: Das DSD Sprachlager (Eine Art Workshop f&uuml;r die SuS der dritten Klasse, das Gymnasiums, die das DeutscheSprachDiplom erwerben m&ouml;chten.) Denn dieses Jahr haben sich &uuml;ber 26 SuS dazu angemeldet und A. hatte schon des &Ouml;fteren betont, wie froh sie sei, dabei meine Hilfe zu haben. Wir hatten sogar im Vorhinein schon &uuml;berlegt, dass es ja sinnvoll w&auml;re, die Gruppe aufzuteilen, weil so ein intensiveres Arbeiten m&ouml;glich ist. <em>Naiv wie ich war, dachte ich mir nat&uuml;rlich, dass das je mega super werden w&uuml;rde. Dass ich endlich die M&ouml;glichkeit bek&auml;me, mit den SuS zu arbeiten.<\/em><\/p>\n<p>Falsch gedacht. Meine Aufgabe w&auml;hrend des Sprachcamps bestand darin, am Abend ein Spiel anzuleiten, was ich vorbereitet hatte. Dementsprechender Laune bin ich am darauf folgenden Tag wieder in mein Apartment gekommen. <em>Ich war so sauer, dass ich &uuml;ber 30 Minuten bei 5&deg;C Au&szlig;entemperatur laufen war. Und das ist krank.<\/em><\/p>\n<p>Naja, f&uuml;r mich war dann auf jeden Fall ganz schnell klar, dass ich um ein weiteres Gespr&auml;ch bitten muss, in welchem ich meinen Wunsch nach mehr Einsatzm&ouml;glichkeiten noch etwas deutlicher formuliere.<\/p>\n<p>Gesagt getan. Auch bei diesem Gespr&auml;ch habe ich den Part &uuml;bernommen, in dem geredet wird, man sein Problem beschreibt, auf m&ouml;gliche Verbesserungsvorschl&auml;ge hinweist und darauf wartet, dass ein konstruktiver Beitrag &uuml;ber das Gesagte von den Gespr&auml;chspartnern kommt. (Diese waren A. und der andere Deutschlehrer an dem Gymnasium.) Dass einzige was dann allerdings von A. kam, war die Aussage, dass ihr von Anfang an klar gewesen sei, dass das mit einem festen Stundenplan nicht funktioniere. <em>Ich war in dem Moment total vor den Kopf gesto&szlig;en, fassungslos vor ihr sitzend und mich fragend: Wieso, wenn dir das schon beim letzten Gespr&auml;ch klar war, wieso um Himmelswillen, hast du dann nichts gesagt??? Wir h&auml;tten gemeinsam nach einer Alternativ suchen k&ouml;nnen. Aber nein, man l&auml;sst mich lieber ins offene Messer rennen. Ganz frei nach dem Motto: Wenn sie das so will, bitte. Soll sie doch selber rausfinden, dass das nicht funktionieren wird.<\/em><\/p>\n<p>Das aus dem Gespr&auml;ch folgende Resultat war, dass ich, um mehr und eigenst&auml;ndiger zu arbeiten, ganze Unterrichtsstunden &uuml;bernehmen sollte. Und das meinte nicht nur die SuS f&uuml;r 45 Minuten beliebig zu besch&auml;ftigen, sondern auch, die durch den Lehrplan vorgeschriebenen, Unterrichtsinhalte zu vermitteln. Schnell wurde so aus meiner anf&auml;nglichen Unterforderung eine nicht mehr l&auml;nger zu tragende &Uuml;berforderung. Das hei&szlig;t, dass es f&uuml;r mich in der Schule nicht wirklich gut lief. Zwischen endlosem gelangweilt Sein und schierer &Uuml;berforderung stehend, war ich dann mehr oder weniger auf mich alleine gestellt. Denn ich habe weder eine Vertrauensperson hier, noch habe ich es geschafft einen richtigen Freundeskreis aufzubauen.<\/p>\n<p>Und was sollte da anderes folgen, als ein weiteres Gespr&auml;ch. In dieses bin ich, allerdings mit einem noch unwohlf&uuml;hrenderen Grummeln im Bauch herein gegangen, als in die vorherigen Gespr&auml;che. Ich hatte zwei Sachen die ganze Zeit &uuml;ber im Hinterkopf. Zum einen, dass es eigentlich doch gar nicht meine Aufgabe sein sollte, die ganze Zeit zu dirigieren, was ich mache und was nicht. Daf&uuml;r sollte es doch eigentlich ein vorgefertigtes Konzept geben. Eine Aufstellung von allen Aufgaben und Einsatzbereichen, die es an der GESAMTEN Schule f&uuml;r mich gibt. &ndash;Nicht nur bei einer der zwei Deutschlehrern.- Die zweite Sache war die, dass ich, &uuml;ber die vergangenen Gespr&auml;che hinweg, den Glauben und das Vertrauen in die Worte von A. verloren habe. Weil das Blaue vom Himmel reden, das kann ich auch. Allerdings, bringt es mir rein gar nichts, wenn es nicht in die Tat umgesetzt wird. <em>Und wenn ich sage &bdquo;das Blaue vom Himmel reden&ldquo;, dann meine ich auch genau das. Denn auf einmal war eine Theater AG, ein Deutsch Abend und noch andere, aber nicht weniger realistische Einsatzm&ouml;glichkeiten f&uuml;r mich im Gespr&auml;ch. &ndash;Wer es glaubt wird selig. <\/em>Ausgegangen ist das Gespr&auml;ch jedenfalls damit, dass sich die beiden Lehrer, &uuml;ber die, n&auml;chste Woche anstehenden Weihnachtsferien, ein Konzept mit Aufgabenbereichen f&uuml;r mich &uuml;berlegen sollten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den Wochen ging es mir wirklich nicht gut.<\/p>\n<p>Ich konnte nicht gut schlafen.<\/p>\n<p>Ich hatte keinen Appetit.<\/p>\n<p>Ich hatte &uuml;berhaupt keine Motivation zu irgendetwas.<\/p>\n<p>Ich hatte unvorhersehbare Heulkr&auml;mpfe.<\/p>\n<p>Und noch ein paar andere Sachen, die ich an dieser Stelle nicht erw&auml;hnen m&ouml;chte. Aber um das ganze zusammen zufassen, kann man sagen, dass ich<\/p>\n<p>Erm&uuml;det,<\/p>\n<p>Entt&auml;uscht,<\/p>\n<p>Frustriert<\/p>\n<p>Und alleine war.<\/p>\n<p>Erm&uuml;det, weil ich das alles so satt hatte. Dass nichts gut l&auml;uft und es immer nur irgendwo irgendwelche Probleme gab.<\/p>\n<p>Entt&auml;uscht, frustriert und alleine, weil ich drei Mal versucht habe zu kommunizieren, dass die Sachen an der Schule besser laufen k&ouml;nnten. Und weil ich drei Mal mit meinen Kommunikationsversuchen, wie es sich, als es an die Umsetzung ging gezeigt hat, gescheitert bin.<\/p>\n<p>Keine gute Kombination. Entsprechender Weise habe ich nicht nur dem nach Hause Fahren &uuml;ber die Weihnachtstage entgegen gefiebert, sondern auch mit dem Gedanken gespielt meinen Freiwilligendienst zu verk&uuml;rzen. Ich wollte einfach nicht mehr, dass es mir so elend geht, wie in diesen Wochen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Entscheidung wurde mir allerdings ziemlich schnell abgenommen. Denn nach dem folgendes Geschehen eingetroffen ist, stand eine 12monatige Dienstzeit gar nicht mehr zur Debatte.<\/p>\n<p>Ein paar Wochen zuvor wurde ich gebeten, einen Artikel f&uuml;r die Sch&uuml;lerzeitung, &uuml;ber meine bisherige Zeit hier zu verfassen. Als ich den Artikel dem zust&auml;ndigen Lehrer (der zweite Deutschlehrer) abgegeben habe, teilte er mir mit, dass der Artikel dann mit einem Foto von mir ver&ouml;ffentlicht werde. Daraufhin habe ich ihm gesagt, dass ich das nicht m&ouml;chte und mich damit unwohl f&uuml;hlen w&uuml;rde. Das war dann auch so okay. Aber nat&uuml;rlich wurde ich mal wieder eines Besseren belehrt. Und zwar genau in dem Moment, als ich, zwei Tage bevor ich nach Hause gefahren bin, die Sch&uuml;lerzeitung &ouml;ffne und meinen Text zusammen mit einem Foto von mir abgedruckt sehe. Schock. Wut. Entt&auml;uschung. Ungl&auml;ubigkeit. Entsetzen. Das waren nur einige der Gef&uuml;hle, die ich in dem Moment durchlebte. Vom ersten Schock wieder beruhigt, spreche ich den zust&auml;ndigen Lehrer darauf an und frage, immer noch ungl&auml;ubig, wieso denn da ein Foto von mir abgebildet ist, obwohl ich ausdr&uuml;cklich gesagt habe, dass ich das nicht m&ouml;chte. Die Schuld hat er dann ganz schnell auf die Sch&uuml;ler und Autoren der Zeitung geschoben und ist mitten in unserem Gespr&auml;ch weggegangen. <em>Und das war das zweite Mal, dass ich hier in <\/em><em>\u010c<\/em><em>rnomelj so w&uuml;tend war, dass ich nicht wusste wohin mit all der angestauten Wut. <\/em>Nach dem Unterricht habe ich den Lehrer nochmal darauf angesprochen, aber er hat mich nur gefragt was wir denn bitte machen sollen und was ich von ihm erwarte. Meine Antwort darauf war, dass ich erwarte, dass wir dar&uuml;ber vern&uuml;nftig reden. Und zum zweiten Mal ist er einfach gegangen. Dieses Mal allerdings nicht, ohne dass ich ihn bitten konnte hier zu bleiben. Diese Bitte wurde allerdings mit dem Kommentar &bdquo;Wieso, ich muss mich nicht mit dir streiten.&ldquo; abgespeist und er ist gegangen. <em>Und in dem Moment habe ich so enorme Wut versp&uuml;rt, wie selten zuvor. <\/em>A., die daneben stand und au&szlig;er &bdquo;Ja die Zeitungen sind ja jetzt schon gedruckt, da kann man nicht mehr viel machen.&ldquo; zu sagen, nichts gemacht hat, hat auch nicht gerade zu einer Schlichtung des Konflikts beigetragen.<em> Ich meine mir ist ja schon klar, dass die Zeitungen schon gedruckt sind und man den Druck nicht einfach wegwerfen kann. Aber ich kann doch zu mindestens ein aufrichtige Entschuldigung und die ehrlich Einsicht, dass das schei&szlig;e gelaufen ist, erwarten. Oder??? Aber von wegen! Nichts da! Meine die Wut erkl&auml;renden Worte an A. werden nicht weiter von ihr zur Kenntnis genommen und sie wendet sich wieder anderen Dingen zu. <\/em>Das war einer der schlimmsten Situationen, die ich in meinem Leben erlebt habe. Noch nie habe ich mich so machtlos und ohnm&auml;chtig gef&uuml;hlt.<\/p>\n<p>Und pl&ouml;tzlich konnte ich genau jene Art der Verzweiflung sp&uuml;ren, die Kafka seine Romanfigur Josef K. in seinem Romanfragment &bdquo;Der Prozess&ldquo; erleben l&auml;sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hilflos und alleine.<\/p>\n<p>Zeit nach Hause zu gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DEZEMBER 2016 &nbsp; Voller neuer Ideen und mit weitaus mehr Motivation als ich gegangen bin, bin nach \u010crnomelj wieder zur&uuml;ckgekommen. &nbsp; Mit den Projekten ist das so eine Sache gewesen. Ich wollte mir zum Beispiel ein Fahrrad kaufen oder leihen, damit ich die schweren T&uuml;ten vom Einkaufen nicht mehr nach Hause schleppen muss. Gescheitert. 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