Erinnerungen

Lang lang ist es her seit ich das letzte Mal einen Blick auf meinen Blog geworfen habe. Genau genommen drei Monate, also ein Drittel meiner Zeit hier in Rumänien ist seitdem vergangen, ich bin viel gereist, habe meinen letzten Arbeitstag bereits hinter mir und blicke nun dem Endspurt entgegen. Vieles ist passiert und ich werde nicht alles aufschreiben können, deshalb möchte ich in diesem Eintrag ein paar kleine Anekdoten festhalten, Impressionen in Form von Bildern und Texten, in der Hoffnung, dass es nicht zu abstrakt wird. Dem wagemutigen Leser wünsche ich hiermit gutes Durchhaltevermögen für den erbitterten Kampf durch ein Wirrwarr von Gedanken und Buchstaben.

Mein erstes Mal Schwarzes Meer

Constanta, zwölfter Mai zweitausendneunzehn. Viviane und ich wollten dem Sonntag alle Ehre machen und haben am Tag zuvor kurz vor Mitternacht beschlossen, uns um fünf Uhr morgens am Nordbahnhof zu treffen und gemeinsam ans Meer zu fahren. Kleiner Tagesausflug sozusagen. Genau dort sitzen wir nun und atmen die salzige Seeluft. Der Strand ist relativ leer und das Wasser kälter als wir gedacht hatten. Wir waren auf der Jagd nach Sonnenstrahlen, die wir in den letzten Tagen in Bukarest nur spärlich gesichtet haben. Hier jedenfalls sind ausreichend vorhanden, um uns im Mai trotz ausreichend Sonnencreme einen leicht rötlich angehauchten Teint zu verpassen.

Grenzüberschreitung

Fliegen ist nicht richtig reisen. Auch wenn wir uns in manchen Momenten still und heimlich gewünscht hatten, der Einfachheit halber doch das Flugzeug genommen zu haben, saßen Viviane und ich brav die Stunden in Bus und Zug Richtung Lwiw in der Ukraine ab. Dort erwarteten uns fünf Seminartage mit anderen Freiwilligen aus Osteuropa. Zuerst ging es mit dem Nachtzug von Bukarest in die rumänische Kleinstadt Suceava an der ukrainischen Grenze. Das Rumpeln und Schaukeln des Schlafwagons begleitet von einer leichten Aufregung wiegten uns in den Schlaf und als ich die Augen öffnete, wurden die Couchettes bereits fleißig von den Leintüchern befreit und wieder nach oben geklappt. Die erste Etappe unserer insgesamt über 800 Kilometer langen Reise war geschafft. Mit unseren Rucksäcken bewaffnet spazierten wir durch das ausgedehnte Industriegebiet in Richtung Innenstadt. Unerklärlicherweise faszinieren mich alte Fabriken. Die rostigen Rohre und mit Ranken umschlungenen Schornsteine haben eine merkwürdige Art Schönheit, die ich einerseits nicht ganz nachvollziehen kann, mich aber trotzdem in ihren Bann zieht. Es war noch sehr früh am Morgen, die Stadt schlief noch, lediglich einige Straßenhunde grüßten uns desinteressiert auf unserem Weg ins Zentrum. Die Stunden bis zu unserer Weiterreise über die EU-Grenze füllten wir mit reichlich Kaffee und rumänischen Gebäcken. Dann ging es zum Busbahnhof. Ein alter, etwas klappriger roter Bus wartete auf uns, man zahlte die Überfahrt bar beim Busfahrer und dann ging es los. Die Schlaglöcher in der Straße ungeachtet polterte der Bus mitsamt seinen Insassen durch die wunderschönen Dörfer. Die Nervosität in mir stieg erst, als wir dann tatsächlich die Grenzstation erreichten. Der Bus hielt an, die Pässe wurden erst auf rumänischer, dann auf ukrainischer Seite einige Male von Grenzpolizisten eingesammelt und wir wurden etwas misstrauisch gefragt, wo wir eigentlich hinwollten. Nach der anschließenden Gepäckkontrolle wurde uns ein zweiseitiges Dokument in kyrillischer Schrift ausgehändigt, wir sollten hier und dort ein Kreuzchen machen und dann bitte unten unterschreiben. Ein wenig mulmig war mir dabei schon zu Mute, denn eigentlich setze ich meine Unterschrift nur äußerst ungern unter ein mir unverständliches Dokument. Den Blick aus dem Fenster gerichtet konnte ich ein imposantes postsozialistisches Gebäude erkennen, den Check Point an der ehemaligen UdSSR Grenze.

Das Festmahl zu Chernowitz

Wunderschöne alte Fassaden in allen Farben, bunte Kleinbusse poltern über die gepflasterten Straßen, zum ersten Mal in meinem Leben kann ich wirklich kein einziges Schild lesen. Alles ist anders, neu, aufregend. Wo man denn hier gute Varenyky essen kann. Die Studenten vor dem Hostel sprechen zwar kaum englisch, erklären sich aber bereit, uns den Weg zu einem guten Restaurant zu zeigen. Irgendwie finde ich es wahnsinnig erfrischend, dass es hier scheinbar nicht so wichtig genommen wird, die englische Sprache zu beherrschen. Man unterhält sich hier entweder auf Russisch oder auf Ukrainisch. Tatsächlich begleiten sie uns lieberweise bis in die gute Stube und bestellen sogar für uns. Diese Hilfsbereitschaft berührt mich, sie erwarten nicht einmal etwas als Dank. Wir verputzen die erste Portion Varenyky und versuchen dann mit Händen und Füßen verständlich zu machen, dass wir gerne noch eine zweite bestellen möchten. Ich glaube die Bedienung musste sich ziemlich anstrengen uns keinen merkwürdigen Blick zuzuwerfen.

Unsere Reise durch die Ukraine und die folgenden Seminartage in Lwiw waren eine sehr ereignisreiche Zeit. Viele Erinnerungen und Erfahrungen, die uns alle sehr geprägt haben. Dieses Land hat meine Begeisterung und Faszination geweckt. Fernab von mobilen Daten und Kontakt nach Europa war es mir wichtig, jeden Moment mit allen Sinnen zu erfassen und zu verarbeiten.

Der alte Mann und der Hund

Zurück in Bukarest. Mitten im Geschehen sitzt dieser alte Herr mit seinem Hund. Inmitten der tanzenden, johlenden Menge hat er sich seinen Klappstuhl aufgebaut und scheint das Geschehen um ihn herum zwar wahrzunehmen, aber sich nicht weiter darum zu kümmern. Er wirkt so unglaublich friedlich. Sein Hund liegt an seinen Füßen, die Vertrautheit der beiden ist förmlich zu spüren. Einmal steht der Hund auf und der alte Herr klappt seinen Stuhl zusammen und folgt ihm, bis die beiden sich dazu entschließen, sich ein paar Meter entfernt erneut niederzulassen. Rührung und eine gewisse Art von Faszination macht sich in mir breit. Ich zögere, möchte diesen Moment nicht zerstören. Dann gehe ich doch auf die beiden und frage den alten Herrn in meinem gebrochenen rumänisch, ob ich ihn zeichnen darf. Während mein Bleistift über das Papier fliegt, kann ich nicht so richtig einordnen, wie er sich fühlt, er lächelt, eine Mischung aus Amüsiertheit und ein klein wenig Aufregung. Die laute Musik um uns herum fällt plötzlich nicht mehr auf, alles was ich wahrnehme, ist die innere Ruhe der beiden. Ich zeichne ein Bild für mich und eines für ihn, als Erinnerung. Als er das Ergebnis sieht, kann ich ihm die Freude darüber eindeutig aus den Augen ablesen. Wie denn sein Hund heiße, frage ich ihn. Kyza, sagt er, sie heißt Kyza. Er nimmt mir das kleine Stück Papier ab und zeigt es Kyza. Legt den Zeigefinger auf ihr Abbild und erklärt ihr, dass sie das ist. Glücklich lächelt er mich an und dankt mir mehrmals, während ich gerührt durch ihr Fell streichle. Nachdem wir uns verabschiedet haben, stehe ich auf, stecke meine Zeichnung ein, wir winken uns noch einmal zu und ich gehe langsam weiter. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch, wie er das Bild in seiner rechten Hand betrachtet, die linke Hand liegt ruhig auf Kyzas Rücken. Ihr kleiner Moment der Zweisamkeit inmitten der tobenden Menge lebt weiter und ich verlasse ihn, überschwemmt von einer Flutwelle aus Dankbarkeit und Freude.

Frische

Ich mag den Regen. Man sieht ihn kommen aber kann ihn nicht aufhalten. Langsam schieben sich die dunklen, schwer beladenen Wolkenfronten über den unschuldig blauen Himmel und ::: . Sie sind die Vorboten, wenn man ihre Ankündigung befolgt, bleibt man vom Regen verschont. Wenn nicht, bekommt man das Schauspiel am eigenen Leib zu spüren. Manchmal ganz sanft, dann plötzlich hart und schmerzhaft prasseln die Wassertropfen auf den trockenen Asphalt. Es ist wie Musik, ein Stück komponiert von Mutter Natur, manchmal ganz leise und zaghaft, manchmal rhythmisch und temperamentvoll und im nächsten Moment bündeln sich die Klänge zu einem einzigen monotonen Rauschen. Und wenn er seine Symphonie zu Ende gespielt hat, wenn er fertig gewütet und sich ausgetobt hat, atmet die Natur mit neuer Frische auf und die Spatzen tummeln sich frech an den neu entstandenen Badeplätzen.

Ein kommunistisches Gefängnis

Wir sitzen in einer leicht versteckten Bar vor einem alten Gebäude, das ploppende Geräusch der geöffneten Kronkorken klingt durch die Luft. Es ist leicht dämmrig, eine Lichterkette hängt zwischen den Ästen der knorrigen Bäume und am Tisch neben uns sitzt ein Pärchen grübelnd und rauchend vor seinem Schachbrett. Als ich am Tresen etwas zu trinken geholt habe, haben mich zwei Männer gefragt wo ich herkomme, weil ich so einen anderen Akzent habe. Wir haben uns auf Französisch unterhalten, der eine war augenscheinlich ein bisschen angeheitert. Jetzt sitzen wir am Tisch und sprechen ein bisschen mit ihm. „Komm ich zeig euch was“, sagt er auf Französisch in etwas merkwürdigem Dialekt, von dem ich nicht genau weiß, ob er sprach- oder alkoholbedingt ist. Seine Augen funkeln ganz begeistert. Er würde uns ein Gefängnis zeigen, da hinten im Keller. Ich kann nicht anders als ihn im ersten Moment auszulachen. Als ob ich einem fremden Mann in ein ‚Gefängnis‘ folgen würde. Daraufhin zeigt er sich sichtlich verletzt und setzt neu an. Er arbeite hier und das alte Gebäude sei ein ehemaliges kommunistisches Gefängnis, das heute noch manchmal als Kunstgalerie verwendet würde. Es sei einmalig, weil die Regierung normalerweise alle Monumente aus dieser Epoche in Bukarest der Öffentlichkeit unzugänglich mache. Tatsächlich ist meine Neugier geweckt, also teilen wir uns auf, jemand bleibt (aus Sicherheitsgründen) am Tisch sitzen und der Rest folgt ihm. Wir gehen eine kleine Steintreppe hinunter, durch einen engen Eingang und sehen einen unscheinbaren betonierten Gang vor uns. Der Barmann wirkt ganz aufgekratzt, er führt uns in den ersten Raum. Ein kleiner Schauer überkommt mich. Tatsächlich ist es eine Zelle, noch völlig intakt, mit einem einzigen Stuhl, das Fenster komplett vergittert.

Fortsetzung folgt.

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