Meine Lehre von den Farben

 

Wenn ich an Vergangenes denke, verbinde ich diese Erinnerungen immer mit einer bestimmten Farbe oder einem Geruch, oft auch mit Musik. Oft habe ich dann am Ende der Woche eine kleine Farbpalette mit wärmeren oder kühleren Tönen, ein Parfum mit eher süßlichem oder herbem Duft, mein Leben begleitet von fröhlichem, manchmal auch melancholischen Tönen. Die letzten zwei Wochen allerdings waren so turbulent, dass ich nun eine bunt durchmischte Palette in der Hand halte und überhaupt nicht so richtig weiß, mit welchen Farben ich dieses ganze Mosaik an Eindrücken und Erinnerungen eigentlich am Besten in Verbindung bringen kann.

 

Cinnamon und Petroleum

Das vergangene Wochenende war ein feuriges Durcheinander, wild und ziemlich lustig. Freitag Abend hatte ich mich mit zwei Leuten, eine davon meine Mitfreiwillige, in einer sehr netten Bar inmitten des armenischen Viertels in der Bukarester Altstadt getroffen. Das Dianei 4 (ja, die Bar wurde nach ihrer Hausnummer getauft) ist ein herrlicher Mix aus alt und modern und ein kleiner Geheimtipp. Man betritt zunächst durch ein Gartentor einen schönen Hof mit Lichterketten und ist sich nicht ganz sicher, ob man hier richtig ist oder vielleicht doch in einem Privatgrundstück. Dann steht man vor einem alten Haus, aus dem einem lächelnde Menschen und gute Laune entgegenkommen und sobald man eine Steintreppe hinaufgestapft ist und die Eingangstür geöffnet hat, empfängt einen ein gemütliches Ambiente mit alten Stuckdecken und schönen Teppichen. Zu dritt haben wir den Abend bei einem Ursus Retro und entspannten Gesprächen über Straßenkunst, Fernbeziehungen und Roadtrips ausklingen lassen und dabei noch zufällig eine wahnsinnig nette Kollegin aus meiner Schule getroffen.

Limonengrün und Tieforange

Schrill und lustig verlief dann der Samstag, schon mein Mittagessen war eine kunterbunte Gemüsepfanne. Täglich selbst zu kochen ist noch eine kleine Herausforderung für mich, die ich aber dankend annehme und mich an ihr freue. Ich verzichte größtmöglich auf Fleisch, weil ich nicht genau weiß, wo es herkommt und ich es deshalb nicht essen möchte. Mein Gemüse kaufe ich meistens einmal pro Woche auf dem Markt, allgemein braucht man sich hier in der Hauptstadt wirklich überhaupt keine Sorgen zu machen, irgendein bestimmtes Lebensmittel nicht finden zu können. Der deutsche Exportüberschuss hat sogar zur Folge, dass man hier „Bayrische Biovollmilch“ von ‚Andechser Natur‘ im Supermarkt kaufen kann, auf deren Tetrapak einem die dort abgebildete braun glänzende Kuh beinahe provokant zuzumuhen scheint „Kauf mich, ich bin deine Heimat“ (kein Witz). Ich greife dann genauso provokant zur Hafermilch, weil Heimat sollte schließlich auch nur in der Heimat genossen werden.

Abends kamen dann die beiden Freunde, mit denen ich mich freitags im Dianei 4 getroffen hatte, zu uns in die WG und wir hatten eine gemütliche Runde mit meinen Mitbewohnern, die dann im Laufe der Stunden in leidenschaftliche Küchentänze zu einem Mix aus traditioneller rumänischer Musik, Techno und Achzigern ausartete. Um Mitternacht hatte dann unsere Stunde geschlagen und wir sind ins Kulturhaus in die Innenstadt gefahren, um dort zu viel zu lauter Musik, featuring Calvin Harris, Niki Minaj und wie sie alle heißen, weiter das Tanzbein zu schwingen. Es war sehr lustig, allerdings hat es nach zwei Stunden dann auch wieder gereicht und wir haben einstimmig beschlossen, dass wir uns eigentlich nach etwas anderer Musik sehnten. Daraufhin sind wir dann noch zu Garden Eden getingelt und haben dort dann tatsächlich noch bis sechs Uhr morgens durchgetanzt. Minimal Techno, Wasser, das teurer ist als Bier und Leoparden-Lichteffekte begleiteten uns somit bis zum Morgengrauen.

Lavendel und Lichtblau

Den Sonntag bis Mittags verschlafen, haben meine Mitfreiwillige und ich uns dann noch auf den Weg zum botanischen Garten gemacht um dort das Wochenende mit Frische und Entspannung ausklingen zu lassen. Prachtvolle Kirschblüten und Buchshecken säumten die Wege, Frühlingsblümchen und duftende Sträucher sorgten für eine herrliche Frühlingsatmosphäre. Manchmal tut es wirklich gut, dem brausenden Bukarester Verkehr für eine Weile zu entkommen. Nach einem kleinen Spaziergang haben wir uns ins Gras gesetzt, sie mit einem guten Buch, ich mit Aquarellkasten und Zeichenblock, und haben den Sonntag voll und ganz ein Sonntag sein lassen. Gedanken kommen und gehen lassen, die Nase der Sonne entgegengestreckt und den Geruch von frischen Blättern, Müßiggang und vermeintlichem Frieden eingeatmet.

Okker und Jade

Am Dienstag nach der Arbeit kam mich Lina, eine Freiwillige aus Sofia, die gerade für ein paar Tage nach Bukarest gekommen war, besuchen (Ihren Blog findet man unter https://kulturweit.blog/linasblock/). Wir hatten uns während dem Vorbereitungsseminar kennengelernt und sie hatte die Zeit gefunden, für eine Nacht bei uns in der WG zu bleiben. Ich habe sie in der Stadt getroffen und durch ihre offene und positive Art hatte sie gleich nach ihrer Ankunft hier bereits eine Empfehlung für einen angeblich sehr schönen Spot zum Abendessen bekommen. Wir machten uns also gemeinsam auf den Weg durch die facettenreiche und wunderschöne Altstadt und folgten mehr unserem Instinkt als Google Maps, tanzen durch belebte Nebengässchen und bewunderten die oft sehr im Kontrast zueinander stehenden Fassaden. Lina ist ein Mensch, der noch weiß, wie man staunt. Das ist so wahnsinnig erfrischend. Mit ihr kann man innehalten und die Schönheit der Dinge in ganzem Ausmaß erfassen. Durchatmen, fantasieren, träumen.

 

 

Nachdem mein Handy dann sowieso den Geist aufgegeben hatte und wir nach dem Weg fragen mussten, standen wir dann schließlich vor dem Eingang des empfohlenen … wir waren uns nicht ganz sicher ob es wirklich ein Restaurant war. Rote Neonlichter und rauchende Gestalten blickten uns entgegen, knappes Nicken auf die Frage, ob das hier ein Ort namens „Closer to the Moon“ sei. Lina und ich sahen uns an. Abenteuer oder lieber nicht? Es sah wirklich ein bisschen aus wie ein Rotlichtladen mit ominösen Zügen. Aber da es mitten in der belebten Barmeile lag und auch ganz normal bekleidete Menschen zur Tür herauskamen, beschlossen wir, es doch einfach zu wagen. Ein nichtssagendes Treppenhaus führte uns vier Stockwerke nach oben, an den Wänden klebten ausgedruckte Bilder von Christina Aguilera und Paris Hilton. Immer noch nicht ganz überzeugt öffneten wir die Flügeltür im obersten Stock – und trafen auf etwas, das wir so niemals erwartet hätten. Ein Rooftop-Restaurant mit Blick über die nächtlichen Lichter Bukarests. Die Tische befanden sich unter kleinen Glaskuppeln geschmückt mit Lichterketten und Kerzen; man war unter Leuten aber gleichzeitig auch unter sich und sah die ganze Stadt unter sich ausgebreitet. Es war magisch.

Was ansonsten noch so passiert ist? Ich habe mir Pflanzen für mein Fensterbrett gekauft und mir die Haare kurz geschnitten. In der Schule merke ich langsam, dass mein Deutsch- Förderunterricht beginnt Früchte zu tragen, wenn auch nur sehr kleine bisher. Besonders die ukrainische Schülerin aus der zweiten Klasse macht mir Freude. Zu Beginn konnte sie kein einziges Wort und jetzt nach drei Wochen unterhält sie sich immerhin schon mit einzelnen Worten,  Lauten und Gesten. Wir spielen viel Memory zum Vokabeln lernen und ich muss mir kreative Aufgaben für sie überlegen, denn sie malt unglaublich gerne.

Hier in Rumänien wurde mir zum ersten Mal in meinem Leben bewusst, wie verzweifelnd es sein kann, die Sprache eines Landes weder zu verstehen noch zu sprechen. Diese Erfahrung ist neu für mich, aber ich empfinde sie als eine persönliche Bereicherung um mich besser in andere Menschen in derselben Situation hineinversetzen zu können. Ich glaube, dass viele das nicht können und deshalb zu schnell urteilen.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.