Forsythien und Kirschblüten

Es ist Sonntag, die Sonne wärmt mich mit freundlichen neunzehn Grad und Bukarest zeigt sich von seiner wunderbar frühlingshaften Seite. Zartrosa weiße und gelbe Blüten an den Bäumen tauchen die Stadt in ein pastellfarbenes Licht und die Vögel vor meinem weit geöffneten Fenster singen leidenschaftlich um die Wette. Ab und zu legt sich eine zottelige Katze auf die Hofmauer und räkelt sich in der Sonne, fängt ein paar Fliegen und zieht dann weiter. Ich fühle mich heute ein bisschen wie sie, glücklich, ein klein wenig träge und verträumt. Zwei Wochen bin ich erst hier, aber es kommt mir seltsamerweise schon viel länger vor. Täglich prasseln so viele neue Eindrücke auf mich ein und ich versuche alles zu speichern und zu verarbeiten, auch wenn mich das manchmal unglaublich müde macht. Zwei Wochen voller Begegnungen (vor allem mit Deutschen, was ich manchmal ein bisschen schade finde, aber auf jeden Fall ändern möchte), voller Entdeckungen und Überraschungen.

Gestern zum Beispiel bin ich auf dem Rückweg von meiner kleinen Joggingrunde im nahegelegenen Parcul Circului auf einen winzigen Laden mit Künstlerbedarf gestoßen, was mich unglaublich glücklich gemacht hat, da ich jetzt endlich auch hier in Bukarest wieder ein bisschen malen kann. Ich habe mich dann, bewaffnet mit Pastellkreide und Zeichenblock, direkt mit der Straßenbahn auf den Weg in die Innenstadt gemacht. Auf diese Weise ins Zentrum zu kommen genieße ich sehr. Mit dem Bus steckt man meistens im Stau und kann sich nicht einmal festhalten, weil man sich vor lauter eingequetschten Mitfahrern sowieso kaum rühren, geschweige denn atmen kann, und die nächste Metrostation ist von meiner Wohnung aus zwanzig Minuten entfernt. Deshalb ist es geradezu herrlich mit gefühlten fünfzehn km/h in der rumpelnden Straßenbahn in Richtung Altstadt zu „düsen“. Ich fühle mich dann immer ein bisschen in die Vergangenheit zurückversetzt, sehe die belebten Straßen Bukarests an meinem Fenster vorbeiziehen und lasse mich vom Rattern der alten Wagons wie auf Wellen treiben. Eigentlich wollte ich gestern den Parcul Cişmigiu, den größten und vor allem den ältesten Park im Zentrum, suchen und mir dort ein bisschen Zeit zum Zeichnen nehmen. Aber wie so oft bei mir kam dann alles ein bisschen anders als geplant, ich bin durch die Altstadt gelaufen, habe in Antiquitäten Buchhandlungen und verwinkelten Gassen die Zeit vergessen. Bukarest ist voller wunderbarer Versuchungen, man sieht eine schöne Straße und am Ende schon die nächste und läuft und staunt und merkt dabei gar nicht, dass man immer tiefer ins Herz der Stadt eindringt. Ein paar Momente habe ich dann glücklicherweise auch auf Papier festhalten können. Abends habe ich mich dann mit zwei Freunden im Kino des Institut Français für einen sehr faszinierenden Film* getroffen und danach noch ein bisschen zusammen durch die Barmeile der Altstadt geschlendert. Und heute? Heute habe ich mein Leben genossen, dank meiner Mitbewohnerin und ihrer motivierenden Art eine kleine gemeinsame Laufrunde im Park unternommen und den morgigen Tag vorbereitet. Meine Aufgabe in der Schule ist es im Moment, drei neuen Schülern aus der Ukraine Einzelunterricht in Deutsch zu geben. Es macht mir super viel Spaß, allerdings ist es eine ziemlich verantwortungsvolle Aufgabe und ich hoffe, dass ich ihr auch gewachsen bin. Aber im Moment ist es sowieso nur eine kleine Testphase, in der alle mal schauen, wie es so läuft und ob das auch in Zukunft auf diese Weise funktioniert. Mit meinen Kollegen an der Schule bin ich wirklich gesegnet, die sind wahnsinnig zuvorkommend und verständnisvoll und ich wurde sogar lieberweise auf ein Geburtstags-Abendessen mit eingeladen. Tipps und die richtigen Kniffe zur Eingewöhnung haben sie auch immer parat, unter anderem wurde mir die riesige Markthalle Obor gezeigt, ein gigantischer Bauernmarkt voller mit Obst und Gemüse überladener Stände und einer guten Auswahl an köstlichem Käse im Obergeschoss – kurzum ein Paradies für Leonie. An einem Stand, an dem ich schon ein paar Mal eingekauft habe, erkennt mich der Verkäufer mittlerweile wieder. Ein älterer Herr mit tiefen Lachfalten und einer blauen Strickmütze auf dem Kopf, der es urkomisch findet, dass ich ihm jedes Mal verzweifelt einen Jutebeutel über die Gemüseberge hinweg entgegenstrecke und ganz laut „Nu Nu“ schreie, sobald er zur Plastiktüte greifen will. Mit einem schalkhaften Grinsen im Gesicht reicht er mir dann meine voll befüllte Stofftasche zurück und sagt „ You not romanian“.

Wäschetrocknen mal anders
Obor Market

 

 

 

 

 

* Der Dokumentarfilm „Hotel Jugoslavija“ von N. Wagnières, der selbst eine jugoslawische mütterliche Seite hat und in der Schweiz aufgewachsen ist, beleuchtet die bewegte Geschichte des in Belgrad errichteten Gebäudes Hotel Jugoslavija als Reflexion der serbischen Gesellschaft. Ich persönlich fand den Film und seine Visualisierung unglaublich interessant und habe danach auch erst einmal ein bisschen Zeit gebraucht, um die sehr persönliche und unverklärte Perspektive des Regisseurs zu verarbeiten. Für alle neugierig gewordenen ist hier der Link zum Trailer.

https://www.bing.com/videos/search?q=hotel+jugoslavija+film&&view=detail&mid=132B0BFC3695F95EA301132B0BFC3695F95EA301&&FORM=VDRVRV

 

Ein Gedanke zu „Forsythien und Kirschblüten“

  1. Wunderschön Lele. Ein herrlicher „guten Morgen Kuss „ ist Dein Bericht, den wir, weiß Gott warum, erst heute entdecken. Du schreibst wunderbar und solltest Deine Eindrücke zu National Geographic schicken. Ich freue mich schon auf ein nochmaliges Lesen,wenn ich vom
    Turnen zurück bin. Dicken dicken Kuss Bonne Maman

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