Ferienkatzen oder Katzenferien?

 

 

Paşte fericit, Frohe Ostern. Hier in Rumänien feiert man die Auferstehung Jesu gleich zweimal; zunächst am christlichen und danach am orthodoxen Ostersonntag, je nachdem. Obwohl man dazu sagen muss, dass die orthodoxen Osterfestlichkeiten drei Tage lang andauern. Über achtzig Prozent der rumänischen Bevölkerung ist rumänisch- orthodox und man merkt, dass die Religion hier oft eine sehr wichtige Rolle spielt. Die Kirchen sind sonntags bis zum Bersten gefüllt, oft stehen die Menschen sogar davor. Diesen Ostersonntag allerdings war es besonders beeindruckend. Am Ende meiner Straße befindet sich eingezwängt zwischen einem Supermarkt und einem Häuserblock eine kleine Kirche. Zu hunderten strömen die Menschen um Mitternacht dorthin, zünden ihre Kerzen an und feiern über Stunden die Heiligen Messe. Jung und Alt kommen zusammen, alle aus dem selben Grund, still in ihr Gebet versunken oder gebannt der Liturgie lauschend. Im Kirchenschiff selbst gibt es kaum Stühle, die Menschen stehen eng aneinandergedrängt und blicken erwartungsvoll nach vorne, der Hof ist voller Leute, sogar bis auf die Straße stehen sie noch, das Licht der vielen hundert Kerzenflammen spiegelt sich warm in ihren Augen.

Im Moment darf auch ich die zwei Wochen Osterferien genießen, das Wetter ist freundlich und alles ganz entspannt. In den ersten Tagen habe ich auf die beiden Katzen meiner Kollegin aufgepasst und durfte dafür während dieser Zeit in ihrer Wohnung mitten im armenischen Viertel in der Altstadt wohnen. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass das Viertel verwunschen war, die Gebäude wirken teilweise so als seien sie in einer anderen Zeit eingeschlafen, als wären sie vor Jahren in einen tiefen Schlummer gesunken und niemand hätte sie seitdem aufgeweckt. Alte armenische Handelshäuser, wunderschöne verfallene Fassaden und mit Efeu und Blauregen bedeckte Hauswände säumen den Straßenrand. Es ist ruhig, außer auf den Hauptverkehrsadern fahren weniger Autos als ich es ansonsten gewohnt bin. Die Zeit dort war herrlich, allerdings bin ich wirklich ganz froh nicht dauerhaft alleine zu wohnen. Unter anderem ist auch mein Handy kaputt gegangen und das wie immer im unpassendsten Moment überhaupt: Ich musste mit der einen Katze zum Tierarzt und hatte verstanden, dass ich dort einen Termin um elf Uhr vormittags hatte. Meine Kollegin hatte mir vorher noch per Whatsapp die Adresse geschickt, alles garkein Problem, ich habe zuhause alles fertig gemacht, die Bettwäsche noch gewaschen und die Katze beruhigt. Blöderweise war das Leintuch schwarz, genau wie mein Handy eben auch. Ich glaube das Ende vom Lied kann sich dann jeder, der mich ein bisschen besser kennt, recht gut selbst denken… die eineinhalbstündige Dusche hat das gute alte Ding dann leider nicht mehr überstanden. Dummerweise war dann auch die Adresse der Tierärztin ‚mitgewaschen‘ worden und ich bin panisch zurück in die WG gefahren, um die Katzenbesitzerin vom Handy meiner Mitbewohnerin aus anzurufen. Zum Glück war dann alles kein Problem, der Katze geht es auch gut und alles ist Friede Freude Eierkuchen. Aber ein kleines Abenteuer war das schon. Jetzt lerne ich erst einmal die Unerreichbarkeit zu genießen.

Dafür bleibt jetzt viel mehr kreative Freizeit übrig. Mit meinen Mitbewohnerinnen habe ich mich abends bei einem Glas Wein und dunkler Schokolade zusammengesetzt, wir haben unsere Malutensilien zusammengeschmissen und bei langen Gesprächen und guter Musik die Küchenwand mit unseren Bildern tapeziert. Auch mein Zimmer füllt sich so langsam mit Farbe und meinen verzerrten Zeichnungen. Die letzten Tage bestanden rückblickend aus Katzen, Kunst, Yoga mit meinem Mitbewohner, Barhopping und tanzen (bzw. „Rampensau sein“, wie mein Tanzstil so liebevoll genannt wurde) und spannenden Gesprächen, Parkspaziergängen mit meiner Mitfreiwilligen und ganz viel Sonne. PS: Nächste Woche reise ich mit zwei Mädels für ein paar Tage nach Cluj-Napoca.

Im Gesamten ist allerdings so viel passiert, dass es mir ein bisschen schwerfällt alles im Detail aufzuschreiben und die Gedanken zu ordnen. Meine Mitfreiwillige und ich sitzen in unserem Lieblingscafé am Parcul Cismigiu, eine Oase abseits der belebten Straßen, ein kleiner Ort zum Innehalten. Wir sind hier oft, trinken ein Bierchen und lesen. Die Sonne verkriecht sich langsam hinter der steinernen Fassade des verschachtelten Gebäudes neben uns und ich glaube, dass ich langsam meinen Laptop zuklappen und es bei diesem Eintrag belassen werde. Langsam wird es still hier im Hinterhof des kleinen Cafés, außer uns sitzen nur noch zwei Pärchen draußen und ein paar Katzen streifen mit zuckenden Schwänzen um die hölzernen Tischbeine, unsicher ob hier ein guter Platz zum Raufen ist oder sie vielleicht doch lieber weiterziehen sollten. Auf den Dächern gurren die Tauben, ganz benebelt von ihren Frühlingsgefühlen, und eine kleine angenehme Brise läutet den frühen Abend ein. In Bukarest fühle ich mich manchmal ein bisschen wie ein Schatzsucher, die schönsten Orte sind nicht immer leicht zu finden. Aber wenn man ein bisschen hinter die Kulissen schaut und sich auf die Suche macht, dann hat Rumäniens Hauptstadt so einiges zu bieten.

Meine Lehre von den Farben

 

Wenn ich an Vergangenes denke, verbinde ich diese Erinnerungen immer mit einer bestimmten Farbe oder einem Geruch, oft auch mit Musik. Oft habe ich dann am Ende der Woche eine kleine Farbpalette mit wärmeren oder kühleren Tönen, ein Parfum mit eher süßlichem oder herbem Duft, mein Leben begleitet von fröhlichem, manchmal auch melancholischen Tönen. Die letzten zwei Wochen allerdings waren so turbulent, dass ich nun eine bunt durchmischte Palette in der Hand halte und überhaupt nicht so richtig weiß, mit welchen Farben ich dieses ganze Mosaik an Eindrücken und Erinnerungen eigentlich am Besten in Verbindung bringen kann.

 

Cinnamon und Petroleum

Das vergangene Wochenende war ein feuriges Durcheinander, wild und ziemlich lustig. Freitag Abend hatte ich mich mit zwei Leuten, eine davon meine Mitfreiwillige, in einer sehr netten Bar inmitten des armenischen Viertels in der Bukarester Altstadt getroffen. Das Dianei 4 (ja, die Bar wurde nach ihrer Hausnummer getauft) ist ein herrlicher Mix aus alt und modern und ein kleiner Geheimtipp. Man betritt zunächst durch ein Gartentor einen schönen Hof mit Lichterketten und ist sich nicht ganz sicher, ob man hier richtig ist oder vielleicht doch in einem Privatgrundstück. Dann steht man vor einem alten Haus, aus dem einem lächelnde Menschen und gute Laune entgegenkommen und sobald man eine Steintreppe hinaufgestapft ist und die Eingangstür geöffnet hat, empfängt einen ein gemütliches Ambiente mit alten Stuckdecken und schönen Teppichen. Zu dritt haben wir den Abend bei einem Ursus Retro und entspannten Gesprächen über Straßenkunst, Fernbeziehungen und Roadtrips ausklingen lassen und dabei noch zufällig eine wahnsinnig nette Kollegin aus meiner Schule getroffen.

Limonengrün und Tieforange

Schrill und lustig verlief dann der Samstag, schon mein Mittagessen war eine kunterbunte Gemüsepfanne. Täglich selbst zu kochen ist noch eine kleine Herausforderung für mich, die ich aber dankend annehme und mich an ihr freue. Ich verzichte größtmöglich auf Fleisch, weil ich nicht genau weiß, wo es herkommt und ich es deshalb nicht essen möchte. Mein Gemüse kaufe ich meistens einmal pro Woche auf dem Markt, allgemein braucht man sich hier in der Hauptstadt wirklich überhaupt keine Sorgen zu machen, irgendein bestimmtes Lebensmittel nicht finden zu können. Der deutsche Exportüberschuss hat sogar zur Folge, dass man hier „Bayrische Biovollmilch“ von ‚Andechser Natur‘ im Supermarkt kaufen kann, auf deren Tetrapak einem die dort abgebildete braun glänzende Kuh beinahe provokant zuzumuhen scheint „Kauf mich, ich bin deine Heimat“ (kein Witz). Ich greife dann genauso provokant zur Hafermilch, weil Heimat sollte schließlich auch nur in der Heimat genossen werden.

Abends kamen dann die beiden Freunde, mit denen ich mich freitags im Dianei 4 getroffen hatte, zu uns in die WG und wir hatten eine gemütliche Runde mit meinen Mitbewohnern, die dann im Laufe der Stunden in leidenschaftliche Küchentänze zu einem Mix aus traditioneller rumänischer Musik, Techno und Achzigern ausartete. Um Mitternacht hatte dann unsere Stunde geschlagen und wir sind ins Kulturhaus in die Innenstadt gefahren, um dort zu viel zu lauter Musik, featuring Calvin Harris, Niki Minaj und wie sie alle heißen, weiter das Tanzbein zu schwingen. Es war sehr lustig, allerdings hat es nach zwei Stunden dann auch wieder gereicht und wir haben einstimmig beschlossen, dass wir uns eigentlich nach etwas anderer Musik sehnten. Daraufhin sind wir dann noch zu Garden Eden getingelt und haben dort dann tatsächlich noch bis sechs Uhr morgens durchgetanzt. Minimal Techno, Wasser, das teurer ist als Bier und Leoparden-Lichteffekte begleiteten uns somit bis zum Morgengrauen.

Lavendel und Lichtblau

Den Sonntag bis Mittags verschlafen, haben meine Mitfreiwillige und ich uns dann noch auf den Weg zum botanischen Garten gemacht um dort das Wochenende mit Frische und Entspannung ausklingen zu lassen. Prachtvolle Kirschblüten und Buchshecken säumten die Wege, Frühlingsblümchen und duftende Sträucher sorgten für eine herrliche Frühlingsatmosphäre. Manchmal tut es wirklich gut, dem brausenden Bukarester Verkehr für eine Weile zu entkommen. Nach einem kleinen Spaziergang haben wir uns ins Gras gesetzt, sie mit einem guten Buch, ich mit Aquarellkasten und Zeichenblock, und haben den Sonntag voll und ganz ein Sonntag sein lassen. Gedanken kommen und gehen lassen, die Nase der Sonne entgegengestreckt und den Geruch von frischen Blättern, Müßiggang und vermeintlichem Frieden eingeatmet.

Okker und Jade

Am Dienstag nach der Arbeit kam mich Lina, eine Freiwillige aus Sofia, die gerade für ein paar Tage nach Bukarest gekommen war, besuchen (Ihren Blog findet man unter https://kulturweit.blog/linasblock/). Wir hatten uns während dem Vorbereitungsseminar kennengelernt und sie hatte die Zeit gefunden, für eine Nacht bei uns in der WG zu bleiben. Ich habe sie in der Stadt getroffen und durch ihre offene und positive Art hatte sie gleich nach ihrer Ankunft hier bereits eine Empfehlung für einen angeblich sehr schönen Spot zum Abendessen bekommen. Wir machten uns also gemeinsam auf den Weg durch die facettenreiche und wunderschöne Altstadt und folgten mehr unserem Instinkt als Google Maps, tanzen durch belebte Nebengässchen und bewunderten die oft sehr im Kontrast zueinander stehenden Fassaden. Lina ist ein Mensch, der noch weiß, wie man staunt. Das ist so wahnsinnig erfrischend. Mit ihr kann man innehalten und die Schönheit der Dinge in ganzem Ausmaß erfassen. Durchatmen, fantasieren, träumen.

 

 

Nachdem mein Handy dann sowieso den Geist aufgegeben hatte und wir nach dem Weg fragen mussten, standen wir dann schließlich vor dem Eingang des empfohlenen … wir waren uns nicht ganz sicher ob es wirklich ein Restaurant war. Rote Neonlichter und rauchende Gestalten blickten uns entgegen, knappes Nicken auf die Frage, ob das hier ein Ort namens „Closer to the Moon“ sei. Lina und ich sahen uns an. Abenteuer oder lieber nicht? Es sah wirklich ein bisschen aus wie ein Rotlichtladen mit ominösen Zügen. Aber da es mitten in der belebten Barmeile lag und auch ganz normal bekleidete Menschen zur Tür herauskamen, beschlossen wir, es doch einfach zu wagen. Ein nichtssagendes Treppenhaus führte uns vier Stockwerke nach oben, an den Wänden klebten ausgedruckte Bilder von Christina Aguilera und Paris Hilton. Immer noch nicht ganz überzeugt öffneten wir die Flügeltür im obersten Stock – und trafen auf etwas, das wir so niemals erwartet hätten. Ein Rooftop-Restaurant mit Blick über die nächtlichen Lichter Bukarests. Die Tische befanden sich unter kleinen Glaskuppeln geschmückt mit Lichterketten und Kerzen; man war unter Leuten aber gleichzeitig auch unter sich und sah die ganze Stadt unter sich ausgebreitet. Es war magisch.

Was ansonsten noch so passiert ist? Ich habe mir Pflanzen für mein Fensterbrett gekauft und mir die Haare kurz geschnitten. In der Schule merke ich langsam, dass mein Deutsch- Förderunterricht beginnt Früchte zu tragen, wenn auch nur sehr kleine bisher. Besonders die ukrainische Schülerin aus der zweiten Klasse macht mir Freude. Zu Beginn konnte sie kein einziges Wort und jetzt nach drei Wochen unterhält sie sich immerhin schon mit einzelnen Worten,  Lauten und Gesten. Wir spielen viel Memory zum Vokabeln lernen und ich muss mir kreative Aufgaben für sie überlegen, denn sie malt unglaublich gerne.

Hier in Rumänien wurde mir zum ersten Mal in meinem Leben bewusst, wie verzweifelnd es sein kann, die Sprache eines Landes weder zu verstehen noch zu sprechen. Diese Erfahrung ist neu für mich, aber ich empfinde sie als eine persönliche Bereicherung um mich besser in andere Menschen in derselben Situation hineinversetzen zu können. Ich glaube, dass viele das nicht können und deshalb zu schnell urteilen.

 

 

 

Forsythien und Kirschblüten

Es ist Sonntag, die Sonne wärmt mich mit freundlichen neunzehn Grad und Bukarest zeigt sich von seiner wunderbar frühlingshaften Seite. Zartrosa weiße und gelbe Blüten an den Bäumen tauchen die Stadt in ein pastellfarbenes Licht und die Vögel vor meinem weit geöffneten Fenster singen leidenschaftlich um die Wette. Ab und zu legt sich eine zottelige Katze auf die Hofmauer und räkelt sich in der Sonne, fängt ein paar Fliegen und zieht dann weiter. Ich fühle mich heute ein bisschen wie sie, glücklich, ein klein wenig träge und verträumt. Zwei Wochen bin ich erst hier, aber es kommt mir seltsamerweise schon viel länger vor. Täglich prasseln so viele neue Eindrücke auf mich ein und ich versuche alles zu speichern und zu verarbeiten, auch wenn mich das manchmal unglaublich müde macht. Zwei Wochen voller Begegnungen (vor allem mit Deutschen, was ich manchmal ein bisschen schade finde, aber auf jeden Fall ändern möchte), voller Entdeckungen und Überraschungen.

Gestern zum Beispiel bin ich auf dem Rückweg von meiner kleinen Joggingrunde im nahegelegenen Parcul Circului auf einen winzigen Laden mit Künstlerbedarf gestoßen, was mich unglaublich glücklich gemacht hat, da ich jetzt endlich auch hier in Bukarest wieder ein bisschen malen kann. Ich habe mich dann, bewaffnet mit Pastellkreide und Zeichenblock, direkt mit der Straßenbahn auf den Weg in die Innenstadt gemacht. Auf diese Weise ins Zentrum zu kommen genieße ich sehr. Mit dem Bus steckt man meistens im Stau und kann sich nicht einmal festhalten, weil man sich vor lauter eingequetschten Mitfahrern sowieso kaum rühren, geschweige denn atmen kann, und die nächste Metrostation ist von meiner Wohnung aus zwanzig Minuten entfernt. Deshalb ist es geradezu herrlich mit gefühlten fünfzehn km/h in der rumpelnden Straßenbahn in Richtung Altstadt zu „düsen“. Ich fühle mich dann immer ein bisschen in die Vergangenheit zurückversetzt, sehe die belebten Straßen Bukarests an meinem Fenster vorbeiziehen und lasse mich vom Rattern der alten Wagons wie auf Wellen treiben. Eigentlich wollte ich gestern den Parcul Cişmigiu, den größten und vor allem den ältesten Park im Zentrum, suchen und mir dort ein bisschen Zeit zum Zeichnen nehmen. Aber wie so oft bei mir kam dann alles ein bisschen anders als geplant, ich bin durch die Altstadt gelaufen, habe in Antiquitäten Buchhandlungen und verwinkelten Gassen die Zeit vergessen. Bukarest ist voller wunderbarer Versuchungen, man sieht eine schöne Straße und am Ende schon die nächste und läuft und staunt und merkt dabei gar nicht, dass man immer tiefer ins Herz der Stadt eindringt. Ein paar Momente habe ich dann glücklicherweise auch auf Papier festhalten können. Abends habe ich mich dann mit zwei Freunden im Kino des Institut Français für einen sehr faszinierenden Film* getroffen und danach noch ein bisschen zusammen durch die Barmeile der Altstadt geschlendert. Und heute? Heute habe ich mein Leben genossen, dank meiner Mitbewohnerin und ihrer motivierenden Art eine kleine gemeinsame Laufrunde im Park unternommen und den morgigen Tag vorbereitet. Meine Aufgabe in der Schule ist es im Moment, drei neuen Schülern aus der Ukraine Einzelunterricht in Deutsch zu geben. Es macht mir super viel Spaß, allerdings ist es eine ziemlich verantwortungsvolle Aufgabe und ich hoffe, dass ich ihr auch gewachsen bin. Aber im Moment ist es sowieso nur eine kleine Testphase, in der alle mal schauen, wie es so läuft und ob das auch in Zukunft auf diese Weise funktioniert. Mit meinen Kollegen an der Schule bin ich wirklich gesegnet, die sind wahnsinnig zuvorkommend und verständnisvoll und ich wurde sogar lieberweise auf ein Geburtstags-Abendessen mit eingeladen. Tipps und die richtigen Kniffe zur Eingewöhnung haben sie auch immer parat, unter anderem wurde mir die riesige Markthalle Obor gezeigt, ein gigantischer Bauernmarkt voller mit Obst und Gemüse überladener Stände und einer guten Auswahl an köstlichem Käse im Obergeschoss – kurzum ein Paradies für Leonie. An einem Stand, an dem ich schon ein paar Mal eingekauft habe, erkennt mich der Verkäufer mittlerweile wieder. Ein älterer Herr mit tiefen Lachfalten und einer blauen Strickmütze auf dem Kopf, der es urkomisch findet, dass ich ihm jedes Mal verzweifelt einen Jutebeutel über die Gemüseberge hinweg entgegenstrecke und ganz laut „Nu Nu“ schreie, sobald er zur Plastiktüte greifen will. Mit einem schalkhaften Grinsen im Gesicht reicht er mir dann meine voll befüllte Stofftasche zurück und sagt „ You not romanian“.

Wäschetrocknen mal anders
Obor Market

 

 

 

 

 

* Der Dokumentarfilm „Hotel Jugoslavija“ von N. Wagnières, der selbst eine jugoslawische mütterliche Seite hat und in der Schweiz aufgewachsen ist, beleuchtet die bewegte Geschichte des in Belgrad errichteten Gebäudes Hotel Jugoslavija als Reflexion der serbischen Gesellschaft. Ich persönlich fand den Film und seine Visualisierung unglaublich interessant und habe danach auch erst einmal ein bisschen Zeit gebraucht, um die sehr persönliche und unverklärte Perspektive des Regisseurs zu verarbeiten. Für alle neugierig gewordenen ist hier der Link zum Trailer.

https://www.bing.com/videos/search?q=hotel+jugoslavija+film&&view=detail&mid=132B0BFC3695F95EA301132B0BFC3695F95EA301&&FORM=VDRVRV

 

Vorher und Nachher

Vor dem Seminar

  1. März 2019 (9:25) in irgendeinem kleinen Berliner Café

Ich sitze mit einem Chai Latte in einem kleinen Café und habe noch ein paar Stunden Zeit, bevor ich am Hauptbahnhof von den kulturweit-Shuttlebussen für unser Vorbereitungsseminar aufgegabelt werde. Dass es jetzt tatsächlich losgeht realisiere ich irgendwie noch nicht so ganz. So lange habe ich auf diesen Tag gewartet, habe während der Vorbereitungszeit eine ganze Bandbreite an verschiedensten Emotionen empfunden und trotzdem lag alles immer noch in weiter Ferne.

Wie ich mich jetzt gerade fühle? Natürlich war der Abschied von meiner Familie und meinen Freunden alles andere als einfach. Das schöne ist aber, dass ich wirklich immer von allen Seiten in meinen Vorhaben unterstützt und ermutigt wurde und auch wenn oft ein bisschen geschmunzelt wurde, wenn ich von meinem Reiseziel Rumänien erzählt habe, bin ich doch immer wieder auf interessierte Gesichter gestoßen. Ich selbst bin mehr als gespannt auf meinen Aufenthalt dort. Während meiner Vorbereitung hat mich die Neugierde über das osteuropäische Land und seine kontrastreiche Hauptstadt von Tag zu Tag mehr gepackt. Bukarest selbst ist sogar noch eine recht junge Stadt, denn obwohl das Gebiet schon lange Zeit von verschiedensten Volksgruppen wie Römern, Bulgaren und Slawen besiedelt war, erfolgte seine erste urkundliche Erwähnung erst 1459 durch den walachischen Fürst Vlad Ţepeş. Über die Jahrhunderte hinweg wurde die Stadt dann immer wieder von verschiedensten Herrschern eingenommen, die sich sowohl in Kultur als auch in ihrer Regierungsstrategie enorm unterschieden. So ist das Stadtbild anscheinend noch heute von diversen Architekturstilen und kulturellen Einflüssen geprägt und zeichnet sich wohl durch seine interessanten Kontraste aus. Ich bin wirklich gespannt, dass alles selbst entdecken und fühlen zu dürfen. Zugegebenermaßen bin ich aber trotzdem unglaublich aufgeregt. Ich werde das nächste halbe Jahr in einem mir völlig unbekannten Land verbringen ohne wirklich die Sprache zu beherrschen und die Sitten und Gegebenheiten vor Ort zu kennen. Auch auf meine Mitbewohner und meine Einsatzstelle, die Deutsche Schule in Bukarest, bin ich wahnsinnig neugierig. Wohnen werde ich in einer kleinen WG mit drei anderen Leuten im Sector 2; das erste Mal, dass ich weder bei meiner eigenen noch in einer Gastfamilie lebe.

Je näher der Zeitpunkt des Treffens mit den anderen Freiwilligen für das Seminar rückt, desto präsenter wird das mulmige Gefühl in meinem Bauch. Was kommt auf mich zu? Werde ich alle gestellten Aufgaben erfüllen können? Ich frage mich, welchen Menschen ich begegnen und was für Gespräche ich führen werde. Am besten lasse ich es einfach auf mich zukommen und werfe mich mit Haut und Haaren ins kalte Wasser, denn damit habe ich in der Vergangenheit immer die intensivsten und schönsten Erfahrungen gemacht. Ich stehe auf, trinke meine Tasse leer und lasse mich von meinem Leben ein bisschen überraschen.

 

Nach dem Seminar

  1. März 2019 (14:46) am Flughafen Wien

Wahnsinn, zehn unglaublich intensive, emotionale und auf eine positive Art herausfordernde Seminartage liegen nun hinter mir. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, die ganzen anderen Freiwilligen jetzt erst wieder in ein paar Monaten oder auch gar nicht mehr wiederzusehen. Wir haben gemeinsam diese Zeit erlebt, haben viel gelacht, diskutiert und viele viele Fragen gestellt und jetzt wird jeder seinen Weg gehen. Das Schöne aber ist, dass ich in Bukarest nicht die einzige Freiwillige, sondern wir zwei Mädels an unterschiedlichen Schulen sein werden. Ich habe das Glück, mich mit meiner Mitfreiwilligen super gut zu verstehen und ich freue mich echt auf die kommende Zeit mit ihr.

 

Hier in Wien habe ich jetzt vier Stunden Aufenthalt bevor mein Flug weiter nach Otopeni Bukarest geht, wo ich dann netterweise von der Grundschulleiterin abgeholt werde. Mein erster Flug ist reibungslos verlaufen, ich habe in Tegel sogar noch einmal meine Mitfreiwillige getroffen. Allerdings habe ich mich irgendwie unglaublich klein gefühlt als ich aus dem Flieger ausgestiegen und auf das moderne schwarze Gebäude des Wiener Flughafens zugelaufen bin. Klein, weil etwas so Großes vor mir liegt. Etwas, auf das ich mich eingelassen habe, obwohl ich nicht weiß was mich erwarten wird. Ich muss mir gerade wiederholt ins Gedächtnis rufen, dass es eigentlich genau das ist, was ich unbedingt wollte, ein Sprung ins kalte Wasser, Unerwartetes, Neues. Dass die schönsten Abenteuer immer nur dann entstehen, wenn man den letzten Schritt aus seiner Komfortzone wagt.

Genau das habe ich getan, und auch wenn ich mich jetzt gerade hier auf dem qietschgrünen Ledersessel an meinem Gate ein bisschen so fühle, als hätte ich mir selbst den Boden unter meinen Füßen weggezogen, freue ich mich auf die kommende Zeit. Ich blicke durch die Glasfassade des Flughafens auf die abhebenden und landenden Flugzeuge aus aller Welt und frage mich, ob es wohl den Menschen darin vielleicht auch ein bisschen so geht wie mir.

 

Impressionen aus dem Seminar

Zeichnen und gezeichnet werden
Sonnenuntergang am See