{"id":3,"date":"2022-10-13T13:17:36","date_gmt":"2022-10-13T11:17:36","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/lakebosomtweundkumasi\/?p=3"},"modified":"2022-10-13T13:17:36","modified_gmt":"2022-10-13T11:17:36","slug":"die-ersten-tage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/lakebosomtweundkumasi\/2022\/10\/13\/die-ersten-tage\/","title":{"rendered":"Die ersten Tage"},"content":{"rendered":"<p>Fair berichten \u2013 Das ist mittlerweile schon ein gefl\u00fcgelter Ausdruck geworden. Wenn man, wie ich gerade, ein Land besucht, das dem globalen S\u00fcden zugeordnet wird, sollte man bei Erz\u00e4hlungen darauf achten nichts zu pauschalisieren und das Land m\u00f6glichst realit\u00e4tsnah und nicht verunglimpfend darzustellen. Aber wie macht man das? Wie beschreibt man seine Unterkunft in Ghana ohne, dass die Zuh\u00f6renden sofort ein \u201efalsches\u201c Bild von ganz Afrika im Kopf haben? Wie macht man Fotos, ohne dass sie nicht pauschalisierend wirken?<\/p>\n<p>Ein Beispiel um dieses abstrakte Konstrukt etwas handfester zu machen:<\/p>\n<p>Ich verbringe einen Tag auf dem innerst\u00e4dtischen Markt Kumasis, schicke ein Bild von einer Marktfrau in einer einfachen Marktbude, die Stoffe verkauft und von einem Obststand daneben in die famili\u00e4re Whatsappgruppe. Darunter schreibe ich, dass hier solche M\u00e4rkte oft zu finden sind und dass zwischen Stoffen und Tieren, die lebendig verkauft werden auch auf dem Boden auf einem kleinen Lagerfeuer gekocht wird.<\/p>\n<p>Selbst obwohl ich nicht geschrieben habe wie \u201eeinf\u00e4ltig\u201c oder \u201eschlecht entwickelt\u201c (entsetztes Einatmen bei Verwendung dieser Begriffe) das hier <strong>alles<\/strong> ist, hat die Familie dann nur eine Vorstellung von dem was an einem Ort zu einem Zeitpunkt passiert, sieht vielleicht aber dann vor ihrem geistigen Auge Kumasis komplette Innenstadt so wie auf einem Foto abgelichtet.<\/p>\n<p>Das Problem ist, dass neben dem heruntergekommenen Taxi ein Jeep steht und neben dem Markt ein chinesisches Restaurant. Das Problem ist, dass die Frau hinter dem Stoffstand nicht 100 mal am Tag fotografiert werden m\u00f6chte und die \u00c4pfel in dem Obstkorb die der Z\u00fcchtung \u201ePink Lady\u201c sind und aus S\u00fcdamerika importiert werden. Das Problem ist, dass hinter allem, was man sieht mehr steckt, als das von dem man berichtet, aber das k\u00f6nnen die Reisenden und schon gar nicht, die die erz\u00e4hlt bekommen erfassen.<\/p>\n<p>Das ist mir hier klar geworden. Nachdem ich vor Abreise st\u00e4ndig get\u00f6nt habe ich wolle einen Blog schreiben und diesen sogar als meinen literarischen Durchbruch bezeichnet habe, habe ich schon kurz nach meiner Ankunft dieses Vorhaben schnell \u00fcberdacht. Denn schon der erste Tag hier hat mir mehr zum Nachdenken gegeben, als jede philosophische Frage in der Schule bisher.<\/p>\n<p>Warum gibt es jetzt doch diesen Blog? Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich es versuchen m\u00f6chte, das fair berichten. Ich habe im Moment n\u00e4mlich noch die wahrscheinlich utopische Annahme f\u00fcr die Beschreibungen meiner Erlebnisse die richtigen Worte zu finden. Da mich sowieso jede Person meines Bekanntenkreises, die ich nach meiner R\u00fcckkehr treffe fragen wird, wie es denn war, m\u00f6chte ich auf dieser Plattform mit mehr Zeit \u00fcber Formulierungen nachzudenken erz\u00e4hlen. Teil davon soll auch diese Einleitung sein. Mit diesen Worten: welcome to my blog!<\/p>\n<p>Zu mir: Mein Name ist Sophie, ich habe gerade Abitur gemacht und bin kurz vor Start meines Freiwilligendienstes 18 Jahre alt geworden. Ich verbringe von September 2022 bis Februar 2023 in der ghanaischen Stadt Kumasi und werde hier bei der Water Recources Commission arbeiten, die unter dem Dach der UNESCO Nationalkommission steht, welche wiederum eine Partnerorganisation des Freiwilligendienstanbieters Kulturweit ist, mit dem ich unterwegs bin.<\/p>\n<p>Trotz des zehnt\u00e4gigen Vorbereitungsseminars am Werbellinsee in Berlin kam ich meiner Meinung nach recht unvorbereitet am Flughafen der am Meer gelegenen Hauptstadt Accra in Ghana an. Ich war heilfroh, dass ich den ganzen Stress des Fluges <strong>mit Umsteigen <\/strong>nicht allein durchstehen musste, sondern dort, wie auch die ersten f\u00fcnf Tage in Accra, f\u00fcnf andere deutsche Freiwillige um mich herumhatte. Wir waren in einem sehr zentral gelegenen Hostel untergebracht, von dem aus wir bis zu einer gro\u00dfen Einkaufsstra\u00dfe, der Oxfordstreet, laufen konnten und dabei noch an mehreren Verpflegungsm\u00f6glichkeiten und einer Geldwechselstelle vorbeikamen.<\/p>\n<p>Besonders war, dass genau zu der Zeit zu der wir ankamen eine sehr aufw\u00e4ndig geplante, dreit\u00e4gige, Zusammenkunft der UNESCO-Kommissionen afrikanischer L\u00e4nder in Accra veranstaltet wurde, bei der nicht nur mehrere sehr intelligente Professoren, sondern auch der ghanaische Bildungsminister anwesend war und der Pr\u00e4sident Ghanas die Teilnehmenden mit einer Videobotschaft begr\u00fc\u00dfte. Wir verschwitzte und \u00fcbern\u00e4chtigte Freiwillige waren mittendrin und kamen uns mit unseren Alltagsklamotten schrecklich underdressed vor. Teil dieser Konferenz waren au\u00dferdem eine \u201eAccra by night\u201c Bustour, mehrere Abendessen (eines sogar vom Bildungsminister himself ausgelegt) und eine Bustour nach Cape Coast, wo alle durch die dortigen Burgen gef\u00fchrt wurden, die w\u00e4hrend der Kolonialisierung als Sklavenumschlagplatz genutzt wurden. In diesen Mordanstalten sind im Erdgeschoss Schwarze in Kerkern verhungert und haben darauf gewartet mit dem n\u00e4chsten Schiff ans an das andere Ende der Welt verschickt zu werden, w\u00e4hrend Wei\u00dfe ein Stockwerk h\u00f6her fr\u00f6hlich diniert haben. Das war ein sehr pr\u00e4gendes Erlebnis, f\u00fcr das ich aber trotzdem dankbar bin. Es ist immer wichtig Geschichte aufzuarbeiten. Jeder Genozid, den es je gab und heute gibt, ist etwas unbeschreiblich Grausames, das in Zukunft nicht vorkommen darf.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des gro\u00dfen UNESCO Events haben wir ein paar junge ghanaische Frauen kennengelernt, die eine Art Praktikum bei der Nationalkommission machen und w\u00e4hrend der Versammlung hinter dem Helpdesk und als Helferinnen f\u00fcr Alles zur Verf\u00fcgung standen. Wir haben uns viel mit ihnen unterhalten und schon erste Vokabeln der hier neben der Amtssprache Englisch oft gesprochenen Sprache Twi (ausgesprochen Tschi) gelernt.<\/p>\n<p>Was ich hier aber auch erw\u00e4hnen muss: So wichtig Austausch und Kommunikation auch ist, haben wir sechs Freiwilligen das Setting der Zusammenkunft als nicht wirklich passend empfunden. Die meisten Teilnehmenden und Delegierten wohnten im selben Hotel, in dem auch alle Konferenzen stattfanden. Dem Tang Palace Hotel. Das ist eine riesige Anlage mit Pool, drei WLAN Zug\u00e4ngen und Sicherheitskontrolle vor der T\u00fcr. Es gab alle 2 Stunden Snack Time und zu Mittag gegessen wurde in dem Hoteleigenen Restaurant. Das f\u00fchrte dazu, dass viele der Teilnehmenden (darunter waren auch ein paar deutsche, ein Kanadier und ein Franzose) , von Ghana beziehungsweise ganz Afrika kaum etwas anderes sahen, als Luxus pur. Wie davon fair berichtet werden kann stelle ich mir unm\u00f6glich vor. Vor Allem am ersten Abend, an dem nur ein paar Delegierte und wir Freiwilligen bei der \u201eAccra by night\u201c tour auch die \u00e4rmeren Viertel sahen, die sich direkt neben den Luxusgeb\u00e4uden befinden kam uns Freiwilligen unsere Anwesenheit bei diesem Zusammentreffen der reichsten Schicht in einem Land, dass sich auf der Schwelle zum Entwicklungsland befindet und in dem es sehr vielen an Geld mangelt, einfach falsch vor.<\/p>\n<p>Nach dieser Konferenz, einem Tag, dem wir frei gestalten durften (Taxi fahren, Simkarten kaufen, Supermarkt, Essen) und einer kurzen Fragerunde zur Kl\u00e4rung von Unklarheiten am letzten Tag in Accra, ging es dann f\u00fcr mich allein weiter. Obwohl ich eigentlich zu zweit mit einer anderen Freiwilligen in Kumasi h\u00e4tte arbeiten sollen, sie und die Nachr\u00fcckkandidatin waren leider vor Antritt des Dienstes abgesprungen, wurde ich am 16.09. allein in den Reisebus gesetzt, der mit einiger Versp\u00e4tung nach f\u00fcnf Stunden Fahrt in Kumasi ankam. Untermalt war die Busfahrt von einer ziemlich albernen ghanaischen Serie, die im Bus \u00fcber zwei kleine Monitore lief. Sie war allerdings komplett auf Twi war, was dazu f\u00fchrte, dass ich kein Wort verstand. Zwar gab es freundlicherweise englische Untertitel, aber die waren so klein, dass ich keine Chance hatte sie zu lesen.<\/p>\n<p>Hier in Kumasi bin ich auf dem 18 Quadratkilometer gro\u00dfen Universit\u00e4tsgel\u00e4nde der KNUST, also der Kwame Nkrumah University of Science and Technology untergebracht. Es ist eine sehr sch\u00f6ne, sehr gr\u00fcne Anlage, auf der neben Fakult\u00e4tsgeb\u00e4uden auch verschiedene Studierendenwohnheime und Hostels stehen. Ich befinde mich im Moment noch in einem Guest Room eines Hostels, werde aber vermutlich in den n\u00e4chsten zwei Wochen ein Studierendenzimmer im selben Haus umziehen, in dem ich hoffentlich sogar eine kleine eigene Kochzeile habe.<\/p>\n<p>Apropos: Ich finde das Essen hier sehr gut. An traditionellem habe ich bisher folgendes gesehen, beziehungsweise probiert: Mehrere verschiedene Arten von Reisgerichten (Mit Bohnen, ohne Bohnen, gelb, rot, etc.) die meist scharf gew\u00fcrzt und oft mit Fisch oder Fleisch gegessen werden, Fufu, einer Art St\u00e4rkekn\u00f6del, zu dem Fleisch-, oder Fischsuppe gereicht wird, Plantain, zu Deutsch Kochbanane, die oft gegrillt oder gebraten wird und salzigen scharfen Gerichten etwas S\u00fc\u00dfe verleiht, ged\u00fcnstetes Gem\u00fcse und Palmwine, der wohl irgendwie (ich habe das Konzept nicht ganz verstanden) aus Palmenbl\u00e4ttern gegoren wird und undurchsichtig wei\u00df ist.<\/p>\n<p>Ich tue mir allerdings bei dieser Aufz\u00e4hlung gerade sehr schwer zu definieren, was traditionell ist. Deshalb mache ich es jetzt einfach mal von dem abh\u00e4ngig, was es, beziehungsweise was es nicht in dem Restaurant gab, das mit seiner ghanaischen Traditionalit\u00e4t geworben hat.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem habe ich hier schon Rattatouille mit Kartoffeln Penne all\u2018 Arrabiata, gebratenes Gem\u00fcse mit Sojasauce und Spagetti gegessen.<\/p>\n<p>Mir geht es hier also im Allgemeinen gut. Nat\u00fcrlich sind manche Dinge anders und es gibt genug Herausforderungen zu bezwingen, aber ich habe mich schlie\u00dflich auch mit den Worten \u201eIch will meinen Horizont erweitern\u201c beworben und m\u00f6chte diesen Satz nicht zur leeren Floskel machen.<\/p>\n<p>Mittlerweile sitze ich etwa zwei Stunden an diesem Bericht und langsam fallen mir die Augen zu. Selbst kann ich kaum einsch\u00e4tzen, wie fair mein Bericht ist und ob unsere Gruppenleiterin Ria vom Vorbereitungsseminar damit zufrieden w\u00e4re. Ich werde ihn nun mal meinen f\u00fcnf Ghana-Mitfreiwilligen zum Probelesen geben und ihre Meinung abwarten.<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Zeit w\u00fcnsche ich euch allen Lesenden!<\/p>\n<p>Bis bald<\/p>\n<p>Sophie<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fair berichten \u2013 Das ist mittlerweile schon ein gefl\u00fcgelter Ausdruck geworden. Wenn man, wie ich gerade, ein Land besucht, das dem globalen S\u00fcden zugeordnet wird, sollte man bei Erz\u00e4hlungen darauf achten nichts zu pauschalisieren und das Land m\u00f6glichst realit\u00e4tsnah und nicht verunglimpfend darzustellen. Aber wie macht man das? 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