{"id":25,"date":"2022-11-30T11:48:41","date_gmt":"2022-11-30T10:48:41","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/lakebosomtweundkumasi\/?p=25"},"modified":"2022-11-30T13:26:00","modified_gmt":"2022-11-30T12:26:00","slug":"ansichten-aus-einem-tro-tro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/lakebosomtweundkumasi\/2022\/11\/30\/ansichten-aus-einem-tro-tro\/","title":{"rendered":"Ansichten aus einem Tro Tro"},"content":{"rendered":"<p>Zugegeben, ich bin schon fasziniert von diesem Kleinbussystem. Im Tro Tro Fahren habe ich durch meinen t\u00e4glichen Arbeitsweg schon sehr viel Erfahrung, aber heute hatte ich einige, fast schon philosophisch anmutende Gedanken, die ich Euch nicht vorenthalten will. Zun\u00e4chst mal: Der Name Tro Tro kommt vom englischen Threepence (three penny), auf Twi \u201eTro\u201c, da die Busse einen f\u00fcr wenig Geld transportieren sollten. Trotz Inflation halten sie auch heute noch ihr Versprechen, denn die teuerste Kurzstrecke, die ich bisher gefahren bin hat ca. 50 Cent gekostet. In jedem Tro Tro arbeiten zwei Personen (eigentlich sind es immer M\u00e4nner). Der Fahrer, der den Kleinbus durch die dichtesten Staus kurvt und es erstaunlicherweise meistens schafft die schlecht gewarteten Dinger (manchmal knarzt und kracht die Gangschaltung schon gewaltig) auch steile Berge hochzuziehen und nat\u00fcrlich der Mate, der nicht nur f\u00fcr das Abkassieren zust\u00e4ndig ist, sondern auch Kindern beim Aussteigen hilft, einem auf Nachfrage durch das Fenster einen Snack oder Wasser von den um die Autos stehenden Verk\u00e4ufer*innen kauft (nat\u00fcrlich muss man ihm daf\u00fcr das Geld geben) oder Gep\u00e4ck, das Leute mitnehmen wollen verstaut (Das k\u00f6nnen dann auch mal 25 Bananenstauden und drei Wannen voller Plantainchips sein, die eine Marktfrau von A nach B transportieren m\u00f6chte und die auf magische Weise alle hineinpassen). Au\u00dferdem kommuniziert der Mate mit dem Fahrer. Wenn jemand aus dem Tro Tro aus-, oder von der Stra\u00dfe in das Tro Tro einsteigen will, klopft der am Fenster sitzende Mate laut auf das Dach und gibt damit das Zeichen: Anhalten, beziehungsweise Losfahren. Ist das Tro Tro noch nicht voll, lehnt er sich aus dem Fenster oder steigt an Ampeln aus und ruft laut in welche Richtung der Bus f\u00e4hrt und an welchen Haltestellen er h\u00e4lt, um Fahrg\u00e4ste \u201eanzulocken\u201c. Dabei helfen dann manchmal sogar Passanten, die vom Mate daf\u00fcr ein paar Cedi in die Hand gedr\u00fcckt bekommen. Die Mates sind im Generellen sehr loyal und freundlich. Haben sie mal nicht das exakte Wechselgeld, runden sie es zu Gunsten des Fahrgastes auf, sie k\u00f6nnen dir sogar 100 Cedi wechseln, wenn du drei bezahlen musst und erst neulich habe ich gesehen, dass, als bei der \u00dcbergabe des R\u00fcckgeldes eine M\u00fcnze runtergefallen ist, vom Mate einfach noch eine gegeben wurde. Obwohl das Tro Tro System auf den ersten Blick sehr ungeordnet und planlos wirken mag, gibt es ein ausgekl\u00fcgeltes System, das sehr gut funktioniert. Es gibt kaum Wartezeiten, da einfach immer viele Kleinbusse unterwegs sind, durch das Abkassieren im Auto ist die Schwarzfahrendenrate gleich null und man braucht, wegen der allgemein festgeschriebenen Preisliste (die man auch auf Wunsch einsehen kann), keine Angst zu haben abgezogen zu werden. An gr\u00f6\u00dferen Tro Tro Stationen gibt es sogar oft kleine St\u00e4nde and denen Mates gr\u00f6\u00dfere Scheine zu Kleingeld wechseln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber genug zum Organisatorischen. F\u00fcr mich stellen Tro Tros Orte der Begegnung dar. Auf kleinstem Raum kommen schlecht angezogene und Leute in schicken Businesskost\u00fcmen, Kinder und Alte, Frauen und M\u00e4nner, Wei\u00dfe und Schwarze friedlich zusammen um alle einen Zweck zu verfolgen: Vorw\u00e4rtskommen. Frauen stillen ihre Kinder, \u00e4ltere Kinder stapeln sich \u00fcbereinander, denn nur f\u00fcr jeden besetzten Platz muss man zahlen, Leute Essen, Leute Reden, meistens l\u00e4uft auch das Radio nebenbei. Ich sitze besonders gerne am Fenster, versuche in den engen Sitzreihen Platz f\u00fcr meine Knie zu finden und meine umherfliegenden Haare zu b\u00e4ndigen (irgendwie gibt es durch die vielen Fenster immer Luftverbwirbellungen) und schaue hinaus, denn auf den Stra\u00dfen gibt es immer viel zu sehen. Die bunten H\u00e4userfassaden, unbenutzte und \u00fcberwachsene Eisenbahnschienen, L\u00e4den und Essensst\u00e4nde, Fl\u00fcsse in denen Plastik schwimmt, und nat\u00fcrlich: Menschen.<\/p>\n<p>Apropos Menschen: Lasst uns mal \u00fcber Fashion reden. Ich hoffe niemand in meiner Leserschaft geht davon aus, dass Ghanaer*innen ausschlie\u00dflich African Prints, also diese bunt gemusterten Stoffe um sich gewickelt haben. Nat\u00fcrlich tragen die Menschen hier auch (nicht zuletzt als Erbe des Kolonialismus) \u201ewestliche Kleidung\u201c. Es gibt, vor Allem im kommerziellen Zentrum Adum sehr viele Klamottenst\u00e4nde, die viel second-hand Kleidung verkaufen, aber auch Neuwertiges. Neulich habe ich zum Beispiel eine lange Jeans von Topshop, die definitiv noch niemand getragen hatte (das merkt man doch) f\u00fcr umgerechnet ca. 2,70\u20ac gekauft und bin sehr zufrieden damit.<\/p>\n<p>Im Stra\u00dfenbild sieht man aber auch African Prints (sie werden hier hergestellt und zu Massen verkauft, nat\u00fcrlich werden sie auch getragen). Entweder werden sie zu sch\u00f6nen Oberteilen, Kleidern und R\u00f6cken gen\u00e4ht um dann zum Beispiel Sonntags in der Kirche getragen zu werden, sie werden einfach als Alltagskleidung getragen, sie werden von Marktfrauen als Sch\u00fcrze getragen, in der in zwei Taschen das Wechselgeld aufbewahrt wird, oft sieht man sie auch zu einer Art Kissen aufgerollt, dass das auf dem Kopf Tragen von schweren Gegenst\u00e4nden angenehmer macht oder sie werden als Babytragetuch verwendet (Kinderwagen sind in den vollen Stra\u00dfen absolut unpraktisch. Ich habe noch keinen einzigen gesehen).<\/p>\n<p>Viele Wei\u00dfe Freiwillige kaufen sich hier w\u00e4hrend Ihres Aufenthalts Unmengen an Stoff und lassen sich dann daraus alle erdenklichen Kleidungsst\u00fccke schneidern. Daf\u00fcr, muss ich aber sagen, hab ich noch nicht viele Wei\u00dfe in African Print herumlaufen sehen. Braids, also diese Zopffrisuren mit ganz vielen kleinen Z\u00f6pfen, die oft auch durch Extensions verl\u00e4ngert werden bemerke ich daf\u00fcr h\u00e4ufiger an Wei\u00dfen. Mir pers\u00f6nlich w\u00e4re aber das Tragen von zu viel Prints und\/oder Beides auch etwas unangenehm. Hier in Ghana st\u00f6rt es zwar niemanden, aber in Deutschland liegt der Vorwurf der kulturellen Aneignung schon sehr nahe, und das verstehe ich auch. Falls jemand nicht wei\u00df, was ich meine: Bitte informieren. Ich kann das leider nicht ausreichend erkl\u00e4ren, daf\u00fcr fehlt mir Einiges an Hintergrundwissen und ich m\u00f6chte hier nichts Unzureichendes schreiben. Je mehr Menschen aber dar\u00fcber Bescheid wissen, desto besser.<\/p>\n<p>Da mein letzter Blogeintrag noch nicht lange zur\u00fcckliegt, gibt es aus meinem Leben nicht allzu viel Neues zu erz\u00e4hlen. Ich habe mit anderen Freiwilligen Pfannenpl\u00e4tzchen gebacken, oder viel mehr improvisiert (Kein Ofen und \u00d6l statt Butter) und war endlich mal in dem Rattray Park, von dem ich im dritten Blogeintrag geschrieben habe (war ganz nett, aber nicht umwerfend). Neu ist noch, dass ich langsam anfange mich hier angekommen zu f\u00fchlen. Ja, nach 2 \u00bd Monaten erst, aber immerhin. Manche ganzj\u00e4hrige Freiwillige sagen, sie h\u00e4tten erst nach einem halben Jahr in Ghana wirklich wohlgef\u00fchlt.<\/p>\n<p>Weil es vor Weihnachten vielleicht keinen Eintrag mehr geben wird, wie versprochen: Afenhyiapa \u2013 Fr\u00f6hliche Weihnachten und ein gutes Neues Jahr.<\/p>\n<p>Und ich m\u00f6chte jetzt bitte alle die richtige Antwort darauf murmeln h\u00f6ren: Afe nk\u0254 me to y\u025bn.<\/p>\n<p>Bis bald<br \/>\nSophie<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zugegeben, ich bin schon fasziniert von diesem Kleinbussystem. 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