{"id":43,"date":"2021-04-26T16:08:12","date_gmt":"2021-04-26T14:08:12","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/klarafallro\/?p=43"},"modified":"2021-05-22T16:15:41","modified_gmt":"2021-05-22T14:15:41","slug":"blumen-am-fluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/klarafallro\/2021\/04\/26\/blumen-am-fluss\/","title":{"rendered":"Blumen am Fluss"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDer Weg ist das Ziel\u201d, wir alle kennen dieses Sprichwort, oder? Fr\u00fcher habe ich nie gewusst, was das bedeuten soll. Ich fand das total widerspr\u00fcchlich. Mittlerweile habe ich verstanden, was es bedeutet und zum ersten Mal kann ich es am eigenen Leib so richtig nachvollziehen. Glaube ich.<\/p>\n<p>So langsam begreife ich, dass ich wirklich in Rum\u00e4nien wohne. Und seit ein paar Wochen erlaube ich mir auch immer mehr anzukommen. Ich bin jetzt zum Beispiel ein Haushalt der Essig besitzt, und ich habe mir zum ersten Mal Klopapier nachgekauft. Au\u00dferdem sind nun ein Wasserfilter (man kann hier das Leitungswasser nicht trinken) und eine rum\u00e4nische Handynummer bei mir eingezogen. Anschaffungen die davon zeugen, dass ich nicht nur Urlaub in Oradea mache. Dinge die allt\u00e4glich sind, sich anfangs aber \u00fcberhaupt nicht so angef\u00fchlt haben. Mittlerweile geh\u00f6rt auch zu meinem Alltag die Stra\u00dfenbahn zu nutzen. Meine Wohnung liegt 30 min zu Fu\u00df von der Schule entfernt. Da meine Motivation zu laufen, fr\u00fch morgens, mit vielen Eink\u00e4ufen oder bei miesem Wetter, eher gering ist, habe ich das Abenteuer &#8222;Stra\u00dfenbahnfahren&#8220; f\u00fcr mich entdeckt. Es bestand am Anfang eine fifty- fifty Chance, ob ich p\u00fcnktlich an der Schule ankomme oder nicht.\u00a0 Auf der Strecke die ich fahren muss gibt es eine Kreuzung vor der ich immer ultra auff\u00e4llig aus dem Fenster gucke. Entweder die Stra\u00dfenbahn biegt rechts ab und ich kann entspannt weiterd\u00f6sen, oder aber sie biegt links ab und ich darf\u00a0 den ganzen Weg zur\u00fcckrennen und hoffen, dass ich die n\u00e4chstm\u00f6gliche Linie noch erreiche. Mittlerweile liegt mein Bauchgef\u00fchl meistens richtig und es sind die Ausnahmen, in denen ich links abbiege. Wenn ich doch mal in einer Bahn sitze, die den linken Weg einschl\u00e4gt, bin ich im Anschluss auf jeden Fall mehr als wach. Die andere sehr effiziente Weckmethode ist, sich gleich morgens einem Klassenraum voller Kinder zu stellen. Mein Tagesablauf variiert von Tag zu Tag und auch von Woche zu Woche. Ich finde das meisten ziemlich angenehm, nicht wie noch vor fast einem Jahr, einen gleichbleibenden Stundenplan zu verfolgen. Meistens berate ich mit Lehrerinnen kurzfristig wann ich in eine Klasse komme und was wir dann machen werden.\u00a0 Mit anderen Lehrkr\u00e4ften habe ich aber auch feste Stunden besprochen zu denen ich w\u00f6chentlich komme. Zum Beispiel gehe ich jeden Mittwoch in eine zweite Klasse (die Grundschule befindet sich im Pr\u00e4senzunterricht) und \u00fcbe mit den Sch\u00fcler*innen das Beschreiben von Bildern. Wir lernen dann gemeinsam neue Vokabeln und das Formulieren von S\u00e4tzen indem wir zu unterschiedlichen Bildern eine kleine Geschichte schreiben. In den letzten Tagen haben Nicole und ich mit einer f\u00fcnften Klasse den Aufbau eines Briefes kennengelernt. Wir haben gemeinsam erarbeitet, dass ich meinem Bruder in einem Brief eher nicht mit \u201esehr geehrter\u2026,\u201c anrede. Die Sch\u00fcler*innen meinten, sie w\u00fcrden das eher bei einem Pr\u00e4sidenten oder einer B\u00fcrgermeisterin anwenden! Die Klasse wei\u00df jetzt (hoffentlich) was eine Hausnummer ist und, dass nach einer Anrede ein Komma gesetzt wird. Wenn es das Wetter und die Zeit zulassen, gehe ich gerne mit den Kindern auf den Schulhof. Mit den Sch\u00fcler*innen der Nullten Klasse habe ich vor Kurzem ein sehr \u00fcberschaubares Gedicht ge\u00fcbt. Es handelte von einem Kind das Freundschaft mit einem Stein schlie\u00dft. Das klingt gerade wahrscheinlich total komisch, aber in das Unterrichtsgeschehen passte es perfekt hinein, sodass wir uns auf dem Hof jeder einen Stein suchten. Ich habe mir zu den Versen Bewegungen ausgedacht, die die Kinder konzentriert nachgeahmt haben. Ihr glaubt gar nicht wie viel Freude die Suche nach Steinen ausl\u00f6sen kann! Einige Eltern durften nach diesem Schultag mit Sicherheit eine \u00e4u\u00dferst sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlte Sammlung an Kieseln aus den Ranzen der Kinder bergen\u2026<\/p>\n<p>Gerade befindet sich Rum\u00e4nien in verl\u00e4ngerten Osterferien. Dennoch finden bei mir an der Schule freiwillige Nachhilfestunden in Pr\u00e4senz f\u00fcr einige Stufen statt. Ich blicke da selber nicht so ganz durch und m\u00f6chte keine Fake News verbreiten, aber auf jeden Fall habe ich einige Kinder zum ersten Mal in Person getroffen und das war definitiv ein kleiner Gl\u00fccksmoment. Es ist f\u00fcr mich manchmal gar nicht so einfach online Kinder zu motivieren, die ich noch nie getroffen habe. Es ist nicht die Seltenheit, dass ich in einem Meeting nur einen Haaransatz oder einen Umriss eines Kindes kennenlerne. Manchmal komme ich total durcheinander, weil ich Schwierigkeiten habe, die Sch\u00fcler*innen einer Klasse zuzuordnen. Ich hatte zum Beispiel einmal kurzfristig eine Vertretungsstunde mit einer Siebten, war mir aber nicht sicher ob es die siebte Klasse war, die ich schon einmal kennenlernen durfte. Dadurch, dass ich nur wenige Kinder sehe und die Namen durch die Videokonferenzen schlecht zuordnen kann, gerate ich schnell ins R\u00e4tseln. In der Vertretungsstunde haben die Kinder dann in Stillarbeit an einem Kunstprojekt weitergearbeitet, sodass ich sie nicht gesehen habe oder widererkennen konnte. In der Stunde danach war ich mit einer Lehrerin verabredet um mit einer Klasse ein Quiz zum Thema Regenwald durchzugehen. Total verpeilt begegnete ich den Kindern nicht wissend, dass sich hinter den Bildschirmen die Gleichen wie in der Kunststunde davor verbargen. F\u00fcnf Minuten nachdem ich sie also aus dem Kunstunterricht verabschiedet hatte und das Meeting mit den Worten \u201ebis bald\u201c beendete haben sie ihre Kameras im Deutschunterricht f\u00fcr das Quiz angemacht. Mir kamen die Namen bekannt vor, der Grosche ist bei mir aber erst sp\u00e4ter gefallen, was ganz kurz unangenehm war. Die Kinder wussten n\u00e4mlich nat\u00fcrlich sofort, wer ich war\u2026<\/p>\n<p>Am Freitag hatte ich mein sechsw\u00f6chiges Jubil\u00e4um in Rum\u00e4nien. Von Woche zu Woche verschwimmen die Tage und das Erlebte mehr ineinander. Ich bilde mir ein, dass die Zeit noch gar nicht so weit vorrangeschritten sein kann, wenn ich mir noch merken kann seit wie vielen Wochen ich hier bin. Oft f\u00fchlt es sich so an, als h\u00e4tte ich noch gar nichts unternommen, als h\u00e4tte ich meine Zeit nicht effizient genug genutzt. Dabei ist das gar nicht wahr. <!--more-->Und selbst wenn, es geht ja nicht darum m\u00f6glichst viel m\u00f6glichst schnell zu erleben. Ich habe schon Fu\u00df in mindestens f\u00fcnf andere St\u00e4dte gesetzt und die Zeit mit anderen Freiwilligen, vielen Spazierg\u00e4ngen, Entdeckungstouren und dem Genie\u00dfen von Aussichten verbracht. Ich habe sehr viele Pl\u0103cint\u0103 gegessen, in einer merkw\u00fcrdigen Mischung aus rum\u00e4nisch, englisch und deutsch rumgestammelt und dem ein oder anderen winzigen, verlassenen Bahnhof Rum\u00e4niens einen Besuch abgestattet. Au\u00dferdem habe ich zwei ziemlich beeindruckende H\u00f6hlen besichtigt. In der Einen (Pe\u0219tera U\u0219ilor) ist ein versteinertes H\u00f6hlenb\u00e4renskelett ausgestellt und es sind Tropfsteinen bis das Auge reicht zu entdecken. Total faszinierend, jedoch nur mit einer F\u00fchrung zu besichtigen von der ich Null Komma Null verstanden habe. Die andere H\u00f6hle (Pe\u0219tera Unguru Mare) war zu meiner Erstaunung ohne Guide betretbar. Nachdem wir einen winzigen Eintrittspreis gezahlt haben, durften wir \u00fcber eine ziemlich lange, wackelige und zum Teil kaputte H\u00e4ngebr\u00fccke spazieren. Wir standen, sobald wir wieder weniger schwankenden Boden unter den F\u00fc\u00dfen hatten, mitten in einem riesigen H\u00f6hleneingang. Auf selbstverst\u00e4ndich vorgegebenen Wegen durften wir dann auf eigene Faust diese H\u00f6hle erkunden. Man hat sich immer weiter von dem Licht entfernt, konnte riesige Schatten an den W\u00e4nden bilden und mit etwas Fanntasie den Infotafeln entnehmen, was sich in diesem gewaltigen Raum f\u00fcr Leben verbirgt beziehungsweise verbarg. F\u00fcr mich war dieser Ausflug auf jeden Fall ein Highlight! Auf dem Weg zu der H\u00f6hle sind wir die ganze Zeit an einem rauschendem Fluss, an Felsen und W\u00e4ldern vorbeigelaufen. Zu den braunen Plattenbauten, dem wilden Verkehr und dem Trubel der Gro\u00dfstadt ein willkommener Kontrast. Ich mag es ab und zu aus der Stadt rauszukommen. Ich w\u00fcrde ansonsten keine Pferdekarren, s\u00fc\u00dfe Hunde die ihre Schnauzen unter bunten Gartentoren durchstecken oder unerwartet sch\u00f6ne Picknickstellen entdecken. Dennoch bin ich ziemlich froh in einer Gro\u00dfstadt gelandet zu sein. Ich bin zum Beispiel immer noch in die zahlreichen Jugendstilh\u00e4user in der Innenstdt verliebt, habe mittlerweile herausgefunden wo man einen sehr guten Veggie- Burger kaufen kann und wei\u00df, dass ich total viel noch nicht entdeckt habe. Es gibt einen Park in Oradea, da wurden Bose Boxen in die Beete eingebaut. Immer, wenn ich dort war hat ziemlich idyllische Musik die Atmosph\u00e4re am Flussufer untermalt. Wir sind \u00fcberzeugt, dass es den Blumen in den Musik- Beeten besser geht als denen in den Beeten ohne Musik&#8230; Das ist definitiv einer meiner liebsten Orte hier.<\/p>\n<p>Manchmal, wenn es mir nicht so gut geht, setze ich ich drau\u00dfen irgendwo hin, h\u00f6re Musik und lasse den Kopf nicht h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>So wie die Blumen am Fluss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer Weg ist das Ziel\u201d, wir alle kennen dieses Sprichwort, oder? 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