{"id":24,"date":"2023-10-17T03:19:56","date_gmt":"2023-10-17T01:19:56","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/kenzagoesplaces\/?p=24"},"modified":"2023-10-17T03:22:50","modified_gmt":"2023-10-17T01:22:50","slug":"ein-neues-zuhause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/kenzagoesplaces\/2023\/10\/17\/ein-neues-zuhause\/","title":{"rendered":"Ein neues Zuhause"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin jetzt knapp dreieinhalb Wochen in meiner Einsatzstelle hier in Fray Bentos. Und ich muss sagen, so langsam f\u00fchlt es sich danach an, als w\u00e4re ich angekommen. Zumindest habe ich mittlerweile realisiert, dass diese Kleinstadt am R\u00edo Uruguay bis August mein Zuhause sein wird. Nach unserer Ankunft Ende September wurden wir von unserem Vermieter abgeholt und direkt herzlich aufgenommen. Zun\u00e4chst ein kurzer Irritationsmoment, war uns doch nicht bewusst, dass die Schlafzimmer in unserem Studierendenwohnheim mit einer anderen Person geteilt werden. Und so lernte ich meine Mitbewohnerin kennen, mit der allerdings bisher noch keine wirklichen Konversationen zustande kamen, abgesehen von unserem zweiten Tag, an dem wir von ihrer Familie, die zu diesem Zeitpunkt aus Maldonado zu Besuch war, zum Essen eingeladen wurden. Dass wir noch nicht wirklich viel miteinander zu tun hatten, liegt nicht daran, dass wir uns nicht verstehen w\u00fcrden, sondern vielmehr an unseren sehr unterschiedlichen Tagesrhythmen. W\u00e4hrend ich meistens gegen 8 Uhr aufstehe, um entweder zur Arbeit zu gehen oder andere Dinge zu unternehmen und gegen 22:30 schlafen gehe, steht sie nie vor 13 Uhr auf und kommt oft mitten in der Nacht nach Hause oder sitzt den ganzen Tag (und die ganze Nacht) vor dem Computer. Das st\u00f6rt mich aber nicht wirklich, denn dadurch habe ich die meiste Zeit irgendwie doch das Gef\u00fchl, alleine zu wohnen. Mein Mitfreiwilliger hatte Gl\u00fcck und seine Wohnung aktuell noch mindestens bis M\u00e4rz f\u00fcr sich alleine. Aber wie gesagt, so sehr st\u00f6rt mich das Ganze dann doch wieder nicht. Etwas nerviger ist die Tatsache, dass unser Wohnheim au\u00dferhalb der Stadt liegt und wir deshalb immer knappe 40 Minuten in die Stadt bzw. zur Arbeit laufen. Wir haben zwar Fahrr\u00e4der, die sind aber ziemlich niedrig und deswegen nicht so ideal. Der Weg ist eigentlich auch immer ganz sch\u00f6n, aber mal sehen, ob ich die 40 Minuten immer noch laufen will, wenn es hier um die \u00a045 Grad hat, wie uns schon verk\u00fcndet wurde\u2026 Und die Wocheneink\u00e4ufe den ganzen Weg zu schleppen ist auch nicht immer so spa\u00dfig. Ich muss mir da mal noch eine bessere L\u00f6sung \u00fcberlegen.<br \/>\nAm 25. September war dann unser erster Arbeitstag im \u201eMuseo de la Revoluci\u00f3n Industrial\u201c, an dem wir unsere Kolleg*innen kennenlernten. Unser Chef war zu diesem Zeitpunkt noch in Urlaub, weswegen wir die ersten Tage, au\u00dfer bei ein paar F\u00fchrungen mitzugehen, leider nicht viel tun konnten. Als er dann wieder bei der Arbeit war, wurden wir prompt dem Intendente (vergleichbar mit einem Landrat) der Region \u201eR\u00edo Negro\u201c vorgestellt und bekamen eine F\u00fchrung durch das kleine Theater der Stadt. Obwohl Fray Bentos klein ist, gibt es au\u00dfer dem Theater noch ein weiteres Museum, unz\u00e4hlige Superm\u00e4rkte und zahlreiche Gesch\u00e4fte, mehrere Sportvereine und sogar einen Nachtclub, den wir allerdings noch nicht besucht haben.<br \/>\nUnsere Arbeit im Museum besteht vor allem darin, F\u00fchrungen f\u00fcr nicht-spanischsprachige Tourist*innen zu geben. Wir waren ziemlich stolz, nach knapp zwei Wochen bereits komplett alleine F\u00fchrungen zu machen und nicht nur zu \u00fcbersetzen. Lediglich ein Kollege hier spricht Englisch und deswegen ist es sehr gerne gesehen, dass wir hier sind und dabei unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Der Austausch mit den G\u00e4sten ist immer spannend und wir erfuhren, dass es wohl ziemlich beliebt bei einigen Europ\u00e4er*innen ist, im September einen riesigen LKW mit Wohneinheit nach Montevideo zu verschiffen, dann selber nachzufliegen und dann durch Uruguay und Argentinien zu fahren, um den Jahreswechsel in Feuerland zu verbringen. Das ist zumindest, was uns die Mehrheit derjenigen erz\u00e4hlt hat, f\u00fcr die wir bisher schon F\u00fchrungen machen durften, wenn wir gefragt haben, was sie nach S\u00fcdamerika und Fray Bentos f\u00fchrt. Eine Ausnahme bildet das franz\u00f6sische P\u00e4rchen, was letzte Woche da war und die eine Fahrradtour bis zu den Iguazu-Wasserf\u00e4llen machen. Es gibt nichts, was es nicht gibt! Jedenfalls sind die Europ\u00e4er*innen immer \u00e4u\u00dferst erstaunt und positiv \u00fcberrascht, dass sie hier sogar eine F\u00fchrung auf Englisch, Deutsch oder Franz\u00f6sisch bekommen k\u00f6nnen, was im Falle des franz\u00f6sischen P\u00e4rchens \u00fcberraschenderweise sogar zu einem kleinen Trinkgeld f\u00fcr mich f\u00fchrte.<br \/>\nAbgesehen von den F\u00fchrungen haben wir auf Wunsch unseres Chefs angefangen, Aktivit\u00e4ten im Museum f\u00fcr Kinder zu entwickeln. Hier ist zu erw\u00e4hnen, dass unser Chef uns selbst oft gerne mehr oder weniger ernsthaft \u201echiquilines\u201c nennt, ein uns vorher unbekannter s\u00fcdamerikanischer Ausdruck, der auf Deutsch etwa mit \u201eKinners\u201c zu \u00fcbersetzen w\u00e4re. Im Zuge dessen entstand etwa ein Memory-Spiel zu den verschiedenen Produkten der Fabrik.<br \/>\nWir hatten auch schon dar\u00fcber gesprochen, dass wir bei der Social Media- und \u00d6ffentlichkeitsarbeit unterst\u00fctzen sollen, das wurde bisher aber noch nicht weiter thematisiert. Leider kommt es ab und zu vor, dass wir 2 Stunden nur im B\u00fcro sitzen und nichts zu tun haben, aber sobald wir die M\u00f6glichkeit haben, mit unserem Chef \u00fcber Langzeitprojekte zu sprechen, wird sich das wohl auch \u00e4ndern. Um die Sprache zu lernen ist unsere Einsatzstelle jedenfalls perfekt, da wir, wie schon angesprochen, hier au\u00dfer mit Spanisch nicht weit kommen.<br \/>\nEtwas schwierig stellt sich aktuell aber noch das Leute kennenlernen heraus. Es ist halt immer noch eine Kleinstadt, hei\u00dft, es kennt sich hier quasi schon jeder und es wird nicht wirklich damit gerechnet, dass sich Deutsche f\u00fcr ein Jahr hier her verirren. Es gibt zwar die \u201eUTEC\u201c, die technische Universit\u00e4t mit knapp 1000 Studierenden, aber irgendwie haben wir noch nicht herausgefunden, wo man diese am ehesten antreffen kann. Auch die Party-Zeiten sind hier etwas gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig. In der Sprachschule in Montevideo wurde uns mit auf den Weg gegeben \u201eIn Montevideo geht man erst ab 3 Uhr in den Club, im Rest des Landes noch sp\u00e4ter!\u201c. Das entspricht ja mal so gar nicht meinem Schlafrhythmus. Ich habe ja die Vermutung, dass ein Zusammenhang zwischen dem exzessiven Mate-Konsum der Uruguayos und diesen extremen Zeiten zusammenh\u00e4ngt\u2026 Das andere Extrem erlebten wir dann gestern, als wir zu einer Stra\u00dfenparty mit vielen jungen Leuten dazustie\u00dfen, die jedoch um 20 Uhr vom DJ als beendet erkl\u00e4rt wurde. Dementsprechend gro\u00df waren die Fragezeichen in unseren K\u00f6pfen \u00fcber dieses abrupte Partyende. Aber das wird schon noch, da mache ich mir keine Sorgen. Ein junger Kollege, mit dem wir uns gut verstehen, ist hier im Ruderverein t\u00e4tig und will uns mal mitnehmen, sobald die Saison im November wieder startet. Im Verein ist es sicherlich leichter, Leute kennenzulernen. Auch das Schwimmbad \u00f6ffnet in zwei Wochen wieder, das muss ich dann auch mal auschecken.<br \/>\nExzessiv ist bei den Uruguayos nicht nur der Matekonsum, sondern auch bei Fleisch und Alkohol sind sie ganz vorne mit dabei. Kein Wunder, denn beim traditionellen \u201easado\u201c (Grillen) wird mit 1-2 Kilo pro Person gerechnet. Da braucht man nicht mehr zu fragen, warum ausgerechnet hier die Fleischextraktfabrik gebaut wurde\u2026<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 1rem\">Nat\u00fcrlich werden wir nicht das ganze Jahr nur in Fray Bentos bleiben, sondern es sind bereits einige Reisen geplant. Wir haben bereits die Nachbarstadt Mercedes besichtigt und auch geplant, einige der anderen Einsatzstellen in Uruguay anzuschauen. Logistisch ist dies aufgrund der ziemlich entt\u00e4uschenden Reisebusverbindungen zwar etwas aufwendig, aber irgendwie wird das schon klappen. Mehrfach haben wir uns bereits dar\u00fcber ausgelassen, warum es hier keine Highspeedz\u00fcge gibt, f\u00fcr die das Land mit einer h\u00f6chsten Erhebung von sage und schreibe 500m eigentlich pr\u00e4destiniert w\u00e4re. Aber das bleibt wohl ein Traum der europ\u00e4ischen Freiwilligen. Deswegen hei\u00dft es teilweise 6 Stunden Fahrt f\u00fcr eigentlich nur 150 km\u2026<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 1rem\">Au\u00dferdem geht es bereits am 11. November f\u00fcr 8 Tage nach Buenos Aires und somit auf den ersten Auslandstrip unseres Aufenthalts, um dort unser Zwischenseminar zu verbringen, welches zwar online stattfindet, wir uns die Erfahrung eines Seminars gemeinsam mit den anderen aber trotzdem nicht nehmen wollten.<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: 1rem\">Alle weiteren Reisen sind noch in Planung, aber Argentinien und Brasilien werden auf jeden Fall besonders bereist werden.<\/span><\/p>\n<p>Und so schnell kann es gehen, sich an einem neuen Ort 11.000km entfernt zuhause zu f\u00fchlen. Auch wenn nicht alles perfekt ist (wir hatten zum Beispiel 3 Tage kein bzw. kaum Wasser) und ich mich an einiges noch gew\u00f6hnen muss, zum Beispiel die abartigen uruguayischen Preise, weil quasi alles importiert werden muss. Hier zahlt man f\u00fcr ein Glas Pesto gut und gerne mal 8\u20ac, ich muss also immer genau abw\u00e4gen, was ich kaufe und was nicht. Das Einzige, was man hier wirklich hinterhergeschmissen bekommt, ist mobiles Internet f\u00fcr das Handy. Eine Aufladung f\u00fcr 20 GB bekomme ich f\u00fcr 4,69\u20ac. Da kann sich Deutschland mal eine Scheibe von abschneiden.<br \/>\nAber davon lernt man ja auch f\u00fcr das Leben. Das Gleiche gilt f\u00fcr das Kochen f\u00fcr eine Person, das mich in den ersten zwei Wochen noch vor eine ziemliche Herausforderung gestellt hat, jetzt aber schon viel besser klappt.<br \/>\nAber eigentlich f\u00fchle ich mich doch schon ziemlich wohl. Dies liegt sicherlich auch daran, dass die Stadt so \u201etranquilo\u201c ist, man darf halt wirklich nicht erwarten, dass hier viel abgeht, aber dann ist es eigentlich wirklich sch\u00f6n. Mir gefallen besonders die vielen Felder mit K\u00fchen, Schafen und Pferden (die Unmengen an Stra\u00dfenhunden eher weniger\u2026) und die \u201eRambla\u201c, die Flusspromenade, an der der Fluss jeden Abend in wundersch\u00f6ne Orange- und Rott\u00f6ne getaucht wird, bevor die Sonne in Windeseile hinter den Geb\u00e4uden der Fleischfabrik verschwindet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin jetzt knapp dreieinhalb Wochen in meiner Einsatzstelle hier in Fray Bentos. Und ich muss sagen, so langsam f\u00fchlt es sich danach an, als w\u00e4re ich angekommen. Zumindest habe ich mittlerweile realisiert, dass diese Kleinstadt am R\u00edo Uruguay bis August mein Zuhause sein wird. 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