17.05.2020 – Three Months Later

Sich heimlich aus der Tür zu schleichen, war keine bewusste Entscheidung.

Es sind fast drei Monate vergangen, seit ich aus dem Flugzeug gestiegen bin und mich Deutschland wieder verschluckt hat. Nach 6 Monaten in einem anderen Leben kommt man an und alles ist wie vorher.
Natürlich ist nichts wie vorher. Zwischen den zwei Realitäten liegt aber eine halbe Welt. Und für ein ganzes Weilchen bewegt man sich in einem Zwischenbereich. Einem Transitbereich, den man erst langsam verlässt.
Die ersten fünf Tage die ich in Deutschland war, habe ich die Armbanduhr nicht umgestellt, die ich am Handgelenk trug. Ich habe drauf geschaut und darüber nachgedacht, was ich gerade tun würde, wäre ich noch dort.
Irgendwann habe ich auch diesen letzten Anker gelichtet. „Man kommt ja sonst nie richtig an“, habe ich gesagt.

Relativ schnell war die Mongolei nur noch auf zwei Arten in meinem Bewusstsein. Als Geschichte, die ich erzählte, wenn mich Menschen nach den letzten 6 Monaten fragten oder als Gegenbeispiel.
Ich habe eine Flasche mit Pfand betrachtet und mich über sie gewundert.
Ich bin Fahrrad gefahren. Oder U-Bahn.
Mir sind Dinge aufgefallen, über die ich früher nicht nachgedacht habe. Kleinigkeiten, die mir nur auffielen, weil sie 6 Monate lang für mich nicht existierten. Ich wünschte, ich hätte sie aufgeschrieben, denn natürlich fallen sie mir nicht mehr ein. Eine Sache weiß ich aber noch.
Wir laufen über den Hackischen Markt. „Schau mal“, sage ich und deute auf die pinke Telekom-Telefonzelle. „Die gab es in der Mongolei auch nicht:“
Mein Gesprächspartner dreht sich zu mir. „Ich wusste gar nicht, dass es die hier gibt.“

Ein gutes Beispiel für die Individualität dieser Dissonanzen. Jeder spürt sie auf seine Weise.
Und genau so, wie kleine Dinge wieder Normalität werden, wird es unvorstellbar, sich an die Straße zu stellen und ein privates Auto als Taxi anzuhalten oder morgens durch knirschenden Schnee zur Arbeit zu gehen. Denn diese andere Realität entfernt sich rasend schnell und verschwindet am Horizont

„Wo ist die Harmonie geblieben?“, fragte er. Doch die Dissharmonien, die in seinen Ohren schrillten, übertönten das Flüstern, dass ihm antwortete.

 

~ von mir, ca. 3 Wochen nach der Rückkehr

 

Ja, es gibt einen „reverse culture shock“. Und er fühlt sich verdammt merkwürdig an. Aber er geht vorbei und es bleibt nicht so viel. Das Leben geht eben weiter.

Da ist natürlich jetzt die große Frage: Was hast du mitgenommen?
Ich habe eigentlich gar keine Lust, darüber zu schreiben, weil ich der Frage sowieso nicht gerecht werden kann. Ich werde immer denken, irgendwas hast du bestimmt vergessen. Also versuche ich gar nicht erst, vollständig zu sein.
Da ist eine endlose Flut von Bildern in meinem Kopf, auf die ich immer zurückgreifen kann. Da sind die Erfahrungen mit dem Reisen, die unfassbar wertvoll sind. Ich hab gelernt, mein eigenes Geld zu verwalten. Ein paar Brocken Mongolisch sind auch noch da. Und vor allem habe ich in diesen 6 Monaten meinen Horizont erweitert. Über den Tellerrand geblickt. Und so abgedroschen das klingt, genau so ist das.
Ich habe ein Gefühl für die Weite der Welt bekomen.

Mit diesen Worten verabschiede ich mich. Ich hoffe, es war angenehm die Welt ein bischen mit meinen Augen zu sehen und meinen Worten zu lauschen. Mal sehen, wohin mich die Straße führt. In diesem Sinne.

Die Straße gleitet fort und fort,
Weg von der Tür, wo sie begann,
Zur Ferne hin, zum fremden Ort,
Ihr folge denn, wer wandern kann
Und einem neuen Ziel sich weihn (…)

Vielen Dank.

PS: Ich habe die Gelegenheit gleich mal genutzt und noch eine Menge Beiträge vertont. Die Seite „Vertonung“ sollte also jetzt eigentlich vollständig sein.

Ein Gedanke zu „17.05.2020 – Three Months Later

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