19.12. – Angekommen sein

Ja, ich weiß, ich hab jetzt lang nicht geschrieben.
Ich war unterwegs, mein Laptop war kaputt, ich hatte viel Stress.
Egal.
Ich werde mich nicht mehr rechtfertigen.
Nicht vor mir, nicht vor irgendwem.
Ich werde auch nichts nachholen. Was kommt kommt und was nicht das nicht. Falls ihr euch fragt, wie es mir gerade geht, schreibt mir ruhig.
Ich werde über viele Dinge nicht schreiben und wenn ich irgendwann in 10 Jahren diesen Beitrag lese, werde ich es vielleicht bereuen.
Ich werde nicht über die Reise in die Gobi schreiben. Dazu gibt’s Fotos, wenn ich sie hab.
Ich werde nicht über das Seminar in Kasachstan schreiben, den Reisestress, die Zeit in Peking und in der Transsibirischen Eisenbahn. Gibts vielleicht auch Fotos zu.
Ich werde nichts nachholen.
Und am Ende wird dieser Blog löchrig sein, wie ein Käse. Er wird keine Chronik sein, sondern eine Taschenlampe die im Dunkeln rumstochert und einzelne Ereignisse beleuchtet.
Schätze ich bin dann doch nicht der Chronist meines Lebens. Dafür bin ich dann auch wieder nicht arrogant genug.

Manchen wird es aufgefallen sein, dass ich heute meine Erzählerstimme zuhause gelassen habe. Keine Sorge, sie ist noch da. Aber ich dachte, ich rede mal ne Runde Klartext, bevor ich zurück kehre zu (m)einer „humorvollen Kollumne“. Wer sich das nicht geben will, den zwing ich nicht dazu.

Ich bin angekommen.
So fühlt es sich auf jeden Fall an. Ich habe einen Rhythmus, ich tue Dinge, ich fühle mich nützlich, ich bin da.

Und ich bin erlebnishungrig. Wenn ich mit der Schule fertig bin gehe ich nach links in die Stadt und nicht nach rechts nach Hause.
Weil ich was erleben will.
Weil ich Menschen, Orte, Dinge erleben will. Weil ich diese Stadt riechen, schmecken, hören, sehen und berühren will. Und weil es mir nicht reicht was ich schon hab.
Ich hab nen Bandwurm. Ich kann nicht genug bekommen. Ich bin immer hungrig. Und die Ansprüche die ich an mich gestellt habe sind zu hoch.
Viel zu hoch.
Und jeden Tag lerne ich aufs Neue, damit umzugehen.
Bis ich irgendwann vielleicht endgültig erkannt habe, dass jeder Tag hier alles bedeutet.
Egal, was ich gestern gesagt habe, was ich heute tue. Und wenn ich einen Tag lang im Bett liege und nichts tue (was ich gar nicht könnte). Dann habe ich diesen Tag trotzdem mit mir verbracht und etwas neues über mich gelernt.
Ich lebe bewusst hier. Lerne mich kennen. Bin ganz da.
Und ich weiß gar nicht genau, was ich von dem Menschen halte, den ich kennenlerne, aber das ist auch egal, weil ich das bin und das ist gut so.

Und ich fahre auf bekannten Straßen. Asphaltiere die Denkmuster die mich aufrecht halten. Und ich fahre offroad. Ich bleib im Schnee stecken, mir rutschen die Reifen weg und es ist egal. Weil ob ich auf der Straße fahre oder grade schieben muss, das bin ich. Und ich wäre nichts lieber.

Und dabei bin ich nur noch 9 Wochen hier. Wenn mich Menschen fragen, was ich davon halte, sage ich immer: „Ich möchte hier bleiben. Und ich möchte nach Hause. Und irgenwie widerspricht sich das, fürchte ich.“
Weil es geht gar nicht darum. Es geht darum, dass ich am liebsten die Zeit anhalten würde.
So sehr mich die Arbeit manchmal stresst und dieser Einheitsbrei von Arbeitsalltag, wo zwar kein Tag dem andern ähnelt und sie doch alle gleich sind. Aber hier bin ich jemand.
Hier bedeute ich etwas.
Hier habe ich einen Einfluss auf Menschen. Hier kann ich was bewirken.

Ich höre jeden Tag die Stimmen von vielen Kindern. Die „Hallo Karl!“ rufen und sich freuen mich zu sehen. Ich sehe das Leuchten in ihren Augen wenn sie fragen: „Are you gonna teach us today?“ (weil sie sich mit Englisch wohler fühlen) und ich sage „Ja.“

Ich weiß, dass ich hier angekommen bin.
Ich weiß, dass ich hier jemand bin.
Und das fühlt sich gut an.
Weil.
Wie lange wird das dauern, bis ich das wirklich behaupten kann?
Ich weiß noch nicht, wo mein Platz im Leben ist, so alles in allem.
Ich weiß nicht, wer ich sein will.
Ich weiß nicht, wo ich sein will.
Es gibt so viele Ideen.

Und jeder Tag hier, macht mir Hoffnung.
Jeder Tag hier fordert mich heraus.
Jeder Tag hier ist ein neuer, wichtiger in meinem Leben.
Heute ist der Tag, wo ich für die 3. Klasse den Weihnachtsmann gespielt habe.
Gestern war der Tag, wo ich ein Wichtelgeschenk übergeben habe und es signiert hatte, weil ich verpeilt hatte, das es geheim sein sollte.
Vorgestern war der Tag, an dem ich 30 4.-Klässlern dabei zugehört habe, wie sie „In der Weihnachtsbäckerei“ singen.
Vorvorgestern war der Tag, wo zu meiner AG niemand aufgetaucht ist, weil sie alle zu viel zu tun hatten.
Ich weiß noch nicht, welcher Tag morgen ist.
Aber ich freu mich auf ihn.
Ich knack die Fingerknöchel und warte auf die Herausforderungen die er mir stellen wird.
Und ich öffne die Hände für die Geschenke die er mir geben wird.

So.
Das war erst mal alles.
Hat gut getan.
Schöne Grüße aus UB,
Karl

3 Gedanken zu „19.12. – Angekommen sein

  1. Frohes neues Karl! Oute mich mal hier als weiterer Leser Deines Blogs!
    Ich finde Du könntest über die Nordostseepassage zurück… is auch wenig Eis im Sommer. Grüße Moritz

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