{"id":7,"date":"2010-04-07T15:29:01","date_gmt":"2010-04-07T13:29:01","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/karininkamerun\/2010\/04\/07\/klappe-die-zweite\/"},"modified":"2010-04-07T15:29:01","modified_gmt":"2010-04-07T13:29:01","slug":"klappe-die-zweite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/karininkamerun\/2010\/04\/07\/klappe-die-zweite\/","title":{"rendered":"Klappe die zweite"},"content":{"rendered":"<p>Hallo Ihr Lieben,<\/p>\n<p>ich wei\u00df, es ist wirklich schon eine ganze Weile her, dass ich euch geschrieben habe. Die Zeit vergeht hier wie im Flug, man lernt wahnsinnig schnell Leute kennen und alle wollen mit einem Dinge unternehmen. So kommt es, dass die Zeit, die ich bei mir in der Wohnung verbringe, wirklich nur sehr knapp bemessen ist. Aber ihr wisst ja, dass ich das eigentlich brauche. Inzwischen gibt es auch immer mehr zu tun f\u00fcr mich im Goethe-Institut und ich rutsche in die Kulturszene hinein.<\/p>\n<p>So waren die letzten zwei Wochen sehr kunterbunt. Nachdem ich die ersten anderthalb Wochen prim\u00e4r damit verbracht habe, Kulturleuten die H\u00e4nde zu sch\u00fctteln und freundlich zu l\u00e4cheln, geht es inzwischen darum, nicht nur zu l\u00e4cheln, sondern auch freundliche Worte zu wechseln und nach dem Befinden des Gegen\u00fcbers zu fragen. Deutsche Repr\u00e4sentantin zu sein ist gar nicht so leicht. Letzte Woche Samstag fand im Rahmen einer Deutscholympiade (In Kamerun liebt man jegliche Form von Olympiade oder Wettbewerb, ganz egal, ob es hinterher etwas zu gewinnen gibt oder nicht) eine Ausstellung des Goethe-Institutes \u00fcber Jugendliche in Deutschland statt. Hinterher durften die Sch\u00fcler Fragen stellen und da wurden kulturelle Unterschiede erst richtig sichtbar. Fragen wie: wie k\u00f6nnen sich Jugendliche in Deutschland trauen, sich mitten auf der Stra\u00dfe zu k\u00fcssen, haben die denn gar keinen Respekt vor den \u00c4lteren? Wieso gehen nur 11% der Jugendlichen in die Kirche?, Wieso gehen die Jugendlichen nicht gerne in die Schule?, Sind die Jugendlichen rassistisch? Und vor allem die brennende Frage: Wie sind die Deutschen? waren f\u00fcr mich doch eine besondere Herausforderung \u2013 so diplomatisch wie m\u00f6glich bleiben, wahre Dinge \u00fcber Deutschland erz\u00e4hlen ohne sich zu positiv oder zu negativ zu \u00e4u\u00dfern, Stereotype ausr\u00e4umen ohne deutsche Eigenschaften zu leugnen. Am meisten Aufruhr bewirkte wohl die unschuldige Frage eines M\u00e4dchens, sie habe geh\u00f6rt, die Deutschen k\u00f6nnten nicht tanzen und wollte gern mal sehen, ob das auch wirklich so sei. Dazu muss gesagt werden, dass ich, um besser gesehen zu werden, w\u00e4hrend der ganzen Diskussion auf einem Tisch \u2013 als eine Art B\u00fchnenersatz \u2013 stand. Nun, ich folgte dann doch nicht meinem ersten Impuls, zu fliehen, weil ich mir dachte, das w\u00fcrde exakt jeglichen deutschen Stereotypen entsprechen. So wagte ich die Flucht nach vorn und erkl\u00e4rte mich einverstanden. Mein Arbeitskollege und ich hatten am Abend vorher eine CD mit typischer deutscher Musik zusammengestellt. Mit der Frage, was denn typische junge deutsche Musik ist, habe ich einen Nachmittag gek\u00e4mpft und dann eine bunte Mischung aus allem gemacht, was sich in der Bibliothek und auf meinem Laptop so fand. Der Tabledance z\u00e4hlt nun also auch zu einem weiteren abgehakten Punkt auf meiner ToDo-Liste. In der Woche drauf durfte ich gleich den Inspektoren (also sozusagen den Fachberatern der jeweiligen Provinzen) das Lied \u201eEin Vogel wollte Hochzeit machen\u201c beibringen. Zu lustig, zu sehen, wie sich \u00fcber 50j\u00e4hrige \u00fcber ein Kinderlied freuen und nicht mehr aufh\u00f6ren wollen.<\/p>\n<p>Und neben der Arbeit? Ich glaube, die Aussage eines Freundes passt ganz gut: In Europa tun immer alle so, als h\u00e4tten sie keine Zeit, obwohl sie vielleicht welche haben. In Afrika tun alle so, als h\u00e4tten sie Zeit, obwohl sie eigentlich keine haben. Ich kann das nur unterschreiben. Es ist wichtiger, noch ein paar freundliche Worte mit der Stra\u00dfenverk\u00e4uferin, die man kennt, mit dem W\u00e4chter, der jeden Morgen fragt, wie es geht oder mit der Reinigungskraft, die jeden Tag durchs Zimmer kommt, zu wechseln, als halbwegs p\u00fcnktlich zu einem Termin zu kommen. Von der pers\u00f6nlichen Seite kann man das wirklich nur genie\u00dfen: jeder hat immer ein freundliches Wort und zumindest 5 Minuten Zeit, denn was \u00e4ndert es schon, wenn man 5 Minuten sp\u00e4ter kommt? Problematisch dabei ist nur, dass sich so langsam die 5 Minuten h\u00e4ufen, weil einen als Wei\u00dfe einfach jeder kennt und auch jeder 5 Minuten haben will. Das wird dann schon komplizierter. So langsam h\u00e4ufen sich auch die Heiratsantr\u00e4ge und ich bekomme Gewohnheit darin, sie zu beantworten. Nur als mich letztens eine Frau im Taxi fragte, ob ich nicht die Frau ihres Bruders werden wolle, der suche noch eine, war ich dann doch etwas baff und hatte nicht so schnell eine schlagfertige Antwort parat.<\/p>\n<p>Letzten Samstag war ich zusammen mit einer kamerunischen Freundin auf einer Beerdigung \u2013 sie wollte mir mal zeigen, wie das in Kamerun so abl\u00e4uft. Beerdigungen dauern hier mindestens einen Tag, wir sind nur zur zweiten H\u00e4lfte hingegangen. Die eigentliche Veranstaltung findet im Freien statt, das ganze Dorf geht hin und weil das so lange dauert, schl\u00e4ft man zwischendurch ein bisschen auf seinem Stuhl, holt sich ein Mittagessen, um kurz danach wieder in Tr\u00e4nen auszubrechen und voller Trauer die Lieder mitzusingen. Das h\u00e4lt aber nicht davon ab, dauerhaft die Kamera auf den gl\u00e4sernen Sarg oder weinende Leute zu halten, die Leute wunderten sich doch sehr \u00fcber meine anf\u00e4ngliche Scheu, den Fotoapparat rauszuholen. Sie ermunterten mich sogar: Geh doch hin, geh doch die Tote anschauen, soll ich dich neben ihr filmen? Ein wenig ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl, aber ich habe gelernt, einfach alles mit offenen Augen zu betrachten, zu akzeptieren und erstmal mitzumachen, ohne zu kritisieren. Typisch war vor allem, wie wir zu der Beerdigung hingekommen sind: wir wollten uns eigentlich ein Taxi d\u00e9p\u00f4t nehmen, das hei\u00dft, ein Taxi nur f\u00fcr uns allein, das uns dorthin bringt. Auf dem Weg zur Stra\u00dfe hielt jedoch ein junger Herr, der uns dorthin bringen w\u00fcrde \u2013 nat\u00fcrlich mit dem Stolz, eine Wei\u00dfe irgendwohin zu bringen \u2013 und so wurde uns der Weg doch sehr vereinfacht. Nach der Beerdigung zur\u00fcck in Yaound\u00e9 wurde ich nat\u00fcrlich noch allen Freunden, Familienmitgliedern und anderen Bekannten vorgestellt, lernte die Kinder kennen, die erstaunt feststellten, dass ich \u201ewhitise\u201c (bitte sehr franz\u00f6sisch ausgesprochen vorstellen, ich wusste zuerst \u00fcberhaupt nicht, wovon sie reden) und deshalb aber auch gar nichts verstehe. Es ist schwierig, hier in Kamerun die wirklichen Verwandtschaftsbeziehungen zu kl\u00e4ren, nennt sich doch jeder untereinander \u201ama soeur\u2019 (meine Schwester) oder \u201amon fr\u00e8re\u2019 (mein Bruder) oder mit anderen Familienbezeichnungen. Auch Aisha, die Frau von Gegen\u00fcber, bei der wir meistens essen gehe, ist bereits \u201ama soeur\u2019. Die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr ist laut meinen kamerunischen Freunden, dass wir doch alle Teil einer gro\u00dfen Familie seien. Ich geh\u00f6re wohl jetzt auch dazu und als Beweis habe ich seit gestern Essen f\u00fcr die n\u00e4chsten drei Tage bei mir zu Hause. Ich war letzte Woche Sonntag in der Kirche, fiel erstmal negativ auf, weil ich keinen Rock anhatte und auch nichts hatte, um meinen Kopf zu bedecken; wurde dann aber herzlich willkommen gehei\u00dfen, musste sogar aufstehen und es wurde ein Willkommenslied f\u00fcr mich gesungen. So schnell ist man Teil der Familie; die \u201aMamas\u2019, die ich hier habe, will ich gar nicht anfangen zu z\u00e4hlen, obwohl ich die meisten von ihnen erst einmal gesehen habe.<\/p>\n<p>Morgen habe ich zum ersten Mal Ewondo-Sprachkurs. Bin schon sehr gespannt, auch wenn sich meine Freunde, jeder Einzelne, schon beschwert haben, dass ich doch besser ihre\/seine Muttersprache lernen solle. Davon gibt es aber mindestens 400, das wird also schwierig. Ich fange also mal mit Ewondo (daher kommt \u00fcbrigens auch der Name Yaound\u00e9, weil die Deutschen Ewondo nicht aussprechen konnten) an.<\/p>\n<p>N\u00e4chste Woche ist Ostern und ich bin zu einer Taufe eingeladen, ich hatte mir fest vorgenommen, nicht negativ aufzufallen und einen Rock zu tragen, bis mir auffiel, dass das eine katholische Taufe ist \u2013 da darf man kommen, wie man will. Ich freu mich schon drauf, Gottesdienst ist immer gro\u00dfes Fest mit viel Tanzen. Tanzen ist \u00fcberhaupt ein besonderes Thema hier \u2013 so verklemmt die Leute sonst mit der Moral sind, beim Tanzen lassen sie alles fallen. Die Bewegungen, die sie machen, sind pure sexuelle Anspielungen. Da kommt man sich als Deutsche doch sehr pr\u00fcde und unbeweglich. Aber gut, auch das kann sich ja noch \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Alles alles Liebe<\/p>\n<p>Eure Karin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo Ihr Lieben, ich wei\u00df, es ist wirklich schon eine ganze Weile her, dass ich euch geschrieben habe. Die Zeit vergeht hier wie im Flug, man lernt wahnsinnig schnell Leute kennen und alle wollen mit einem Dinge unternehmen. 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