{"id":81,"date":"2017-10-29T00:19:49","date_gmt":"2017-10-28T22:19:49","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/?p=81"},"modified":"2017-12-11T16:02:41","modified_gmt":"2017-12-11T15:02:41","slug":"von-mut-und-schuechternheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/2017\/10\/29\/von-mut-und-schuechternheit\/","title":{"rendered":"Von Mut und Sch\u00fcchternheit"},"content":{"rendered":"<p>Kein Tag ist wie der andere &#8211; keine Woche ist gleich. Das liegt schon allein daran, dass ich keinen festen Stundenplan habe. Vier Tage in der Woche besuche ich die Grundschule, dienstags helfe ich im Kindergarten. Doch in der n\u00e4chsten Woche sind Herbstferien &#8211; Zeit f\u00fcr mich, nach ca. 1 1\/2 Monaten in \u00dajharty\u00e1n auf meinen Alltag und die Ver\u00e4nderungen darin zur\u00fcckblicken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein bedeutender Teil unseres Auftrags, den wir durch kulturweit und vor allem durch den P\u00e4dagogischen Austauschdienst und die Zentralstelle f\u00fcr Auslandsschulwesen der Kultusministerkonferenz erhalten haben, besteht darin, die deutsche Sprache greifbar zu machen und als Muttersprachler\u00a0 Begeisterung und Interesse f\u00fcr unsere Kultur, Geschichte und Sprache zu wecken. So ist es also nicht \u00fcberraschend, dass ich haupts\u00e4chlich am Deutschunterricht teilnehme. Im <strong>Deutschunterricht<\/strong> selber allerdings \u00fcbernehme ich je nach Lehrkraft, die ich begleite, und auch je nach Altersgruppe der Klasse unterschiedliche Aufgaben. F\u00fcr die J\u00fcngeren (6 bis 10 Jahre alt) ist der Unterricht noch spielerischer. Hier singen wir oft deutsche Kinderlieder, spielen einfache Ratespiele, &#8222;Galgenm\u00e4nnchen&#8220; oder Vokabelmemory, was ab und zu allerdings auch zur Herausforderung wird, wenn die Kinder mich nach \u00dcbersetzungen fragen (doch so ist der Lerneffekt f\u00fcr mich gleich auch dabei, denn ich lerne die ungarischen W\u00f6rter). Gerne lese ich auch Geschichten vor, lerne mit ihnen einfache Reime auswendig oder beschreibe Bilder in kurzen S\u00e4tzen, die sie nachsprechen und somit die Vokabeln erlenen und vor allem auf die Ausspreche achten. Bei den \u00c4lteren (11 bis 14 Jahre alt) wird der Fokus zunehmend auf die grammatikalischen Regeln gelegt und so vergleiche ich mit ihnen Hausaufgaben, erkl\u00e4re Regeln und unbekannte W\u00f6rter auf Deutsch, berichte \u00fcber ihre aktuellen Themen oder aus meinen Erfahrungen und gebe Diskussionsanst\u00f6\u00dfe durch meine Meinung.<\/p>\n<p>Im Allgemeinen bin ich f\u00fcr Sch\u00fcler und Lehrer eine Ansprechperson f\u00fcr ungekl\u00e4rte Fragen aller Art zu Vokabeln, Grammatik, Worterkl\u00e4rungen oder wie Dieses oder Jenes in Deutschland abl\u00e4uft und gehandhabt wird.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zum Deutschunterricht allerdings begleite ich auch den <strong>Volkskundeunterricht<\/strong>. In diesem halte ich Vortr\u00e4ge entweder zu Themen \u00fcber Deutschland wie das Schulsystem, Bundesl\u00e4nder oder Minderheiten oder auch zu Lehrplaninhalten wie zur Ungarndeutschen Wanderungsgeschichte. Ab und an nehme ich an Geschichts- und Tanzstunden teil, die allerdings eher oder vor allem eine Bereicherung f\u00fcr mich darstellen, da auch ich hier vieles lerne und erfahre (und mich t\u00e4nzerisch und ohne gro\u00dfes Talent ausprobieren darf).<\/p>\n<p>Die formalen Unterschiede zur deutschen Grundschule bestehen also haupts\u00e4chlich in der L\u00e4nge, da diese in Ungarn bis zur achten Klasse geht, und in einigen weiteren Stunden wie dem Volkskunde- und dem Tanzunterricht. Letzteres ist allerdings eine Besonderheit der Nationalit\u00e4tenschulen und l\u00e4sst sich folglich nicht allgemein f\u00fcr ungarische Grundschulen festhalten. Um die Unterrichtsmethodik und die Inhalte vergleichen zu k\u00f6nnen, habe ich nur eine sehr beschr\u00e4nkte Perspektive, da ich sowohl in Deutschland nur meine eigenen Lehrer und meinen eigenen Unterricht kenne als auch hier nur vereinzelte Einblicke in das Schulsystem erhalte. Die Themen, \u00fcber die die Sprache erlernt werden soll, sind sehr \u00e4hnlich zu denen, \u00fcber die ich Englisch und Franz\u00f6sisch erlernt habe. Allerdings denke ich, dass gerade in der siebten und achten Klasse im Fremdsprachenunterricht mehr und selbstst\u00e4ndigere Arbeit von uns verlangt wurde und ich dadurch in der Lage war, bereits komplexere Texte zu erschlie\u00dfen und selber zu verfassen. Referate oder Analysen etwa habe ich hier &#8211; vielleicht bisher &#8211; in mir bekannter Form selten gesehen. All diese Unterschiede allerdings k\u00f6nnen auch auf die einzelnen Lehrkr\u00e4fte oder die Tatsache, dass es eben doch noch eine Grundschule ist, zur\u00fcckzuf\u00fchren sein.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich allerdings springt ein gro\u00dfer Mehrwert heraus, denn zum Einen lerne ich selber, z.B. \u00fcber die ungarische und ungarndeutsche Geschichte oder auch die traditionellen T\u00e4nze, und zum Anderen beginne ich meine eigene Sprache noch mehr zu hinterfragen und zu erfassen, in dem ich die scheinbar einfachsten Regeln erl\u00e4utern muss und mir klarmachen muss, warum und wie man bestimmte Regeln denn anwendet (und warum es so viele Ausnahmen gibt, die v\u00f6llig unsinnig erscheinen). Au\u00dferdem begegnen mir viele Unterrrichts- und Lernmethoden, die vom Charakter der Lehrer und Sch\u00fcler abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p><strong><em>&#8222;Man kann einem Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.&#8220;<\/em> &#8211; Galileo Galilei<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Zitat l\u00e4sst sich hervorragend auf die Frage nach der Begeisterung f\u00fcr die neue Sprache \u00fcbertragen. Ich kann diese Begeisterung, die notwendig ist f\u00fcr einen erfolgreichen Lernprozess, nicht lehren, nicht aufzwingen. Aber sie muss von der Lehrkraft geweckt werden. Hier hilft es, dass die Kinder mit mir sprechen wollen. Sie wollen Kontakt und sie wollen sich ausdr\u00fccken k\u00f6nnen. Gerade bei den J\u00fcngeren ist diese Begeisterung noch leichter zu wecken, denn sie haben einen unglaublichen Spa\u00df an Liedern und Spielen. Im Unterricht wird viel gelacht und die gl\u00fccklichen Kindergesichter, die munter auf Deutsch singen, hinterlassen eine positive Konnotation in ihren K\u00f6pfen, die vor allem eins ausdr\u00fcckt &#8211; Sprache macht Spa\u00df. Zwar k\u00f6nnen sie sich noch nicht sehr mit mir unterhalten, aber sie schenken mir Bl\u00e4tter und kleine Fundsachen oder umarmen mich, sie winken mir immer, wenn sie mich treffen und L\u00e4cheln\u00a0 mir unentwegt zu. Sie dr\u00fccken diese Freude aus und es ist eine wunderbare Erfahrung, dass auch ich sie dazu anregen kann und ihnen den Mut mit auf den Weg geben kann, dass es f\u00fcr Kommunikation und Verst\u00e4ndigung keines Perfektionismus bedarf, sondern es wesentlich wichtiger ist, keine Scheu zu haben. Diese Scheu legen sie mehr und mehr ab. Und auch die \u00c4lteren legen sie mehr und mehr ab, wenn sie mir begegnen und bringen ihre Freude zum Ausdruck, doch sie haben eine Scheu im Unterricht und eine Angst vor Fehlern. Sie sollen die Grammatik lernen und m\u00f6glichst wenige Fehler machen, aber der gr\u00f6\u00dfte Fehler ist es, es nicht zu probieren und nicht zu sprechen. Sie m\u00fcssen ihre Begeisterung und ihren Mut wieder in sich entdecken und auch hier machen sie Fortschritte, doch meine Aufgabe &#8211; oder die der Lehrkraft &#8211; es in sich selbst zu finden, wird vom zunehmenden Leistungsdruck teils durchkreuzt.<\/p>\n<div id=\"attachment_82\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/files\/2017\/10\/22051044_738543316346049_2063870071896231213_o.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-82\" class=\"size-medium wp-image-82\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/files\/2017\/10\/22051044_738543316346049_2063870071896231213_o-300x168.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"168\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/files\/2017\/10\/22051044_738543316346049_2063870071896231213_o-300x168.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/files\/2017\/10\/22051044_738543316346049_2063870071896231213_o-150x84.jpg 150w, https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/files\/2017\/10\/22051044_738543316346049_2063870071896231213_o-768x431.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/files\/2017\/10\/22051044_738543316346049_2063870071896231213_o.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-82\" class=\"wp-caption-text\">Wanderung im Pilis-Gebirge<\/p><\/div>\n<p>Umso sch\u00f6ner ist es, dass ich auch an <strong>Ausfl\u00fcgen<\/strong> teilnehmen kann. F\u00fcr die Kinder wird viel geboten neben dem Unterricht. Es gibt zum Beispiel kleine Veranstaltungen zum Welttag der Musik oder des H\u00e4ndewaschens, Schulfeiern zu ungarischen Feier- oder Gedenktagen oder eben Ausfl\u00fcge f\u00fcr Gruppen oder Klassen. Bei der Feier zum Erntedankfest habe ich Gedichte herausgesucht, die F\u00fcnftkl\u00e4ssler aufsagten und deutsche Lieder mitgesungen.<\/p>\n<p>Einen Ausflug haben wir zum Bildungszentrum Baja gemacht, wo Bilder der Sch\u00fcler ausgestellt werden oder waren wandern. Gerade bei dieser Wanderung habe ich mich sehr viel unterhalten, denn wir waren ca. 10 Stunden unterwegs und in dieser Zeit entsteht mehr Vertrauen ohne das wachsame Auge des Lehrers auf die notwendige Befolgung des Lehrplans. Auch, wenn die Kommunikation nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch und mit Gestik und vielem Anschaulich-machen erfolgt, war sie sehr erfolgreich und bereichernd f\u00fcr alle. Au\u00dferdem habe ich an einem Ausflug in einen Trampolin-Park teilgenommen und auch hierbei sind keine &#8222;korrekten&#8220; S\u00e4tze notwendig, um Spa\u00df zu haben oder sich verst\u00e4ndigen zu k\u00f6nnen. Gerade durch diese allt\u00e4gliche Kommunikation nebenbei und dadurch, dass weder mein Altersunterschied allzu gro\u00df ist, noch ich Noten gebe, bin ich in der Lage mehr Begeisterung wecken und genau das ist die Chance einer Freiwilligen wie mir.<\/p>\n<div id=\"attachment_83\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/files\/2017\/10\/IMG_3927.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-83\" class=\"size-medium wp-image-83\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/files\/2017\/10\/IMG_3927-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/files\/2017\/10\/IMG_3927-300x200.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/files\/2017\/10\/IMG_3927-150x100.jpg 150w, https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/files\/2017\/10\/IMG_3927-768x512.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/files\/2017\/10\/IMG_3927.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-83\" class=\"wp-caption-text\">Weinlesefest<\/p><\/div>\n<p>Neben diesen Ausfl\u00fcgen gibt es auch Feste wie das Weinlesefest, an denen ich teilnehme und gemeinsam mit Sch\u00fclern, Lehrern und Eltern feiere (und mein nicht vorhandenes t\u00e4nzerisches Talent unter Beweis stelle) und somit die Verbindung und mein Wissen erweitere.<\/p>\n<p>Meine Aufgabe, eine neue Kultur kennenzulernen und \u00fcber Sprache und Geschichte zu erfahren, gelingt also schon ganz gut. Meine Begeisterung habe ich jedenfalls in mir entdeckt &#8211; hoffentlich trage ich auch bei den Kindern dazu bei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Tag ist wie der andere &#8211; keine Woche ist gleich. Das liegt schon allein daran, dass ich keinen festen Stundenplan habe. Vier Tage in der Woche besuche ich die Grundschule, dienstags helfe ich im Kindergarten. 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