{"id":157,"date":"2018-02-06T19:19:10","date_gmt":"2018-02-06T18:19:10","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/?p=157"},"modified":"2018-02-07T17:09:51","modified_gmt":"2018-02-07T16:09:51","slug":"die-kunst-der-fehler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/karilenke\/2018\/02\/06\/die-kunst-der-fehler\/","title":{"rendered":"Die Kunst der Fehler"},"content":{"rendered":"<p>Zweifelsfrei &#8211; du hast jeden Tag mit Fehlern zu tun. Jeder macht Fehler und wahrscheinlich findet jeder auch t\u00e4glich vermeintliche Fehler bei seinen Mitmenschen. Doch nirgendwo sind sie so pr\u00e4sent (und gef\u00fcrchtet) wie in der Schule, in der am Ende die Leistung z\u00e4hlt. Zwar kommt es im Unterricht auch auf den Willen und die Versuche an, doch am Ende bekommt der die bessere Note, der weniger Fehler macht. Aber es ist auch bekannt, dass man aus Fehlern lernt. Woher kommt also diese Angst vor Fehlern? Und ist sie nicht schon der erste Fehler?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Besonders im Fremdsprachenunterricht wird diese Angst vor den Fehlern zum Hindernis. Die Kinder haben Angst davor, einen Fehler zu machen und bleiben lieber still. Besser nichts sagen als etwas Falsches zu sagen. Und um ehrlich zu sein, funktioniert diese Methode meist auch nicht schlecht. Nat\u00fcrlich erh\u00e4lt man nicht die selben guten Noten wie jemand, der Qualit\u00e4t und Quantit\u00e4t hoch h\u00e4lt, aber wenn man nur selten etwas zum Unterricht beitr\u00e4gt, das dann aber ausreichend \u00fcberlegt ist und somit auch gar keine oder nur geringe Fehler aufweist, f\u00e4llt die Notengebung nicht schlecht aus. So sieht oftmals die Realit\u00e4t in der Schule aus.<\/p>\n<p>Gleichzeitig aber wird versucht, die Kinder zu ermutigen, dass sie sprechen sollen, dass Fehler nicht schlimm sind und dass es viel wichtiger ist, es auszuprobieren. Aus Fehlern lernt man.<\/p>\n<p>Hier entsteht eine Doppelmoral. &#8222;\u00dcbung macht den Meister&#8220; und &#8222;Aus Fehlern lernt man&#8220; &#8211; Spr\u00fcche wie diese sollen motivieren, sollen zum Probieren anregen und sagen aus, dass niemand perfekt startet. Aber sie setzen auch voraus, dass es am Ende zum Erfolg kommt. Und dann erst kommt die Belohnung. Wenn man kein Meister wird, dann bekommt man auch nicht die gute Note. Die Kinder sollen also auf ihrem Weg Fehler machen und k\u00f6nnen es auch, aber nur, wenn es danach zum Erfolg kommt.<\/p>\n<p>Warum w\u00fcrdigen wir die Versuche nicht viel mehr? Ist es nicht viel mutiger, sich nach einem Fehler aufzuraffen, weiterzumachen oder es mit dem Wissen, etwas nicht zu k\u00f6nnen, auszuprobieren, als ein bewusstes K\u00f6nnen zu zeigen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In unserer Gesellschaft werden Fehler meist als negativ wahrgenommen. Besonders, wenn man drauf hingewiesen wird. Hieraus ergibt sich in der Rolle als Freiwillige (und Muttersprachlerin) in einem Gastland ein gewisser Zwiespalt in der Toleranz der Fehler.\u00a0 Im Unterricht werde ich oft gebeten, die Fehler der Kinder zu korrigieren, sowohl schriftlich als auch m\u00fcndlich. Sprachlich ist es aufgrund des Gef\u00fchls f\u00fcr die Muttersprache auch kein Problem, aber aus diesem Dasein als Muttersprachlerin ergeben sich einige H\u00fcrden, da ich die Sprache schlie\u00dflich nie so gelernt habe, wie die Kinder es tun. Zum Einen muss beachtet werden, was die Kinder \u00fcberhaupt schon gelernt haben, was sie also k\u00f6nnen sollten. Zum Anderen muss beachtet werden, ob es wirklich falsch ist oder einfach nur unsch\u00f6n. Und nicht zu vergessen ist auch, wie es besser w\u00e4re bzw., was die Ursache des Fehlers ist.<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt auf, dass ich als Muttersprachlerin (oder liegt es daran, dass ich keine wirkliche Lehrerin bin?) oft eine viel gr\u00f6\u00dfere Fehlertoleranz habe.\u00a0 Da spielt es eine gro\u00dfe Rolle, dass ich mich blind in der Sprache zurecht finde und schnell auch ohne perfekte Wortwahl oder ohne perfekten Satzbau die eigentliche Aussage verstehe. Au\u00dferdem kenne ich mich sowohl in der Umgangssprache, die durch Dialekte und Sprachvariationen sehr flexibel gestaltet ist, als auch in der Amtssprache, wie sie meist geschrieben zu finden ist, aus. Und vor allem freue ich mich \u00fcber jeden Versuch mit mir Deutsch zu sprechen und kann dar\u00fcber die gro\u00dfen und kleinen Fehler vergessen. Es sind also ein Sprachgef\u00fchl und auch eine Freude, die Fehler nebens\u00e4chlich machen.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig h\u00f6re ich Entschuldigungen daf\u00fcr, dass das Deutsch nicht so gut sei oder lange nicht ge\u00fcbt wurde &#8211; vermutlich manchmal verbunden mit dem Wunsch nach einer Einsch\u00e4tzung meinerseits. Doch auch die ist nicht einfach. Nat\u00fcrlich gleichen die Gespr\u00e4che in ihrer Qualit\u00e4t nicht denen mit anderen Muttersprachlern, aber das werden sie auch nach ewiger \u00dcbung nicht tun. F\u00fcr mich z\u00e4hlt, dass alle Gespr\u00e4chsbeteiligten sich <span style=\"float: none;background-color: transparent;color: #666666;font-family: 'Open Sans',sans-serif;font-size: 14px;font-style: normal;font-variant: normal;font-weight: 400;letter-spacing: normal;text-align: left;text-decoration: none;text-indent: 0px\">ohne Missverst\u00e4ndnisse v<\/span>erst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. Dann ist es gut.<\/p>\n<blockquote><p>Muttersprachler zu sein bedeutet eben nicht nur, die Worte zu verstehen und sie einzuordnen, die Regeln zu beherrschen und sie nicht viel lernen zu m\u00fcssen. Es bedeutet eine Verbundenheit mit der Sprache, die die Aussagen verst\u00e4ndlich, die Intention zug\u00e4nglich und das Spielen mit der Sprache m\u00f6glich macht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Hinweise auf viele Fehler kratzen am Selbstbewusstsein der Kinder. Von den Lehrpersonen noch mehr als von mir, denn ich gebe keine Noten. Warum lassen wir diese Ziffern auf dem Papier unser Leben in der Schule so sehr bestimmen? Warum messen wir daran, wie gut wir sind? Gute Noten haben f\u00fcr mich nicht zwingend etwas mit Intelligenz zu tun, sondern mehr mit Flei\u00df. Und viele Fehler sind f\u00fcr mich kein Kriterium, warum ein Text schlecht geschrieben oder gesagt ist. Da spielen noch viele weitere Faktoren mit herein. Und letzten Endes bin ich deshalb auch froh, keine Noten geben zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ich helfe gerne, indem ich Empfehlungen sage, wie ich etwas ausdr\u00fccken oder formulieren w\u00fcrde und besonders, wenn ich danach gefragt werde, wird es dankbar angenommen. Bei initiativen Handlungen ist aber eine Vorsicht oder ein Feingef\u00fchl gefragt. Denn Lehrpersonen vor der Klasse auf Fehler hinzuweisen, kann die Autorit\u00e4t dieser unterbinden. Besonders, wenn es sich hierbei nicht um direkte Fehler handelt, sondern viel mehr um unklare Formulierungen, missverst\u00e4ndliche Bedeutungen oder Aussagen, die so ungebr\u00e4uchlich sind, muss auch eine Erkl\u00e4rung her und nat\u00fcrlich ein Verbesserungsvorschlag, da es konstruktive Kritik ist. Leider wird dies aber oft mit der Aussage &#8222;Das habe ich aber so im Studium gelernt&#8220; oder &#8222;Das steht aber so im Deutschbuch &#8211; und das wurde in Deutschland produziert&#8220; abgeschlagen. Warum kann es denn deshalb nicht falsch sein? \u00dcberall werden Fehler gemacht, sie begegnen uns t\u00e4glich. Auch ich mache bestimmt viele Fehler beim Sprechen (wobei mein Bewusstsein f\u00fcr das, was ich sage und vor allem wie ich es sage, deutlich gewachsen ist).<\/p>\n<p>Beispielhaft steht f\u00fcr diese unklaren Formulierungen die Tatsache, dass hier im Unterricht die fehlenden Kinder als &#8222;Fehler&#8220; notiert werden. Grammatikalisch ergibt es Sinn, dass aus dem Verb &#8222;fehlen&#8220; das Nomen &#8222;Fehler&#8220; wird. Sch\u00f6ner und (f\u00fcr Muttersprachler besonders) unmissverst\u00e4ndlicher formuliert w\u00e4re aber &#8222;Fehlende&#8220;.\u00a0 Wenn ich auf solche kleinen Missst\u00e4nde hinweise und die Lehrpersonen meinen Tipp verfolgen f\u00fchrt das allerdings oft auch dazu, dass die Kinder nicht mehr verstehen, was gemeint ist, da sie sich an die anderen Formulierungen gew\u00f6hnt haben. Und eigentlich sind sie ja auch nicht so falsch.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sollen und k\u00f6nnen sie keine Muttersprachler werden &#8211; sie sollen kommunizieren k\u00f6nnen, sich ausdr\u00fccken und keine Angst davor haben. Ein Muttersprachler versteht die Aussage, weil er das Sprachgef\u00fchl hat, und andere Lernende verstehen die Aussage, weil sie wom\u00f6glich die gleichen &#8222;Fehler&#8220; machen w\u00fcrden und den gleichen Zugang haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweifelsfrei &#8211; du hast jeden Tag mit Fehlern zu tun. Jeder macht Fehler und wahrscheinlich findet jeder auch t\u00e4glich vermeintliche Fehler bei seinen Mitmenschen. Doch nirgendwo sind sie so pr\u00e4sent (und gef\u00fcrchtet) wie in der Schule, in der am Ende die Leistung z\u00e4hlt. 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