Geh‘ doch in die Puszta

Ich habe das Gefühl, so langsam wird es wirklich, wahrhaftig Herbst – wenn ich morgens meine 2 Minuten von der Wohnung zum Schuleingang laufe, fliegen mir tonnenweise Blätter entgegen (wo auch immer die herkommen, die Bäume sehen nämlich alle noch recht fit aus). Meine Wetterapp zeigt mir gelegentlich Nagykàllò – 2° Celsius an (warte, was?!). Die Wollsockensaison hat definitiv angefangen (oder hat sie einfach nie aufgehört?). Ich würde auch „es wird abends so schnell dunkel“ als Argument in den Mix packen, aber das ist hier schon die ganze Zeit so – warum genau habe ich noch nicht komplett verstanden, aber ich meine, jemand hätte mir gesagt, dass wir direkt an der Grenze zur nächsten Zeitzone liegen würden.

Jedenfalls, hinter mir liegt eine sehr ereignisreiche, vollgepackte, schöne, anstrengende Woche. Gerade weiß ich gar nicht mehr genau, was alles passiert ist, da mein Tagebuchführen leider immer noch nicht auf jeden Tag ausgeweitet werden konnte (aber ich arbeite dran, versprochen!). Also beginne ich damit, dass mich am Freitag, den 29. September mein Cousin besuchen kam, den ganzen weiten Weg von Elmshorn zum äußersten Rande Ungarns. Besuche von Verwandten sind natürlich immer ein guter Grund, um Ausflüge zu unternehmen, und so fuhren wir am Samstag nach

Hortobágy. Na, wem sagt das was?
– Nicht schlimm, ich hatte bis vor 4 Wochen auch keine Ahnung was, wo und wieso das ist. Hortobàgy also ist ein kleiner Ort (noch ruhiger und idyllischer als Nagykálló) ca. 2 Stunden westlich von Nyìregyhàza der bekannt ist für seinen Nationalpark, die Hortobágyi Puszta. Dieser Nationalpark bildet das größte zusammenhängende Steppengebiet Mitteleuropas. Über die Puszta wurden im Laufe der Jahrhunderte viele literarische Werke geschrieben, Bilder gemalt oder auch Filme gedreht, am bekanntesten in Deutschland wohl Ich träume oft von Piroschka. Dort haben wir uns mit Helena getroffen, da Hortobàgy quasi zwischen unseren Orten liegt und wir uns schon auf dem Vorbereitungsseminar vorgenommen hatten, dorthin gemeinsam einen Ausflug zu unternehmen. Nachdem wir unsere Wiedersehensfreude gebührend mit Tùrò Rudi zelebriert hatten (Tùrò Rudi sind eine Art Quarkriegel), liefen wir zu einem Gestüt etwas außerhalb des Ortes. Dort kann man nämlich eine Kutschentour machen, wo einem typische Puszta-Tiere und Vorführungen gezeigt werden. Zu den „typischen Puszta-Tieren“ gehören z.B. Wasserbüffel und die sog. Zakkelschafe, ganz lustig aussehende Tiere, die ich gerne gestreichelt hätte, obwohl ihr Fell wahrscheinlich nicht ansatzweise so flauschig war, wie es aussah. Die Puszta wurde nämlich überwiegend für Viehhaltung genutzt, da sich die Grassteppe anscheinend gut dafür eignet. Obwohl die Landschaft auf den ersten Blick nicht besonders spektakulär scheint, hatten die Ruhe, Weite und Leere, die dort herrschen, etwas Atemberaubendes. Uns taten nur die Leute Leid, die die Vorführungen gemacht haben – die warten anscheinend den ganzen Tag irgendwo in der Puszta, bis dann alle zwei Stunden mal ein paar Kutschen mit Touristen vorbeikommen und sie etwas Kutsche fahren/reiten/Tiere durch die Gegend führen. Aber hey, das hier ist das „echte Ungarn“, zumindest, wenn man den Broschüren glaubt! (Und wir durften reiten, bzw. wir durften uns auf ein Pferd setzen und es ist dann durch die Gegend gelaufen. Ich kann nämlich beim besten Willen nicht reiten. Es war schon beängstigend genug, dass das Pferd nicht festgehalten wurde, aber anscheinend hatte es selbst einen Plan.)
Da wir auch mit dem Wetter Glück hatten (es wurde gegen Mittag sehr warm und sonnig), konnten wir die Zeit nach der Kutschfahrt nutzen, um in der Sonne im Gras zu liegen, anschließend zwischen den Feldern zurück zum Ort zu laufen und dort in der Csárda, einem traditionellen Gasthaus, noch zu Mittag zu essen.

 

 

Am nächsten Tag mussten wir erst einmal ordentlich ausschlafen – ich weiß gar nicht genau, wie das immer passiert, aber irgendwie stehe ich, seit ich in Ungarn bin, viel früher auf als ich das jemals zuhause tun würde und habe auch kaum eine Gelegenheit, um richtig lange (oder wenigstens genug) zu schlafen. Komischerweise stört es mich aber gar nicht so sehr, wie es das in Deutschland tun würde – schön ist es trotzdem nicht (Tipps zum länger schlafen sind erwünscht 😉 ). Sonntagvormittag also. Da das Team, bei dem ich angefangen habe, mitzutrainieren, ein Punktspiel hatte, fand ich mich zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit an einem Wochenende in einer Sporthalle wieder  – allerdings nur zum Zuschauen. Schön war es trotzdem (obwohl „wir“ verloren haben und sich eine Spielerin verletzte) und am Nachmittag fuhren wir noch nach
Debrecen, die zweitgrößte Stadt Ungarns, die sich ganz in der Nähe befindet und die ich noch nicht kannte. Mein Eindruck von Debrecen ist noch nicht besonders ausführlich und ich habe auf jeden Fall vor, demnächst wieder hinzufahren und vielleicht ein paar Museen zu besuchen. Was ich bis jetzt sagen kann ist, dass Debrecen eine schöne Altstadt mit vielen historischen Gebäuden hat, man wunderbar im Nagyerdei-Park entspannen kann und die Kürtőskalacs (eine ungarische Süßigkeit, aufgerolltes Hefegebäck, das mit einer Schicht karamellisierten Zuckerüberzogen ist und mit diversen Füllungen aufgepeppt werden kann) dort sehr lecker waren (ich habe zwar noch keinen Vergleich, aber das wird natürlich nachgeholt, zu Forschungszwecken). Außerdem begann in der reformierten Kirche von Debrecen die ungarische Revolution 1848.

 

 

Schließlich sind wir am Montag bei strahlendem Sonnenschein um den See in Nagykálló gewandert, etwas, was ich mir schon vorgenommen hatte, als ich das erste Mal den See gesehen hatte (und ich hatte natürlich meine Kamera nicht dabei…).

  

Budapest II.
Ja, ihr lest richtig, ich hatte schon wieder das große Glück, Budapest zu besuchen – und dann auch noch mitten in der Woche! Zum Tag der Deutschen Einheit lud nämlich die Deutsche Botschaft unsere 5 Budapester Kollegen zu einem Empfang ein und gewährte ihnen glücklicherweise direkt, eine Begleitung mitzubringen. Drei Mal dürft ihr raten, diese Begleitungsplätze haben wir anderen Freiwilligen und natürlich unter den Nagel gerissen – und es war es absolut wert. Abgesehen davon, die anderen Freiwilligen wiederzusehen, davon ein paar, die ich zuletzt beim Seminar getroffen hatte, fand der Empfang in einem Konzerthaus statt, dem Vigadó tér, und hatte somit mit seiner Kulisse schon 10 von 10 Punkten von mir. Es war ein unwirkliches Gefühl, zwischen all diesen wichtig aussehenden Menschen zu stehen, einige davon in Uniform, aber dank der vertrauten Gesichter habe zumindest ich mich keine Sekunde unwohl gefühlt (danke dafür). Das gute Büffet, sowohl Essen als auch Getränke betreffend, war natürlich noch mal ein großer Pluspunkt, aber auch die Gespräche mit anderen Eingeladenen und das Wiedertreffen mit der Ungarncrew waren für mich ganz große Highlights. Echt, ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich immer freue, diese bekannten Gesichter zu sehen, ich könnte glatt einen ganzen Blogpost darüber schreiben. Aber die Zeit rennt und mein Wortzähler zeigt mir bereits 1046 an, also werde ich es wohl hierbei belassen müssen und nur ganz kurz erwähnen, wie fertig mit der Welt (aber glücklich) ich Mittwochabend wieder „zuhause“ ankam, denn Helena und ich waren der Meinung, man müsse so eine Gelegenheit ja nutzen, um noch mal das Budapester Nachtleben zu erkunden.

    

Ich werde noch einen weiteren Post schreiben. Einen Post, um mal ein bisschen was über meinen Alltag zu schreiben und das, was mir passiert, wenn ich mal keine surrealen Erlebnisse zu meinem Fotoalbum hinzufügen kann. Nur jetzt gerade fehlt mir die Zeit und vor allem fehlen mir die Worte, oder, um genau zu sein, will ich euch keine weiteren Worte mehr aufdrängen. Also muss das Wochenende warten, bis es aufgearbeitet werden kann, Nagykálló und das Gymnasium müssen warten, meine Arbeit muss warten und auch meine Herbstgefühle genauso wie mein Sprachkurs und mein näherrückender Geburtstag.

Macht’s gut, ich hoffe, ihr wurdet in der Heimat nicht vom Sturm getroffen.

Karen

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2 Kommentare zu Geh‘ doch in die Puszta

  1. Gerd sagt:

    Übrigens nachfolgend ein Link zu einer DFF – Fersehserie, die wir als Kinder regelrecht aufgesogen haben. Der Kampf gegen die österreichischen Besatzer in der Puszta, sehr unterhaltsam und mit einem Augenzwinkern verfilmt.
    Ein bißchen „Wild-Ost“….
    https://www.fernsehserien.de/kapitaen-tenkes

  2. Gerd sagt:

    Sehr schön! Ich warte schon auf den nächsten Teil. Eure Ungarncrew ist sehr mädchenlastig! Nur ein Junge?

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