{"id":373,"date":"2013-02-06T23:48:10","date_gmt":"2013-02-06T21:48:10","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/kaninchendraht\/?page_id=373"},"modified":"2013-02-07T14:14:41","modified_gmt":"2013-02-07T12:14:41","slug":"pussy-riot-homosexuelle-und-wer-es-sonst-so-nicht-in-mein-alltags-abc-geschafft-hat","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/kaninchendraht\/alltags-abc\/pussy-riot-homosexuelle-und-wer-es-sonst-so-nicht-in-mein-alltags-abc-geschafft-hat\/","title":{"rendered":"Nachwort"},"content":{"rendered":"<h1><b>Pussy Riot, Homosexuelle und wer es sonst so nicht in mein Alltags-ABC geschafft hat<\/b><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><i>Kurz vor Ende des Blogwettbewerbs habe ich mich bei Freunden erkundigt, was ihnen denn noch im Alltags-ABC fehle.<\/i><\/p>\n<p><i>Dabei wurde ich mehrfach nach Pussy Riot, Homosexualit\u00e4t bzw. den aktuellen homophoben Gesetzen oder einfach nach meiner Einsch\u00e4tzung der politischen Situation gefragt.<\/i><\/p>\n<p><i>Mein Alltags-ABC soll aber eigentlich kurzweilige Lekt\u00fcre sein, ein bisschen von meinem Alltag hier in Kaliningrad zeigen, den man manchmal wirklich am besten mit einem Schmunzeln ertr\u00e4gt und war urspr\u00fcnglich f\u00fcr meine Freunde gedacht, die neben gro\u00dfer Ablehnung gegen\u00fcber Russland auch kaum Interesse f\u00fcr mein Einsatzland zeigten.<\/i><\/p>\n<p><i>Kurzum, wer sich trotzdem f\u00fcr meine pers\u00f6nliche, oberfl\u00e4chliche Darstellung einiger kontroverser Themen interessiert, mag hier gerne meine (lange) Antwort auf eine Mail lesen.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Sp\u00fcrst du eigentlich auch etwas von der Putin-Kritik hierzulande oder dort? Wie offen sind die Gespr\u00e4che \u00fcber Politik und Kultur in der Schule?\u00a0 <\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vorige Woche wurde Putin von Human Rights Watch angeklagt, die Menschenrechte w\u00fcrden verletzt wie nie zuvor seit Ende der Sowjetunion \u2013 also auf jeden Fall eine spannende Frage.<\/p>\n<p>Umso erschreckender finde ich es, dass ich pers\u00f6nlich herzlich wenig davon mitbekomme. Ich habe hier jetzt f\u00fcnf Monate gelebt, ohne ernsthaft \u00fcber irgendetwas Politisches gestolpert zu sein.<\/p>\n<p>Zwar sagte mein Chef mir hier, dass er davon ausgehe, vom FSB verwanzt zu sein, ich wei\u00df, dass sich Organisationen, die mit ausl\u00e4ndischen Geldern unterst\u00fctzt werden, als Agenten bezeichnen m\u00fcssen (was in Russland ein sehr stark negatives Wort ist), und auch mein Visum, das mich hier wirklich gefangen h\u00e4lt (ich kann ja nicht reisen und das Kaliningrader Gebiet ist nicht sehr abwechslungsreich), ist wahrscheinlich auf das generelle Misstrauen Russlands gegen\u00fcber dem Ausland zur\u00fcckzuf\u00fchren \u00a0&#8211; und doch bekomme ich von politischem Druck erst mal gar nichts mit.<\/p>\n<p>Die einzige Situation, in der ich vielleicht unbedacht \u00fcber die politische Situation gestolpert bin, ergab sich im Deutschunterricht einer siebten Klasse, wo ich einen Prominenten erraten sollte. Ich wusste: Es sind Russen, sie singen, alles Frauen, auch in Europa sind sie sehr bekannt. Eigentlich konnte ich es mir kaum vorstellen, aber da in Deutschland zu der Zeit gerade ganz hei\u00df \u00fcber Pussy Riot diskutiert wurde, fragte ich nur unsicher: \u201eStehen sie momentan vor Gericht?\u201c. Nur wenige kannten die Vokabel \u201eGericht\u201c, aber die Blicke derer, die das Wort verstanden hatten, sagten mir ganz deutlich, dass ich da wohl auf dem ganz falschen Pfad war. Letztendlich ging es um die Babuschkas vom Eurovision Songcontest, aber die Frage nach offenen Gespr\u00e4chen \u00fcber Politik und Kultur in der Schule ist meines Erachtens relativ leicht zu beantworten: Sie finden nicht statt.<\/p>\n<p>Ich glaube aber, dass man das nicht allzu schnell auf politische Unterdr\u00fcckung zur\u00fcckf\u00fchren sollte.<\/p>\n<p><b>Erziehung zu kritischen, selbstverantwortlichen Menschen im Schulsystem?<\/b><\/p>\n<p>Ja, politische Diskussionen sind, soweit ich informiert bin, im Lehrplan nicht vorgesehen und eine Kollegin sagte mir auch, sie w\u00fcrde nichts dazu \u00f6ffentlich sagen. Es br\u00e4uchte nur jemand \u201evon oben bei der Schulleitung anrufen\u201c und dann bek\u00e4me sie kein oder weniger Gehalt.<\/p>\n<p>Warum aber im Unterricht kaum diskutiert wird, w\u00fcrde ich auch immer mit dem Schulsystem erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Der Lehrer ist in den meisten F\u00e4llen noch unanfechtbare Autorit\u00e4t (sprachliche M\u00e4ngel der Lehrerin darf ich auch keinesfalls vor den Sch\u00fclern korrigieren), Fragen gelten als entweder frech oder einfach als Zeichen von Dummheit. Ein gro\u00dfer Teil des Unterrichtes, den ich erlebt habe, ist einfach so aufgebaut, dass der Lehrer die ultimate L\u00f6sung kennt und die Sch\u00fcler dementsprechend antworten l\u00e4sst. In einen solchen Unterrichtsstil passt einfach keine kulturelle oder politische Diskussion.<\/p>\n<p><b>Piraten Partei \u2013 in Russland! <\/b><\/p>\n<p>\u00dcber Politik gesprochen wird auch deshalb nicht, weil es viele Leute einfach nicht interessiert. Ich habe am zweiten Tag meines Aufenthaltes ein Stra\u00dfengraffiti der Piratskaja Partija, der Piratenpartei gesehen, und habe wirklich bis Januar herumfragen m\u00fcssen, um rauszufinden, was es damit auf sich hat.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/kaninchendraht\/files\/2013\/02\/2013-01-31-12.32.21.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-374\" alt=\"2013-01-31 12.32.21\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/kaninchendraht\/files\/2013\/02\/2013-01-31-12.32.21-300x179.jpg\" width=\"300\" height=\"179\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/kaninchendraht\/files\/2013\/02\/2013-01-31-12.32.21-300x179.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/kaninchendraht\/files\/2013\/02\/2013-01-31-12.32.21.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><br \/>\nWenn man Probleme hat, l\u00f6st man sie selbst, fragt Familie, Freunde, Bekannte um Rat und Hilfe \u2013 vom Staat wird aber von den Allerwenigsten (zumindest von keinem, mit dem ich gesprochen habe) etwas erwartet, was die unmittelbare Situation beeinflussen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Seit ich gezielt Freunde nach einer politischen Meinung frage, habe ich eine Handvoll Leute gesprochen, die wirklich etwas dazu sagen konnten und bemerkenswerterweise gaben alle an, Putin gew\u00e4hlt zu haben. Alle, wirklich alle, von ihnen sagten, sie w\u00fcrden Putin nicht lieben, aber, wen solle man sonst w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Es gibt die Kommunisten, es gibt Wladimir Schirinowski, einen nationalistischen Politiker der Opposition (\u201e<i>wenn er den Mund \u00f6ffnet, wissen wir, es gibt einen Skandal oder etwas zu lachen. Ich glaube, er kann nur schreien und streiten<\/i>.\u201c, Urteil einer Freundin), es gibt Michail Prochorow, einen Milliard\u00e4r, der hier den meisten durch Sexskandale bekannt scheint und die fr\u00fcher auf den Wahlb\u00f6gen enthaltene Option \u201e<b>Gegen alle<\/b>\u201c, gibt es nicht mehr.<\/p>\n<p>Ob ich etwas von Putin-Kritik merke? Nein. \u201ePutin wird nicht geliebt, nicht verachtet, er macht seinen Job.\u201c Das w\u00e4re so die Stimmung, die ich hier bisher ausmachen konnte.<\/p>\n<p>Das Zwischenseminar meines Freiwilligendienstes war in St. Petersburg. Dort, wo \u201ehomosexuelle Propaganda\u201c schon seit 2011 verboten ist, haben wir mit Vertretern einer Organisation gegen Homophobie gesprochen, die sich dank ausl\u00e4ndischer Unterst\u00fctzung als \u201eAgenten\u201c in ihren Flyern kennzeichnen m\u00fcssen, die ihre Demonstrationen nicht genehmigt bekommen, die wirklich von einer politisch schwierigen Situation sprachen.<\/p>\n<p>Ich will nicht sagen, dass es keine Opposition gegen Putin gibt, dass die Leute hier zufrieden sind und die europ\u00e4ischen Medien \u00fcber die f\u00fcr uns \u201erichtig\u201c scheinende Opposition \u00fcberzogen effektiv und positiv berichten. Aber hier in Kaliningrad erlebe ich eben die in den Medien dargestellte Protestbewegung nicht. Die Russen, mit denen ich \u00fcber Homosexualit\u00e4t und Pussy Riot gesprochen haben, stehen vollends hinter der Staatsmeinung (\u201e<i>Das ist so ekelig, das ist unnat\u00fcrlich!\u201c <\/i>und <i>\u201eIch h\u00e4tte sie erschossen. In Kirchen tanzt man nicht. Wer die Religion irgendwelcher Leute beleidigt, geh\u00f6rt erschossen.<\/i>\u201c). Das ist die Meinung derselben Personen, die keine Geschichtsb\u00fccher lesen, weil das doch \u201e<i>ohnehin alles Propaganda<\/i>\u201c ist, die sagen \u201e<i>Russland ist keine Demokratie. Wir alle wissen das<\/i>.\u201c, die sich \u00fcber indoktrinierte Feindbilder zwischen der T\u00fcrkei und Armenien, zwischen Aserbaidschan und Armenien beschweren. Wirklich intelligente Personen mit einer eigenen Meinung sind in manchen Punkten eben auch von dem \u00fcberzeugt, was in Europa so verteufelt wird, was angeblich so wider das Volk sein soll.<\/p>\n<p><b>Russland kritisieren darf nur, wer Russland liebt.<\/b><\/p>\n<p>Um noch die letzte offene Frage zu beantworten \u2013 ob ich etwas von der Putin-Kritik hierzulande (also in Deutschland) sp\u00fcre. Ja. Entr\u00fcstung und genervt sein.<\/p>\n<p>Ein Freund erz\u00e4hlte, dass die Berichterstattung im russischen Fernsehen \u00fcber Pussy Riot haupts\u00e4chlich darin bestand, die europ\u00e4ischen Medien darzustellen. Europ\u00e4ische Berichterstattung \u00fcber Russland ist (fast ausschlie\u00dflich) negativ. Dazu muss man nur mal bei Spiegel-Online unter dem Schlagwort \u201eRussland\u201c suchen.<\/p>\n<p>Ganz am Anfang meines Aufenthaltes hier sagte ein Professor der hiesigen Universit\u00e4t: <i>\u201eRussland kritisieren darf nur, wer Russland liebt<\/i>.\u201c<\/p>\n<p>Wenn ich sauer auf meine Mutter bin, dann ist sie unfair, gemein, versteht mich nicht\u2026 Aber nur solange, bis irgendwer anders mir zustimmt. Jemand anders hat doch nicht das Recht, meine Mami zu kritisieren!<\/p>\n<p>So \u00e4hnlich kann man sich das Verh\u00e4ltnis vieler Russen zu Russland und den Medien vielleicht vorstellen. Russische Medien berichten \u00fcber manche Ereignisse nicht. Wer Deutsch spricht, kennt den Spiegel oder andere europ\u00e4ische Medien. Aber viele, die sich dort informieren, f\u00fchlen sich nur beleidigt und missverstanden.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass hier alles rosarot ist. Aber ich glaube auch nicht, dass hier alles so funktionieren kann, wie es f\u00fcr Deutschland der richtige Weg ist. Und ich bin \u00fcberzeugt, dass Russland nicht so schwarz ist, wie es in unseren Medien oft aussieht<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pussy Riot, Homosexuelle und wer es sonst so nicht in mein Alltags-ABC geschafft hat &nbsp; Kurz vor Ende des Blogwettbewerbs habe ich mich bei Freunden erkundigt, was ihnen denn noch im Alltags-ABC fehle. 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