{"id":56,"date":"2023-04-17T04:57:12","date_gmt":"2023-04-17T02:57:12","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/juliusreinemann\/?p=56"},"modified":"2024-01-12T23:03:08","modified_gmt":"2024-01-12T22:03:08","slug":"mein-erster-monat-in-cochabamb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/juliusreinemann\/2023\/04\/17\/mein-erster-monat-in-cochabamb\/","title":{"rendered":"Mein erster Monat in Cochabamba"},"content":{"rendered":"<p>\u2026 und dann hat es doch mehr als zwei Wochen bis zu meinem n\u00e4chsten Blogeintrag gedauert. Vermutlich f\u00fcr die wenigsten \u00fcberraschend: Ich hatte mir schon viel fr\u00fcher vorgenommen, \u00fcber meine ersten Wochen in Cochabamba zu berichten. Nun, beim Schreiben dieser Zeilen, bin ich fast auf den Tag genau einen Monat in Bolivien und habe schon so viel erlebt, dass ich gar nicht wei\u00df, wo ich anfangen soll. Deswegen mache ich es mir jetzt leicht \u2013 und fange einfach von vorne an.<\/p>\n<p>Noch w\u00e4hrend ich aus Santa Cruz kommend mein Gep\u00e4ck abholte, sah ich meine Ansprechpartnerin meiner Schule, Sandra, in der Ankunftshalle des kleinen Flughafens auf mich warten. Ich war zu diesem Zeitpunkt tats\u00e4chlich sehr aufgeregt, meine M\u00fcdigkeit hatte sich deswegen nahezu in Luft aufgel\u00f6st. Doch die Nervosit\u00e4t stellte sich sehr bald als unbegr\u00fcndet heraus, alles funktionierte nahezu reibungslos. Da der Flughafen Cochabamba noch fast in der Innenstadt liegt, waren wir schon nach wenigen Minuten bei meiner Unterkunft angelangt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_62\" aria-describedby=\"caption-attachment-62\" style=\"width: 401px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/juliusreinemann\/files\/2023\/04\/erster-Blick-Fenster.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/juliusreinemann\/files\/2023\/04\/erster-Blick-Fenster.jpg\" alt=\"\" width=\"401\" height=\"534\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/juliusreinemann\/files\/2023\/04\/erster-Blick-Fenster.jpg 670w, https:\/\/kulturweit.blog\/juliusreinemann\/files\/2023\/04\/erster-Blick-Fenster-300x400.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 401px) 100vw, 401px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-62\" class=\"wp-caption-text\">Ein erster Blick aus meinem Zimmer.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nach einem Monat kann ich sagen, dass mein Zimmer \u2013 zumindest f\u00fcr die Anfangszeit \u2013 f\u00fcr mich perfekt ist. Die Lage im Zentrum ist ein riesiger Luxus und ich genie\u00dfe es, das erste Mal in meinem Leben fast alles innerhalb weniger Minuten zu Fu\u00df erreichen zu k\u00f6nnen. Auch mein Schulweg nimmt nur in etwa 20 Minuten mit dem Bus in Anspruch.<\/p>\n<p>Den ersten Tag nutze ich dazu, mich in meinem neuen Zimmer einzurichten und das erste Mal einkaufen zu gehen. Ich versuche hierbei wann immer es geht, auf einen kleineren Supermarkt zur\u00fcckzugreifen. Mittlerweile kennen mich die Kassiererinnen hier schon und fragen mich jedes Mal ein bisschen mehr dar\u00fcber aus, was ich denn in Bolivien mache. Hieran aber auch an vielen anderen kleinen Dingen in meinem Alltag merke ich, dass ich sehr auffalle. Auf diese Wahrnehmung will ich aber in einem separaten Artikel eingehen, da ich diesem komplexen Thema an dieser Stelle nicht gerecht werden kann.<\/p>\n<p>Mein erster Kulturschock war relativ profan, jedoch f\u00fchrt dies nicht dazu, dass ich weniger geschockt w\u00e4re: Milch, Joghurt und andere Fl\u00fcssigkeiten in Plastikbeuteln. Bis heute frage ich mich, wer auf die Idee gekommen ist, dass es sich hierbei um eine gute Idee handelt. Noch dr\u00e4ngender ist aber f\u00fcr mich die Frage, wie ich die Milch aus diesen Plastikbeuteln in eine Flasche bekommen soll, ohne dass zwei Drittel derselben in der Sp\u00fcle verloren gehen. Ich denke, ich sollte mich an dieser Stelle jedoch nicht weiter in ebenjenen \u00dcberlegungen ergehen\u2026<\/p>\n<p>An meinen ersten Tagen in Bolivien merkte ich, wie ich von Minute zu Minute kr\u00e4nker wurde \u00a0\u2013 ein Gef\u00fchl, welches mich in den n\u00e4chsten vier Wochen noch h\u00e4ufiger ereilen sollte. Trotzdem wollte ich am zweiten Tag unbedingt noch mit Luisa, der Freiwilligen von Kulturweit, die bereits an meiner Schule arbeitet, essen gehen und ein wenig die Stadt erkunden. Am Nachmittag fuhren wir auch in meine Schule, damit ich mir ein erstes Bild machen konnte.<\/p>\n<p>Hierbei benutze ich auch das erste Mal den \u00d6PNV Cochabambas. Dieser besteht aus einer Vielzahl von Trufi-Linien. Hat man Gl\u00fcck, wird seine Linie von kleinen Vans mit verschlie\u00dfbarer T\u00fcr befahren, hat man Pech, sind dies lediglich ausgebaute Autos oder Vans mit einer T\u00fcr, die immer offen steht.<\/p>\n<p>Im Generellen sind die Sicherheitsstandards der Verkehrsmittel hier andere, beispielsweise sind in den meisten Taxis die Anschnallgurte nach hinten gebunden, sodass man sie nicht benutzen kann, und\/oder ich habe die Stra\u00dfe zwischen meinen F\u00fc\u00dfen an mir vorbeiziehen sehen. Ebenfalls soll hier nicht unerw\u00e4hnt bleiben, dass das regul\u00e4re Scheinwerferlicht vieler Taxis durch ein atemberaubendes Spektakel an in allen Farben blinkender Lichter ersetzt wurde.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zu den Trufis: Was alle Linien gemeinsam haben ist, dass es keine Haltestellen und keinen Fahrplan im Sinne eines festen Takts gibt. So stellt man sich an die Stra\u00dfe und wartet, bis man irgendwann einen Bus seiner Linie sieht \u2013 ist dieser in Sicht, macht man den Busfahrer auf sich aufmerksam, woraufhin dieser stoppt. Beim Einsteigen bezahlt man pauschal zwei Bolivianos, umgerechnet sind dies weniger als 30 Cent. Will man Aussteigen, ruft man das ebenfalls dem Fahrer zu und der Bus h\u00e4lt an. Auch wenn es sich vermutlich nicht danach anh\u00f6rt, funktioniert dieses System nahezu reibungslos, obwohl es nat\u00fcrlich immer ein gewisses Gl\u00fccksspiel ist, ob der n\u00e4chste Bus in einer oder in f\u00fcnfzehn Minuten kommt.<\/p>\n<p>An meinem ersten vollen Tag in Cochabamba liefen Luisa und ich auch \u00fcber die Plaza Col\u00f3n (meiner Meinung nach einer der sch\u00f6nsten der vielen Pl\u00e4tze im Zentrum Cochabambas) und den Prado, die gr\u00f6\u00dfte Stra\u00dfe, die auf dem Mittelstreifen durchg\u00e4ngig mit B\u00e4umen und Palmen begr\u00fcnt ist und gro\u00dfz\u00fcgige Fu\u00dfg\u00e4ngerwege bietet. Bereits an meinem ersten Abend kam ich in den Genuss (?), eines der typisch bolivianischen Gerichte ausprobieren zu k\u00f6nnen: Pique. Wie soll ich es beschreiben\u2026nunja\u2026 Fleisch und Fleisch mit noch mehr Fleisch, W\u00fcrstchen und Pommes. Irgendwie hatte ich mir da anderes vorgestellt. Aber auch wenn es nicht von Anfang an gefunkt hat, die bolivianische K\u00fcche sollte ich in den n\u00e4chsten vier Wochen noch zu sch\u00e4tzen und zu lieben lernen.<\/p>\n<p>Bereits am zweiten vollen Tag in Bolivien begann ich mit der Arbeit an meiner Schule. Obwohl ich vermutlich von Anfang an h\u00e4tte zuhause bleiben sollen, kam dies f\u00fcr mich an meinem ersten Arbeitstag nicht in Frage. Man kann nicht behaupten, dass ich nicht vom ersten Moment an eingebunden worden w\u00e4re \u2013 bereits f\u00fcnf Minuten nach meiner Ankunft wurde ich in eine 12. Klasse geschickt und improvisierte dort eine kleine Vertretung, bis nach ca. 25 Minuten die eigentliche Lehrerin versp\u00e4tet ankam. Dar\u00fcber hinaus habe ich am ersten Tag bereits Vokabeltests korrigiert und in zwei weiteren Klassen der Sekundarstufe hospitiert. Sehr dankbar bin ich dar\u00fcber, dass ich bereits am ersten Tag eine kleine Schulhaustour bekommen habe und sehr vielen Mitgliedern der Schulfamilie, unter anderem der Verwaltung und dem Schulleiter, vorgestellt wurde (vermutlich habe ich noch nie so viele H\u00e4nde gesch\u00fcttelt wie an diesem Tag).<\/p>\n<p>Das Colegio Alem\u00e1n Federico Froebel ist eine Privatschule und liegt etwas au\u00dferhalb der Innenstadt in einer eher ruhigen, sehr gr\u00fcnen Umgebung. Obwohl es sich um eine deutsche Schule handelt, findet der Unterricht auf Spanisch statt. Nat\u00fcrlich liegt ein Schwerpunkt jedoch auf dem Deutschunterricht. Das Schulgel\u00e4nde besteht aus einigen Geb\u00e4uden, die durch einen sehr sch\u00f6nen, gr\u00fcnen Schulhof miteinander verbunden sind, wobei der zur Schule geh\u00f6rende Kindergarten r\u00e4umlich von den restlichen Geb\u00e4uden abgetrennt ist. Vieles befindet sich im Freien, beispielsweise ist die \u201eSporthalle\u201c eine Decke ohne W\u00e4nde und die \u201eG\u00e4nge\u201c sind ebenfalls im Freien.<\/p>\n<p>Dies ist aber kein Problem bzw. sogar von Vorteil, da in Cochabamba tags\u00fcber ganzj\u00e4hrig mindestens 25 Grad erreicht werden. Die Sch\u00fcler*innen werden in festen Klassenzimmern unterrichtet, wobei Deutsch eine Ausnahme darstellt: In einem Geb\u00e4ude gibt es einen eigenen Deutschtrakt, in dem jede*r Deutschlehrer*in ein eigenes Klassenzimmer hat. Dar\u00fcber hinaus gibt es ein f\u00fcr die Deutschlehrer*innen dediziertes Lehrerzimmer. Einerseits sch\u00e4tze ich das Deutschlehrerzimmer sehr, da man hier immer gut aufgehoben ist. Andererseits sind die Deutschlehrer*innen dadurch von den Lehrer*innen der anderen Fachschaften separiert, weswegen ich bis jetzt leider kaum Kontakt zu ihnen hatte. Etwa ein Drittel der Deutschlehrer*innen sind Muttersprachler*innen aus Deutschland oder der Schweiz.<\/p>\n<p>Irgendwann kam an meinem ersten Arbeitstag leider der Punkt, an dem ich das Gef\u00fchl hatte, nicht mehr weiterarbeiten zu k\u00f6nnen. Da es mir gesundheitlich wirklich schlecht ging \u2013vermutlich ein Zusammenspiel der aus Deutschland mitgebrachten Krankheit sowie der hohen Lage Cochabambas (immerhin ca. 2600 Meter) \u2013 wurde ich auf die Krankenstation geschickt, wo mir eine sehr nette Dame (die an der Schule ausschlie\u00dflich auf der Krankenstation arbeitet) Schmerzmittel gab, Sauerstoffs\u00e4ttigung und Blutdruck ma\u00df und ich mich etwas hinlegen konnte. Aber es half alles nichts, im Anschluss fuhr ich mit dem Taxi nach Hause und ging auch am folgenden Tag nicht zur Arbeit. Am Freitag meiner ersten Woche in Cochabamba f\u00fchlte ich mich wieder etwas besser und meinte, in die Arbeit gehen zu m\u00fcssen und, noch schlimmer, nach der Arbeit einen noch leicht rohen Burger essen zu m\u00fcssen. Ein gro\u00dfer Fehler, den ich in den darauffolgenden f\u00fcnf Tagen gesundheitlich bitter bezahlte.<\/p>\n<p>Es war kein sch\u00f6ner Start ins Auslandsjahr, an seinem ersten Wochenende in Cochabamba krank im Bett zu liegen. Viel zu fr\u00fch kam so Heimweh auf, immerhin war es f\u00fcr mich das erste Mal, ganz allein krank zu sein. Und trotzdem muss man sich ja irgendwie zum Supermarkt schleppen, denn auf Trinkwasser l\u00e4sst sich schlecht verzichten. Au\u00dferdem f\u00fchrte dieser unsch\u00f6ne Start dazu, dass ich in den ersten zwei Wochen de facto nichts von meiner neuen Heimatstadt sah.<\/p>\n<p>Im Laufe der zweiten Woche ging es mir jedoch immer besser und ich konnte in meiner neuen Arbeit vollends durchstarten. Nachdem mein Fokus in der ersten Zeit insbesondere darauf lag, m\u00f6glichst viele Klassenstufen und Klassen kennenzulernen, habe ich mir nun bereits einen festen Stundenplan zusammengestellt. Ich genie\u00dfe es, in meiner Arbeit sehr gro\u00dfe Freiheit zu haben und wenige feste, regelm\u00e4\u00dfige Aufgaben zugewiesen zu bekommen. Jedoch ist genau dies nat\u00fcrlich nicht nur eine Freiheit, sondern dar\u00fcber hinaus auch eine gro\u00dfe Verantwortung, da man immer engagiert sein und Eigeninitiative zeigen muss.<\/p>\n<p>Meine normale Arbeitswoche besteht nun darin, dass ich jeweils eine neunte bis zw\u00f6lfte Klasse in allen ihren Unterrichtsstunden begleite. Hier ist der Bedarf in jedem Fall auch gegeben, da sich diese Klassenstufen aktuell intensiv auf die Pr\u00fcfung f\u00fcr das Deutsche Sprachdiplom I bzw. II vorbereiten. Wenn ich zusammen mit der Lehrerin in einer Klasse bin, halte ich mich eher im Hintergrund und unterst\u00fctze die Sch\u00fcler*innen z.B. bei Einzel- und Gruppenarbeiten. Teilweise arbeite ich im Sinne der Binnendifferenzierung auch allein mit kleineren Gruppen von Sch\u00fcler*innen. Am Freitag bin ich etwas in der Grundschule. Ich w\u00fcrde nicht behaupten, dass ich der geborene Grundschullehrer bin, jedoch macht mir die Arbeit mit den Kleinsten \u2013 zumindest in dieser hom\u00f6opathischen Dosis \u2013 durchaus Spa\u00df. Wenn ich nicht mit Klassen arbeite, unterst\u00fctze ich die Lehrer*innen bei Korrekturen, f\u00fchre Recherchearbeiten aus oder bastele hin und wieder auch etwas. Hier mache ich eigentlich immer das, was gerade anf\u00e4llt, wobei sich der Arbeitsaufwand hier von Tag zu Tag sehr stark unterscheidet.<\/p>\n<p>Da in meinen ersten Wochen an der Schule viele Pr\u00fcfungen stattfanden, habe ich auch schon einige Vertretungsstunden in der Sekundarstufe allein gehalten. Selbstverst\u00e4ndlich ist es zu Beginn sehr herausfordernd, eine ganze Klasse zu unterrichten, es macht mir jedoch auch mit Abstand am meisten Spa\u00df. Hierbei gilt es nicht nur, eine Balance zwischen dem Sicherstellen der n\u00f6tigen Disziplin und der eigentlich entspannteren und weniger distanzierten Rolle als Freiwilligem zu finden, sondern dar\u00fcber hinaus auch, m\u00f6glichst souver\u00e4n auf Spanisch zu reden. Dies gelingt mir meist gut, machmal ist es jedoch auch desastr\u00f6s. Notwendig ist es in jedem Fall, da die allermeiste Kommunikation in der Klasse auf Spanisch stattfindet, oftmals muss ich auf Deutsch Gesagtes auch noch einmal auf Spanisch wiederholen.<\/p>\n<p>Zumeist habe ich beim Gestalten der Vertretungsstunden sehr viele Freiheiten und kann Themen vorbereiten, die mir wirklich wichtig sind. Beispielsweise haben wir ein Lied analysiert oder \u2013 was besonders von Bedeutung ist, da es im Deutschunterricht deutlich zu kurz kommt \u2013 eine landeskundliche Recherche durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Fast immer hat dies bis jetzt auch sehr gut funktioniert und ich habe das Gef\u00fchl, dass die Sch\u00fcler*innen mich \u2013 zumindest in der Mehrzahl \u2013 respektieren und ernst nehmen (eventuell auch, da ich es strikt vermeide, Sch\u00fcler*innen der Sekundarstufe mein Alter zu verraten\u2026). Beispielsweise merke ich dies daran, dass ich sehr h\u00e4ufig mit \u201eprofe\u201c (Lehrer) angesprochen werde und ich auch au\u00dferhalb des Unterrichts von Sch\u00fcler*innen gegr\u00fc\u00dft oder auch angesprochen werde, was mich jedes Mal riesig freut. Obwohl nat\u00fcrlich \u2013 auch auf meiner Seite, da mein Spanisch noch alles andere als perfekt ist \u2013 eine Sprachbarriere vorhanden ist, finde ich es immer sehr interessant herauszufinden, was die Sch\u00fcler*innen (nicht) \u00fcber Deutschland wissen und welche Fragen sie mir stellen. Soweit es mir m\u00f6glich ist, will ich die landeskundliche Arbeit in Zukunft auf jeden Fall ausbauen, z.B. durch einen Landeskundekurs oder l\u00e4ngerfristige landeskundliche Projekte.<\/p>\n<p>Einiges l\u00e4uft an meiner Schule anders als in Deutschland \u2013 so etwa auch im Hinblick auf die Idealvorstellungen von Disziplin und Ordnung oder auch Nationalstolz. F\u00fcr mich wurde dies in den ersten Wochen besonders w\u00e4hrend des Sportunterrichts sichtbar, da hier beispielsweise oftmals auch marschiert wird. Dies wurde auch bei der \u201eEinweihung des neuen Sportjahres deutlich\u201c. Ich denke, die Bilder sprechen f\u00fcrs Erste f\u00fcr sich. Ebenjenes Thema will ich in einem meiner n\u00e4chsten Blogeintr\u00e4ge eingehender behandeln.<\/p>\n<p>Auch die bolivianische Protestkultur habe ich schon hautnah miterlebt. Typisch sind hierbei die sogenannten \u201ebloqueos\u201c (Stra\u00dfenblockaden) als Protestform, auf die in den allermeisten F\u00e4llen zur\u00fcckgegriffen wird. Auch ich habe schon an mehreren Tagen bloqueos erlebt, an einem Tag waren so viele Stra\u00dfen blockiert, dass meine Schule spontan auf Distanzunterricht umstellte. Einmal musste ich auch einen bloqueo zu Fu\u00df passieren, da ich sonst keine M\u00f6glichkeit gehabt h\u00e4tte, mein Zimmer zu erreichen.<\/p>\n<p>Au\u00dferhalb der Schulzeit habe ich in den ersten Wochen noch nicht viel gemacht, au\u00dfer meinen Alltag (und das Visum) zu organisieren. Wenn man gleichzeitig in ein neues Land zieht und dar\u00fcber hinaus aus seinem Elternhaus, m\u00fcssen sich offenkundig eine Vielzahl an Abl\u00e4ufen von Grund auf neu einspielen. So kam es, dass in den ersten Wochen nicht viel Zeit und Kraft f\u00fcr \u00fcber den \u201eAlltag\u201c hinausgehendes blieb, wobei es sich hier in den ersten Wochen vielmehr nach Ausnahmezustand als nach Alltag anf\u00fchlte. Dar\u00fcber hinaus gilt es nat\u00fcrlich auch, intensiv den Kontakt zu Familie und Freunden in Deutschland zu halten, was ebenfalls durchaus zeitaufw\u00e4ndig, mir jedoch sehr wichtig ist.<\/p>\n<p>Mittlerweile hat sich mein Alltag jedoch schon deutlich besser eingespielt und ich hatte bereits Zeit zum Reisen. Nun habe ich mir auch vorgenommen, mehr Kontakte in Cochabamba zu kn\u00fcpfen und Menschen kennenzulernen, da mir dies bis jetzt au\u00dferhalb der Schule noch nicht gelungen ist. Idealerweise w\u00e4ren dies nat\u00fcrlich Bolivianer*innen, ich w\u00e4re jedoch f\u00fcrs erste auch mit anderen Internationals sehr zufrieden, da ich mich nun, da man etwas mehr Zeit hat und der Alltag nicht mehr ganz so aufregend wie zu Beginn ist, manchmal auch etwas einsam f\u00fchle. Ich glaube, dies ist ein Gef\u00fchl, dass viele internationale Freiwillige sehr gut kennen.<\/p>\n<p>Bereits an meinem dritten Wochenende in Cochabamba besuchte mich eine Freiwillige meiner Organisation aus La Paz, Julia, wobei auch ich das erste Mal intensiv die Stadt erkundete. Mit Stadt meine ich stets das Zentrum, da ich bis jetzt nur diese Facette Cochabambas kennengelernt habe. Mir ist wohl bewusst, dass es gerade am Stadtrand und au\u00dferhalb der Stadt Viertel gibt, in denen die Situation anders als im Zentrum ist. Vielleicht mag es hinsichtlich der Struktur meines Blogeintrags fragw\u00fcrdig wirken, dass ich meine neue Heimatstadt erst gegen Ende desselben beschreibe, jedoch habe ich das Folgende (leider) erst nach einigen Wochen wirklich wahrgenommen:<\/p>\n<p>Cochabamba ist eine sehr gr\u00fcne Stadt mit vielen sch\u00f6nen Pl\u00e4tzen und Stra\u00dfen, die von hohen Bergen umgeben ist. Das Wetter ist perfekt, nicht umsonst wird Cochabamba auch \u201edie Stadt des ewigen Fr\u00fchlings genannt\u201c. Auch Bolivianer*innen haben mir schon erz\u00e4hlt, dass sie das Klima Cochabambas f\u00fcr das Beste in ganz Bolivien halten. Die Innenstadt hat durchaus einen gro\u00dfst\u00e4dtischen Charme. \u00dcber Restaurants (auch mit internationaler K\u00fcche), Caf\u00e9s und einer Vielzahl von Gesch\u00e4ften bis hin zu Einkaufszentren und gro\u00dfen Kinos findet sich nahezu alles, was das Herz begehrt. Interessant ist hierbei, dass sich in Cochabamba viele \u201ethematische Stra\u00dfen\u201c befinden, in denen lediglich L\u00e4den einer bestimmten Branche vertreten sind. Am Anfang war ich dar\u00fcber sehr verwirrt, da sich in meiner Stra\u00dfe lediglich L\u00e4den f\u00fcr medizinische Ger\u00e4tschaften und beispielsweise medizinische Kleidung befinden. Als ich jedoch andere Stra\u00dfen entdeckte, in denen sich ausschlie\u00dflich Gesch\u00e4fte f\u00fcr Farben und Lacke, Friseure oder Reiseb\u00fcros fanden, ergab das Gesamtbild pl\u00f6tzlich deutlich mehr Sinn.<\/p>\n<figure id=\"attachment_70\" aria-describedby=\"caption-attachment-70\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/juliusreinemann\/files\/2023\/04\/Blick-Cristo-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-70 size-full\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/juliusreinemann\/files\/2023\/04\/Blick-Cristo-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/juliusreinemann\/files\/2023\/04\/Blick-Cristo-1.jpg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/juliusreinemann\/files\/2023\/04\/Blick-Cristo-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/juliusreinemann\/files\/2023\/04\/Blick-Cristo-1-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-70\" class=\"wp-caption-text\">Blick vom Cristo auf Cochabamba.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Insgesamt kann ich nach einem Monat das Fazit ziehen, dass ich mich bisher nicht nur sehr wohl, sondern auch zu jedem Zeitpunkt sicher gef\u00fchlt habe. Auch in der Nacht ist es keinerlei Problem, sich in der Innenstadt auf der Stra\u00dfe zu bewegen, wobei ich die Atmosph\u00e4re hierbei zu jedem Zeitpunkt als sehr entspannt und angenehm wahrgenommen habe.<\/p>\n<p>An jenem Wochenende, an dem mich Julia besuchen kam, war auch der \u201ed\u00eda del peat\u00f3n\u201c (Tag des Fu\u00dfg\u00e4ngers), an welchem in der Stadt weder Autos noch Busse fahren durften. Dar\u00fcber hinaus fand anl\u00e4sslich dieses Tags ein riesiges Stra\u00dfenfest statt. Nicht nur jeder einzelne Laden Cochabambas hatte hier einen Stand, sondern dar\u00fcber hinaus auch alle m\u00f6glichen staatlichen oder politischen Organisationen wie Beh\u00f6rden, die Polizei oder die Universit\u00e4ten. Dar\u00fcber hinaus boten beispielsweise viele Tanz- und Sportschulen angeleitetes Tanzen an und die \u00f6rtliche Wasserversorgung bot Gro\u00df und Klein die M\u00f6glichkeit, sich mit etwas Wasser abzuk\u00fchlen. Gef\u00fchlt war die gesamte Stadt auf den Beinen und ich muss zugeben, dass mich die Atmosph\u00e4re an diesem Tag aufs Neue sehr positiv beeindruckt hat.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit Julia bin ich mit der Seilbahn auch auf den Berg gefahren, auf dem sich das Wahrzeichen Cochabambas, der \u201eCristo\u201c, befindet. Die Christusstatue ist die zweith\u00f6chste der Welt und von ihr aus bietet sich ein spektakul\u00e4rer Ausblick \u00fcber die gesamte Stadt.<\/p>\n<p>Ein weiteres sehr nervenaufreibendes und zeitintensives Thema, dass mich teilweise an den Rande des Wahnsinns gebracht hat, war in den ersten Wochen die Beantragung des Arbeitsvisums f\u00fcr ein Jahr, und das bleibt es auch weiterhin, denn das Visum wurde mir nach wie vor noch nicht erteilt. \u00dcber den gesamten Prozess werde ich ausf\u00fchrlicher berichten, nachdem mir das Visum hoffentlich im Laufe der n\u00e4chsten Woche ausgestellt wurde.<\/p>\n<p>\u00dcber das letzte, lange Wochenende habe ich Cochabamba auch erstmals verlassen und bin nach La Paz geflogen. Auch \u00fcber meine Eindr\u00fccke w\u00e4hrend dieser Reise werde ich in einem kommenden Blogeintrag noch berichten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 und dann hat es doch mehr als zwei Wochen bis zu meinem n\u00e4chsten Blogeintrag gedauert. 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